Bernard Lewis
Bernard Lewis.

Bernard Lewis (* 31. Mai 1916 im früheren Borough of Stoke Newington in London) ist ein britisch-amerikanischer Publizist und Historiker mit dem Schwerpunkt Orientalistik und Islamgeschichte. Er ist ebenfalls als Politikberater tätig, zuletzt für den ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Lewis ist Kind einer jüdischen Familie aus der Mittelklasse. Er schloss sein Studium an der University of London ab. Er ging dann an die Sorbonne und kehrte 1938 wieder zur University of London zurück, wo er assistant lecturer für islamische Geschichte wurde. Im Zweiten Weltkrieg diente er zuerst in der Armee und arbeitete später für das Außenministerium. Danach kehrte er wieder an die Universität London zurück, wo er bis 1974 blieb. In den Jahren bis 1986 lehrte er dann an der Princeton University in den USA.

Lewis ist Verfasser zahlreicher Bücher und Untersuchungen zur arabischen Welt. Er gilt bei vielen als einer der besten Kenner des Nahen Ostens, seine Thesen werden aber auch sehr kontrovers diskutiert, zuletzt wurde unter anderem Lewis Befürwortung des Irak-Krieges 2003 kritisiert[1]. Einer der Hauptkritiker Lewis war der Literaturtheoretiker Edward Said[2].

Positionen

Lewis warnt seit längerem vor den Gefahren des rückwärtsgewandten antidemokratischen Islamismus für die westlichen Gesellschaften. Er sieht, einem am 26. März 2007 in „New Perspectives Quarterly“ veröffentlichten Artikel [1] zufolge, eine „dritte muslimische Angriffswelle“ auf Europa zurollen (nach der ersten Eroberung Arabiens und Nordafrikas durch die Araber und der zweiten durch die Osmanen zu Beginn der Neuzeit): „Die Kombination von natürlicher Vermehrung und Einwanderung, die enorme Umschichtungen in der Bevölkerungsstruktur hervorbringt, könnte in absehbarer Zukunft zu signifikanten Bevölkerungsmehrheiten in wenigstens einigen europäischen Städten, vielleicht sogar Ländern führen“Aber die westlichen Demokratien haben auch ein paar Vorteile – die wichtigsten davon sind Wissen und Freiheit. Die Anziehungskraft modernen Wissens auf eine Gesellschaft, die in der ferneren Vergangenheit über eine echte Tradition von gelehrten Errungenschaften verfügt, liegt auf der Hand. Die Muslime sind sich klar und schmerzhaft der Tatsache bewusst, dass sie im Verhältnis zu uns zurückgeblieben sind, und sie heißen die Chance willkommen, das zu korrigieren.[3]

In seinem Buch The Emergence of Modern Turkey von 1961 gibt Lewis zur „Armenierfrage“ an, dass die armenische Unabhängigkeitsbewegung die ernsteste aller Bedrohungen für das Osmanische Reich gewesen sei. Während die Türken widerwillig auf die eroberten Länder der Serben, Bulgaren, Albaner und der Griechen verzichten konnten, da sie letztendlich ferne Provinzen aufgaben und die Grenzen des Reiches „näher nach Hause“ rückten, hätten die Armenier über das Herzstück des türkischen Heimatlandes verteilt gesiedelt. Diese Länder aufzugeben, hätte keine Verkleinerung des türkischen Staates, sondern seine Auflösung bedeutet. Es hätte der „verzweifelte Kampf zwischen zwei Völkern“ um dasselbe Heimatland begonnen, der mit dem furchtbaren Holocaust von 1915 an 1,5 Millionen Armeniern geendet habe.[4] Später änderte Lewis seine Ansicht. 1993 gab Lewis bei einem Interview der französischen Zeitung Le Monde zwar erneut an, dass es sich um einen Kampf zwischen zwei Völkern um dasselbe Heimatland gehandelt hätte, fügte aber nunmehr hinzu, es sei zweifelhaft, dass es sich um einen Genozid an den Armeniern handelte, weil es keinen Plan zur Ausrottung der Armenier gegeben habe. Türkische Dokumente würden die Absicht zur Vertreibung beweisen, nicht die Absicht zur Ausrottung. Am 1. Januar 1994 wiederholte er in einem Brief an die Le Monde seinen Standpunkt, es gebe keinen seriösen Nachweis, dass die osmanische Regierung die Ausrottung des armenischen Volkes beabsichtigt habe. In der dritten Auflage seines Buches The Emergence of Modern Turkey von 2002 änderte Lewis seine Aussage über den „furchtbaren Holocaust“ und seine Angaben zu Opferzahlen. Der Satz spricht nunmehr von Metzeleien (slaughter) anstelle von Holocaust, Schätzungen von mehr als 1 Million armenischen Toten (anstelle von 1,5 Millionen Toten) und einer unbekannten Zahl von türkischen Toten.[5]

Kritik an Lewis

Auf der politischen Ebene wird, neben seiner Befürwortung des Irakkrieges, Lewis auch eine zu große Nähe zur offiziellen türkischen Politik vorgeworfen. In einem Interview[6] wies der britische Historiker Donald Bloxham auf die Finanzierung des Atatürk-Lehrstuhls für Turkologie in Princeton (dessen Inhaber Lewis war) und des Instituts für Türkische Studien in Washington D.C. durch den türkischen Staat und die US-Rüstungsindustrie hin. Die Nähe zum türkischen Staat und die Angst, keinen Zugang zu türkischen Archiven zu erhalten, hätten nach seiner Ansicht Lewis in seinen Publikationen beeinflusst. Lewis bestreitet, dass es sich bei den von Türken begangenen Massakern an Armeniern in den Jahren 1915-1917 um einen Völkermord gehandelt habe (siehe Leugnung des Völkermords an den Armeniern).[7] Neben Bloxham haben weitere bekannte Historiker und Sozialwissenschaftler scharfe Kritik an Lewis' Darstellung der türkischen Geschichte geübt. Zu diesen Kritikern gehören unter anderem Pierre Vidal-Naquet, Albert Memmi und Alain Finkielkraut.[8][9]

Dem Literaturtheoretiker Edward Said zufolge ist Lewis' Darstellung des Orients geprägt von willkürlichen Zuschreibungen und Setzungen[10]. Andere Wissenschaftler, wie etwa S.M. Stern kritisieren, dass Lewis die gleichen Thesen über Jahre in verschiedenen Publikationen immer wieder veröffentlicht, ohne die wissenschaftliche Debatte ausreichend zu berücksichtigen[11].

Literatur

  • Die Juden in der islamischen Welt: vom frühen Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. München, Beck, 2004 ISBN 978-3-406-51074-8
  • Die Wut der arabischen Welt: warum der Jahrhunderte lange Konflikt zwischen dem Islam und dem Westen weiter eskaliert. Frankfurt/Main, New York, Campus-Verlag, 2003
  • Der Untergang des Morgenlandes: warum die islamische Welt ihre Vormacht verlor. Bergisch Gladbach, Lübbe, 2002
  • Die Araber, München, Deutscher Taschenbuch-Verlag, 2002
  • Die politische Sprache des Islam. Berlin: Rotbuch, 1991; Hamburg: Europäische Verlags-Anstalt, 2002
  • Kultur und Modernisierung im Nahen Osten. Wien, Passagen-Verlag, 2001
  • Stern, Kreuz und Halbmond: 2000 Jahre Geschichte des Nahen Ostens München, Zürich, Piper, 1997
  • Kaiser und Kalifen: Christentum und Islam im Ringen um Macht und Vorherrschaft. München, Wien, Europaverlag, 1996
  • Der Atem Allahs: die islamische Welt und der Westen: Kampf der Kulturen? Wien, München,: Europaverlag, 1994
  • Die Assassinen: zur Tradition des religiösen Mordes im radikalen Islam. München, Zürich, Piper, 1993
  • „Treibt sie ins Meer!“: die Geschichte des Antisemitismus. Frankfurt/Main, Berlin, Ullstein, 1989
  • Die Welt der Ungläubigen: wie der Islam Europa entdeckte. Frankfurt/Main, Berlin, Ullstein, 1987
  • Die Juden in der islamischen Welt: vom frühen Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. München, Beck, 1987
  • The Muslim Discovery of Europe London, Phoenix Press, 2000 (Weidenfeld & Nicolson, 1982)
  • Welt des Islam: Geschichte und Kultur im Zeichen des Propheten. Braunschweig, Westermann, 1976
  • The Emergence of Modern Turkey London, Oxford University Press, 1961
  • The Origins of Ismāʿīlism: a study of the historical background of the Fāṭimid Caliphate. Cambridge: W. Heffer & Sons Ltd 1940

Literatur über Lewis

Quellen

  1. Michael Hirsh: Berhard Lewis revisited. Washington Monthly, November 2004.
  2. Edward W. Said: Orientalism. New York 1979, (S. 314-320)
  3. Die Welt: Angriff auf Europa 17. April 2007
  4. Bernard Lewis The Emergence of Modern Turkey, New York 1966, S. 350
  5. Bernard Lewis The Emergence of Modern Turkey, 3. Edition, New York 2002
  6. Interview von Urs Bruderer mit Donald Bloxham im Magazin (Beilage zum Tagesanzeiger, Basler Zeitung) Nr. 43 vom 28. Oktober 2006, „Aussortiert und umgebracht. Der Völkermord an den Armeniern und seine Leugnung.“ Seiten 16–27
  7. http://www.voltairenet.org/article14133.html
  8. Vgl. Ya'ir Oron: The banality of denial. Israel and the Armenian genocide, New Brunswick u.a. 2003, S. 235.
  9. Vgl. Leslie A Davis und Yves Ternon: La province de la mort. Archives américaines concernant le génocide des Arméniens, Brüssel 1994, S. 9.
  10. E. Said: Orientalism, New York 1979, S. 314-320.
  11. S.M. Stern: Introduction, in: I. Goldziher: Muslim Studies, New Brunswick 2006, S. 7

Siehe auch

Weblinks


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