Attischer Kalender

Der attische Kalender war der im antiken Athen gebräuchliche Lunisolarkalender. Es ist der am genauesten überlieferte Kalender der Poleis des antiken Griechenland.

Inhaltsverzeichnis

Attisches Jahr

Zahlreiche Texte belegen, dass alexandrinische Aufzeichnungen bezüglich der tatsächlichen Mondphasen nicht im Einklang mit dem bürgerlichen Attischen Kalender standen. Die in den Quellen genannten Monatsnamen des Attischen Kalenders verweisen daher wahrscheinlich auf einen zusätzlichen Attischen Mondkalender. Die im Zusammenhang des Kallippischen Zyklus' protokollierten Monddaten weichen ebenfalls vom bürgerlichen Normalkalender ab; beispielsweise datierte im Jahr 283 v. Chr. der 1. Anthesterion, gleichgesetzt mit dem 22. und 23. Achet III im ägyptischen Kalender, vom Abend des 22. bis Sonnenuntergang des 23. Januarsjul., obwohl das Neulicht in Athen erst nach Sonnenuntergang des 23. Januarsjul. sichtbar war.[1]

Normaljahr

Das Jahr begann mit dem ersten Neulicht nach der Sommersonnenwende. Die Jahre wurden nach den Namen der Archonten angegeben. Jeder der zwölf Monate eines Normaljahres umfasste rechnerisch in Anlehnung an die Mondphasen jeweils 29 oder 30 Tage, wobei die Tage eines Monats formal in drei Dekaden zu zehn Tagen gezählt wurden. Der jeweilige Monatstag begann nach Sonnenuntergang, wobei der erste Monatstag immer auf den ersten Neulichtabend fiel. Der Neumond lag damit auf dem letzten oder vorletzten Tag des Monats.

In Monaten mit 29 Tagen wurde in der dritten Dekade ein Tag ausgelassen. Die Tage innerhalb einer Dekade wurden durchgezählt. Der letzte Tag wurde immer – auch in Monaten mit 29 Tagen – der dreißigste genannt. In der dritten Dekade wurden die Tage manchmal auch rückwärts gezählt.

Schaltjahr

Da ein Mondjahr mit zwölf Monaten im Durchschnitt nur eine Länge von etwas mehr als 354 Tagen aufweist und die Jahreslänge dem Sonnenjahr entsprechen sollte, erfolgte gelegentlich zumeist im Winter nach dem Monat Poseidon die Einfügung des Schaltmonats Zweiter Poseidon (daher auch die Bezeichnung kat archonta im Gegensatz zu kata theon, der Berechnung nach dem „natürlichen Kalender“). Aus diesem Grund wird vermutet, dass ursprünglich der attische Jahresanfang im Winter lag und der zweite Poseideon am Jahresende angefügt wurde.

Es sind auch Jahre belegt, in denen der Schaltmonat an anderer Stelle eingefügt wurde. Außerdem wurden auch einzelne Schalttage eingefügt. Die ungleichmäßige Schaltung konnte dazu dienen, vorher entstandene Abweichungen des Kalenders zu bereinigen.

Monatsnamen

Die in Klammern hinter den Monatsnamen genannten jahreszeitlichen Monate stellen Kernzeiten dar, wobei der Monatsanfang auch in den Vor- und das Monatsende in den Nachfolgemonat fallen konnte.

  1. Hekatombaion (Juli)
  2. Metageitnion (August)
  3. Boedromion (September)
  4. Pyanepsion (Oktober)
  5. Maimakterion (November)
  6. Poseideon oder erster Poseideon (Dezember),
  7. Gamelion (Januar)
  8. Anthesterion (Februar)
  9. Elaphebolion (März)
  10. Mounikhion (April)
  11. Thargelion (Mai)
  12. Skirophorion (Juni)

Jahreszählung

Der attische Kalender diente vorwiegend der Datumsrechnung innerhalb des Jahres. Er sah keine Nummerierung der Jahre vor, wie wir sie heute kennen. Die Angabe des Jahres geschah durch Beifügung des Namens des amtierenden Archons. Eine Jahresangabe lautete also „im Jahr als X Archon war“. Damit konnte einige Generationen in die Vergangenheit, aber nicht in die Zukunft datiert werden.

Da der Kalender nur lokal in Athen eingesetzt wurde, war es damit nicht möglich, Zeiten und Daten „international“, also im ganzen Griechenland, verständlich und nachvollziehbar niederzuschreiben. Dazu wurde ums Jahr 310 v. Chr. von Timaios von Tauromenion die Olympiade als gesamtgriechische Zeitrechnung eingeführt. Diese vier Jahre umfassende Zeitspanne wurde in der Geschichtsschreibung Griechenlands fortan verwendet. Die erste Olympiade beginnt 776 v. Chr.

Feste

Es gab zahlreiche Feste im attischen Jahr. Die bedeutendsten waren Panathenaia, Aphrodisia, die eleusinischen Mysterien, Kallynteria und Olympia.

Oktaeteris

Einfache Oktaeteris

Schon ab etwa 800 v. Chr. fand die Oktaeteris (von altgriechisch ὀκτώ = acht) Verwendung. Es handelt sich hierbei um einen Achtjahres-Zyklus, bei dem jeweils im dritten, fünften und achten Jahr jeweils ein Schaltmonat von 30 Tagen eingefügt wird. Dieser Zyklus von 99 Monaten beziehungsweise 2922 Tagen entspricht einer Monatslänge von 29,51515 Tagen und einer Jahreslänge von 365,25 Tagen.

Dieser Zeitraum kam somit der tatsächlichen Jahreslänge sehr nahe. Der Mondzyklus geriet jedoch um etwa eineinhalb Tage aus dem Takt, weshalb in regelmäßigen Abständen Schalttage eingefügt werden mussten, die die Abweichung von der Jahreslänge vergrößerten. Jener Zyklus wird auch Ennaeteris (von altgr. ἐννέα = neun) genannt, weil sich das Jahr im neunten Jahr erneuerte.

Doppelte Oktaeteris

Aus der Oktaeteris entwickelte sich eine sechzehnjährige Periode, die in der Fachliteratur auch manchmal „Hekkaidekaeteris“ genannt wird.[2] Sie entspricht der Verdoppelung der achtjährigen Periode, die noch drei weitere Schalttage enthält. Es ergeben sich 198 Monate mit einer Gesamtlänge von 5847 Tagen, eine durchschnittliche Monatslänge von 29,5303 Tagen und eine durchschnittliche Jahreslänge von 365,4375 Tagen.

Letztere ist bezüglich der julianischen Jahreslänge von 365,25 Tagen überhöht, weshalb sich die so genannten Epakten nach sechzehn Jahren um jeweils drei Tage verschieben. Um mit der durchschnittlichen julianischen Jahreslänge in Übereinstimmung zu kommen, wurde nach je zehn Zyklen, also 160 Jahren, ein Schaltmonat [3x10=30] ausgelassen. Die taggenaue Übereinstimmung mit der durchschnittlichen julianischen Jahreslänge war somit erreicht. 

Zusammenfassung

Name Jahre Monate Tage Mittlere
Jahreslänge
Mittlere
Monatslänge
Oktaeteris 8 99 2922 365,25 29,51515
16-jähriger Zyklus 16 198 5847 365,4375 29,5303
160-jähriger Zyklus 160 1979 58440 365,25 29,5301
Werte im Jahr 2000 - - - 365,24219052 29,53059

Quellen

Literatur

  • Bischoff: Kalender (griechischer). In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band X,2, Stuttgart 1919, Sp. 1568–1602.
  • Alexander Jones: Calendrica I. New Callippic Dates. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik. 129, 2000, ISSN 0084-5388, S. 141–158.
  • Alexander Jones (Hrsg.): Astronomical Papyri from Oxyrhynchus. (P. Oxy. 4133 – 4300a). Vol. I–II. American Philosophical Society, Philadelphia PA 1999, ISBN 0-87169-233-3 (Memoirs of the American Philosophical Society 233).
  • Otto Neugebauer, William Kendrick Pritchett: The calendars of Athens. Harvard University Press, Cambridge MA 1947.
  • Alane E. Samuel: Greek and Roman chronology. Calendars and Years in Classical Antiquity. Beck, München 1972, ISBN 3-406-03348-2 (Handbuch der Altertumswissenschaft Abt. 1, Teil 7).

Anmerkungen

  1. Alexander Jones: Calendrica I: New Callippic Dates. S. 143.
  2. Friedrich Karl Ginzel: Handbuch der mathematischen und technischen Chronologie, Bd. II: Zeitrechnung der Juden, der Naturvölker, der Römer und Griechen. S. 384.

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