Am kürzeren Ende der Sonnenallee

Am kürzeren Ende der Sonnenallee ist der dritte, 1999 erschienene, Roman von Thomas Brussig. Er spielt im Ostberlin der späten 1970er- bzw. zu Beginn der 1980er-Jahre. Schauplatz ist die Sonnenallee im Bezirk Baumschulenweg, wo die Menschen in unmittelbarer Nähe der Berliner Mauer leben. Todesstreifen und Schießbefehl trennen hier den Ostteil Berlins vom Westteil, die DDR von der Bundesrepublik.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die Entstehungsgeschichte des Romans ist ungewöhnlich, da er nicht die Vorlage zum Film ist. Vielmehr schrieb 1999 Brussig zunächst gemeinsam mit Leander Haußmann das Drehbuch zum Film Sonnenallee und erst im Anschluss daran den Roman, weil er nach der Arbeit am Drehbuch das Gefühl hatte, zahlreiche weitere Ideen unterbringen zu müssen. Das Buch erschien 1999 im Verlag Volk und Welt und später in mehreren Sprachen, darunter auf Slowakisch, Ukrainisch, Rumänisch, Russisch, Arabisch, Schwedisch und Spanisch. (Am kürzeren Ende der Sonnenallee, Verlag Volk und Welt, Berlin, Juni 2001, ISBN 3-353-01168-4)

Inhalt und Struktur des Romans

Der Protagonist des Romans ist der Jugendliche Michael Kuppisch. Er wohnt mit seiner Familie, bestehend aus seinen Eltern und seinen Geschwistern (Sabine und Bernd), wie die meisten DDR-Bürger in einer zu kleinen Wohnung. Deshalb trifft er sich mit seiner Clique, dem Potenzial, auf der Straße. Der ABV (Abschnittsbevollmächtigter) erwischt sie beim Hören illegaler Musik. Zwar können sie den ABV überzeugen, keinesfalls verbotene Musik gehört zu haben, Michas Tonband konfisziert er dennoch. Der ABV wird bald darauf zum Wachtmeister degradiert, obwohl er nach eigener Aussage zum Unterleutnant werden sollte. Da Micha ab diesem Zeitpunkt vom ABV schikaniert wird, malt er sich die Geschichte aus, wie der ABV öffentlich degradiert wird, weil er seinen Vorgesetzten voller Begeisterung Michas Tonband vorgespielt hat.

Auch im weiteren Handlungsverlauf beweist die Clique, allen voran Micha und Mario, Humor, wenn es darum geht, den Vertretern des Systems und dessen Absurditäten zu begegnen. Der Roman besteht aus mehreren Episoden, wobei der Liebesgeschichte mit Happy End zwischen Micha und Miriam, dem umschwärmtesten Mädchen weit und breit, am ehesten der Charakter einer Haupthandlung zukommt. Michas schüchterne und unbeholfene Eroberungsversuche laufen wie ein roter Faden durch das Buch. Die verschiedenen Nebenhandlungen, die häufig um die Bewältigung grotesker Alltagssituationen kreisen, werden nicht nur durch den Schauplatz, sondern vor allem durch die Liebesgeschichte verknüpft.

Vom Potenzial gewinnen nur der musikbesessene Wuschel und Michas bester Freund Mario Kontur. Wuschels besessene Suche nach dem Rolling-Stones-Album Exile on Main Street nimmt groteske Züge an. Am Ende des Romans verdankt er der Platte während eines „Zwischenfalls“ an der Mauer sein Leben. Der rebellische Mario hingegen erweist sich im Romanverlauf als ein „Revolutionär“, wenn auch dies wieder satirisch gebrochen wird. So führen seine „systemgefährdenden“ Aktionen zu keiner Veränderung, verdeutlichen aber den Sinn des Begriffs Potenzial. Der Ost-Westkonflikt beherrscht die dargestellte Wirklichkeit nur am Rande, so etwa, wenn Micha und Mario vor einem mit Westtouristen besetzten Bus hungernde DDR-Bürger spielen. Sie zeigen damit, dass sie den spielerischen Umgang mit gängigen Ost-Stereotypen sicher beherrschen. Westdeutsche Ignoranz verkörpert Onkel Heinz, die Westverwandtschaft der Familie Kuppisch. Onkel Heinz kritisiert den Osten, versucht aber durch vermeintliche Schmuggelaktionen die Situation der Familie zu verbessern. Am Ende stirbt er an Lungenkrebs.

Stil und Sprache

Die Sprache des Romans ist parataktisch und der Autor verzichtet bewusst auf komplizierte Schachtelsätze. Dabei verwendet er geschickt verschiedene Sprach- und Stilmerkmale wie z. B. den DDR-Wortschatz, der Lokalkolorit schafft und die DDR sprachlich wieder aufleben lässt. Durch Jugend- und Umgangssprache wirkt der Roman authentisch, wohingegen der Berliner Dialekt den humoristischen Aspekt verstärkt. Durch die verstümmelte Sprache Bernds nach seinem Eintritt beim Militär wird die Beeinflussung durch das System bis ins Private dargestellt.

Besonderheiten

Brussigs Roman ist auf den ersten Blick ein Adoleszenzroman, da er die Lebenswelt und Erfahrungen einer Clique von Jugendlichen im Alter von circa fünfzehn Jahren darstellt. Er ist aber ebenfalls ein Stück Mentalitätsgeschichte, denn der Autor rekonstruiert die Vergangenheit anhand subjektiver Erinnerungen, indem er den Mikrokosmos Sonnenallee nach seinem Verständnis von biografischer Kontinuität erschafft. Im Mikrokosmos Sonnenallee gibt es ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Vor diesem Hintergrund gehört der Roman in die Diskussion um die DDR-Nostalgie. Ihm wurde vorgeworfen, die DDR als harmloses Märchenland dargestellt und auf albern-versöhnliche Weise einen inakzeptablen Frieden mit der Vergangenheit geschlossen zu haben.

Erzählperspektive

Das Erzählverfahren ist auktorial, der Erzähler kennt die Gedanken und Gefühle seiner Figuren und überblickt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Teilweise wertet er das absurde Verhalten der Figuren. Dennoch handelt es sich nicht um einen distanzierten Erzähler. Vielmehr meldet er sich häufig in der ersten Person Plural mit „wir“ zu Wort, was ihn als einen Insider ausweist. Der Leser erhält den Eindruck, der Erzähler sei dabei gewesen. Am Ende des Romans thematisiert der Erzähler jedoch seine Unzuverlässigkeit, die aus seiner Nostalgie resultiert. Die episodische Struktur des Romans ähnelt dem Vorgang des Erinnerns: assoziativ werden „Schnurren“ aneinandergereiht.

Figuren

Personenkonstellation der „Sonnenallee“

Charakteristiken

Michael Kuppisch

Micha ist die Hauptfigur des Buches, deren Ziel es ist, das Herz Miriams zu gewinnen. Dabei hat er sich gegen viele Konkurrenten, wie zum Beispiel Westberliner, durchzusetzen, gegen die er jedoch kaum Chancen zu haben scheint. Er ist klug und einfallsreich, denn er hat gut durchdachte Pläne, wie er Miriam erobern kann. Seine Mutter versucht Micha regimetreu zu erziehen, um ihn ins „rote Kloster“ schicken zu können und ihm so eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Obwohl Micha keineswegs mutig ist, tut er alles um Miriam für sich zu gewinnen.

Frau Kuppisch

Michas Mutter ist eine durch das sozialistische Regime eingeschüchterte Frau. Sie möchte jedoch ihrem Sohn ein gutes Leben ermöglichen. Ihre Angst gegenüber dem Staat drückt sich dadurch aus, dass sie ihren Mann regelmäßig zurechtweist, wenn dieser etwas gegen die Sowjetunion sagt, beziehungsweise ihn zu überreden versucht, sich wie ein Russe zu verhalten. Sie will ihn dazu bewegen, das ND anstatt der Berliner Zeitung zu lesen, da dies ein besseres Bild der Familie in der Öffentlichkeit vermittelt.

Herr Kuppisch

Herr Kuppisch ist Michas Vater. Sein Beruf ist Straßenbahnfahrer, weshalb Michael nicht weiß, wann sein Vater Feierabend hat. Er vermutet, dass seine Nachbarn bei der Staatssicherheit sind, da sie ein Telefon besitzen. Herr Kuppisch will immer eine Eingabe schreiben, macht es aber nie. Erst im Kapitel "Wie Deutschland nicht gevierteilt wurde" schreibt er eine Eingabe, weil Micha am ersten Tag im Roten Kloster von der Direktoren rausgeschmissen wird. Herr Kuppischs Eingabe zeigt Wirkung, sodass Micha wieder auf das Rote Kloster darf.

Miriam

Miriam lebt mit ihrer Mutter und ihrem Bruder ebenfalls am kürzeren Ende der Sonnenallee. Ihre Mutter trennte sich von ihrem Vater und zog mit ihren Kindern in die Sonnenallee, um vor den Nachstellungen ihres psychopathischen Ex-Mannes sicher zu sein. Miriam ist das Mädchen, in das sich alle Jungen verliebt haben. Sie wird als eine „fremde, schöne und rätselhafte Frau“ bezeichnet. Aber Brille bezeichnet sie als ein „normal deformierte[s] Scheidungskind – diskret, ziellos und pessimistisch“ (S. 18). Ihre vielen Beziehungen mit Westlern sind ihre Art gegen die DDR zu rebellieren und der allgegenwärtigen Unterdrückung der Individualität durch den Staat zu entkommen. Nach einem Kinobesuch mit Micha sieht sie eine martialische Militärparade, daraufhin bricht sie zusammen und fällt für viele Tage in Apathie. Erst als Micha ihr aus seinen gefälschten Tagebüchern vorliest kommt sie zu sich und fasst Vertrauen.

Brille

Brille liest viel weshalb, er sehr lange Sätze bilden kann. Seinen Spitznamen erhält er wohl, weil er erstens eine Brille trägt und zweitens sehr intelligent ist. Im Kapitel "Je t'aime" küsst er das "Schrapnell". Er und Mario suchen eine unpolitische Studienrichtung.

Mario

Mario macht viel Unsinn in der Schule, weshalb er später von der Schule fliegt. Einmal ändert er eine Parole von Lenin DIE PARTEI IST DIE VORH(A)UT DER ARBEITERKLASSE! Mario will das Abitur machen oder mindestens ein Lehrstelle als Kfz-Mechaniker. Er geht mit einer Existentialisten namens Elisabeth. Mario wird später verhaftet, weil er als Flüchtling angesehen wird. Er wird später freigelassen. Er wird im letzten Kapitel Vater.

"Der Dicke"

Über "den Dicken" erfährt man nicht viel, außer dass seine begehrtesten Fernschachpartner Brasilianer und Kanadier sind.

Rezensionen

Rezensionen ohne eingefügten Link findet man unter http://www.thomasbrussig.de/

  • Claus-Ulrich Bielefeld: Die Mauer – eine Sittengeschichte. SZ, 4./5. September 1999.
  • Ulrike Grohmer: Blick zurück in Frieden? Neues Deutschland, 31. August 1999.
  • Volker Hage: Der Westen küsst anders. Der Spiegel, 6. September 1999
  • Elmar Krekeler: Die Legende von Micha und Miriam. Die Welt, 28. August 1999
  • Mechthild Küpper: Sieben leere Patronen am Ende der Nacht. FAZ, 12. Oktober 1999
  • Andreas Nentwich: Zärtliche Poesie des Widerstands. Die Zeit, 23. September 1999
  • Tobias Rüther: Mitten im Leben von Staatsmacht umgeben. literaturkritik.de, 12/1999 http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=668
  • Thomas Schuldt: Zoni macht Winkewinke. Rheinischer Merkur, 24. September 1999
  • Ute Stempel: Keinerlei Erinnerungskultur. Thomas Brussigs albern-versöhnliche 'Mauerkomödie'. Neue Zürcher Zeitung, 8. Februar 2000. http://www.amazon.de/k%C3%BCrzeren-Ende-Sonnenallee-Thomas-Brussig/dp/product-description/3353011684
  • Anke Westphal: Die DDR als Hippie-Republik. TAZ 28./29. August 1999
  • Anke Westphal: Loch im Herzen. Stien auf der Brust. 9. November 1999
  • Inge Zenker-Baltes: Der Wunderrusse mit dem Muttermal. Tagesspiegel, 30. August 1999

Literatur

  • Oliver Igel: Gab es die DDR wirklich? Die Darstellung des SED-Staates in komischer Prosa zur „Wende“. Tönning, Lübeck, Marburg 2005. ISBN 389959312X
  • Volker Krischel: Thomas Brussig: Am kürzeren Ende der Sonnenallee. Königs Erläuterungen und Materialien (Bd. 409). Hollfeld: Bange Verlag 2002. ISBN 978-3-8044-1742-7
  • Michael Lammers: Thomas Brussig: Am kürzeren Ende der Sonnenallee Interpretationshilfe Deutsch. Freising: Stark Verlag 2000. ISBN 978-3-8944-9496-4

Weblinks


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