Bergbau im Saarland
Bergwerksdirektion Saarbrücken (Martin Gropius 1880)

Der Steinkohlenbergbau im Saarland ist seit der keltischen Zeit durch Ausgrabungen und seit 1429 auch schriftlich belegt. Planmäßiger Steinkohlenbergbau wird allerdings erst ab Mitte des 18. Jahrhunderts betrieben. Zu Spitzenzeiten arbeiteten über 50.000 Menschen in den Bergwerken. Heute gibt es nur noch ein aktives Steinkohlenbergwerk, in dem etwa 3.600 Menschen arbeiten, weitere 7.000 Beschäftigte sind in der Zulieferindustrie vom saarländischen Bergbau abhängig.[1]

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Die Förderung von Kohle im Saarland ist seit der Zeit der keltischen Besiedelung belegt: 1982 wurde bei einer Ausgrabung eines Hügelgrabes aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. in Rubenheim eine geschnitzte Kohleperle als Grabbeigabe gefunden, die durch eine palynologische Untersuchung einem Kännelflöz bei Heinitz zugeordnet werden konnte.[2] Auch in römischer Zeit wurde im Saarland offenbar oberflächennaher Kohleabbau betrieben: Im Grab der sog. Ursula von Roden aus dem 3. Jahrhundert nach Christus wurden sog. Gagat-Ringe (aus geschliffener Kännelkohle hergestellte Schmuckringe) gefunden.[3] Schriftlich ist der Abbau seit dem späten Mittelalter belegt: 1371 gewährte Kaiser Karl IV. dem Grafen Johann von Nassau-Saarbrücken das Bergbaurecht.[4] 1429 bestätigten die Schöffen von Ottweiler Gewinnungsarbeiten in der Nähe von Ottweiler. Diese Gewinnung beschränkte sich aber jahrhundertelang auf den oberflächennahen Abbau im kleinen Stil. Erst unter der Regierung von Fürst Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken (1718-1768), der die Verstaatlichung der Kohlegruben anordnete, kann man von Planmäßigkeit des Abbaus reden.

Die Fürstliche Verwaltung 1750-1793

Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken kaufte 1750/51 sämtliche Gruben. Ab jetzt war private Kohlengewinnung und –verkauf mit Strafe bedroht. Als Absatzwege wurden der Landabsatz und der Wasserweg erschlossen. Die Kohle ist – über den örtlichen Bedarf weit hinaus – zur Handelsware geworden; die ursprünglich reichen Holzvorräte gingen zur Neige; als Brennstoff für Industrie und Haushalt wurde Kohle ein begehrter Brennstoff. 1766 gab es im Saargebiet 12 Gruben: Schwalbach, Stangenmühle, Klarenthal, Gersweiler, Rußhütte, Jägersfreude, Friedrichsthal (Saar), Schiffweiler, Wellesweiler, Dudweiler, Sulzbach und Burbach. 1773 gab es 45 Stollen mit 143 Bergleuten. Die wichtigsten waren Dudweiler und Wellesweiler. Die Gesamtförderung des Jahres 1790 betrug knapp mehr als 50.000 Tonnen Kohle; für diese Menge Kohle benötigt das Bergwerk Ensdorf heute ungefähr 5 Tage. 1769 wurde die erste sog. "Bruderbüchse" für die Bergleute der Grafschaft gegründet, eine Sozialkasse, aus der später die Saarknappschaft hervorging..[5]

Französische Administration 1793-1815

In den zwanzig Jahren der französischen Verwaltung wurden die Gruben zehn Jahre an die französische Gesellschaft Equer & Co., Paris, verpachtet. Der französische Fiskus trug sich später mit dem Gedanken, die saarländischen Gruben an private Unternehmer zu verkaufen. Dafür gibt es mehrere Hinweise: Einmal das Kaiserliche Dekret vom 13. August 1808, das den Verkauf der Gruben regeln sollte, durch den Ausbruch des russischen Krieges jedoch nicht zur Ausführung kam. Zum anderen wurde die Verwaltung stets als provisorisch bezeichnet; und schließlich war das gesamte Berechtigungsfeld der Saarbrücker Kohlengruben bereits in 60 Grubenfelder (Konzessionen) eingeteilt. Entsprechendes Kartenmaterial, der Saargrubenatlas oder Duhamel-Atlas, war von den französischen Ingenieuren Louis-Antoine Beaunier (1779-1835), Michel-François Calmelet (1782-1817) und maßgeblich von Jean Baptist Duhamel (1767-1847) angefertigt worden.

Der preußische Bergfiskus 1815-1919

Ab den 1820er-Jahren wurden Dampfmaschinen in den saarländischen Gruben eingeführt. 1822 wurde der erste senkrechte Schacht in Hostenbach geteuft - bisher wurde die Kohle über Stollen und schräg in die Tiefe vorgetriebene Schächte gefördert. Durch Gründung weiterer Gruben verdreifachte sich die Förderung auf nahezu 700.000 m³. Auch stiegen die Belegschaftszahlen: von 1.383 auf 4.580. Der Bergbau erfuhr einen mächtigen Aufschwung durch Eröffnung der Saarbrücker Eisenbahn zu Beginn der 1850er Jahre. Nun wurden auch Kokereianlagen errichtet. 1860 betrug die Förderung 2 Mio. Tonnen, und 11.000 Bergleute arbeiteten nun in den saarländischen Gruben. 1861 wurde das bisherige Bergamt geschlossen, weil es mit der Verwaltung der Gruben überfordert war, und die Königlich-preußische Bergwerksdirektion in Saarbrücken gegründet, die 1876-80 den neuen Verwaltungsbau von Martin Gropius bezog. 1866 wurde der Saarkanal eröffnet, der das saarländische Kohlerevier auch über den Wasserweg erreichbar machte. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 gab es eine Hausse. Der Bergarbeiterbedarf war groß, deswegen wurden Bergleute aus dem Hunsrück, der Eifel und der Pfalz angeworben; die Bevölkerungszahlen explodierten in zahlreichen Ortschaften geradezu. Von 1880 bis 1895 stagnierte die weitere Entwicklung. Um 1900 wurden bestehende Gruben erweitert, die Zahl der Bergleute erhöhte sich auf 41.210, woraufhin auch die Förderzahlen anstiegen: 9,4 Mio. Tonnen Kohle. Im Jahre 1900 waren 783 Dampfmaschinen im Einsatz. Im letzten Vorkriegsjahr 1913 betrug die Förderung etwa 14 Mio. Tonnen und die Belegschaft 56.903 Bergleute

Nach dem Ersten Weltkrieg

Fördergerüst über Schacht Göttelborn IV

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Frankreich das Eigentum an den Saargruben übertragen; Frankreich setzte vermehrt auf Motorkraft beim Abbau. Die Fördermenge stieg zwischen 1920 und 1929 von neun auf über 13 Mio. Tonnen. 1934 taten noch 82 Pferde unter Tage ihren Dienst. Am 1. März 1935 wurde das Saarland dann ins Deutsche Reich eingegliedert. Der Zweite Weltkrieg setzte der Aufwärtsentwicklung 1939 ein Ende. Während des Zweiten Weltkrieges ging die Förderung nach einer Spitze von 15,3 Millionen Tonnen im Jahre 1942 auf 12,4 Millionen Tonnen im Jahre 1945 zurück. Die Belegschaft verringerte sich im gleichen Zeitraum von fast 54.000 auf etwa 34.000 Bergleute und Angestellte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Schacht in Saarbrücken-Jägersfreude; ca. drei Meter Betonröhre mit geschlossenem Deckel

Nach dem Krieg ging die Kontrolle über die Gruben in die Hand der "Mission Française des Mines de la Sarre" über. Im Verlauf der nächsten Jahre ging es zunächst darum, die Kriegsschäden zu ersetzen, um eine möglichst hohe Förderung zu erzielen und sichere Arbeitsplätze zu schaffen. Darauf folgend wurde zum 1. Januar 1954 die Firma Saarbergwerke gegründet.[6] Nach der Rückgliederung des Saarlandes war ab 1957 die Bundesrepublik Deutschland mit 74 % der Aktien Hauptanteilseigner, die restlichen Aktien hielt das Land. In den 1960er Jahren wurde die Zahl der Gruben von 18 auf sechs reduziert; während der Kohlekrise sank die jährliche Produktion von 17 auf zehn Millionen Tonnen. Der Strukturwandel setzte sich in den folgenden Jahrzehnten fort, 1987 wurde eine weitere, drastische Reduzierung der Fördermengen beschlossen. Anfänglich der 1990er Jahre gab es noch 18.000 Beschäftigte im Bergbau. Die jährliche Förderung lag bei etwa 9 Millionen Tonnen. Im November 1990 wurde die Kohleförderung am Standort Camphausen eingestellt, Ende 1994 wurde die Zeche Luisenthal geschlossen. Nach einer Vereinbarung vom März 1997 sollte innerhalb der nächsten acht Jahre die Zahl der Bergleute von 14.400 auf 8.200 sinken. Im gleichen Jahr verkaufte die saarländische Regierung ihren Anteil an den Saarbergwerken zum symbolischen Preis von einer Mark an die RAG. Die RAG - durch Umbenennung entstanden aus der Ruhrkohle AG - gliederte ihre verlustbringenden Bergbauaktivitäten in die Deutsche Steinkohle AG aus und widmete sich fortan den Geschäftsfeldern Chemie, Energie und Immobilien. Die Grube Göttelborn/Reden wurde zum 1. September 2000 als drittletztes Bergwerk geschlossen. Ende 2006 war mit Ensdorf noch ein Bergwerk in Betrieb; mit rund 4.000 Mitarbeitern wurden 3,7 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr gefördert.

Der Bundestag hat den Ausstieg aus der Steinkohleförderung zum Jahr 2018 beschlossen. Die Schließung des letzten Bergwerks im Saarland ist abzusehen. Planungen für den sozialverträglichen Stellenabbau stehen bevor.

Abbaustopp wegen Bergschäden 2008

Da es im Saarland wegen bergbaubedingter Erderschütterungen zu Sachbeschädigungen an Häusern kam, haben sich Bürger in den Abbaugebieten zu Interessengemeinschaften zusammengeschlossen und fordern einen Ausstieg aus dem Bergbau. Bereits 2001 hatte ein Hausbesitzer, der seine Immobilie durch die vom Bergbau ausgehenden Erschütterungen gefährdet sah, vor dem Verwaltungsgericht einen vorübergehenden Abbaustopp erwirkt.[6] Am 23. Februar 2008 ereignete sich die stärkste bergbaubedingte Erderschütterung im Saarland. Laut GeoForschungsZentrum Potsdam erreichte das Beben eine Stärke von 4,5 auf der Richterskala mit einer maximalen Schwinggeschwindigkeit von 93,5 mm/s.[7] Das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau (LGRB) im Regierungspräsidium Freiburg ermittelte einen Wert von 4,0 auf der Richterskala.[8] Die saarländische Landesregierung verfügte daraufhin noch am gleichen Tag einen vorläufigen, unbefristeten Abbaustopp.

Ursache für die massiven Erschütterungen sind die geologischen Bedingungen im Abbaugebiet. Die Kohle wird hier unter einer Sandsteinschicht ausgeräumt. Der Sandstein bildet eine stabile Decke. Durch den fortschreitenden Abbau wird der Hohlraum (Alter Mann) immer größer, bis er über das gesamte Feld in Gänze zusammenbricht.

In anderen Abbaugebieten sind die Bedingungen in den Erdschichten so instabil, dass die Hohlräume bereits kurz nach dem Abbau zusammenstürzen. Die Energie verteilt sich dann auf viele kleinere Erschütterungen.

Üblicherweise werden Bergsenkungen nach oben hin, mit abnehmender Tiefe trichterförmig auf eine große Fläche verteilt. In Sandsteinschichten können sich jedoch keine Trichter bilden, so dass die Amplitude der Senkung an der Erdoberfläche noch recht groß ist.

Als Lösungsvorschlag bot die RAG nach dem Beben vom 23. Februar 2008 an, die Sandsteinschichten nach dem Abbau der Kohle kontrolliert zu sprengen, damit es nicht zu übergroßen Brüchen kommen kann. Dieses Verfahren würde jedoch den Preis für die geförderte Tonne Kohle erheblich verteuern. Mit zunehmender Dauer des Abbaustopps droht der Gebirgsdruck die Fördertechnik zu beschädigen.[9]

Der Aufsichtsrat der RAG hat im Juni 2008 beschlossen, das Bergwerk Saar zum 31. Juli 2012 zu schließen.

Bergbaumuseum / Besucherbergwerke und Besucherhöhlen

Neben dem Saarländischen Bergbaumuseum in Bexbach, dem Erlebnisbergwerk Velsen und dem St. Ingberter Rischbachstollen gibt es einige untertägige Besuchereinrichtungen außerhalb des Steinkohlenbergbaus:

Einzelnachweise

  1. Zahl der Beschäftigten nach "Die Welt" vom 25. Februar 2008
  2. Herbert Müller: Die Kohleschnitzer der Kelten. In: Saar-Geschichten. Magazin zur regionalen Kultur und Geschichte. Saarbrücken 2008,1, S.12.
  3. Herbert Müller: Die Kohleschnitzer der Kelten. In: Saar-Geschichten. Magazin zur regionalen Kultur und Geschichte. Saarbrücken 2008,1, S.14f.
  4. Klaus Brill: Warum es das Saarland gibt - Abschied von der Kohle. In: Saar-Geschichten. Magazin zur regionalen Kultur und Geschichte. Saarbrücken 2008,1, S.8.
  5. Klaus Brill: Warum es das Saarland gibt - Abschied von der Kohle. In: Saar-Geschichten. Magazin zur regionalen Kultur und Geschichte. Saarbrücken 2008,1, S.8.
  6. a b zur Geschichte des Bergbaus ab 1954 siehe: Eine lange Tradition. Die Chronologie des Bergbaus an der Saar. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung 48/2008 (26. Februar 2008), S. 17.
  7. GFZ Potsdam
  8. Uni Freiburg
  9. Deutschlandradio 14. März 2008
  10. Das Walhausener Kupfer- u. Bleibergwerk

Literatur

  • Landesverband der historisch-kulturellen Vereine des Saarlandes e.V., Historischer Verein für die Saargegend e.V.: Abschied von der Kohle - Die Geschichte des Bergbaus an der Saar. In: Saar-Geschichten. Magazin zur regionalen Kultur und Geschichte. Saarbrücken-Scheidt 2008,1. ISSN 1866-573X
  • Franz Rauber: 250 Jahre staatlicher Bergbau an der Saar. (2 Bände), Pirrot, Saarbrücken 2007. ISBN 3-937436-16-2 (Band 1), ISBN 3-937436-15-4 (Band 2)
  • Klaus-Michael Mallmann: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar 1848-1904. Minerva-Verlag Thinnes und Nolte, Saarbrücken 1981. ISBN 3-477-00065-X
  • Klaus-Michael Mallmann, Horst Steffens: Lohn der Mühen. Geschichte der Bergarbeiter an der Saar. Beck, München 1989. ISBN 3-406-33988-3

Weblinks


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