Maria von Anjou

Maria von Anjou. In jener düstern Zeit der Entartung und tiefen Erniedrigung Frankreichs unter dem Fußtritt des stolzen Talbot, in jener Zeit, in welcher Männer sich in Frauenkleider verbargen, um der Vertheidigung des Vaterlandes zu entgehen, über welches das eiserne Würfelspiel der Schlachten entscheiden sollte, waren es Frauen, die sich des entmuthigten Volkes annahmen. Zu diesen, deren Name die Geschichte nie vergessen wird, gehört Johanna von Arc und Maria von Anjou. Letztere war eine Tochter des Herzogs von Anjou, Ludwig's II., der den Titel eines Königs von Neapel und Sicilien führte, und der Prinzessin Jolande von Aragonien. Noch sehrjung mit dem spätern K. Karl VII. von Frankreich vermählt, gelang es ihr nur durch angeborne Charakterstärke, inmitten einer unwürdigen Umgebung die eigene Würde zu behaupten. Die unnatürliche Königin Mutter, Isabelle von Baiern, hatte sich mit den erbittertsten Feinden Frankreichs, mit Burgund und England, zu einem Kriege gegen ihren Sohn vereint. Unthätig, wie sein Jugendleben verflossen war, begnügte Karl sich auch im Mannesalter, seinen Vergnügungen und galanten Abenteuern nach zu leben, statt das verlorne Land wieder zu erobern, und war selbst bereit, den Rest aufzugeben, wenn ihn Maria nicht, fast mit Gewalt, zu einem ehrenvollern Entschlusse genöthigt hätte. Zwar besaß diese nicht das Herz ihres Gatten, allein seine Achtung konnte er ihr nicht versagen; und wenn er auch alle Sorgfalt, alle Liebe Agnes Sorel, der Geliebten, zuwandte und mit Marien selbst wenig oder gar nicht sprach, so mußte er doch die Geduld, mit welcher sie seine Vernachlässigung ertrug, und die Großmuth, mit welcher sie sich zu rächen verschmähte, bewundern. Als Karl den Thron bestieg, überschwemmten die Engländer Frankreich, der schwache König floh von Ort zu Ort, von Provinz zu Provinz. Die Entmuthigung des Volkes und die Verrätherei der Großen begünstigte die Waffen der Feinde. Alles stand gegen Karl auf und nur die hundertfältig beleidigte Gattin bediente sich der Macht, welche Liebenswürdigkeit und Sanftmuth ihr über die Gemüther verlieh, um die Pflichtvergessenen zu ihrer Pflicht, die Entmuthigten zu neuen Unternehmungen zurückzuführen. So groß war der Liebreiz der edlen Frau, daß sich alle Parteien um ihre Gunst bewarben und oft genug bot sich ihr die Gelegenheit, an ihrem undankbaren Gemahl Rache zu nehmen, allein immer nur benutzte sie das Vertrauen, das man ihr schenkte, zu seinem Vortheil. Und als der unglückliche Fürst, der sich so oft unwürdig gezeigt, der es zuließ, daß eine Johanna d'Arc den Scheiterhaufen bestieg, aus Furcht, von seinem Sohne vergiftet zu werden, Hungers starb, ehrte sie dennoch sein Andenken und stiftete 12 ewige Lampen in verschiedenen Kapellen, wo für sein Seelenheil gebetet wurde, reiste selbst jeden Monat nach St. Denis, um dort den Seelenmessen für ihn beizuwohnen und bezeichnete überhaupt ihren Lebensweg durch eine Reihe frommer, tugendhafter Handlungen. Maria starb 1463 und hinterließ 12 Kinder, unter ihnen den in Walter Scott's Quentin Durward so treffend geschilderten Ludwig XI.

V.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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