Balzer Herrgott
Balzer Herrgott, umgeben vom herzförmigen Kallus
Balzer Herrgott in der Weidbuche
Tafel neben dem Balzer Herrgott

Der Balzer Herrgott – auch Winkelherrgott genannt – ist eine in eine Weidbuche eingewachsene steinerne Christusfigur im mittleren Schwarzwald zwischen Wildgutach und Neukirch-Fallengrund (Baden-Württemberg). Er ist Ziel vieler Wanderer und Spaziergänger und gilt Einigen als Wallfahrtsort.

Inhaltsverzeichnis

Phänomen

Entstehung und Herkunft sind bis heute nicht vollständig geklärt. Die in eine Buche eingewachsene Christusfigur stammt vermutlich aus spätgotischer Zeit, doch bereits die Angaben zum ursprünglichen Kruzifix variieren stark. Manche sagen, das Kreuz sei aus Eisen, andere, es sei aus Holz, dritte, es sei wie die Christusfigur selbst aus Stein gefertigt gewesen. Außerdem hätte das Christushaupt früher über der Dornenkrone noch einen Strahlenkranz aus Blech getragen, worauf die drei kleinen, viereckigen Vertiefungen, die zu beiden Seiten und auf dem Scheitel eingehauen sind, hinweisen könnten. Der Korpus wurde vermutlich in einer Steinhauerei in Pfaffenweiler (bei Freiburg im Breisgau) aus Kalksandstein hergestellt. Man nimmt an, dass sich in seinem Inneren ein Eisenkreuz befindet, welches zur Befestigung an seinem ursprünglichen Ort diente.

Theorien zur Anbringung

Viele Sagen und Legenden ranken sich um die Figur und die Erklärungen zu ihrer Verbringung an den jetzigen Standort sind oft widersprüchlich. Eine These besagt, dass ihn Hugenotten auf der Flucht aus Frankreich an dem steilen Hang liegen gelassen hätten. Laut einer anderen hätte es sich bei den Franzosen um Royalisten gehandelt, die während der französischen Revolution aus Frankreich geflohen seien. Eine Bäuerin aus der Umgebung erzählt jedoch, er stamme aus einem Kloster und sei in Kriegszeiten an der Stelle im Wald versteckt worden. Aus nicht zu klärender Quelle stammt eine dritte Version, nach der die Figur um 1800 aufgrund eines Gelübdes von einem Bauern namens Balzer aus Glashütte (im Hexenlochtal) erstellt worden sei, dieser Bauer sei später in die Neue Welt ausgewandert.

Auch der Zustand der Figur ist Gegenstand verschiedener widersprüchlicher Erklärungsversuche: Dass ihr Arme und Beine fehlen, liege daran, dass ein Jäger die Extremitäten aus Wut über entgangene Beute abgeschossen hätte. Laut einer anderen Variante habe Weidevieh dem auf dem Boden liegenden Korpus Arme und Beine abgetreten.

Wahrscheinlicher ist aber die mündliche Überlieferung, die auf Aussagen Pius Kerns aus Wildgutach (1859-1940) aus den 1930er Jahren zurückgeht, und die 1993 durch Oskar Fahrländer weitergegeben wurde: Danach stammt der Balzer Herrgott vom Hofkreuz des Königenhofs im Wagnerstal. Dieser Hof wurde am 24. Februar 1844 (man liest stellenweise - fälschlicherweise - auch die Jahreszahl 1700) durch eine Lawine zerstört, wobei die Arme und Beine der Christusfigur abgebrochen sein müssen. Nach der Überlieferung trugen junge Burschen den Torso heimlich in den Wald zum heutigen Ort, wo er zunächst eine Zeit lang in der Nähe der noch jungen Buche auf dem Waldboden lag. Um die Jahrhundertwende befestigten ihn dann zwei Gütenbacher Uhrmachergesellen an dem Baum.

Überwallung und Pflege

Das Alter der Buche kann nur geschätzt werden, die Angaben schwanken zwischen 200 und 300 Jahren. Zwischen 1870 und 1880 soll der Torso dann am Baum befestigt worden sein. Anhand historischer Fotos kann die Veränderung des Zustandes nachvollzogen werden: 1927 war die Figur von den Lenden an noch frei, bis 1955 waren diese bereits überwallt. Seit 1975 ist sie bis unter die Brust überwallt. 1986 war nur noch der geneigte Kopf und ein Stück der Brust zu sehen. Im November 1986 legte der Schnitzer Josef Rombach aus Gütenbach zum ersten Mal Kopf und Brust wieder frei. Zwei Baumspezialisten von der Insel Mainau versiegelten das freigelegte Holz gegen Pilze und Feuchtigkeit und schufen eine künstliche Rinde. 1995 musste abermals das Wachstum des Baumes gebremst werden. Die Umwallung war so weit fortgeschritten, dass zu befürchten war, der Kopf würde abgesprengt werden. In diesem Jahr wurde eine Rille in die Umwallung geschnitzt, die das Wachstum verhinderte. Seitdem ist der Kopf von einem fast herzförmigen Kallus umgeben. Trotzdem ist nicht auszuschließen, dass die Überwallung auch künftig weitergehen wird, sodass irgendwann wieder Maßnahmen ergriffen werden müssen.

Folgende Ansichten stammen von der Schautafel neben der Christusfigur:

Datierung

Überraschend ist, dass die Christusfigur so schnell und so stark umwallt wurde. Eine mögliche Antwort dazu gibt die besondere Wuchsform der Weidbuchen:

Weidbuchen entstehen, wenn die Triebe junger Buchen immer wieder von Weidetieren (beispielsweise Kühe und Ziegen) sowie auch Wildtiere (vor allem Rehe und Hirsche) abgefressen werden. Dadurch entwickeln solche Buchen immer wieder neue Triebe und wachsen eher buschförmig in die Breite als in die Höhe. Daher werden sie auch „Kuhbusch“ bezeichnet. Erst wenn der Durchmesser eines solchen Busches so groß ist, dass die Tiere nicht mehr seine Mitte erreichen, können einige Triebe ungestört in die Höhe wachsen. Auf diese Weise entsteht die charakteristische Form der Kuhbüsche. Sobald mehrere Triebe gleichzeitig in die Höhe gewachsen sind, bilden sie Stämme. Zunächst wachsen diese Teilstämme relativ separat. Erst wenn der Baum ungefähr 100 Jahre alt ist, verwachsen die Teilstämme zu einem einzigen mächtigen Stamm. Bei diesem Zusammenwuchs können Hohlräume entstehen, die oft von Höhlenbrütern genutzt werden. Daher sind die Weidbuchen im Alter von 200 bis 300 Jahren oft hohl.

Schwabe & Kratochwil (1987) haben dieses Wissen auf die Buche des Balzer Herrgotts angewandt und konnten trotz des mächtigen Stamms in den 1980er Jahren noch 10 Einzelstämme zählen. Aufgrund ihrer Untersuchung kann angenommen werden, dass der Baum ungefähr 100 Jahre alt war, als die Christusfigur daran befestigt wurde. Zu dieser Zeit habe er noch aus mehreren unverwachsenen Teilstämmen bestanden. Noch heute kann man leicht erkennen, dass sich die Figur genau zwischen zwei ehemaligen Teilstämmen befindet. Das Eisenskelett, an dem der Steintorso vermutlich befestigt war, wurde wahrscheinlich zwischen diesen beiden Teilstämmen eingeklemmt. Die Überwallung der Figur fand also statt, als das Kuhbuschstadium abgeschlossen war, und die Weidbuche, insbesondere zwischen den Teilstämmen, zu wachsen begann.

Namenserklärungen

Die Bezeichnung „Balzer Herrgott“ – die Figur wird von den Alten auch als „Winkelherrgott“ bezeichnet – nimmt sehr wahrscheinlich auf den damaligen Besitzer des Hofes Bezug, von dem die Christusfigur stammt: „Balzer (Balthasar) Winkel“.

Der Name „Balzer Herrgott“ wird im Volksmund verwendet und vielfach mit Auerhähnen in Verbindung gebracht, die an dieser Stelle ihren Balzplatz gehabt hätten. Dabei handelt es sich aber zweifellos um eine Volksetymologie.

Lage und Zugang

Der Balzer Herrgott befindet sich zwischen Wildgutach und Neukirch-Fallengrund.

Von unten aus Richtung Hexenloch kommend:

Entweder von der Schwarzwaldhochstraße B500 kurz vor Neukirch in Richtung Hexenloch/Neukirch abbiegen (ausgeschildert). Durch Neukirch hindurch weiter Richtung Hexenloch. Auf dem Pfad hinter der Hexenlochmühle bergan steigen und der Beschilderung (gelbe Raute) zum Balzer Herrgott 3 km weit folgen.

Von oben aus Richtung Fallengrund kommend:

Von Gütenbach oder Neueck ins Fallengrund, dort vorbei am Oberfallengrundhof fahren bis zum Waldparkplatz. Von hier sind es zunächst ungefähr 200m in Richtung Langengrund am Waldrand entlang und dann auf einem breiten, leicht abschüssigen Waldweg noch 1 km bis zum Balzer Herrgott (ausgeschildert).

Quellen und Weblinks

 Commons: Balzer Herrgott – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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