Philosophie

Philosophie, Weisheitslehre. Das dem Menschen angeborene Streben nach Wahrheit, seine Sehnsucht nach Glückseligkeit, sein steter Aufblick zum Himmel, riefen, mit dem Vermögen der Sprache und der aus ihm hervorgegangenen Gabe, Gedanken festzuhalten und zu ordnen, das Bedürfniß in ihm wach, sich über den Zweck seines Daseins, seiner Bestimmung, nämlich für dies- und jenseits, über seine Pflichten und Hoffnungen klar zu machen und ein System zu gründen, das ihm in allen Stürmen des Lebens ein Anker wäre. So entstand die sogenannte Philosophie. Sie ist, dem Urbegriff nach, nichts anderes als die Lehre von der Bestimmung des Menschengeschlechts. Als solche ging sie in jenen Zeiten, wo für uns die Geschichte noch mit der Mythe zusammenfließt, mit der Religion Hand in Hand: die Priester waren Philosophen. Ihre Weltweisheit war mehr Glaubenssache als ein wissenschaftliches Lehrgebäude, was sie in unsern Tagen, leider! muß man hinzusetzen, geworden ist. Die Philosophie ging Schritt für Schritt mit der Kultur der Völker; je roher ein Volk, desto empirischer die Ansicht von Gott und moralischer Freiheit; je gesitteter, desto reiner die Begriffe von Humanität, d. h. von der gegenseitigen Verpflichtung moralischer, freithätiger Wesen. Mit dem Steigen und Fallen der allgemeinen, historischen Freithätigkeit der Nationen.– stieg und sank denn auch die göttliche Intelligenz, d. h. die Weltweisheit als Glaubenssache oder Wissenschaft. Daß die Weltanschauung so lange befangen bleiben mußte, als die Einheit Gottes und die aus ihr fließende moralische Freiheit des Menschen, das, ich möchte sagen, kindliche Verhältniß des Geschöpfes zum Schöpfer, noch nicht festgestellt, zur frommen Ueberzeugung geworden war, leuchtet ein, und somit auch, daß die eigentliche Philosophie erst mit dem Christenthum begann. Es ist so: alle frühern Systeme waren, mehr oder weniger, Lehrgebäude von geringem Umfange, basirt auf den unsicheren Boden des zeitweisen Bedürfnisses, der Bequemlichkeit oder, im grellen Gegensatze, einer bis an's Thierische streifenden Lebensdürre, die denn auch den Epikuräismus oder Stoicismus erzeugten. Dem hellen Strahle des Christenthums war es vorbehalten, die Tiefen des Menschenherzens zu erleuchten, und die goldene Mittelstraße zu zeichnen und zu ziehen zwischen Genuß und Anschauung, zwischen der Körper- und Geisterwelt. Dieß im Kurzen die Geschichte der Philosophie; unsere Tage, wie schon gesagt, haben leider so viele und mannichfaltige Systeme derselben zu Tage gefördert, daß man sich eines mitleidigen Lächelns nicht erwehren kann, wenn man diese zum Theil monstruösen Ausgeburten des menschlichen Geistes gegenüber hält der unbezwingbaren Klarheit und Reinheit der ersten und letzten aller Philosophien, der süßen Gottesbotschaft nämlich, dem Evangelium.

B–l.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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