Sinne

Sinne Durch fünf der kunstvollsten, fast ätherartigen Nervenverzweigungen, die in ihre unsichtbaren Kelche die Erscheinungen der Außenwelt einsaugen, und sich bis in die Tiefen der großen Nervenconcentration des Hauptes erstrecken, spiegelt sich die Außenwelt (Sinnenwelt) mit allen ihren Farben und Tönen und den Wellen und Wogen der schöpferischen Naturkraft, urplötzlich in dem verkleinerten Abbilde der Welt, in jenem wunderbaren Mikrokosmus ab, den wir Mensch nennen. Mit den harmonischen Schwingen seiner Sinne kettet sich des Menschen Geist an die große Harmonie des Alls; mit ihnen fleugt er, nun erst ein genießendes und Genuß reichendes Glied der großen Kette, über den Ocean der Erscheinungen inmitten des melodischen Fluges der Zeit und ihrer wechselnden Gestalten; sanft von den Blüthenzweigen dieser Nerven getragen, stürzt er sich mit der ganzen Wollust seines Daseins in die Tiefen des göttlichen Nervenrausches, in denen Sonnen und Erden, Welten und Zeiten nimmer rastend, voll seligen Taumels wogen und kreisen; still lauschend stehen die fünf getreuen Wächter, gleichsam als Mittler der äußern Offenbarung, an der Pforte des Eingangs und geben liebende Kunde von dem Wehen und Säuseln der schaffenden Erdgeister der Außenwelt; und wenn das ungeheuere Universum mit allen den goldenen Saiten seiner Sonnenstrahlen und den Schwingungen seiner Lüfte einer Riesenharfe gleicht, auf welcher der Weltgeist die Jubelhymne seiner Allmacht, die Wollust seines Schaffens in Sphärenharmonien ertönen läßt, so sind es die Sinne allein, welche den Sterblichen der Wüste seiner klanglosen Einsamkeit entreißen und den rauschenden Schöpfergesang als sanften, aber getreuen Nachhall in die Nervenkammern seines Hauptes tragen. Dem Schooße Einer Mutter, dem Grundsinne des Gefühls, entsprossen, weben die fünf Geschwister in liebender Eintracht die goldenen Fäden seines sinnlichen Daseins. Es wiegt ihn das Ohr in die Melodien des Alls; nur durch die Hörnerven wird ihm Kunde von jenem Nachklange einer bessern, harmonischen Welt, der Musik, die allein die einsamen Herzen hinter dem Brustgitter in der Wüste des Lebens tröstend und beruhigend vereint. Und dem Klange vermählt sich der Duft, und dem Dufte der Reiz mit seinem Zittern und Zucken in allen Nervenenden der Haut; und wie königlich strahlt nicht das Auge, dieser Spiegel der Gottheit, unter der hohen Stirne hervor! Ein Krystall, dem an Werth kein Edelstein gleicht, der das ganze Weltall einsaugt, in dessen wundervollem Ringe sich der Himmel selbst abmalet, ein Bild auf zartem Grunde, –

es gibt sich selber Licht und Glanz;

ein and'res ist's zu jeder Stunde,

und immer ist es frisch und ganz.–

Der geniale Naturforscher Oken war es, der zuerst die räthselhaften Tiefen unserer Sinnorgane wahrhaft ergründete. Nach ihm ist der Organismus des Menschen mit dem Organismus der Welt eng verbunden. Unsere Nerven bilden mit den Nerven des Weltalls ein fortlaufendes Ganze; sie gehen gleichsam aus uns heraus, und verbinden sich so fest mit der Außenwelt, als würden sie durch die ganze Natur fortgesetzt. Jedes Sinnorgan ist seinem Objecte, d. i. dem Gegenstand, zu dessen Auffassung es da ist, vollkommen gleichgebildet: soz. B. das Auge dem Lichte; und da das Sehen die Thätigkeit des Sehnervens ist, so wäre nach Obigem, bildlich zu sprechen, der Lichtstrahl gleichsam ein solcher, ins Unendliche fortgesetzte Sehnerve. Man halte nur fest, daß das Nervensystem des Menschen mit dem der Welt eins ist, und daher im Sinn nichts anderes ist »als eine unmittelbare Miterregbarkeit unseres Nervensystems mit dem der Welt oder einem Theile derselben.« – Der erste Sinn ist das Gefühl, eigentlich, wie schon gesagt, die Grundlage aller übrigen, daz. B. das Sehen, streng genommen, immer nur ein Fühlen des Lichts, das Hören ein Fühlen des Schalls ist. Sein Organ ist die Haut mit ihren Nervenenden: daher nennt ihn Oken den Hautsinn. Durch das Gefühl offenbart sich uns die Materie, die Masse (sowohl die ätherische, wie Wärme, Kälte etc., als die irdische, die compacte), mit ihren verschiedenen Eigenschaften der Härte, Weichheit, Glätte etc., welche gleichsam durch unsere Nervenhaut eindringen und dann bis in das Gehirn fortgepflanzt werden.' Mit ihm eins ist der Tastsinn, der vorzugsweise in den Fingerspitzen seinen Sitz hat. – Der Geruch ist der Sinn für das Gasige, Luftige, das dem Massigen Entgegengesetzte. Daher riechen am stärksten alle sich leicht vergasende, in Luft auflösende, flüchtige Substanzen; und zwar entsteht der Geruch nicht durch die bloße machanische Berührung derselben mit der nervigen, schleimbedeckten, innern Nasenfläche, sondern durch ein Elektrisiren dieses Organs, indem alle Gerüche nur elektrische Luftzustände sind, hervorgebracht durch die elektrische Kraft der gasartigen Stoffe. – Der Geschmack dagegen ist der Sinn des Wässerigen: nur dasjenige wird geschmeckt, was sich im Wasser auflösen läßt, wie z. B. die Salze. Kommt demnach ein Stoff auf die Zunge, der verflüssigt werden, d. h. also geschmeckt werden kann, so muß er entweder gleich Anfangs flüssig sein oder er löst sich im Wasser der Zunge, im Speichel, auf. Oken nennt den Geschmack Darmsinn. Die Zunge ist nämlich als das nervöse Ende des Darms zu betrachten: sie hat das Geschäft, die Verdauung vorzubereiten, indem sie die Speisen chemisch zerlegt; das Schmecken ist demnach gleichsam eine Nervenverdauung. – Den Sinn für das Licht nennen wir Gesicht: das Organ desselben ist das Auge, welches in sich selbst ein vollständiger Organismus, und daher das vollkommenste und edelste Organ des menschlichen Körpers ist. Das äußere Licht bricht sich an dem Auge auf eigenthümliche Weise, berührt dann verfeinert den Sehnerven und bildet auf der Netzhaut alle Farben und gefärbten Gegenstände ab, die zuletzt im großen Hirn zum Bewußtsein kommen. Uebrigens ist das Gesicht so ganz eigentlich der Lichtsinn, daß wir nicht sowohl die Körper als vielmehr nur das Licht, die Erleuchtung der Körper, die erleuchteten Umrisse derselben, sehen, während die Formen der Körper uns der Tastsinn offenbart oder wenigstens früher offenbart hat. – Das Gehör endlich ist der Sinn für den Schall (s. d.), für die Schwingungen und Erschütterungen der uns umgebenden Luftmasse. Die oben angedeutete, enge Verbindung unsers Organismus mit dem der Natur bekundet sich auch bei diesem Sinne, denn das Hören ist, seiner Wesenheit nach, wohl nichts anderes als ein Fortklingen der Körper im Ohr, in welchem es bei dem organischen Meisterbaue desselben veredelt und durch die Hörnerven dem innern Organismus angeeignet wird. Hat es das Gesicht mit dem Räumlichen zu thun, so bezieht sich das Gehör nur auf zeitliche Erscheinungen, denn alle Töne werden als auf einander folgend wahrgenommen, alles Tönen und Schallen besteht der Natur der Schwingungen (s. d.) nach in Bewegung. – Gesicht und Gehör nennt man auch vorzugsweise die höhern oder Kunstsinne; denn das erstere erschließt uns die Welt des Lichtraums, das andere das Reich der Harmonien, und beide zusammen erheben erst den Menschen zu einem vollständigen Weltbilde im Kleinen (Mikrokosmus). Gefühl, Geschmack und Geruch heißen dagegen die niedern Sinne, da sie sich nur auf einzelne, irdische Beschaffenheiten (das Erdelement, das Wasser und die Luft) beziehen. Vergl. die Artikel: Auge, Gefühl, Gehör, Nase.

S....r.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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