Identität

Beim Menschen bezeichnet Identität (lateinisch idem ‚derselbe‘, ‚dasselbe‘, ‚der Gleiche‘) die ihn kennzeichnende und als Individuum von anderen Menschen unterscheidende Eigentümlichkeit seines Wesens. Analog wird der Begriff auch zur Charakterisierung von Entitäten verwandt. Bezogen auf unterscheidbare Größen bedeutet Identität die völlige Übereinstimmung. Bei Ausdrücken bzw. Begriffen, besonders in sprachphilosophisch-mathematischen Zusammenhängen, steht Identität oft für den gleichen Umfang dieser Ausdrücke. In der Sprache der Logik wird Identität ausgedrückt durch a = a. Die Existenz logischer Identität und damit die Philosophie Fichtes vehement kritisiert hat Fritz Mauthner.[1]

Laut Rolf Oerter und Leo Montada basiert die Identitätsentwicklung auf zwei Prozessen, nämlich Selbsterkenntnis und Selbstgestaltung.[2]

In einem weiteren (sozial)psychologischen Sinne versteht man unter Identität häufig die Kombination der Merkmale, anhand deren sich ein Individuum von anderen unterscheiden lässt: Das erlaubt eine eindeutige Identifizierung.

Ein anderes Begriffsverständnis fasst unter dem Begriff „Identität“ alle Merkmale, die ein Individuum ausmachen, und unterscheidet darunter die Ich-Identität (einzigartige Merkmale) und die Wir-Identität (mit einer Gruppe, der Wir-Gruppe, geteilte Merkmale).

Neben diesem auf objektiv vorhandene Merkmale bezogenen Begriffsverständnis, und häufig nicht deutlich von ihm unterschieden, existiert die Bedeutung einer Identität, die sich auch auf das subjektive Bewusstsein dieser Merkmale bezieht.

Die Identitätssuche folgt dagegen psychologischen Kriterien, zur Konstitution von Identität reicht das nicht aus.

Inhaltsverzeichnis

Identität bei Lebewesen

Sämtliche Zellen des menschlichen Körpers, ausgenommen nur die Nerven- und Herzmuskelzellen, werden im Laufe des Lebens mehrfach ausgetauscht. Um zu berücksichtigen, dass bei Lebewesen eine Änderung von physischen Merkmalen nicht notwendig eine Änderung der Identität bedeutet – der Kater Eugen bleibt beispielsweise Eugen, auch wenn ihm die Nachbarskatze ein Ohr abbeißt –, bietet sich folgende Definition der Identität an:

Da Identität auf Unterscheidung beruht und die Unterscheidung ein Verfahren ist, das ein Ganzes untergliedert („scheidet“), kann etwas nur als Teil eines Ganzen Identität erlangen. Daher wird verständlich, weshalb Menschen ihre Identität als bestimmte Menschen in einem Wechselspiel von „Dazugehören“ und „Abgrenzen“ entwickeln.

Psychische Identität

Die psychische Identität stellt keine wie auch immer geartete eindeutige Essenz oder ein unveränderliches Wesen dar. Im Gegenteil: Identität als psychologisches Konzept geht davon aus, dass sich ein Mensch mit etwas identifiziert, also ein äußeres Merkmal einer bestehenden Gruppenidentität als sein eigenes Wesensmerkmal annimmt. In gewisser Hinsicht erscheint dies als notwendiger Prozess zur Heranbildung einer eigenen Persönlichkeit, aber es bleibt stets ein Element der Fremdbestimmung und Zuschreibung. So hat jemand vielleicht kein Coming-Out als „lesbisch“ oder „schwul“ freiwillig vollzogen (siehe auch Männer, die Sex mit Männern haben), wird jedoch dennoch von seiner Umgebung manchmal (ob zutreffend oder nicht) als Teil dieser Gruppen bezeichnet. Auch wer Migrationserfahrung hat, wird sich in unterschiedlichen Umgebungen mit seiner alten Heimat oder mit seiner aktuellen Heimat stärker identifizieren, und ggf. von anderen stärker mit der einen oder anderen Gruppe identifiziert (so wird ein türkischer Staatsbürger, der in Deutschland aufgewachsen ist und nur deutsch spricht, von manchen Deutschen als Türke empfunden, aber in der Türkei aufgrund seiner Sprache, seines Wohnorts und seiner Sozialisation als Deutscher empfunden).

Die psychische Identität wird einerseits durch Gruppenzugehörigkeiten und soziale Rollen bestimmt: Das Wir. Eine Identität kann jedoch nicht nur auf diesem Wir basieren. In unserer westlichen Gesellschaft besteht Identität auch in der Erfahrung der Einzigartigkeit, im Ich, in dem eine Person sich als anders erlebt.

Verlust der Identität

Für Menschen ist ein ungewollter Identitätsverlust psychisch ein großes Problem, denn sämtliche Gruppenzugehörigkeiten (z. B. Familie, Volk bzw. Nation, Kollegen und Freunde, Clique) sind damit verloren. Die Person identifiziert sich nicht mehr mit diesen Gruppen und wird so physisch und psychisch isoliert.

Im Feminismus und anderen Strömungen wird der Ausbruch aus einer festgelegten Identität allerdings auch positiv bewertet: weibliche Identität wird nicht mehr als Ideal empfunden, sondern als fremdbestimmte Sammlung von Verhaltensmustern, Stereotypen und Erwartungen. Männlichkeit oder „nationale Identität“ erscheinen ähnlich problematisch. Identität als Identifikation mit einer Gruppe ist eben oftmals auch eine Integration durch Zwang, der Ausbruch aus der identitären Festlegung ein Akt der Emanzipation. Ziel dieser Emanzipation ist nicht die Isolation, wohl aber die Sprengung von fremdbestimmten Identitäten – hier bewusst im Plural, denn ein Individuum verkörpert stets mehrere sich überschneidende Identitäten: z. B. als Mann, als Europäer, als Intellektueller etc.

Allgemein verliert ein Mensch dann seine Identität, wenn er sich so verändert bzw. von außen beeinflusst wird, dass wesentliche Kriterien entfallen, anhand derer er identifiziert wird, oder wesentliche Instanzen, welche die Identifizierung vornehmen, entfallen oder wesentliche Kriterien der Identifizierung geändert werden.

Zu den wichtigsten Identitäts-Werten zählen heute beispielsweise eine passende Arbeit und eine harmonische Familie: Ohne berufliche Anbindung kann jemand vielleicht ein Ehrenamt ausüben oder vorübergehend nur Freizeitwerte pflegen. Insbesondere für Singles und Alleinstehende, die ihre maßgebliche Identität über ihren Beruf beziehen, kann Arbeitslosigkeit aber ein großes Problem werden. Ohne familiäre Anbindung kann sich jemand vielleicht in eine Ersatzfamilie integrieren oder vorübergehend nur Single-Werte pflegen. Insbesondere für Arbeitslose, die ihre maßgebliche Identität über ihre Familie beziehen, kann Familienlosigkeit aber ein großes Problem werden.

In beiden Fällen kann eine psychohygienische/-therapeutische Stabilisierung einer Identität helfen. Denn das Loslassen und Umbewerten von schwer zu verarbeitendem Geschehen kann fordern, aber auch kumulierend überfordern. Dann kränkt eine (zu kleine) Identität ohne Beruf und Familie, die sich beispielsweise über die Mitgliedschaft in einem Verein oder allgemeine Werte wie Gesundheit definiert.

Die Logotherapie geht davon aus, dass in jeder Lebenslage ein größtmöglicher Sinn steckt, der sich am Gewissen ausrichtet und auch auf Verzicht oder Vorbild sein hinauslaufen kann. Vorbeugend ist allgemein wichtig, dass Menschen mehrere Werte im Leben haben und aufbauen, weil ein Wegfall immer vorkommen kann.

Das Angewiesensein auf (eher) weltliche Identitätswerte ist in einem höheren Sinn vielleicht zu hinterfragen, ihr Wegfall dann sogar zu begrüßen. Glaube o.ä. allein ersetzt sie schwer.

Die Fähigkeit, sich mit sich selbst zu identifizieren, nennt man Identitätsbewusstsein. Nicht nur durch soziale und psychische Ursachen kann die Identität gestört werden, sondern auch durch Krankheiten, die das Ich-Bewusstsein beeinflussen.

Sexuelle Identität

Hauptartikel: Sexuelle Identität

Der Identitätsbegriff nach Lothar Krappmann

Nach dem Verständnis des Soziologen Lothar Krappmann wird Identität über Sprache vermittelt. Für ihn entsteht Identität erst durch die Kommunikation eines Individuums mit seinen Mitmenschen in jeder Situation neu. Dadurch ist Identität nichts Starres, sondern verändert sich immer wieder von Situation zu Situation. Treffen zwei Gesprächspartner aufeinander, so tauschen sie über Sprache, und mit Hilfe von Gestik / Mimik Absichten, Wünsche und Bedürfnisse aus. Dies geschieht über die von ihm so genannte „Umgangssprache“ (Soziologische Dimension der Identität, 1993, S. 13), die im Wesentlichen drei Funktionen im Interaktionsprozess erfüllen muss, um das Entstehen von Identität möglich zu machen.

  • Zum einen muss diese Sprache in der Lage sein, die besonderen Erwartungen, die mehrere Interaktionspartner in einer speziellen Situation haben, dem Gegenüber zu übersetzen:
„[…] sie muss sich also insofern bewähren, als dass sie den unausbleiblichen Informationsverlust bei der Darstellung individueller Erfahrungen in einem allgemeinen, da gemeinsamen Bedeutungssystem möglichst gering hält.“ (Soziologische Dimensionen der Identität, 1993, S. 12)
  • Zum anderen muss es möglich sein, mit Hilfe dieser Umgangssprache Problemlösungen zu finden, sie muss also über einen differenzierten begrifflichen Apparat verfügen, der das möglich macht.
  • Hinzu kommt die notwendige Funktion Überschussinformationen weitergeben zu können: „[…] „Überschüssig“ ist die Information, insofern sie nicht nur die Erwiderung auf eine vorangegangene Aussage bietet, sondern der Sprechende mit verbalen oder außerverbalen Mitteln seine besondere Einstellung zum Inhalt der Mitteilung kennzeichnet. Erst durch diese nähere Qualifikation der Mitteilung wird die Bedeutung einer Aussage für den Interkommunikationszusammenhang sichtbar; denn nun übermittelt sie nicht nur durch den manifesten Inhalt eine dem Handlungszusammenhang selbst äußerliche „Regieanweisung“, sondern definiert implizit den Charakter der sozialen Beziehung mit in deren Rahmen sie steht (vgl. Watzlawick u. a. 1967)“ (Soziologische Dimensionen der Identität, 1993, S. 13).

Erfüllt die Sprache diese drei Funktionen, so entsteht in jeder Situation neu Identität in einem Interaktionsprozess. In diesem Prozess hat das Individuum die Aufgabe, einen Balanceakt zu vollführen zwischen den normierten Erwartungen nach einer perfekten Identität als Tochter, Freund, Mutter, etc. und der Erkenntnis, dass man diesen Ansprüchen nicht genügen kann. Diese Erwartungen an das Individuum stellen die Erwartungen der Außenwelt an die soziale Identität dar.

Erwartungen von außen an die persönliche Identität sind die Erwartungen, die eine individuelle, einzigartige Identität des Einzelnen erwarten, wobei beachtet werden muss, dass das Festhalten an Gemeinsamkeiten notwendig ist, um die Interaktion aufrechtzuerhalten.

In beiden Fällen, durch die Unmöglichkeit den Erwartungen zu entsprechen, agieren die Kommunikationspartner auf einer „als – ob – Ebene“, sie geben vor, diese Erwartungen zu erfüllen, ohne dem nachkommen zu können. Das Individuum versucht sich durch das Verknüpfen früherer, anderer Interaktionsbeteiligungen mit den Erwartungen der aktuellen Situation in seiner besonderen Individualität zu präsentieren, in der es eigene Bedürfnisse, Vorstellungen und Wünsche hat und diese dem Gegenüber zu vermitteln.

Allerdings muss die Person darauf achten, in dem vom Kommunikationspartner gesteckten Rahmen der möglichen Präsentation seiner selbst zu bleiben, um in seiner persönlichen Besonderheit akzeptiert zu werden. Dafür werden dem Individuum Modelle und Rollen entsprechend den Erwartungen des Gesprächspartners über Sprache angeboten, denen es allerdings nicht vollkommen entsprechen kann.

Geht man von einer gelungenen Identitätsbildung aus, so ordnet das Individuum die gemachten Erfahrungen mit diversen Gesprächspartnern zu einer möglichst konstanten Biographie, die ihm so beständigere Handlungsorientierungen schafft. Es entwickelt sich eine Identität, die sich von derjenigen anderer Menschen unterscheidet. Die Ausbildung einer individuellen Identität ist folglich das Ergebnis vieler Interaktionsprozesse, die miteinander verknüpft wurden und so ein beständigeres Bild von Identität vermitteln, als die unabhängig nebeneinander stehenden einzelnen Ereignisse der Kommunikation.

Dieses Selbstbild von Identität, das der Mensch mit dieser Leistung erworben hat, versucht er nun in den auftretenden Interaktionssituationen aufrechtzuerhalten. Dem entsprechen die ihm eigenen Erwartungen und Bedürfnisse, die demnach auch aus der Kommunikation und den Vorstellungen der verschiedenen Interaktionspartner entstanden sind. Immer neu kombiniert das Individuum also die verarbeiteten vorangegangenen Kommunikationssituationen mit den in der momentanen Situation auftretenden Erwartungen und setzt sich zu dem Ganzen in Distanz.

Der Identitätsbegriff nach Hans-Peter Frey und Karl Haußer

Hans-Peter Frey und Karl Haußer bezeichnen Identität als einen selbstreflexiven Prozess des Individuums. Ein Mensch stellt demnach Identität über sich her, indem er verschiedene Arten von Erfahrungen, so zum Beispiel innere, äußere, aktuelle sowie gespeicherte, über sich selber verarbeitet. „Identität entsteht aus situativer Erfahrung, welche übersituativ verarbeitet und generalisiert wird.“ (Identität, 1987, S. 21).

Teilbereiche der Identität eines Menschen sind das Selbstkonzept, das Selbstwertgefühl und die Kontrollinstanz. Die Aufgabe des Individuums besteht nun darin, diese drei Instanzen miteinander in Verbindung zu setzen.

Die kognitive Komponente der menschlichen Identität ist das Selbstkonzept. Das Individuum entwirft ein Selbstbild von sich nach den Fragestellungen: Wer / Was / Wie bin ich? Dabei hat der Mensch verschiedene Möglichkeiten vorzugehen. Einmal können objektive Merkmale konstatiert werden, indem das Individuum zum Beispiel feststellt: „Ich bin ziemlich klein.“ Als Selbstbewertung könnte das Individuum äußern, dass es davon genervt ist. Selbstwertgefühle sind das Empfinden eines Menschen, stolz oder wütend auf sich zu sein. Selbstideale steckt sich der Mensch, indem er zum Beispiel gerne der perfekte Sohn wäre. Die emotionale Komponente der Identität ist das Selbstwertgefühl, das sich entwickelt, stabilisiert und verändert. Dies geschieht durch die Verdichtung von situativen Selbstwertgefühlen, bzw. Selbstwahrnehmungen und durch die Bewertung einzelner Aspekte des Selbstkonzeptes. Durch die Beeinflussung seitens der Kontrollüberzeugung finden hier Entwicklungen und Veränderungen statt.

Bei der motivationalen Komponente oder Kontrollüberzeugung, gibt es zwei unterschiedliche Haltungen der Individuen. Einmal die generalisierte Haltung der Menschen, die eigenen Situationen gestalten zu können, zum anderen die Haltung, der eigenen Lage ausgeliefert zu sein.

Durch das Zusammenspiel der drei Komponenten entsteht eine Identitätsdynamik, die die Eigenleistung des Individuums ist.

Die Identitätsdynamik hat vier Problemstellungen oder Leistungen, die der Mensch erbringen muss, um eine Identität auszubilden.

  • Das Realitätsproblem, oder die Realitätsleistung hat zum Gegenstand das Verhältnis von Innen- und Außenperspektive. Dies lässt sich in vier Stufen einteilen. Zuerst nimmt das Individuum die Außenwelt wahr, es eignet sich die Außenperspektive zu einer Innenperspektive an. In einem Entwicklungsprozess verwertet das Individuum dann diese Informationen durch vergessen, selektieren, vergleichen, erinnern, etc. Dem folgt die Darstellung des Individuums nach außen. Diese ist allerdings keine Kopie des Außen, da die Informationen nun verarbeitet sind. „Der Kreis schließt sich durch das allmähliche Einsickern individueller Innovationen in die soziokulturelle Ordnung.“ (Identität, 1987, S. 18).
  • Das Konsistenzproblem, oder die Konsistenzleistung besteht in der Relation verschiedener Elemente der Innenperspektive, das Individuum stellt sich selbst vor die Frage, wie es trotz unterschiedlicher Identitätsdarstellungen in den unterschiedlichen Situationen immer noch der gleiche Mensch sein kann.
  • Das Kontinuitätsproblem, die Kontinuitätsleistung beinhaltet die gleiche Fragestellung, allerdings auf die zeitlichen Entwicklungen und Veränderungen bezogen.
  • Das Individualitätsproblem, stellt das Individuum schließlich vor das Problem eine einzigartige, individuelle Identität auszubilden, die sich von denen anderer Menschen unterscheidet.

Der Identitätsbegriff nach George Herbert Mead

George Herbert Mead vertritt die Auffassung, dass sich Geist (MIND) und Identität (SELF) erst aus gesellschaftlichen Interaktionssituationen heraus über Sprache entwickeln: „Identität entwickelt sich; sie ist bei der Geburt anfänglich nicht vorhanden, entsteht aber innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses, das heißt im jeweiligen Individuum als Ergebnis seiner Beziehungen zu diesem Prozess als Ganzem und zu anderen Individuen innerhalb dieses Prozesses.“ (S.177, Geist, Identität und Gesellschaft,1998). Somit steht die Identität eines Menschen mit dem eigenen physiologischen Erscheinungsbild nicht in direktem Zusammenhang, wobei Mead einräumt, dass das Erscheinungsbild für die Ausformung der Identität von entscheidender Bedeutung ist.

Nach seiner Ansicht teilt sich die menschliche Identität in zwei Teilaspekte, das Ich (I) und das ICH (ME). Vergangene Erfahrungen und Erinnerungen werden innerhalb des Identitätsbereiches des ICH sortiert und gespeichert, ergeben einen Teil der Identität, der objektiviert, also vom Individuum selber betrachtet werden kann. Betrachtet wird dieser Bereich vom Ich, dem subjektiven Bereich von Identität. Somit besteht die Identität eines Menschen aus einem Objekt und einem Subjekt, das in der Lage ist, dieses Objekt zu betrachten.

Das Ich löst Reaktionen des Individuums einer bestimmten Person, Personengruppe oder Situation gegenüber aus, die nicht vorhersehbar sind, nicht einmal vom Handelnden selbst. Im Nachhinein geht diese Handlung wiederum in den Bereich des ICH über, als Erinnerungen und Erfahrungen.

Allerdings gehen nicht alle Erfahrungen dauerhaft in die Erinnerungen und somit in das ICH der Identität ein, sondern nur solche, die für das Individuum relevant sind. Diese Erinnerungen werden auf der „Schnur der Identität“ (S.177, Geist, Identität und Gesellschaft, 1998) organisiert, der zeitlichen Einordnung der Erinnerungen in den Lebenslauf des Individuums.

Das ICH verkörpert „[…] die organisierte Gruppe von Haltungen anderer, die man selbst einnimmt“ (S.218, Geist, Identität und Gesellschaft, 1998, S. 218), während das Ich als „[…] Reaktion des Organismus auf die Haltungen anderer […]“ (Geist, Identität und Gesellschaft, 1998, S. 218) gesehen werden kann, der in der Erinnerung zum ICH wird, im Gegensatz zu diesem aber Freiheit und Initiative verkörpert. Durch das Ich entwickeln sich neue Erinnerungen, das ICH besteht aus diesen vorangegangenen Erinnerungen, wird also vom Ich erzeugt.

Diese Gesamtidentität ist individuell, da jeder Mensch über eigene Erfahrungen verfügt: „Die Tatsache, dass sich jede Identität durch den oder im Hinblick auf den gesellschaftlichen Prozess bildet und sein individueller Ausdruck ist – oder vielmehr Ausdruck der für sie typisch organisierten Verhaltensweisen, die sie in ihren jeweiligen Strukturen erfasst –, ist sehr leicht mit der Tatsache zu vereinbaren, dass jede einzelne Identität ihre eigene spezifische Individualität, ihre eigenen einzigartigen Merkmale hat, weil jede einzelne Identität innerhalb dieses Prozesses, während sie seine organisierten Verhaltensstrukturen spiegelt, ihre eigene und einzigartige Position innerhalb seiner formt und somit in seiner organisierten Struktur einen anderen Aspekt dieses ganzen gesellschaftlichen Verhaltensmusters spiegelt als den, der sich in der organisierten Struktur irgendeiner anderen Identität innerhalb dieses Prozesses spiegelt […]“ (Geist, Identität und Gesellschaft, 1998, S. 245).

Die Ausbildung einer (individuellen) Identität ist folglich maßgeblich abhängig von sozialen Interaktionen der einzelnen Individuen mit anderen Menschen. Das geschieht über Sprache und andere Mittel der Kommunikation wie Gestik und Mimik.

Allerdings kann sich eine entwickelte Identität selbst ihre gesellschaftlichen Erfahrungen schaffen, wenn die sozialen Erfahrungen mit anderen Menschen nicht mehr möglich sind. Nach der Vorstellung Meads wird in der reflexiven Intelligenz das Handeln des Individuums geplant, um innerhalb gesellschaftlicher Prozesse zu bleiben. Hier wird der psychologische Anteil der Identität deutlich, die Möglichkeit der Menschen, sich in die Rolle ihres Gegenübers zu versetzen und sich und das eigene gezeigte Verhalten über Sprache als Objekt zu sehen und reflexiv zu verarbeiten.

Das Denken bereitet diese gesellschaftlichen Handlungen außersprachlich vor, es dient der Übermittlung des Nicht-Gesagten, der Mimik und Gestik, also solcher Informationen, die nicht ausgesprochen werden, aber trotzdem eine Bedeutung im Interaktionsprozess haben: „Man überdenkt etwas, schreibt vielleicht ein Buch darüber, doch ist es immer noch ein Teil des gesellschaftlichen Verkehrs, in dem man andere Personen und gleichzeitig sich selbst anspricht und die Rede zu anderen Personen durch die Reaktionen auf die eigene Geste kontrolliert.“ (S.184, Geist, Identität und Gesellschaft, 1998).

In diesem Verhalten tritt nun Identität auf. Allerdings wird dem Interaktionspartner immer nur ein Ausschnitt der Gesamtidentität präsentiert, die Kernidentität spaltet sich in verschiedene Teilidentitäten. Verantwortlich für das Auftreten einer bestimmten Teilidentität ist der gesellschaftliche Prozess in dem sich das Individuum befindet. Teilidentitäten sind an spezielle Situationen gebunden. Laut Mead konstituieren, bzw. organisieren diese verschiedenen elementaren Identitäten zusammen die vollständige Identität eines Menschen.

Als Voraussetzung für die Entwicklung von Identität sieht Mead das menschliche Vorhandensein von Selbst-Bewusstsein, dass sich vom normalen Bewusstsein des Menschen unterscheidet. Unter Bewusstsein versteht er das Empfinden von Gefühlen wie beispielsweise Schmerzen, oder Freude, was zunächst nicht mit der Identität selber zusammenhängt. Das Selbst-Bewusstsein ordnet dieses Gefühl dann dem eigenen Organismus zu, so dass es der eigenen Identität zugeordnet, der Schmerz der eigenen Identität wird. Das Selbst-Bewusstsein setzt Mead gleich mit einem Identitätsbewusstsein, durch das sich das Individuum der eigenen Identität bewusst wird, also mit dem weiter oben geklärten Begriff des Ich in der Auseinandersetzung mit dem ICH.

Ich-Identität nach Erikson und Habermas

Erik Erikson definiert Ich-Identität als „Zuwachs an Persönlichkeitsreife, den das Individuum am Ende der Adoleszenz der Fülle seiner Kindheitserfahrungen entnommen haben muss, um für die Aufgaben des Erwachsenenlebens gerüstet zu sein.“ Ich-Identität ist somit „eine soziale Funktion des Ichs“, die darin besteht, „die psychosexuellen und psychosozialen Aspekte einer bestimmten Entwicklungsstufe zu integrieren und zu gleicher Zeit die Verbindung der neu erworbenen Identitätselemente mit den schon bestehenden herzustellen“.

Es handelt sich um das Gefühl für ein inneres Sich-Selbst-Gleichsein, ein Wissen um die eigene Unverwechselbarkeit und deren Bejahung. Oder mit Erving Goffman im Anschluss an Erikson ausgedrückt „das subjektive Empfinden seiner eigenen Situation und seiner eigenen Kontinuität und Eigenart, das ein Individuum allmählich als ein Resultat seiner verschiedenen sozialen Erfahrungen erwirbt.“

Jürgen Habermas greift in seinem Aufsatz „Moralentwicklung und Ich-Identität“ auf dieses Verständnis von Ich-Identität zurück.

Identitätsethik und das Konzept der personalen Identität

Hauptartikel: Person und Personalität

In der Debatte um Personale Identität, die eng mit der philosophischen Fragestellung um den menschlichen Geist (Philosophie des Geistes) verbunden ist, wird die Frage behandelt, was unsere Identität ausmacht. Diese Frage ist schwierig, da sie im abstraktesten Sinn eine tiefere Frage nach Identität überhaupt (in der Mathematik und Logik) betrifft. Das zentrale Problem der Debatte, die maßgeblich durch Derek Parfit und Sidney Shoemaker geprägt worden ist, lautet: woran machen wir unsere Identität eigentlich fest? – an unserem Gedächtnis? An unserem Bewusstsein? – an etwas Sozialem oder schlicht und ergreifend an unserer Biologie?

Personale Identität ist die subjektive Verarbeitung biographischer Kontinuität bzw. Diskontinuität und ökologischer Konsistenz bzw. Inkonsistenz durch eine Person vor dem Hintergrund einerseits von Selbstansprüchen und andererseits von sozialen Erwartungen (nach Haußer K., Identität, in: Endruweit, G./Trommsdorff, G. (Hrsg.): Wörterbuch der Soziologie, Stuttgart 1989, S. 279–281).

Mitunter wird personale Identität als Summe der „Repräsentationen und Beliefs einer Person über ihre Einzigartigkeit als einmaliges Individuum“ definiert. Dabei lässt sich personale Identität nach Lucas Derks auf sechs verschiedene Arten ausdrücken:

  1. synonym, z. B. „Ich bin ich.“
  2. über den eigenen Namen, z. B. „Ich bin Max Mustermann.“
  3. über eine Metapher, z. B. „Ich bin ein Elefant.“
  4. über eine persönliche Eigenschaft, z. B. „Ich bin sportlich.“
  5. über einen Namen für eine soziale Kategorie, z. B. „Ich bin ein Lehrer.“
  6. über eine bewertete Eigenschaft in einer sozialen Kategorie, z. B. „Ich bin ein guter Lehrer.“

Durch diese sechs Arten wird auch ein Spektrum von der individuellen zur sozialen Identität beschrieben, die als die zwei Pole der personalen Identität gelten können.

Unter individueller Identität versteht man die Selbstinterpretation als eigenständiges Individuum. Es handelt sich um einen subjektiven Konstruktionsprozess, „in dem Individuen eine Passung von innerer und äußerer Welt suchen“ und ein „individuelles Rahmenkonzept“ entwickeln, „innerhalb dessen […] Erfahrungen interpretiert“ werden (Keupp, Heiner u.a., "Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne", Reinbek bei Hamburg 1999, S. 9–12).

Unter sozialer Identität versteht man die Summe aller Zuschreibungen, die man im Vergleich mit Merkmalen in der Gruppe zwar für sich selbst, aber als ein an einer Gemeinschaft teilnehmendes Individuum trifft (soziale Identifikationen als Teil des Ganzen). Man unterscheidet zwischen positiver sozialer Identität und negativer sozialer Identität, je nachdem ob eine Person die Eigengruppe von der Fremdgruppe positiv oder negativ abzugrenzen versucht.

In die personale Identität fließen das Selbstbild und das kinästhetische Selbst ein. In dieser Form spielt es in der Neurolinguistik eine bedeutende Rolle.

Identitätspolitik

Identitätspolitik wird sowohl von dominanten Gruppen zur Erhaltung als auch von dominierten Gruppen zur Änderung des Status quo benutzt.

  • Als Identitätspolitik von dominanten Gruppen bezeichnet man Vorstellungen zur Gestaltung der gesellschaftlichen und staatlichen Verhältnisse, die die Subjekte dadurch bindet, dass sie diese auf die Verwirklichung einer vermeintlich in ihrem Wesen liegenden Norm verpflichtet. Als Normen in diesem Zusammenhang können z. B. gelten: Frau-sein, Deutsch-sein, Weiß-sein, Tolerant sein etc. Diese Festschreibung auf etwas konstruiert Wesentliches, die „Ontologisierung“ von bestimmten Eigenschaften sozialen Ursprungs, führt für Kritiker in letzter Konsequenz zu ausgrenzenden Weltanschauungen und Handlungsweisen.*
  • Demgegenüber versucht die Identitätspolitik der dominierten Gruppen zu einem „Wir-Gefühl“ zu finden, um emanzipatorische Forderungen zu entwickeln und durchzusetzen. Es geht in den dominierten Gruppen darum, sich selber zu repräsentieren und den von außen auferlegten Zuschreibungen eine Selbstdefinition entgegenzusetzen. Dies schließt gegebenenfalls eine Politik der Separation mit ein (z. B. Autonome Feministinnen). Ein Konzept von Identitätspolitik ist die Positive Diskriminierung oder auch affirmative action. Identitätspolitik in diesem Sinne fordert nicht nur Anerkennung für die dominierten Gruppen, sondern auch Bildungszugänge, soziale Mobilität, etc. Auch die Standpunkt-Theorie basiert auf Identitätspolitik, da sie behauptet, dass die Gewinnung von Erkenntnis sozial situiert sei, dass die dominierte Gruppe ein besserer Ort zur Erkenntnisgewinnung / -produktion sei. Dominierte Gruppen verstehen ihre Identitätspolitik oftmals als vorübergehendes notwendiges Stadium, um in einem dialektischen Prozess zur Aufhebung der Differenzen zu gelangen (z. B. klassenlose Gesellschaft).

Analysen zu und Kritik an identitätspolitischen Konzepten wurden von sehr unterschiedlichen Gesellschaftskritikern entwickelt, so von den Theoretikern der Kritischen Theorie wie Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, den Poststrukturalisten wie Jacques Derrida, Michel Foucault (siehe Diskursanalyse), Jacques Lacan und Zygmunt Bauman, von den Theoretikerinnen der Postkolonialismus wie z. B. Gayatri Chakravorty Spivak sowie den Theoretikerinnen der Gender Studies wie Judith Butler.

Siehe auch

Identitätstheorie (Politische Theorie)

Geheimidentität

Die Geheimidentität ist ein Stilmittel, das hauptsächlich in den Literaturgattungen Spionageroman sowie Superheldencomic verwendet wird.

Unter Geheimidentität wird eine Identität verstanden, die der Allgemeinheit nicht bekannt gegeben werden darf oder soll. Sie ist ein v. a. in Superheldencomics häufig auftretendes Element und macht einen wichtigen Teil der Comicfigur aus, wobei ein meist auffälliges, markantes Kostüm und eine Maske die Geheimidentität schützen. Das Kostüm ist dabei oft sehr auffällig gestaltet und mit einem Brustsymbol, z. B. einem stilisierten Buchstaben oder einem Piktogramm, versehen, um von der wahren Identität abzulenken.

Superhelden legen sich in der Regel eine Geheimidentität zu, um ihr Privatleben und das ihrer Familie und Freunde vor Racheakten seitens ihrer Feinde zu schützen.

Viele Superhelden haben aber auch keine Geheimidentität, z. B. Aquaman, Wonder Woman oder die Mitglieder der Fantastischen Vier. Andere hatten eine Geheimidentität, enthüllten sie aber später der Öffentlichkeit. Beispiele dafür sind Daredevil, Captain America oder Iron Man. Auch Spider-Man (Peter Parker) trat während Civil War mit seinem richtigen Namen an die Öffentlichkeit, da aber die Zeit zurückgedreht wurde, war der Civil War und seine Folgen aufgehoben.

Die großen Superhelden-Verlage Marvel und DC nehmen bei der Enttarnung der Helden eine entgegengesetzte Position ein: Bei Marvel herrscht die Tendenz vor, die richtigen Namen bekannt zu geben, bei DC steht der Schutz des Privatlebens im Vordergrund.

Die Geheimidentität ist klassisch für Superhelden, weswegen sie aber auch negativ kritisiert wird: "... hat sooooo einen Bart" (siehe [1]). Zudem wird hin und wieder die oft recht oberflächliche Tarnung (z.B. eine Brille, die Clark Kent trägt, um nicht als Superman erkannt zu werden) bemängelt sowie die Tatsache, dass sich der Inhalt der Geschichten in Comics wiederholt: Die nicht bekannte Identität wird bedroht und muss auf einfallsreiche Weise weiterhin geschützt werden.

Identität im Recht

Im Kontext des Rechts bezeichnet Identität die Übereinstimmung der personenbezogenen Daten mit einer natürlichen Person. Diese Identität kann formal durch eine rechtsverbindliche Identitätsfeststellung bestimmt werden. Der rechtswidrige Missbrauch der persönlichen Daten einer natürlichen Person wird als Identitätsdiebstahl bezeichnet.

Die Identität einer Person besteht, wenn Personengleichheit mit einem amtlichen Lichtbildausweis besteht. Hierzu wird eine Identitätsfeststellung (z. B. nach § 163 b Abs. 1 StPO) oder ein Personenfeststellungsverfahren vorgenommen. Des Weiteren kann auch der Vergleich von DNA, Lichtbildern (z. B. Täterbilder), Biometrie, Fingerabdrücke u. a. eine Identifizierung herbeiführen.

Identität in der Mathematik

Gleichungen zwischen arithmetischen Ausdrücken

Sind A1 und A2 arithmetische Ausdrücke, so heißt die Zeichenreihe A1 = A2 eine Gleichung. Eine Gleichung A1 = A2 heißt allgemeingültig oder auch Identität genau dann, wenn für jede Belegung φ gilt:

Wert(A1,φ) ∈ ℝ,  
Wert(A2,φ) ∈ ℝ und 
Wert(A1,φ) = Wert(A2,φ). 

Anmerkung: Das Zeichen = tritt in dieser Definition in zwei unterschiedlichen Bedeutungen auf, und zwar einmal als syntaktisches Zeichen zwischen den Ausdrücken A1 und A2 und zum anderen als Bezeichnung der Gleichheit in ℝ.

Wir beschränken uns bei dieser Bemerkung zur Identität auf eine Interpretation arithmetischer Ausdrücke über dem Körper der reellen Zahlen ℝ. Die Interpretation der arithmetischen Ausdrücke erfolgt durch eine eindeutige Abbildung, Wert, die in Abhängigkeit von einer Belegung ϕ gewisse arithmetische Ausdrücke in die Menge ℝ der reellen Zahlen abbildet. Das Bild eines solchen Ausdrucks A (also die ihm zugeordnete Zahl) heißt Wert von A bei der Belegung ϕ, bezeichnet mit Wert(A,φ) ∈ ℝ.

Beispiel: (x+a)² ≡ x² + 2ax + a²

Identitäten werden oft notiert mit einem Gleichheitszeichen, das nicht aus zwei, sondern drei Strichen besteht (≡).

Stichworte sind: Unterschied von (semantischer) Gleichheit und (syntaktischer) Identität logischer Formeln; Gleichheit; Identische Funktion.

Siehe auch:

Philosophische Probleme der Identität

Der Begriff der „Identität“ ist Gegenstand einiger Fragen und Auseinandersetzungen in der Philosophie (vgl. Subjekt).

Bedeutsam ist die Frage, wie weit man bei Dingen überhaupt von „Identität“ sprechen kann: welche Dinge sind identisch, welche nicht? Hier kommt es zu Problemen, wenn man den alltäglichen Sprachgebrauch ungeprüft in eine formale Sprache bringen will. So wird man im Alltag kaum behaupten: „Dieser Baum dort ist nicht mehr derselbe Baum wie eben“, nur weil er einige Blätter verloren hat; oder „Diese Person ist nicht mehr dieselbe“, nur weil ihre Haare geschnitten wurden. Wann man vom Gleichbleiben eines Dinges, von der Veränderung eines Dinges oder sogar dem Entstehen eines neuen Dinges redet, ist in der Umgangssprache nicht festgelegt; die Grenzen sind fließend.

Auf die Widersprüche, die sich aus diesem unklaren Sprachgebrauch ergeben können, wies etwa Thomas Hobbes mit einem Beispiel hin. Er spricht über das Schiff des Theseus:

„Werden in diesem Schiff nach und nach alle Planken durch neue ersetzt, dann ist es numerisch dasselbe Schiff geblieben; hätte aber jemand die herausgenommenen alten Planken aufbewahrt und sie schließlich sämtlich in gleicher Richtung wieder zusammengefügt und aus ihnen ein Schiff gebaut, so wäre ohne Zweifel auch dieses Schiff numerisch dasselbe Schiff wie das ursprüngliche. Wir hätten dann zwei numerisch identische Schiffe, was absurd ist.“

T. Hobbes: Grundzüge der Philosophie. Erster Teil. Lehre vom Körper

Dieses Paradox entsteht, wenn wir beim Austausch von nur einer einzigen Planke nicht annehmen, dass sich das Schiff wesentlich verändert hätte: es scheint uns immer noch dasselbe zu sein. Werden aber viele kleine Veränderungen nacheinander vorgenommen, die wir einzeln vernachlässigen, scheint ein paradoxes Ergebnis zu folgen. Anscheinend kann die alltägliche Redeweise von Identität nicht ohne weiteres übernommen werden. Für Probleme dieser Art wurden die verschiedensten Antworten vorgeschlagen. In den letzten Jahren wurde beispielsweise darüber debattiert, ob Objekte aus Zeitscheiben bestehen oder ob Objektidentität über die Zeit im Rahmen von drei- oder vierdimensionalen Ontologien (wie sie etwa Ted Sider entwickelt und verteidigt hat) schlüssig zu erklären ist.

Eine klassische Definition der Identität, gibt das Leibniz-Gesetz, das sich so formulieren lässt: „Zwei Dinge sind identisch, wenn sie in allen ihren Eigenschaften ununterscheidbar sind.“

Wie dieses Gesetz der Identität des Ununterscheidbaren zu verstehen ist, ist kontrovers. Leibniz glaubt anscheinend, dass es keine Objekte gibt, die sich in allen Merkmalen gleichen. Ein bekanntes Beispiel ist seine Erzählung von der erfolglosen Suche nach zwei völlig identischen Kleeblättern. Allerdings bezieht das erwähnte Prinzip auch Merkmale ein, die wir nicht mittels unserer Sinnesorgane unterscheiden können. Des Weiteren ist strittig, ob Leibniz hier auch relationale Eigenschaften (Beziehungen zwischen Objekten), insbesondere die Position in Raum und Zeit, für einschlägig hält.

Zahlreiche Klassiker der Metaphysik würden etwa im Anschluss an Aristoteles vertreten, dass für die Identität eines Objekts nur diejenigen Eigenschaften konstitutitiv sind, welche ihm notwendig zukommen (essentielle Eigenschaften statt Akzidentien). Ob dies hilfreich ist und wie dies präzise rekonstruierbar ist, ist Gegenstand aktueller Debatten. Diese gewannen an Klarheit und Komplexität, seit Probleme der Möglichkeit und Notwendigkeit (Modalität) im Rahmen ontologischer Modelle von möglichen Welten reformuliert werden können. Dabei ist beispielsweise die Identität von Objekten über mögliche Welten hinweg kontrovers.

Ob am selben Ort zur selben Zeit nur je ein Ding existieren kann, wird unterschiedlich beurteilt, abhängig von weiteren ontologischen Theoriestücken, etwa der Analyse von Teil-Ganze-Beziehungen (sog. Mereologie).

Weiterführende Vorschläge in diesem Zusammenhang betreffen etwa die Unterscheidung zwischen numerischer Identität und Typ-Identität: zwei Dinge können vom selben Typ sein, obwohl sie numerisch verschieden sind.

Noch komplexer sind die Debatten um die Identität des wahrnehmenden Subjekts über die Zeit (siehe obigen Abschnitt zur Personalen Identität).

Wie Identitätsaussagen, welche einen oder mehrere Begriffe einem anderen gleichsetzen, zu interpretieren sind, wird in unterschiedlichen logischen und semantischen Modellen verschieden erklärt. Häufig wird dabei zwischen Intension und Extension (Begriffsumfang, die Menge der bezeichneten Gegenstände) unterschieden und letztere im Sinne von Frege mit dem Wahrheitswert eines Satzes gleichgesetzt. Ein einfacher Vorschlag (etwa von Leibniz) ist dann, dass Begriffe identisch sind (identitatis notionum), wenn sie sich unter Erhaltung des Wahrheitswertes austauschen lassen.

Die Analyse mathematischer Gleichheit (2 + 2 = 4) wird im Rahmen unterschiedlicher Philosophien der Mathematik verschieden vorgenommen.

Mauthner kritisiert den Identitätsbegriff als entweder vollständig tautologisch, also „...so leer, daß er außerhalb der Logik schon den Verdacht des Blödsinns erregen müßte“, oder als Fälschung bzw. Betrug, da er vorhandene Unterschiede ignoriert oder verschweigt. „In der Wirklichkeit gibt es keine Gleichheit...“[1]

Identität in der Erziehung

Identität des Kindes/Jugendlichen ist das Ziel jeglicher Erziehungsbemühungen, wobei man davon ausgeht, dass der Erziehende seine Methodik darauf abstimmen bzw. überprüfen muss, ob sie dem Ziel förderlich ist (oder nicht). (Kritik dieser Vorstellung bei Ladenthin/Schulp oder Ines Breinbauer).

Die gelungene Identität hat u. a. zur Folge, dass sie weitere Erziehungsbemühungen der Erziehenden unnötig macht. Zudem hat das ehemalige Kind eine eigene Dynamik entwickelt, die es ihm auf der einen Seite ermöglicht, gesellschaftliche Prozesse selbst und eigenständig - im Sinne seiner Identität - zu beeinflussen und zu gestalten, sowie auf der anderen Seite sich bestimmten Einflüssen auszusetzen, um die individuelle Dynamik zu modifizieren.

Identität ist damit - weder in Erziehungsprozessen noch bei gesellschaftlichen Aktivitäten - keine statische Größe, wie der Begriff vielleicht nahe legen könnte, sondern ein dynamisches Ganzes, das stets Veränderungen unterliegt, was gleichzeitig eine Stärke menschlicher Entwicklung genannt werden kann. Die Wir-Identität ist nach dem amerikanischen Anthropologen Michael Tomasello (Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig) gleichzeitig eine Errungenschaft des Menschen, die bei keinem Tier vorhanden ist (DIE ZEIT 16/2009, S. 33). Ein Projekt gemeinsam verfolgen zu können, indem man miteinander zielgerichtet kommuniziert und dabei eigene Interessen unterordnet, auch das dadurch erworbene Wissen an andere Individuen weitergeben zu können, sei eine Errungenschaft menschlicher Entwicklung.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. a b Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie, Artikel „A = A“. Diogenes 1980, ISBN 3-257-20828-6
  2. Rolf Oerter und Leo Montada: Entwicklungspsychologie. 5., vollständig überarbeitete Auflage, Beltz PVU, Weinheim 2002, ISBN 3621274790, S. 292.

Literatur

  • Aleida Assmann/Heidrun Friese (Hg.): Identitäten (Erinnerung, Geschichte, Identität, 3). Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1998, ISBN 3-518-29004-5.
  • Heinz Abels: Identität. Über die Entstehung des Gedankens, dass der Mensch ein Individuum ist, den nicht leicht zu verwirklichenden Anspruch auf Individualität und die Tatsache, dass Identität in Zeiten der Individualisierung von der Hand in den Mund lebt, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, ISBN 3-531-15138-X.
  • Luigi Giorgio Barzini: Die Italiener, Scheffler, Frankfurt a.M. 1965.
  • Wolfgang Bergem: Identitätsformationen in Deutschland, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005, ISBN 3-531-14646-7.
  • Ines M. Breinbauer, Identität - Ziel von Bildung?, in: Ines M. Breinbauer, Michael Langer, Hrsg., Gefährdung der Bildung - Gefährdung des Menschen. Festschrift für Marian Heitger zum 60. Geb., Böhlau Verlag, Wien/Köln/Graz 1987, S. 225-232.
  • Michael Quante (Hg.): Personale Identität. Paderborn 1999. (darin u.a. auch die Texte von Parfit und Shoemaker)
  • Susanne Biermair: Identitätsfindung als Weg zur Selbstverwirklichung nach Erik H. Erikson. Pädagogische Akademie des Bundes Steiermarks/ Archivnummer: V65532, 2005.
  • Christoph Brecht/Wolfgang Fink (Hg.): „Unvollständig, krank und halb?“ Zur Archäologie moderner Identität. Aisthesis, Bielefeld 1996, ISBN 3-89528-160-3.
  • Stephan Conermann (Hg.): Mythen, Geschichte(n), Identitäten: Der Kampf um die Vergangenheit. EB-Verlag, Schenefeld/Hamburg 1999 (= Asien und Afrika; 2), ISBN 3-930826-52-6.
  • Richard van Dülmen (Hg.): Entdeckung des Ich: Die Geschichte der Individualisierung vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Böhlau, Köln et al. 2001, ISBN 3-412-02901-7.
  • Hans-Peter Frey (Hg.): Identität. Entwicklungen psychologischer und soziologischer Forschung. Enke, Stuttgart 1987, ISBN 3-432-96401-3.
  • Aaron J. Gurjewitsch: Das Individuum im europäischen Mittelalter. Verlag C. H. Beck, München 1994, ISBN 3-432-96401-3.
  • Stephan Humer: Digitale Identitäten. Der Kern digitalen Handelns im Spannungsfeld von Imagination und Realität. CSW-Verlag, Winnenden 2008, ISBN 3-981-14173-3.
  • Heiner Keupp et al.: Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1999, ISBN 3-499-55634-0.
  • Maria Katarzyna Lasatowicz/Jürgen Joachimsthaler (Hg.): Nationale Identität aus germanistischer Perspektive. In: Opole: Wydawnictwo Uniersytetu Opolskiego, 1998, ISBN 83-87635-13-8.
  • Odo Marquard/Karlheinz Stierle (Hg.): Identität (Poetik und Hermeneutik VIII), Fink, München 1979.
  • Michael Metzeltin: Wege zur Europäischen Identität. Individuelle, nationalstaatliche und supranationale Identitätskonstrukte. Berlin, Frank & Timme, 2010, ISBN 978-3-86596-297-3.
  • Robert Hettlage/Ludger Vogt (Hg.): Identitäten in der modernen Welt. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2000, ISBN 3-531-13217-2.
  • Lutz Niethammer: Kollektive Identität. Heimliche Quellen einer unheimlichen Konjunktur. Unter Mitarbeit von Axel Doßmann (rowohlts enzyklopädie, hg. v. Burghard König). Rowohlt, Reinbek 2000, ISBN 3-499-55594-8.
  • Kien Nghi Ha: Ethnizität und Migration reloaded. Kulturelle Identität, Differenz und Hybridität im postkolonialen Diskurs. Neuausg., wvb, Berlin 2004, ISBN 3-86573-009-4.
  • Jürgen Link/Wulf Wülfing (Hg.): Nationale Mythen und Symbole in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Strukturen und Funktionen von Konzepten nationaler Identität. (Sprache und Geschichte 16), Klett-Cotta, Stuttgart 1991.
  • Annette Barkhaus/Matthias Mayer/Neil Roughley/Donatus Thürnau (Hg.): Identität. Leiblichkeit. Normativität. Neue Horizonte anthropologischen Denkens. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1996 (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1247).
  • Volker Ladenthin; Gabriele Schulp-Hirsch: Identitätsprobleme. Pädagogische Schwierigkeiten mit einem Begriff, in: Schulmagazin 5 bis 10 (1998) H.12, S. 51-54.
  • Angelika Magiros: Kritik der Identität. „Bio-Macht“ und „Dialektik der Aufklärung“. Zur Analyse (post-)moderner Fremdenfeindlichkeit – Werkzeuge gegen Fremdenabwehr und (Neo-)Rassismus. Unrast Verlag 2004, ISBN 3-89771-734-4.
  • Juliane Noack: Erik H. Eriksons Identitätstheorie. Athena Verlag, Oberhausen 2005, ISBN 3-89896-232-6.
  • Helga Schachinger: Das Selbst, die Selbsterkenntnis und das Gefühl für den eigenen Wert. 2005, ISBN 3-456-84188-4.
  • Daniel Sanin: Zur Kritik des Identitätsbegriffs. Eine Analyse im Spannungsfeld von Subjektivität und Kollektivität. Diplomarbeit, 2002. Volltext
  • Alfred Schobert/Siegfried Jäger (Hg.): Mythos Identität. Fiktion mit Folgen. Unrast Verlag 2004, ISBN 3-89771-735-2. (international angelegter Überblick über Nationen- und Identitätenbildung)
  • Bernd Simon: Identity in Modern Society. A Social Psychological Perspective. Oxford et al. 2004.
  • Herrmann Veith: Das Selbstverständnis des modernen Menschen. Theorien des vergesellschafteten Individuums im 20. Jahrhundert. Campus, Frankfurt a.M./New York 2001, ISBN 3-593-36736-X.
  • Hartmut Wagner: Bezugspunkte europäischer Identität. Territorium, Geschichte, Sprache, Werte, Symbole, Öffentlichkeit – Worauf kann sich das Wir-Gefühl der Europäer beziehen? LIT Verlag, Münster et al. 2006, ISBN 3-8258-9680-3.
  • Herbert Willems/Alois Hahn (Hg.): Identität und Moderne. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1999, ISBN 3-518-29039-8.
  • Jörg Zirfas, Benjamin Jörissen: Phänomenologien der Identität. Human-, sozial- und kulturwissenschaftliche Analysen. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007, ISBN 3-8100-4018-5.

Weblinks

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