Der Stürmer


Der Stürmer
Der Stürmer Nr. 48 (1938)
Der Stürmer, Sonderausgabe 1934

Der Stürmer war der Titel einer am 20. April 1923 von Julius Streicher in Nürnberg gegründeten antisemitischen Wochenzeitung.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt und Form

Hauptthema des Stürmers war der Kampf gegen die „Degeneration der nordisch-germanischen Rasse“ durch angebliche Rassenschande. Um bei den Lesern diese Einsicht zu erzeugen, bediente sich der Stürmer eines umfassenden Systems der sexuellen Denunziation. Anthropologische Gegebenheit für die sexualverbrecherischen Aktivitäten des Juden sei seine tierhafte Triebhaftigkeit, die zu einer krankhaften Verführungssucht disponiere. Um diese zu befriedigen sei ihm jedes Mittel recht. Der Jude vergreife sich nicht nur an arischen Mädchen und Frauen, sondern sei auch unermüdlich darauf aus, Kinder und Kleinkinder zu schänden. Sodomitische Handlungen (Geschlechtsverkehr mit Tieren), homosexuelle Aktivitäten und alle nur erdenkbaren Perversionen seien dem Juden als Mittel recht, die arische Rasse zu vernichten. Schon die jüdischen Schüler und Lehrlinge hätten nichts anderes im Sinn, als die Gleichaltrigen zu der verhängnisvollen Masturbation (Onanie) anzuleiten, um deren gesunde Entwicklung zu gefährden. Die Erwachsenen wiederum würden durch die immense Produktion pornografischer Medien von Juden in ihrer geistig-sittlichen Orientierung verweichlicht und gefährdet. Durch Prostitution und Mädchenhandel würden syphilitlische Beschwerden und andere Geschlechtskrankheiten gezielt auf die Arier übertragen, um diese zu vernichten. Oft waren es Berichte von Lesern, die den vollen Namen der jüdischen Beschuldigten wiedergaben, teilweise erschienen die Artikel auch in Form von aktuellen Berichterstattungen über zeitgenössische Kriminalfälle bzw. Gerichtsverhandlungen.[1]

Inhalt des Stürmers waren unter anderem pornographische, oft sadistische, Schilderungen von Vergewaltigungen und anderen Formen von sexueller Nötigung an als arisch geltenden deutschen Frauen durch Juden, teilweise auch in Form von aktueller Berichterstattung über zeitgenössische Kriminalfälle.[2]

Neben der stereotypen sexualisierten Darstellung von Juden als potentielle Sexualverbrecher gab es auch Berichte über eine angebliche jüdische Weltverschwörung, die zum Ziel habe, dem deutschen Volk wirtschaftlich, kulturell, moralisch und militärisch zu schaden. Auch religiöse Themen wurden antisemitisch behandelt, beispielsweise wurden die Juden als Ritualmörder, Gottesmörder oder Urfeinde des Christentums skizziert. Teil dieser Berichte waren antijudaistische Mythen, rituelle Menschenopfer, Brunnenvergiftung und Ähnliches.[3]

Der Stürmer, Sonderausgabe 1938

Darüber hinaus gab es diffamierende Artikel über jüdische Ärzte, Anwälte, Kaufleute und Viehhändler aus Nürnberg und Umgebung. Ziel dieser Artikel war, so Dennis E. Showalter, die Kennzeichnung des Juden als „böser Nachbar“ und damit die Übertragung eines abstrakten antisemitischen Feindbildes auf Angehörige dieser Ethnie.

Allgemein wurden Juden böse Absichten unterstellt, gleichzeitig wurden sie im Stürmer als hinterlistig, verlogen, heuchlerisch, geizig und anderes mehr dargestellt. Der Stürmer sah es als seine Aufgabe an, seine Leser über die angeblichen Eigenheiten und vermeintlichen schändlichen Taten dieser „Untermenschen“ aufzuklären. Unterstützt wurde dieses aggressive Vorgehen durch die Textzeile „Die Juden sind unser Unglück!“, ein Zitat Heinrich von Treitschkes, das seit 1927 am Fuß jeder Titelseite stand.

Herausgeber

Herausgeber der Zeitung war Julius Streicher, der dazu den eigenen Stürmer-Verlag nutzte. Obwohl Streicher in gesellschaftlichen Kreisen keine hohe Reputation errang, genoss er die persönliche Protektion Adolf Hitlers.[4] Der Internationale Militärgerichtshof urteilte später:

„Streichers Aufreizung zum Mord und zur Ausrottung, die zu einen Zeitpunkt erging, als die Juden im Osten unter den fürchterlichsten Bedingungen umgebracht wurden, stellt eine klare Verfolgung aus politischen und rassischen Gründen […] und ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar.“[5]

Gestaltung

Die Artikel wurden oft von großformatigen Überschriften und vulgär-antisemitischen Karikaturen von Philipp Rupprecht (Pseudonym: Fips) oder von Fotos begleitet, um die im Text dargestellten antisemitischen Stereotype auch visuell zu illustrieren.

In der Rubrik „Am Pranger“ wurden „artvergessene“ Frauen und Männer angeprangert und deren Bestrafung eingefordert; Streicher forderte die Todesstrafe für jüdische „Rasseschänder“. Tatsächlich kam es dadurch Mitte der 1930er Jahre in Deutschland vermehrt zu Pogromen oder Lynchjustiz an vermeintlichen „rassenschändenden Personen“.[6] In seiner wöchentlichen Ausgabe veröffentlichte das Blatt auch Listen verhafteter Juden, die verdächtigt wurden, gegen die 1935 eingeführten Nürnberger Gesetze verstoßen zu haben.

Der Stürmer erhielt außerdem unter der Rubrik „Lieber Stürmer“ wöchentlich zahlreiche Leserbriefe mit antisemitischem, teilweise denunziatorischem, Inhalt. Sie wurden ab 1935 auch von der Geheimen Staatspolizei ausgewertet.[7]

Stürmer-Kasten

Passanten vor einem Stürmerkasten

Im ganzen Deutschen Reich waren die sogenannten Stürmer-Kästen verbreitet. Das waren mit antisemitischen Parolen beworbene öffentliche Schaukästen, in denen die aktuelle Ausgabe kostenlos zu lesen war. Während der Olympischen Sommerspiele 1936 wurden an den Wettkampforten die Stürmer-Kästen abmontiert bzw. leer gelassen und das Blatt wurde an einigen Kiosken vorübergehend nicht verkauft. Damit sollte die Reputation des Deutschen Reiches im Ausland gewahrt bleiben. 1937 gab es etwa 700 Stürmer-Kästen.[8]

Entwicklung

Der Stürmer Nr. 17 (1938)

Zunächst erschien Der Stürmer im Völkischen Verlag Wilhelm Härdel, ab 1935 dann im Verlag Der Stürmer. In der Anfangszeit hatte das Blatt nur eine eher geringe Auflagenzahl, mit der Machtübernahme der NSDAP 1933 wurde Der Stürmer aber vermehrt popularisiert und auch an verschiedene Nationalsozialistische Organisationen, wie z. B. die DAF (Deutsche Arbeitsfront), ausgeliefert. Die durch die Nationalsozialisten betriebene „Gleichschaltung“ der freien Presse sowie Julius Streichers Funktion als Gauleiter in Nürnberg dürfte die Entwicklung des Stürmer ebenfalls maßgeblich beeinflusst haben. Zwischen 1923 und 1945 gab es außerdem zusätzlich mehrere Sonderausgaben zu speziellen Themenschwerpunkten. Die letzte Ausgabe des Stürmers erschien am 22. Februar 1945.[9]

Die genaue Auflage des Stürmers ist nicht ermittelbar. Nach den Angaben von Julius Streicher im Nürnberger Prozess schätze Dennis E. Showalter, dass Der Stürmer 1927 eine Auflage zwischen 17.000 und 20.000 hatte und in den Jahren nach 1933 sechstellige Auflagenhöhen erreichte. In der Urteilsbegründung des Nürnberger Gerichtshofes ist von einer Auflage von 600.000 ab dem Jahr 1935 ausgegangen worden. Fred Hahn geht davon aus, dass lediglich Streichers Aussage über die Auflage für 1934 in Höhe von 40.000 als gesichert angesehen werden kann. Randall Bytwerk nennt für seine genaueren Angaben (siehe Tabelle) keine Quellen:

Auflage ab 1927[10]
Jahr Ausgabe Auflage
1927 14.000
1933 25.000
1934 6 47.000
1934 13 49.000
1934 17 50.000
1934 19 60.000
1934 33 80.000
1934 35 94.114
1934 42 113.800
1935 6 132.800
1935 19 202.600
1935 29 286.400
1935 36 410.600
1935 40 486.000
1938 5 473.000

Weitere Veröffentlichungen

Der Stürmer Nr. 47 (1938)

Ab 1936 gab der Stürmer-Verlag unter anderem auch antisemitische Kinderbücher heraus:

  • Trau keinem Fuchs auf grüner Heid und keinem Jud bei seinem Eid – Ein Bilderbuch für Groß und Klein (1936, Elvira Bauer)
  • Der Giftpilz (1938, Ernst Hiemer und „Fips“)
  • Der Pudelmopsdackelpinscher (1940, Ernst Hiemer).

Dokumentarfilm

Siehe auch

Literatur

Weblinks

 Commons: Der Stürmer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Friedrich Koch: Sexuelle Denunziation. Die Sexualität in der politischen Auseinandersetzung. 2.Aufl., Hamburg 1995. ISBN 3434462295 Seite 64-95
  2. Franco Ruault: Neuschöpfer des deutschen Volkes. S. 239
  3. Franco Ruault: Neuschöpfer des deutschen Volkes. S. 230
  4. Spiegel-Online: Spiegel-TV Angeklagt im Nürnberger Prozess – Albert Speer und Julius Streicher
  5. Urteil des internationalen Militärgerichtshofes: Julius Streicher – Verbrechen gegen die Menschlichkeit
  6. Franco Ruault: Neuschöpfer des deutschen Volkes. S. 315
  7. Karl-Heinz Reuband: Denunziation im Dritten Reich
  8. Alexandra Przyrembel: Rassenschande S. 185
  9. Zeitschriften-Datenbank: Der Stürmer
  10. Randall Bytwerk: Der Stürmer: „A Fierce and Filthy Rag“
  11. Institut Fritz Bauer, Cinematographie des Holocaust: Julius Streicher – Der Judenhetzer

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