Adolf Ellegard Jensen

Adolf Ellegard Jensen (* 1. Januar 1899 in Kiel; † 20. Mai 1965 in Mamolsheim, Taunus) war einer der bedeutendsten deutschen Völkerkundler der Nachkriegszeit. Er führte die von Leo Frobenius begründete Kulturmorphologie fort.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Sein Studium der Physik in Kiel und Bonn schloss Jensen 1922 mit einer Dissertation über Max Planck und Ernst Mach ab. Ein Jahr später machte er die Bekanntschaft von Leo Frobenius, dessen treu ergebener Schüler er wurde. Als Mitglied des von Frobenius gegründeten Instituts für Kulturmorphologie (heute: Frobenius-Institut) unternahm er Forschungsreisen nach Südafrika, Libyen, Südäthiopien und Ceram. Er habilitierte sich in Frankfurt im Fach Kultur- und Völkerkunde mit einer Arbeit über Beschneidungs- und Reifezeremonien. Nach Frobenius' Tod im Jahre 1938 sollte er die Leitung des Instituts für Kulturmorphologie und des Städtischen Völkermuseums übernehmen. Dieser Plan scheiterte jedoch am Einspruch der Nazi-Machthaber, die Jensen 1940 auch die Venia legendi an der Frankfurter Universität entzogen. Jensen besaß die Größe, sich von seiner jüdischen Frau - von der er sich bereits entfremdet hatte - nicht zu trennen, um sie vor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten zu schützen. In Frankfurt wurde er nach dem Krieg zum ersten Ordinarius für Völkerkunde ernannt. Auch erhielt er die ihm von den Nazis verweigerte Direktion des Museums und des Forschungsinstituts. In Personalunion hatte er diese Ämter bis zu seinem Tod inne. Jensen gründete zusammen mit dem Hamburger Ethnologen Professor Franz Termer die Deutsche Gesellschaft für Völkerkunde (DGV) nach dem Zweiten Weltkrieg; 1947-54 fungierte er als deren Vorsitzender.

Schaffen

Jensen gilt neben Frobenius als der bedeutendste Vertreter der Kulturmorphologie. Im Mittelpunkt seines theoretischen Werkes steht die Abfolge von „Ergriffenheit“, „Ausdruck“ und „Anwendung“, die er an den religiösen Hervorbringungen indigener Völker darzustellen versucht. Er kritisierte damit vor allem den Evolutionismus und andere Theorien in der Ethnologie. Von ihm wurde der Begriff Dema-Gottheiten, den er aus der Sprache der Marind-anim in Neuguinea entnahm, in die Ethnologie eingeführt. Daneben hat er durch seine Ethnographien v.a. über Südäthiopien und die Molukkeninsel Ceram wichtige Beiträge geleistet.

In den 1950er Jahren trugen Jensen und Hermann Baumann eine inhaltliche Auseinandersetzung aus: während Jensen die Altpflanzer als Vorgänger der Bauernkulturen betrachtete, waren für Baumann die altpflanzerische Grabstockkulturen nicht die Vorgänger, sondern die Ableger von Pflugkulturen.

Bei Jensen studierten die Ethnologen Adolf Friedrich (Mainz), Helmut Straube (München), Meinhard Schuster (Basel), Barbara Frank (München), Horst Nachtigall (Marburg), Wolfgang Rudolph (Berlin), Peter Snoy (Heidelberg) und Eike Haberlandt (Frankfurt).

Werk (Auswahl)

  • Beschneidung und Reifezeremonien bei Naturvölkern. Strecker & Schröder, Stuttgart 1933
  • Im Lande des Gada. Wanderungen zwischen Volkstrümmern Südabessiniens. Strecker & Schröder, Stuttgart 1936
  • Hainuwele. Volkserzählungen von der Molukken-Insel Ceram. Klostermann, Frankfurt 1939
  • Die drei Ströme. Züge aus dem geistigen und religiösen Leben der Wemale, einem Primitiv-Volk in den Molukken. Harrassowitz, Leipzig 1948
  • Das religiöse Weltbild einer frühen Kultur. Schröder, Stuttgart 1948. Überarbeitete Neuauflage: Die getötete Gottheit. Weltbild einer frühen Kultur. Kohlhammer, Stuttgart 1966
  • Mythos und Kult bei Naturvölkern. Religionswissenschaftliche Betrachtungen. Steiner, Wiesbaden 1951, NA 1960, 1991
  • als Herausgeber: Altvölker Süd-Äthiopiens. Kohlhammer, Stuttgart 1959

Literatur

  • H. Fuchs: Die Religions- und Kulturtheorie Ad. E. Jensens, Aachen 1999
  • K.-H. Kohl und E. Platte (Hrsg.): Gestalter und Gestalten. 100 Jahre Ethnologie in Frankfurt am Main, Frankfurt a. M. und Basel 2006

Weblinks


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