Toulon

Toulon, Frankreichs granitenes Admiralschiff, das stolz im Departement des Var seine provençalische Fahne wehen läßt über das Mittelmeer, die nimmer ermüdende Amme seiner Seehelden, welche liebend einweiht Galliens Jugend in die Mysterien der Schifffahrt. Und in der That! groß und schön und sehenswerth ist es allein wegen seiner Marineanstalten. Denn nicht der Segen der Natur, nur der Fleiß seiner Bewohner (32,000) überzog die Kalkfelsen und die dürre Steinerde in der Umgegend mit einer blühenden Vegetation, und sobald man den ersten Fuß in seine engen, finstern und schlechtgebauten Straßen setzt, erblickt man nichts als ein Labyrinth von unansehnlichen Gebäuden, deren Wände häufig mit grauer Schmutzfarbe bekleidet sind. Da weilt das Auge auf keinem Denkmale der Kunst, das an das Alterthum, das an den Glanz der Phönizier- und Römerzeiten erinnere; da zeigt sich kein einziges Bauwerk, welches einer flüchtigen Bewunderung würdig wäre. So lange die Sonne heiß und schwül die dunkeln Gassen bescheint, herrscht tiefe Ruhe daselbst; kaum aber weht die kühle Abendluft vom Meere her, so entsteht in diesen engen Gäßchen das regste Gewimmel; man erblickt eine Menge von Weibern, die sich zur Plaudervisite einstellen und bis in die Tiefe der Nacht auf ihren Holzstühlen vor den Häusern sitzen bleiben. Dabei spielt ein Schwarm von kleinen, halbnackten Kindern zu den Füßen der Mütter. Doch je näher man dem Hafen kommt, desto grüner, desto heiterer, desto milder und lebendiger wird die Stadt. Die Straßen wimmeln von Marinesoldaten. T's vornehme Welt promenirt in der mit zwei Baumreihen bepflanzten Königsstraße oder der Straße Lafayette auf und ab, oder lauscht auf dem champ de bataille, einem großen, viereckigen, mit wunderschönen Alleen von Platanen- und Zirgelbäumen umgebenen Platze der Militärmusik oder den Volksgruppen, die hier illuminirte Luftballons steigen lassen, oder den Guitarrespielern, italienischen Sängerinnen und Taschenspielern, die sich hier in wahrhafter Unzahl einfinden. Aber alles dieß ist nur der Rahmen um das eigentliche Hauptbild T's, die Rhede. Nur an der herrlichen Rhede schöpft man erst recht fröhlichen Athem. Welch imposantes Schauspiel! Diese majestätischen Linienschiffe, die wie schwimmende Citadellen aus der Fluth herausragen, dieser breite, gewaltige Hafen, den man mit Recht als einen der schönsten der Welt bewundert, endlich diese unablässige Bewegung der Barken, dieses Gewühl der Seesoldaten, – stundenlang vermag sich hier der Fremde zu unterhalten. Man bemerkt jedoch beim ersten Anblick sogleich, daß T. eine bedeutende Festung, ein Kriegshafen vom ersten Range, aber keine Handelsstadt ist. Denn nur die Uniformen des königlichen Dienstes, der blaue Marinesoldat mit dem runden, schwarzen Hütchen auf dem Kopfe und dem immer muntern Sinne im Herzen, der stattliche Schiffscapitän, die kühnen, bärtigen Gestalten der Chasseurs d'Afrique in kurzen, hellblauen Röcken, so gefürchtet von den arabischen Stämmen: dieß sind die täglichen Erscheinungen, welche immer unter dem übrigen Volksgewühle hervorstechen. Eine Spazierfahrt in diesem Hafen, wozu unzählige Gondeliers den Fremden schreiend auffordern, bietet in jeder Hinsicht den angenehmsten Genuß. Man besieht die Kriegsschiffe in der Nähe, und besteigt nach Belieben das eine oder das andere, man betrachtet die Werfte, auf der die Riesenskelette der im Bau begriffenen Schiffe liegen, endlich überblickt man in der Nähe die ganze südwestliche Hügelkette mit den äußeren Forts. – In dem gigantischen Arsenale, in welchem 4500 Galeerensclaven arbeiten, besichtigen wir hierauf mit Vergnügen den Modellsaal mit seinen kleinen Holzmodells von allen Arten Kriegsschiffen, Maschinen etc., die Säulenhalle, in welcher alles Tau- und Strickwerk für die Flotte gedreht wird, den reichen Waffensaal und die Cyklopenwerkstätten der Schmiede und Schlosser. – Außerdem besitzt T. eine Schifffahrtsschule, Bibliothek, Sternwarte, Quarantaineanstalt und eine Gesellschaft der Künste und Wissenschaften.

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http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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