Antike Schriftrollen

Die Schriftrolle (lat. volumen od. rotulus) war bis in das 4. Jh. n. Chr. die vorherrschende Buchform des Altertums.

Inhaltsverzeichnis

Herkunft und Verbreitung

Im Alten Ägypten ist die Schriftrolle aus Papyrus seit dem 4. Jt. v. Chr. bekannt. Von dort wurde sie in Griechenland übernommen, wo, wie wir von Herodot wissen, der Papyrus das Pergament als Beschreibstoff verdrängt hat. In Griechenland war die Papyrusrolle seit dem 6. - 5. Jh. v. Chr. verbreitet, in Rom nicht vor dem 3.-2. Jh. v. Chr. Später existierte sie neben dem Kodex zunächst weiter, bis sie im 4./5. Jh. n. Chr. von diesem zunehmend verdrängt wurde. Teils erhielt sich die Rollenform für literarische Texte noch bis ins 6. Jh. n. Chr., insbesondere in Ostrom. Als Ägypten dann im 7. Jh. an die Araber fiel, wurde Papyrus auch in Ostrom/Byzanz selten. Auf Papyrusrollen geschriebene Urkunden sind dennoch bis in das 11. Jh. überliefert.

Die Schriftrolle wurde, wie gesagt, in aller Regel aus Papyrus hergestellt, erheblich seltener aus Pergament oder Leder. Lederrollen waren unter anderem bei den Ägyptern, Assyrern, Persern und Juden in Gebrauch. Von hoher Bedeutung sind die 1947 in Qumran gefundenen Lederrollen mit religiösen jüdischen Texten. In der Bibliothek der Attaliden in Pergamon sind im 2. Jh. v. Chr. Pergamentrollen literarisch bezeugt. Im Original erhalten sind Pergamentrollen erst aus dem 3. Jh. n. Chr.

Form und Gebrauch

Eine Papyrusrolle entsteht durch Aneinanderkleben einzelner Papyrusblätter (Sg.: kollema; Pl.: kollemata). Im Durchschnitt besteht eine Rolle aus etwa 20 Blättern und erreicht - bei einer Breite von ca. 25–30 cm - eine Länge von ca. 6-10 Metern. Beim Verkleben der Papyrusblätter wurde auf eine einheitliche Faserrichtung geachtet. Auf der Innenseite, der Schriftseite der Rolle (»Rectoseite«), verlaufen die Fasern der Blätter horizontal (mit Ausnahme des protokollon, s.u.), weil sich beim Schreiben der Kalamos parallel zur Faserrichtung besser führen lässt. Auf der Außenseite (»Versoseite«), wo die Fasern vertikal verlaufen, hemmen sie den Lauf des Kalamos.

Trotzdem wurden Papyrusrollen – in der Regel in der Zweitverwendung - nachträglich auch auf der Versoseite beschrieben. Beidseitig beschriebene Rollen werden Opisthographon genannt. Das Opisthograph (die beschriebene Außenseite) ist in der Regel jünger als der Text auf der Innenseite der Rolle und liefert somit für diesen einen ‚Terminus ante quem’. Da die Rückseiten gern für Geschäfts- oder Behördenaufzeichnungen benutzt wurden, sind die Opistographen oft genau datiert. Dass ein Text auf der Innenseite begonnen und auf der Außenseite fortgesetzt wird, kommt nur selten vor (allenfalls bei Notizen oder Stoffsammlungen von Autoren).

Diese Büste aus dem 6. Jahrhundert zeigt eine oströmische Aristokratin (vielleicht Anicia Iuliana) mit einer Schriftrolle als Symbol ihrer paideia.

Beschrieben wurden literarische Rollen parallel zum Längsrand in gleichmäßig breiten Kolumnen (griech. selis; lat. pagina) von einheitlicher Zeilenzahl. Ober- und unterhalb der Kolumnen bleibt ein breiter Streifen frei, um einerseits den Schriftblock vor Beschädigung zu schützen und andererseits ein gefälliges Erscheinungsbild zu gewährleisten. Das erste Blatt, das protokollon, ist das einzige Blatt, dessen Faserrichtung auf der Innenseite senkrecht verläuft. Es wird frei gelassen und dient der Papyrusrolle als Schutzhülle. Dass auch am Ende der Rolle ein breites Feld frei bleibt, wird ebenfalls auf ästhetische Absicht und konservatorische Rücksichtnahme zurückgeführt.

Im Schriftbild gelten kurze Zeilen als Merkmal hoher Qualität. Auf griechischen Papyri wird innerhalb der Zeilen in scriptura continua geschrieben, das heißt ohne Abstände oder Trennungszeichen zwischen den einzelnen Wörtern. In späteren literarischen Papyri finden sich verschiedene Zeichen wie z. B. Doppelpunkte zur Verdeutlichung gedanklicher Abschnitte. Sie gehen auf die textkritische Arbeit der Grammatiker an den großen hellenistischen Bibliotheken (z.B. Alexandria) zurück. Derartige Zeichen wie auch verschiedene Schriftformen liefern Experten wichtige Hinweise zur Datierung der Papyri. Im Unterschied zu griechischen Papyri weisen lateinische häufiger Trennungspunkte zwischen den Wörtern auf.

Geschrieben wurde mit Tinten verschiedener Rezeptur. Verschriebene Stellen konnten mit einem Schwämmchen gelöscht und wieder überschrieben werden. Vollständig abgewaschene und neu beschriebene Papyri begegnen aber - anders als überschriebenes Pergament – kaum (siehe Palimpsest). Illustrationen sind selten in Papyrusrollen. Wo sie vorkommen, sind in der Regel konturierte Figuren (Umrisszeichnungen) rahmenlos in den Schriftblock der Kolumne eingefügt. Von hier leitet sich in der Terminologie der Buchmalerei der Begriff Rollenstil ab.

Der Titel des Textes ist üblicherweise am Ende der Rolle vermerkt (explicit). Zusätzlich ist er auf der Außenseite der geschlossenen Rolle in vertikaler Richtung angebracht. Da für ein einziges Werk oft mehrere Rollen notwendig sind (die Gliederung umfangreicher antiker Texte in Bücher ist hierauf zurückzuführen), müssen in diesen Fällen der Autorenname und der Titel des Werkes am Beginn und am Ende einer jeden Rolle vermerkt sein.

Rollen wurden in Körbe, Krüge oder Töpfe gestellt oder liegend in Holzgestellen, Regalen oder Schränken gestapelt. Insbesondere für Transportzwecke konnten sie auch in kasten- oder truhenförmigen Behältnissen (Bücherkästen) verwahrt werden. Derartige Behältnisse (griech. kibotos, kibotion, kiste, teuchos; lat. capsa, scrinium) sind aus zahlreichen bildlichen Darstellungen bekannt. In der römischen Welt war eine zylindrische Form typisch. In der Skulptur erscheint sie – Attribut der Gelehrsamkeit und Belesenheit - als Statuenstütze neben dem Fuß des Dargestellten. Um auch auf verwahrte Rollen gezielt zugreifen zu können, versah man sie mit kleinen Pergamentstreifen (griech. silliboi, lat. tituli), auf denen Autorenname und Buchtitel vermerkt waren; diese wurden so am oberen Rand der Rolle befestigt, dass sie auch bei dicht gepackter Lagerung der Rollen gelesen werden konnten.

Lektüre

Zum Lesen einer Schriftrolle benötigte man beide Hände. Mit der rechten Hand wurde der zu lesende Text abgerollt, während mit der linken Hand der bereits gelesene Text aufgerollt wurde, sofern man diesen nicht einfach lose herabhängen ließ. Nach der Lektüre musste die Rolle wieder zurückgerollt werden. Aus dieser Art der Handhabung leitet sich die lateinische Bezeichnung volumen ab (lat. volvere = rollen/wälzen; volumen = Rolle). Als Rollhilfe konnte ein Holzstab (griech. omphalos; lat. umbilicus) in die Rolle gesteckt oder auf den rechten Rand des letzten kollema geklebt werden.

Siehe auch

Literatur

  • Horst Blanck: Das Buch in der Antike. Beck, München 1992, ISBN 3-406-36686-4
  • Hubert Cancik und Helmuth Schneider (Hrsg.): Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Bd. 10. Metzler, Stuttgart u. Weimar 1997, ISBN 3-476-01480-0
  • Otto Mazal: Griechisch-römische Antike. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1999, ISBN 3-201-01716-7 (Geschichte der Buchkultur; Bd. 1)
  • Helmut Hiller und Stephan Füssel: Wörterbuch des Buches. Sechste, grundlegend überarbeitete Auflage. Klostermann, Frankfurt a. M. 2002, ISBN 3-465-03220-9
  • Severin Corsten, Stephan Füssel und Günther Pflug (Hrsg.): Lexikon des gesamten Buchwesens. Bd. 6. 2., völlig neubearbeitete Auflage. Hiersemann, Stuttgart 2003, ISBN 3-7772-0327-0

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