Bernhard Giesen
Bernhard Giesen

Bernhard Giesen (* 20. Mai 1948) ist Soziologe und Inhaber des Lehrstuhls für Makrosoziologie an der Universität Konstanz.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Bernhard Giesen studierte Soziologie an der Universität Heidelberg (M.A. 1972), promovierte 1974 an der Universität Augsburg mit einer Dissertation über „Theorien struktureller Inkonsistenz“ und habilitierte sich 1980 an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster mit einer Arbeit über „gesellschaftliche Identität und Evolution“.

Von 1979 bis 1983 war er Sprecher der Sektion „Soziologische Theorien“ in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.

In seiner Tätigkeit als Professor für Makrosoziologie an der Universität Gießen von 1982 bis 1999 war er dort unter anderem Sprecher des interdisziplinären Landesforschungsschwerpunktes „Nationale und kulturelle Identität als Problem der europäischen Neuzeit“ (1988–1991); später Forschungsleiter im DFG-Sonderforschungsbereich „Erinnerungskulturen“ (1997-1999). Seit 1999 ist Bernhard Giesen Professor für Makrosoziologie an der Universität Konstanz. Dort ist er Forschungsleiter im DFG-Sonderforschungsbereich „Norm und Symbol“ und seit 2006 Vorstandsmitglied des Exzellenzclusters 16 „Kulturelle Grundlagen von Integration“.

Zu seinen wichtigsten Gastprofessuren zählen unter anderem: Stanford University 1989, UCLA 1990-1991, University of Chicago 1991, Universität Bielefeld 1991-1992, European University Institute Florenz 1994-1995, Stanford University (Fellow am Center for Advanced Studies in the Behavioral Sciences) 1998-1999. Seit 2001 ist er regelmäßig Gastprofessor an der Yale University.

Werk

In den siebziger Jahren konzentrierte sich die Arbeit von Bernhard Giesen zunächst vor allem auf Fragen der Wissenschaftstheorie und der Methodologie, die sich auch in einem einschlägigen zusammen mit Michael Schmid verfassten Lehrbuch niederschlugen. Er arbeitete zu den Möglichkeiten und Grenzen des Theorienvergleichs in der Soziologie, den Herausforderungen des Reduktionismus und den Möglichkeiten der Reduktion sozialer Makrophänomene auf diese Phänomene generierende Mikroprozesse sowie zum Verhältnis von Soziologie und Geschichtswissenschaft. Fast zeitgleich begann die Arbeit an einer evolutionstheoretisch motivierten Makrosoziologie, die dann Anfang der achtziger Jahre ebenfalls in einem erfolgreichen Lehrbuch publiziert wurde. Bernhard Giesen begann seine Karriere als „Popperianer“ – eine Position, von der er sich Ende der siebziger Jahre unter dem Einfluss von Thomas Kuhn, Imre Lakatos, Paul Feyerabend und Stephen Toulmin aber schrittweise zu entfernen begann. Nicht nur ihm drängte sich mehr und mehr die Einsicht auf, dass sich wissenschaftliche Theorien wie auch Kulturmuster und Entscheidungsheuristiken nur schwer isolieren lassen und damit auch die Frage, was den evolutionären Erfolg oder Misserfolg eines bestimmten Theorieprogramms oder eines kulturellen Codes entscheidet, weit schwieriger zu beantworten ist als man bis dahin annahm. Diese primär wissenschaftstheoretischen Reflexionen brachten Bernhard Giesen in eine gewisse Nähe zu den zeitgleich auch in Deutschland auf zunehmend breitere Resonanz stoßenden französischen Philosophien der Postmoderne. Den soziologischen Herausforderungen der postmodernen Philosophie nahm er sich mit einer weiteren Monographie, einer evolutionstheoretischen Deutung dieses unter Intellektuellen geführten Diskurses an. Ende der achtziger Jahre und parallel zur deutschen Wiedervereinigung begann Bernhard Giesen sich dann für das Phänomen des Nationalismus zu interessieren. In mehreren historisch weit ausholenden Arbeiten ging er den semantischen Verschiebungen und Verkehrungen des nationalen Selbstverständnisses im deutschen Sprachraum nach. Obgleich sich diese Prozesse, wie hier sichtbar wurde, im Detail nur mehr historisch erklären lassen, gelang ihm gleichwohl eine Rückbindung dieser semantischen Verschiebungen an bestimmte intellektuelle Trägerschichten. Deutlich konnte hier gezeigt werden, dass Immunisierungstendenzen, die in der von Popper inspirierten Wissenschaftstheorie immer wieder kritisiert wurden, für diese Art von intellektuellem Diskurs geradezu konstitutiv sind. Zugleich aber wurde auch offenbar, dass die erfolgreiche Behauptung kollektiver Identität sich ohnehin nicht auf eine falsifizierbare Präposition reduzieren lässt. Nicht zufällig bedient sie sich immer auch ästhetischer Kategorien und entzieht sich so dem Risiko der argumentativen Gegenrede und Negation. Diese rhetorischen Strategien finden sich aber nicht nur in romantisch und triumphalistisch ausgerichteten Identitätsdiskursen, sondern auch und gerade auf Seiten der Verlierer. Bernhard Giesens seit 2000 erscheinende Arbeiten sind deshalb vorwiegend der Relation von Triumph und Trauma gewidmet. In seiner jüngsten Monographie analysiert er am Beispiel des Tätertraumas der Deutschen die identitätsstiftende, sprachlich nicht einholbare Funktion kollektiver kultureller Traumata. Gegenwärtig arbeitet er an einem kulturtheoretischen Buch mit dem Arbeitstitel „Zwischenlagen“.

Ausgewählte Schriften

  • Social Performance. Symbolic Action, Cultural Pragmatics and Ritual, 2006. (Hrsg. mit J.C. Alexander und J.L. Mast), Cambridge: Cambridge University Press.
  • Cultural Trauma and Collective Identity, 2004. (Hrsg. mit J. C. Alexander, R. Eyermann, N. Smelser und P. Sztompka) Berkeley CA: University of California Press.
  • Triumph and Trauma, 2004. Boulder CO: Paradigm Publishers.
  • European Citizenship. Between National Legacies and Postnational Projects, 2001. (Hrsg. mit K. Eder) Oxford NZ: Oxford University Press.
  • Kollektive Identität. Die Intellektuellen und die Nation 2, 1999. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Nationale und kulturelle Identität, 1996. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Die Intellektuellen und die Nation. Eine deutsche Achsenzeit, 1993. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Die Entdinglichung des Sozialen. Eine evolutionstheoretische Perspektive auf die Postmoderne, 1990. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • The Micro-Macro Link, 1987. (Hrsg. mit J. C. Alexander, R. Münch und N. Smelser) Berkeley CA: University of California Press.
  • Makrosoziologie. Eine evolutionstheoretische Einführung, 1980. Hamburg: Hoffmann und Campe.
  • Probleme einer Theorie struktureller Inkonsistenz, 1975. Gersthofen: Maro Verlag.

Weblinks


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