Josef H. Reichholf
Josef H. Reichholf (2009)

Josef Helmut Reichholf (* 17. April 1945 in Aigen am Inn) ist ein deutscher Zoologe, Evolutionsbiologe und Ökologe.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Reichholf ist Honorarprofessor der Technischen Universität München und war von 1974 bis 2010 Sektionsleiter Ornithologie der Zoologischen Staatssammlung München.[1][2] Reichholf war Präsidiumsmitglied des WWF Deutschland.

2005 wurde er mit der Treviranus-Medaille des Verbands deutscher Biologen (vdbiol) ausgezeichnet, 2007 mit dem Sigmund-Freud-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung für seine allgemeinverständlichen Beiträge zur Ökologie.

Thesen

Reichholf gilt als Querdenker. In seinen Büchern offenbart er seinen enormen Fundus an neuen Ideen und Denkanstößen. Dass er hierbei häufig althergebrachte Meinungen und Grundsätze zum Teil heikler Themenfelder (insbesondere Naturschutz, Jagd, Klimaschutz) über den Haufen wirft, nimmt er ganz bewusst in Kauf. In seinen Augen lebt Wissenschaft vom Dialog, sie muss sich ständig selbst überprüfen und beweisen, und auch lange als unumstößlich geglaubte Thesen gegebenenfalls neu überdenken.[3]

So kritisiert er zum Beispiel insbesondere am Klimaschutz die seiner Meinung nach ausgeprägte Dogmatik und Kritikunfähigkeit der Bewegung. Reichholf vertritt einen rationalen, nüchternen und begründbaren Umgang mit wissenschaftlichen Befunden. [4] Reichholf stellt sich daher gegen den in seinen Augen bei unter anderem Klimaschutz und Waldsterben praktizierten, alarmierenden „Katastrophismus“. Reichholf schlägt auch vor, „die falschen Propheten“ [5], deren (meist düstere) Prognosen nicht eintreffen, zur Rechenschaft zu ziehen, so sie denn überhaupt überprüfbar sind.[6]

Reichholf als Biologe widerspricht unter anderem auch in seinem Buch „Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrhunderts“ [7] der These, dass die Klimaerwärmung mit einem drohenden Artenverlust verbunden ist, da wissenschaftliche Ergebnisse im direkten Lebensraum der Individuen einen anderen Befund zeigten (Zu- und Abwanderung von Arten). So habe beispielsweise seit der Erfindung des Kunstdüngers eine immer massivere Überdüngung (Eutrophierung) des Landes stattgefunden, die zum Zuwachsen ganzer Landstriche, die früher „ausgeräumt“ und kahl waren, geführt hätten. Am Boden käme daher immer weniger Sonne an, so dass Befunde gar ein Abwandern wärmeliebender Arten zeigten. Damit schneidet Reichholf gleich sein weiteres Problem mit der Klimabewegung an: Sie lenke ab von weitaus realeren und dringenderen Problemfeldern, die uns und die Natur direkter und unmittelbarer beträfen: Eutrophierung, Futtermittelimporte, Biodiversität, usw... Hier sei unmittelbarer Handlungsbedarf geboten.

Gerade im Naturschutz sieht Reichholf Handlungsbedarf, die selbst auferlegten Ziele und Mittel zu überdenken. In seinem Buch Naturschutz. Krise und Zukunft[8] favorisiert er gar die Idee, statt die Rote Liste gefährdeter Arten von Jahr zu Jahr immer länger und unüberschaubarer werden zu lassen, prinzipiell „jede Tierart zu schützen“ und nur bei begründeten Ausnahmen eine Aufhebung des Schutzes zu gewähren. Somit würde das bestehende System umgekehrt (bisher muss begründet werden, warum eine (Tier-)Art schützenswert ist) und ließe die moralische Grundposition der Gleichheit aller Arten zu. (Mit welcher Begründung sollten nur alle Singvögel geschützt werden und zum Beispiel Kleinsäuger nicht?)

Auch sieht Reichholf keinen Grund, sogenannte neue Tier- und Pflanzenarten (Neozoen, Neophyten) per se misstrauisch zu betrachten. Den Grund für deren Erfolg lieferten meist durch den Menschen verursachte Missstände (unter anderem Überdüngung), gegen die es vielmehr gelte vorzugehen, nicht gegen die Einwanderer. Zu diesem Thema gab es unter anderem auch ein Streitgespräch mit Tropenmediziner Rüdiger Disko in der Spiegel-Ausgabe 1/1999. [9]

Reichholf kritisiert auch, dass die an der Natur Interessierten aus Naturschutzgebieten ausgesperrt würden, während Jäger und Angler freien Zutritt und Besitzansprüche geltend machen könnten. Die Allgemeinheit, der steuerzahlende Bürger, müsse sich einer Ideologie (Gesetzen) unterwerfen, an denen nur eine kleine Minderheit ein Interesse hat (Jagd).[10]

Reichholf vertritt die These, dass die Produktivität der Natur (z. B. fruchtbare Böden) sowie das Klima den Bestand oder Niedergang von Kulturen und Weltreichen bestimmt haben. Er behauptet, dass sich viele sehr verschiedene Ereignisse der Menschheitsgeschichte durch Klimaveränderungen erklären lassen. So lassen sich ihm zufolge zum Beispiel die Kreuzzüge im Mittelalter und die Epoche der Romantik im 18. und 19. Jahrhundert letztlich auf das damalige warme Klima zurückführen.[11] Für die Bewältigung der Zukunft des Lebens auf der Erde müsse immer die Vergangenheit berücksichtigt werden. Reichholfs evolutionäre Betrachtung folgt drei Prinzipien:

  • Aus dem Einen geht Vielfalt hervor.
  • Leben ist steter Wandel. Es gibt keine besten oder einzig richtigen Zustände.
  • Die Zukunft ist offen.

Reichholf plädiert für „überlebensfähige Ungleichgewichte“. Gleichgewicht bedeute Stillstand, nur Spannung erzeuge Aktivität.

Reichholf hat sich auch zum Spannungsfeld von Naturwissenschaften und Glauben geäußert. Die Hauptfunktion des Glaubens ist für Reichholf die Reduktion der realen Komplexität, um sie verständlich zu machen. Glaube erfülle somit in sozialen Gruppen einen konkreten Zweck zur Ordnung innerhalb der Gruppen und stelle einen Vorteil für diese dar. Die Hinwendung eines bestimmten Anteils der Menschen zur Religion sei somit als durch Evolution entstandener Vorteil zu verstehen.

Reichholf ist mit seinen Ideen durchaus streitbar. Er tritt daher auch als gern gesehener Gast in diversen Talkrunden auf (ZDF: Nachtstudio, Phoenix: Wissenschafts-FORUM Petersberg...) oder hält bundesweit, zum Teil auch im Ausland, Vorträge. Dabei stößt er schon das eine oder andere Mal auf eine aufgebrachte Jägerschaft oder konservative Naturschützer, die eine abweichende Meinung vertreten. [12]

Kritik

Klimaforscher Stefan Rahmstorf warf Reichholf 2007 vor, in seinen Veröffentlichungen gegen die Regeln der „guten wissenschaftlichen Praxis“ zu verstoßen. Er ignoriere die im IPCC-Bericht dokumentierten Rekonstruktionen der Klimaentwicklung im letzten Jahrtausend und die aktuellen Forschungen in der Biologie zu den Auswirkungen der globalen Erwärmung auf Tier- und Pflanzenarten.[13]

Reicholf bezeichnete Rahmstorfs Vorgehen als unseriös und unterstellte Rahmstorf bei den als persönlich und ungerechtfertigt empfundenen Angriffen politische Motive. [14]

Anlässlich der Veröffentlichung des Buches Stabile Ungleichgewichte und eines begleitenden Essays[15] wurde Reichholf von Wolfgang Cramer, Professor für Globale Ökologie an der Universität Potsdam, vorgeworfen, er rechtfertige mit seiner These anthropogene Fehlentwicklungen als biologische Notwendigkeit. Reichholf stelle Raubzüge und Kriege als „menschliche Ungleichgewichte“ dar und verleihe ihnen damit einen ungerechtfertigten Platz im Ökosystem.[16]

Im Oktober 2010 kritisierte Reichholf die Haltung von Gegnern des Großbauprojekts Stuttgart 21, die sich gegen das Fällen von Platanen aus Naturschutzgründen ausgesprochen hatten. Reichholf sah hierin eine Instrumentalisierung des Naturschutzes. Da die Platanen und die auf ihnen lebenden Juchtenkäfer nichtheimische Arten seien, müsste ein orthodoxer Naturschützer sie eher fällen als schützen wollen. Die betroffenen Platanen seien zudem für den Fortbestand der Art als solche völlig irrelevant.[17]

Werke

  • Das Rätsel der grünen Rose und andere Überraschungen aus dem Leben der Pflanzen und Tiere. München: oekom verlag, 2011, ISBN 978-3-86581-194-3
  • Naturgeschichte(n): Über fitte Blesshühner, Biber mit Migrationshintergrund und warum wir uns die Umwelt im Gleichgewicht wünschen. München: Knaus, 2011, ISBN 978-3-8135-0378-4
  • Der Ursprung der Schönheit: Darwins größtes Dilemma. München: C.H. Beck, 2011, ISBN 978-3-406-58713-9
  • Naturschutz: Krise und Zukunft. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2010, ISBN 978-3-518-26031-9
  • Rabenschwarze Intelligenz: Was wir von Krähen lernen können. München: Herbig, 2009, ISBN 3-7766-2600-3
  • Warum die Menschen sesshaft wurden: Das größte Rätsel unserer Geschichte S.Fischer, 2008, ISBN 978-3-10-062943-2
  • Ende der Artenvielfalt? Gefährdung und Vernichtung der Biodiversität (Herausgeber Klaus Wiegand) von Fischer (Tb.), Frankfurt, 2008
  • Stabile Ungleichgewichte: Die Ökologie der Zukunft. Suhrkamp, 2008
  • Der Bär ist los: Ein kritischer Lagebericht zu den Überlebenschancen unserer Großtiere. München: Herbig Verlag, 2007, ISBN 978-3-7766-2510-3
  • Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends. Frankfurt/M: Fischer, 2007, ISBN 3-10-062942-6
  • Stadtnatur. München: oekom verlag, 2007, ISBN 978-3-86581-042-7
  • Die Zukunft der Arten. München: C. H. Beck, 2005, ISBN 3-406-52786-8
  • Der Tanz um das goldene Kalb : der Ökokolonialismus Europas. Berlin: Wagenbach, 2004, ISBN 3-8031-3615-6
  • Die falschen Propheten : unsere Lust an Katastrophen. Berlin: Wagenbach, 2002, ISBN 3-8031-2442-5
  • Warum wir siegen wollen : der sportliche Ehrgeiz als Triebkraft in der Evolution des Menschen. München: dtv, München 2001, ISBN 3-423-24271-X
  • Der blaue Planet: Einführung in die Ökologie. München: dtv, 1998
  • Das Rätsel der Menschwerdung. München: dtv, 1997
  • Der schöpferische Impuls : eine neue Sicht der Evolution. München, dtv, 1992
  • Erfolgsprinzip Fortbewegung. DTV, 1992
  • Der Tropische Regenwald. Die Ökobiologie des artenreichsten Naturraums der Erde DTV, 1990

Weblinks

Einzelnachweise

  1. TU München: Veranstaltungen und Termine – Vortrag: Dem Glück auf der Spur. 30. Januar 2006
  2. Zoologische Staatssammlung München: Mitarbeiter der Sektion Ornithologie
  3. Judith Rauch: Der Tausendsassa – Josef H. ReichholfBild der Wissenschaft, Oktober 2002
  4. Spiegel Online: Interview mit Josef H. Reichholf: Wir sind Kinder der Tropen. 7. Mai 2004
  5. Die falschen Propheten : unsere Lust an Katastrophen. Berlin: Wagenbach, 2002, ISBN 3-8031-2442-5
  6. WER SICH IRRT, SOLL ZAHLEN! Interview in Bild der Wissenschaft, Ausgabe: 10/2008, Seite 42
  7. Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends. Frankfurt/M: Fischer, 2007, ISBN 3-10-062942-6
  8. Naturschutz: Krise und Zukunft“ Berlin: Suhrkamp Verlag, 2010, ISBN 978-3-518-26031-9
  9. Spiegel Online: Bulldozer gegen Rhododendron. 4. Januar 1999
  10. Naturschutz: Krise und Zukunft Berlin: Suhrkamp Verlag, 2010, ISBN 978-3-518-26031-9
  11. Warum das Klima an den Kreuzzügen schuld war. Ein Gespräch mit dem streitbaren Biologen Josef Reichholf. In: Zeit Campus. 4/2007, S. 54/55
  12. Judith Rauch: Der Tausendsassa – Josef H. Reichholf – Bild der Wissenschaft, Oktober 2002
  13. Stefan Rahmstorf: Alles nur Klimahysterie? In: Universitas. 9/2007, S. 894–913 (PDF; 237 KB); gekürzte Fassung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: Klimawandel: Deutsche Medien betreiben Desinformation. 31. August 2007
  14. Josef Reichholf http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/458040 Der Antikatastrophist SZ Jetzt 12.8.2008
  15. Spiegel Online: Essay von Josef H. Reichholf: Leben kämpft stets gegen das Gleichgewicht. 13. Juni 2008
  16. Spiegel Online: Replik von Wolfgang Cramer: Sprechblasen im Ungleichgewicht. 13. Juni 2008
  17. Focus: Union will Baugegner zur Kasse bitten 10. Oktober 2010

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