Bergenfahrer
Schütting der deutschen Kaufleute auf Bryggen

Als Bergenfahrer wurden vom Mittelalter bis zur Neuzeit hansische Kaufleute und Schiffer bezeichnet, die vornehmlich im Norwegenhandel mit der Stadt Bergen und dem dortigen Kontor Bryggen tätig waren. Sie waren in ihren Herkunftsstädten zu Korporationen der Bergenfahrer zusammengeschlossen, durch die sie ihre wirtschaftlichen, politischen und sozialen Interessen wahrnahmen. Korporationen der Bergenfahrer bestanden in den Wendischen Städten der Hanse an der Ostsee, also insbesondere in Lübeck und Stralsund, aber auch in der konkurrierenden Schwesterstadt Bremen an der Nordsee. In Bergen selbst unterstanden alle Bergenfahrer dem Kontor als selbstständiger juristischer Person, lateinisch communis mercator hanse Theutonicae Bergis existens oder mittelniederdeutsch Der gemene kopmann to Bergen genannt. Das Kontor führte im Gegensatz zur Hanse selbst ein eigenes Siegel, das einen bekrönten Stockfisch zeigt, später senkrecht geteilt verbunden mit dem halben Doppeladler des Heiligen Römischen Reiches, um den kaiserlichen deutschen Kaufmann herauszustellen. Der bekrönte Stockfisch ist auch Bestandteil der Wappen und Zeichen der Bergenfahrer der einzelnen Städte.

Inhaltsverzeichnis

Lübecker Bergenfahrer

Terrakotta-Reliefplatte mit dem Wappen der Bergenfahrer von Statius von Düren
Epitaph auf den Schiffbruch des Bergenfahrers Hans Ben 1489 (Lübeck, Marienkirche, Briefkapelle)
Wappen der Lübecker Bergenfahrer (19. Jh.)

Die Korporation der Lübecker Bergenfahrer bestand vom 14. Jahrhundert bis zum Jahr 1853, als die Kaufleutekorporationen insgesamt in der Kaufmannschaft zu Lübeck zusammengefasst wurden. Der genaue Beginn der Lübecker Handelsaktivitäten ist nicht bestimmbar, liegt jedoch jedenfalls vor 1250, weil in diesem Jahr nach vorhergegangenen Auseinandersetzungen ein Frieden zwischen Lübeck und König Haakon IV. von Norwegen abgeschlossen wurde, der den Hansekaufleuten wichtige Privilegien zusicherte. Allerdings konnten diese Privilegien faktisch erst durch eine Handelsblockade der Hanse im Jahr 1284 gegen den Widerstand norwegischer Kaufleute durchgesetzt werden. Die auf diesen Handelsprivilegien aufbauende Handelspolitik der Hansestädte unter Führung Lübecks stand fortan gegen die Interessen der norwegischen Wirtschaft. Die norwegische Krone versuchte diesen Interessengegensatz immer wieder auszugleichen. Infolge der 1350 ausbrechenden Pest brach durch den Verlust der für die Ernte erforderlichen Arbeitskräfte die Lebensmittelversorgung Norwegens zusammen.[1] Dadurch wurde die Position der wendischen Städte auf Bryggen gefestigt, die als Exporteure das Getreide von der südlichen Ostseeküste, aus Holstein, Mecklenburg und Pommern, nach Norwegen brachten und so von außen die Versorgung des Landes sicherten.

In Lübeck werden die Bergenfahrer als Zusammenschluss von Kaufleuten 1380 erstmals erwähnt. Sie entstanden als Abspaltung aus der seit 1363 nachgewiesenen Korporation der Schonenfahrer.[2] Innerhalb der Korporation der Bergenfahrer organisierten die ihr angehörenden Kaufleute untereinander den Ablauf des Warenaustausches mit dem Kontor vor Ort. Dem Einfluss dieser Gruppe ist es sicherlich zuzuschreiben, das Lübeck das Kontor in Bergen besonders im 15. Jahrhundert maßgeblich kontrollierte; sie hatte zu dieser Zeit etwa 200 Mitglieder. Im 16. und 17. Jahrhundert ging diese Vormachtstellung verloren und das Kontor kam zunehmend unter die Kontrolle der Bremer Bergenfahrer.

Die ratsfähigen Bergenfahrer standen unter den Korporationen der Kaufleute in Lübeck nicht im höchsten Ansehen und konnten sich in ihrer sozialen Bedeutung und politischen Machtentfaltung nicht mit der an erster Stelle stehenden Zirkelgesellschaft messen. Dementsprechend stellten sie aus ihren Reihen wesentlich weniger Ratsherren und nur zwei Lübecker Bürgermeister, dafür aber als ausgewiesene Praktiker der Navigation in den Gewässern der Ostsee in kriegerischen Auseinandersetzungen gemeinsam mit den Mitgliedern der Korporation der Schonenfahrer proportional den höchsten Anteil der Lübecker Flottenführer. Im Schrifttum wird einhellig die Auffassung vertreten, dass ihre große Bedeutung für das Lübecker Patriziat in ihrer hohen sozialen Durchlässigkeit lag und viele Hansekaufleute zunächst über die Bergenfahrer Aufnahme in den Kaufmannsstand fanden, von wo sie bis in die Reihen der Zirkelgesellschaft aufsteigen konnten.[3] Andererseits bestimmten die Bergenfahrer seit dem Bürgerrezess von 1669 gemeinsam mit den anderen bürgerlichen Korporationen bis zur Verfassungsreform von 1848 die Zusammensetzung des Senats und der Bürgerschaft.

Die Insignien der Bergenfahrer findet man als Wappen heute noch an den Beischlagwangen des Gestühls der Schiffergesellschaft oder in den Lübecker Museen, aber auch im Siegel der Kaufmannschaft, das alle Siegel der in ihr aufgegangenen Korporationen vereinte. Die mittelalterlichen Vikarienregister belegen mit zahlreichen Eintragungen die reiche Stiftungstätigkeit der Korporation. Der Lübecker Dom besaß ursprünglich ein Bergenfahrer-Gestühl, in der Jakobikirche hängt ein von den Bergenfahrern gestiftetes Erinnerungsgemälde an den Untergang des Kapitäns und Bergenfahrers Thomas Köster am 31. Oktober 1508 vor Marstrand. Reste des Bergenfahrer-Gestühls aus der Marienkirche finden sich heute im St.-Annen-Museum, ebenso Tafeln des Älteren Retabels der Bergenfahrer von einem Lübecker Schüler des Conrad von Soest[4] sowie der Altar des Bergenfahrers Hans Rese[5] und sechzehn Sandsteinskulpturen eines Zyklus von Aposteln und Heiligen von 1420 aus der Bergenfahrerkapelle der Marienkirche.[6] Die Bergenfahrerkapelle lag zwischen den beiden Türmen vor dem Westportal der Marienkirche und wurde beim Luftangriff auf Lübeck im März 1942 zerstört. Den Zerstörungen fielen der Bergenfahrer-Stuhl von 1518 mit dem geschnitzten Heiligen Olav als Schutzpatron der Kompagnie an den Wangen des Gestühls und das Retabel des Olavs-Altars der Bergenfahrer mit Gemälden Hans Kemmers von 1524 zum Opfer. Erhalten blieb jedoch in der Briefkapelle das Bergenfahrer-Bild zum Gedenken an den Schiffbruch des Hans Ben im Jahr 1489.[7]

Ebenfalls in das St.-Annen-Museum gelangte die Skulptur des Heiligen Olav[8] aus Eichenholz, gefertigt 1472 von Johannes Stenrat, aus dem ehemaligen Kompagniehaus Lobben[9] der Bergenfahrer in der Breiten Straße Nr. 67. Der Lobben fiel 1889 einer gründerzeitlichen Neubaumaßnahme zum Opfer[10] (Siehe auch den entsprechenden Eintrag in der Liste ehemaliger Lübecker Bauwerke).

In den Jahren 1548 bis 1766 hatten die Lübecker Bergenfahrer das Patronat über die dem Kontor gehörende Marienkirche in Bergen, so dass die Pastoren dieser Kirche während dieses Zeitraums in Lübeck ausgewählt und verpflichtet wurden.

Das Archiv der Lübecker Bergenfahrer befindet sich heute im Archiv der Hansestadt Lübeck.

Der Bergenfahreraltar in der Nikolaikirche (Stralsund)

Stralsunder Bergenfahrer

In der Nikolaikirche in Stralsund wird heute noch ein Bergenfahrer-Altar gezeigt, der der Korporation der dortigen Bergenfahrer zugeschrieben wird.

Die Bergenfahrer-Gesellschaft in Bremen

Die Bremer Bergenfahrergesellschaft erstarkte mit dem Niedergang der Bergenfahrt der Wendischen Hansestädte unter Führung Lübecks. Beginnend um die Mitte des 16. Jahrhunderts stieg Bremen im Bergener Kontor zur neuen Führungsmacht auf und blieb es bis zum Ende dieses Hansekontors. Die Bergenfahrer hatten ab 1550 eine eigene Ordnung, die 1564 und 1632 an die sich ändernden Verhältnisse angepasst wurde. Im Wesentlichen wurde danach durch Frachtherren die Fracht verteilt. Die Bergenfahrer bestanden als Organisation bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts und verfügten während dieser Zeit auch über ein eigenes Bergenfahrer-Zimmer im Bremer Rathaus.[11]

Rostocker Bergenfahrer

In Rostock wurde der Handel mit Norwegen von der wohl vornehmsten Kompagnie der Stadt dominiert, der der Wiekfahrer, die sich unter den Wendischen Städten besonders und fast ausschließlich auf die hanseatischen Faktoreien in Oslo und Tønsberg konzentrierten. Daneben bestand unter den weiteren fünf Rostocker Kompanien der Kaufleute auch eine der Bergenfahrer.[12]

Die Bergenfahrer in Wismar

Ganz ähnlich wie in Lübeck nutzten die Bergenfahrer in Wismar ebenfalls die Turmkapelle „ihrer“ Marienkirche als Kapelle, die sich mit dem stehengebliebenen Turm der Ratskirche als Baukörper erhalten hat.[13]

Literatur

  • Anna Elisabeth Albrecht: Steinskulptur in Lübeck um 1400: Stiftung und Herkunft. Reimer: Berlin 1997, ISBN 3-496-01172-6.
  • Uwe Albrecht, Jörg Rosenfeld und Christiane Saumweber: Corpus der Mittelalterlichen Holzskulptur und Tafelmalerei in Schleswig-Holstein, Band I: Hansestadt Lübeck, St. Annen-Museum. Ludwig, Kiel 2005, ISBN 3933598753.
  • Mike Burkhardt: Das Hansekontor in Bergen im Spätmittelalter – Organisation und Struktur In: HGbll 124 (2006), S. 21–70.
  • Richard Carstensen, Bergen – Entwicklungsbild einer norwegischen Hafenstadt, besonders im Hinblick auf Bergens Beziehungen zur Hanse, in: Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft zu Lübeck, Heft 53, Lübeck 1973.
  • Philippe Dollinger: Die Hanse, ISBN 3-520-37102-2.
  • Gerhard Fouquet: Geschichtsbilder in einer Reichs- und Hansestadt - Christian von Geren und seine Chronik der Lübecker Bergenfahrer (ca. 1425–1486). In: Das Gedächtnis der Hansestadt Lübeck: Festschrift für Antjekathrin Graßmann zum 65. Geburtstag. In Verbindung mit dem Verein für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde und dem Hansischen Geschichtsverein hrsg. von Rolf Hammel-Kiesow und Michael Hundt. Schmidt-Römhild, Lübeck 2005, ISBN 3-7950-5555-5 S. 113 ff.
  • Volker Henn, Arnved Nedkvitne (Hrsg.): Norwegen und die Hanse. Frankfurt am Main 1994.
  • Antjekathrin Graßmann (Hrsg.): Das Hansische Kontor zu Bergen und die Lübecker Bergenfahrer. Lübeck 2005.

Quellen

  • Die Chronik Christians von Geren (1350–1486) in: Die Lübecker Bergenfahrer und ihre Chronistik, Friedrich Bruns (Hrsg.), Berlin 1900, S. 348–381.
  1. Zu den Auswirkungen des Schwarzen Todes in Norwegen: siehe Hauptartikel Pestepidemien in Norwegen. Der Getreideanbau wurde Anfang des 15. Jahrhunderts zusätzlich durch die Kleine Eiszeit erschwert.
  2. Vgl. Schonische Messe
  3. Eine Auswertung der mittelalterlichen Testamente der Bergenfahrer ergab, dass über 78 % der Bergenfahrer beim Testieren angaben, ihr Vermögen selbst erarbeitet zu haben. Vgl. Dollinger, S. 214
  4. Älteres Bergenfahrerretabel auf dem Museumsserver Schleswig-Holstein
  5. Rese-Altar
  6. Dem Meister der Darsow-Madonna zugeschrieben.
  7. Der Text der beiden Spruchbänder des Gemäldes lautet: Anno Domini MCCCCLXXXIX des Fridags vor alle gaden Hilgen do bleff Schipper Hans Ben up de Bergenreise vor denn Berksunde mit XXXIII Mann de Got al gnedich si. Pater Noster ver alle Cristen Seelen – und – Och guden Gesellen holdet nicht to Licht er gi to scepe gat gat jo to der Bicht et was so kort ene Tüt dat wy vnser Lebendes wvrden qvid en Pater Noster vor alle Cristen Seelen
  8. Stenrat: Heiliger Olav auf dem Museumsserver Schleswig-Holstein, Beschreibung bei Albrecht: Corpus der Holzskulptur S. 215 ff
  9. Mittelniederdeutsch, nach dem (Stock-)Fisch im Wappen
  10. Carstensen, S. 128 ff.
  11. Ruth Prange: Die bremische Kaufmannschaft des 16. und 17. Jhs. in sozialgeschichtlicher Betrachtung VStAB Bd. 31, 1963, S. 34–36
  12. Wilhelm Stieda: Das Schonenfahrergelag in Rostock. HGB. 1890/91 S. 134
  13. Albrecht: Steinskulptur in Lübeck um 1420 S. 36 (Fn 164) mit Hinweis auf die Dissertation von Grewolls: Kapellen der norddeutschen Kirchen, Kiel 1996, dort S. 193

Weblinks

 Commons: Bergenfahrer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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