Feminismus
Internationaler Frauentag

Feminismus (abgeleitet aus dem französisch féminisme, vom lat. Wortstamm femina = Frau) ist eine Sammelbezeichnung für heterogene Konzepte, die die Rechte und Interessen von Frauen thematisieren. Von der gesellschaftlichen Ungleichheit zwischen Mann und Frau ausgehend, zielt der Feminismus auf eine verbesserte Lage der Frau und ihre faktische Gleichstellung in der Gesellschaft. Unter dem Begriff Feminismus werden zahlreiche, teilweise auch gegenläufige Strömungen zusammengefasst.

Inhaltsverzeichnis

Allgemeines

Der Feminismus ist sowohl eine Theorie als auch eine politische Bewegung mit dem Ziel, die Gleichberechtigung, Menschenwürde und Entscheidungsfreiheit von Frauen sowie Selbstbestimmung zu erreichen. Er tritt für eine Gesellschaftsstruktur ein, in der die Unterdrückung von Frauen, die er als gesellschaftliche Norm analysiert hat, beseitigt ist und die Geschlechterverhältnisse durch Ebenbürtigkeit geprägt sind. Der Feminismus sieht die in der bisherigen Geschichte vorherrschenden Gesellschaftsordnungen als androzentrisch an und interpretiert diesen Umstand als Männerherrschaft (Patriarchat). Er interpretiert Ungerechtigkeiten Frauen gegenüber als patriarchal verursacht.

Auf dieser Grundlage haben sich zahlreiche Strömungen und Ausprägungen entwickelt, die einander teilweise ergänzen, aber auch widersprechen. Ihre besondere Aufmerksamkeit gilt dem Abbau der festgestellten Herabsetzung und Benachteiligung von Frauen gegenüber Männern, sowie teilweise der Aufwertung von als weiblich geltenden Eigenschaften und Werten. Feministische Wissenschaftskritik und feministische Forschung machen es sich in vielen Fachbereichen zur Aufgabe, bisherige Ausblendungen der weiblichen Geschichte und der Leistungen von Frauen sichtbar zu machen und auf diesen Gebieten nachzuarbeiten.

Bis heute hat sich keine einheitliche feministische Theorie herausbilden können, und es ist umstritten, ob dies möglich ist. Die politische und soziale Bewegung des Feminismus geriet immer wieder in Krisen. Dem Rückzug ins Private folgte bei einigen Feministinnen die Hinwendung zum Esoterischen, zu einer „neuen Weiblichkeit“, was heute teilweise als eigene Richtung des Feminismus interpretiert, teilweise auch als Weiterentwicklung des traditionellen Differenzfeminismus angesehen wird.

Zur Geschichte des Feminismus

Hauptartikel: Frauenbewegung

Zum Begriff des Feminismus

Der Begriff Feminismus ist erstmals durch die Schriften des Sozialphilosophen Charles Fourier (1772-1837) bekannt geworden, indem er den Grad der Befreiung der Frau als Maßstab von gesellschaftlicher Entwicklung formulierte: „Der soziale Fortschritt […] erfolgt aufgrund der Fortschritte in der Befreiung der Frau“.[1] Heute wird damit unter anderem die Neue Frauenbewegung assoziiert (seit der APO in der Bundesrepublik Deutschland der 1960er Jahre), vor allem aber die ihr zugrunde liegenden theoretischen Konstrukte, wobei diese aus vielen einander ergänzenden und einander teilweise widersprechenden theoretischen Ansätzen bestehen. In Deutschland war bis Mitte des 20. Jahrhunderts der Begriff „Emanzipation“ weitaus geläufiger als der Begriff Feminismus.

Anfänge des Feminismus

Hedwig Dohm, um 1870

Frühe Ideen des abendländischen Feminismus finden sich in den Schriften von Marie Le Jars de Gournay, die schon im 17. Jahrhundert die Menschenrechte proklamierte. Aber auch die Schriften von Christine de Pizan, Olympe de Gouges, Mary Wollstonecraft, Hedwig Dohm gelten als typische frühe Werke der abendländischen feministischen Philosophie.

Olympe de Gouges, 18. Jahrhundert

Der Feminismus als Theorie und Weltanschauung entstand erstmals im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, als im Gefolge der bürgerlichen Revolutionen Verfassungen mit Grundrechtskatalogen verabschiedet wurden. Allerdings waren Frauen als Träger dieser Grundrechte nur eingeschränkt vorgesehen. Dagegen protestierte in Frankreich Olympe de Gouges. So stellte sie 1791 den 17 Artikeln der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, die sich nur auf Männer bezogen, in 17 Artikeln ihre Frauenrechte gegenüber, die den berühmten Satz enthielten: „Wenn die Frau das Recht hat, das Schafott zu besteigen, muss sie auch das Recht haben, die (Redner)Tribüne zu besteigen.“ Politische Mitwirkungsrechte, die in der Revolution zunächst erkämpft oder eingeräumt wurden, wurden bald wieder eingeschränkt.[2] Olympe de Gouges wurde 1793, nachdem sie Robespierre öffentlich angegriffen und eine Abstimmung über die Staatsform gefordert hatte, auf Veranlassung des Revolutionstribunals hingerichtet.[3]

Erste Welle des Feminismus

Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts entstand in vielen Ländern Europas, den USA und in Australien die erste Welle des Feminismus und der Frauenbewegung.[4] Ihre Vertreterinnen strebten eine politische Gleichstellung mit den Männern an (Frauenwahlrecht, sowie ein Ende der zivilrechtlichen Mündelschaft unter Vater oder Ehemann, gleichen Lohn für gleiche Arbeit, Zugang für Frauen zur Universität und zu allen Berufen und Ämtern.[5]) Den Forderungen nach Zugang zum Universitätsstudium wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts in vielen Ländern stattgegeben, allerdings studierten zunächst nur sehr wenige Frauen, wie Rosa Luxemburg. Das Frauenwahlrecht wurde in Deutschland 1918 und der Sowjetunion 1917 als Folge von sozialistischen Revolutionen eingeführt, in den USA und Großbritannien wurde es im gleichen Zeitraum den Frauen als „Belohnung“ für ihre Kriegsanstrengungen gewährt. Andere Länder wie Frankreich und Italien führten das Frauenwahlrecht erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein.[6]

Proletarische Frauenbewegung

Im Gegensatz zur sogenannten bürgerlichen Frauenbewegung stand die proletarische Frauenbewegung. Sie konstituierte sich im Umkreis der sozialdemokratischen Parteien der Zweiten Internationale wie der SPD und der SDAPR. Gegen Ende des 19. Jahrhundert hielt sie eigene Kongresse ab und formulierte spezielle Forderungen. Sie forderte zunächst einmal die Organisierung der Arbeiterinnen in der Textilindustrie und dem Bergbau, was durch das reaktionäre preußische Vereinsgesetz verboten war. Ihre Aktionen waren zunächst auf die unmittelbare Verbesserung der Lebenssituation der Proletarierinnen (Verkürzung der täglichen Arbeitszeit, Absicherung bei Krankheit und Arbeitslosigkeit) gerichtet. Auch thematisierte sie die Doppelbelastung der Frauen als Arbeiterin und Hausfrau. Ausweg aus dieser Situation bieten demnach nicht Reformen, sondern erst die sozialistische Revolution wird die Voraussetzungen für die grundlegende Beseitigung dieser unmenschlichen Verhältnisse und für die Befreiung der Frauen schaffen.

Bedeutende Theoretikerinnen und Theoretiker der proletarischen Frauenbewegung sind Clara Zetkin, Friedrich Engels, August Bebel und Alexandra Kollontai. Sie teilten die auf Karl Marx zurückgehende Vorstellung, dass Erwerbsarbeit der Frauen eine grundlegende Bedingung für ihre Emanzipation ist.[7]

Friedrich Engels kam aufgrund seiner ethnologischen Studien in seinem Werk Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates zu dem Ergebnis, dass das Matriarchat die ursprüngliche, weltweit verbreitete Form des menschlichen Zusammenlebens gewesen sei. Der Übergang zum Patriarchat war demnach die erste große Umwälzung in der Geschichte der Menschheit und gleichzeitig die historische Niederlage des weiblichen Geschlechts. Ursache für den Übergang zum Patriarchat war nach Engels das aufkommende Privateigentum, wodurch die Männer ein Interesse daran hatten, ihr Eigentum an ihre biologischen Nachkommen zu vererben. Das war Engels zufolge nur möglich, wenn die Sexualität der Frauen beschränkt und kontrolliert wird. Diesem Zweck diente die patriarchale monogame Ehe, die Engels als Unterdrückungsinstrument für die Frau bezeichnete. Während Engels noch an einen friedlichen Übergang von Matriarchat zum Patriarchat glaubte, betonte August Bebel den gewaltsamen Charakter dieses Umsturzes. Insbesondere die Amazonensagen deuten seiner Meinung nach auf den massiven Widerstand der Frauen gegen ihre Entrechtung hin.[8]

Auf diesen Vorarbeiten aufbauend, forderte die Revolutionärin Alexandra Kollontai während der russischen Revolution auch eine grundlegende Umwälzung der Geschlechter- und Sexualbeziehungen. Die unterdrückerische Kleinfamilie sollte absterben, die Menschen freiwillig in größeren Kommunen zusammenleben. Anstelle einer erzwungenen ehelichen Treue sollte die freie Liebe treten. Der Staat habe Einrichtungen zur Kindererziehung wie Kinderkrippen und -gärten zur Verfügung zu stellen und so weit wie möglich die Hausarbeit zu vergesellschaften, beispielsweise durch Errichtung von allgemein zugänglichen Kantinen und Wäschereien. Hierdurch hätten Frauen die Möglichkeit, gleichberechtigt am Berufsleben teilzunehmen.[9]

Die Hauptthese dieser proletarischen Frauenbewegung im 19. und 20. Jahrhundert war, dass der Kampf um die Frauenrechte demjenigen des gesamten Proletariats um eine sozialistische und schließlich kommunistische Gesellschaft untergeordnet werden müsse.

Zweite Welle des Feminismus

Die erste Welle des Feminismus ebbte in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts ab. Ihre grundlegenden Forderungen waren in vielen Ländern bereits erfüllt. Zugleich wirkten zahlreiche Faktoren zusammen, um den Frauen wieder ihren traditionellen Platz zuzuweisen. In der Weltwirtschaftskrise ab 1929 verschärfte sich die Konkurrenz um Arbeitsplätze, Frauen wurden in der Regel als erste entlassen. Der deutsche Faschismus beschränkte die Möglichkeiten der Frauen zum Studium und ihre Einstellung als Beamtin. In der stalinistischen Sowjetunion wurden zwar die Frauen nahezu vollständig in den Arbeitsprozess eingegliedert, allerdings wurde die patriarchale Kleinfamilie rekonstruiert, die wenigen verbleibenden Kommunen zerschlagen und Einrichtungen zur Vergesellschaftung der Hausarbeit aufgelöst. Scheidung wurde erschwert und Abtreibung verboten.[10] Im Zweiten Weltkrieg wurden zahlreiche Frauen in der Industrie beschäftigt, allerdings kam es in der Nachkriegszeit zu einer Rückbesinnung auf die traditionelle Rolle als Hausfrau und Mutter. Gegen diese Konstellation protestierten Vertreterinnen einer neuen Frauengeneration.

Betty Friedan, 1960

Simone de Beauvoir postulierte 1949 in ihrem viel beachteten Werk Das andere Geschlecht, dass die Verschiedenheit der Geschlechter, die gleichzeitig als Rechtfertigung der Unterdrückung der Frau diente, nicht natur- sondern kulturbedingt sei. Die Konstruktion der Frau als das andere Geschlecht lasse sich nur aus den jeweils herrschenden Moralvorstellungen, Normen und Sitten einer Kultur erklären. Beauvoir setzte sich für eine Entmystifizierung der Mutterschaft und das Recht auf Abtreibung ein.

Die US-Amerikanerin Betty Friedan veröffentlichte 1963 das Buch Der Weiblichkeitswahn. Sie sah in der Reduktion der Frauen auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter die Ursache für die Unzufriedenheit und Unausgefülltheit vieler Mittelschichtfrauen, ein Leiden, das von einem Arzt aus Cleveland als „Hausfrauen-Syndrom“ bezeichnet wurde. Friedan forderte die allgemeine Berufstätigkeit der Frauen, allerdings vor allem in solchen Feldern, die es ihnen ermöglichen, ihre Fähigkeiten voll zu verwirklichen und eine eigene Identität in der Gesellschaft zu erlangen.[11]

Kate Millett prägte 1970 mit ihrem Werk Sexual politics (dt. Sexus und Herrschaft) entscheidend den Diskurs des radikalen Feminismus in den 1970er und 1980er Jahren. Sie betrachtet das Patriarchat als das grundlegende Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnis, da es in nahezu allen Gesellschaftsformationen als Konstante vorkommt, auch in „sozialistischen“ Gesellschaften. Es steht demnach über dem Klassenwiderspruch. Obwohl Millett sich auch als Sozialistin bezeichnet, fordert sie, das Patriarchat unmittelbar und sofort zu bekämpfen, ohne auf eine sozialistische Revolution zu warten, die nicht auf der Tagesordnung stehe. In diesem Kampf stehen sich Männer und Frauen unversöhnlich gegenüber. In anderen Teilen ihres Buches analysiert sie die anthropologischen und religiösen Mythen, die die Unterdrückung der Frauen rechtfertigen. Des Weiteren kritisiert sie Schriftsteller wie D.H. Lawrence, Henry Miller und Norman Mailer, denen sie vorwirft, mit ihrer patriarchalen Erotik zur Erniedrigung und Unterwerfung der Frauen beizutragen. Damit sprach sie ein weiteres wichtiges Thema des Feminismus in den 70er Jahren an und zwar seine Stellung zur Sexualität und Pornographie.[12]

Themen des Feminismus

Die zentralen Debatten des Feminismus unterliegen einem Wandel. Ab den 1960er Jahren wurden unter anderem folgende Themen aufgegriffen:

Strömungen innerhalb des Feminismus

Gleichheitsfeminismus/Differenzfeminismus

Simone de Beauvoir (rechts)

Die Trennung zwischen Gleichheits- und Differenzfeminismus ist ein zentrales Unterscheidungsmerkmal innerhalb der verschiedenen feministischen Strömungen. Im sogenannten Gleichheitsfeminismus (auch Egalitätsfeminismus, Radikalfeminismus) gehen die Akteure von einer grundsätzlichen Gleichheit (Universalismus) der Geschlechter aus und begründen die zwischen den Geschlechtern existierenden Unterschiede hauptsächlich mit gesellschaftlichen Machtstrukturen und Sozialisation der Menschen. Nach dieser Theorie gibt es kein „typisch männlich“ und „typisch weiblich“, sondern nur durch geschlechtsspezifische Sozialisation und Aufgabenteilung begründete Verhaltensunterschiede zwischen den Geschlechtern.

„Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.“ (Simone de Beauvoir) Die Anhängerschaft dieser Strömung kämpft seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs für die Aufhebung sämtlicher geschlechtsspezifischer gesellschaftlicher Unterschiede, um so den Menschen zu ermöglichen, nach ihren individuellen Fähigkeiten und Vorlieben zu leben, statt nach gesellschaftlich vorgegebenen Geschlechterrollen.

Die Idee wurde erstmals von Simone de Beauvoir in das Das andere Geschlecht aufgeworfen und wird im deutschsprachigen Raum unter anderem von Alice Schwarzer vertreten. Radikalisiert wurde dieser Gedanke im Anschluss an de Beauvoir durch einen Teil der um die französische Zeitschrift Nouvelles Questions Féministes (NQF) gruppierten Feministinnen. Während für de Beauvoir Anatomie letztlich als gegeben und Teil der Situation galt, interpretierten die Feministinnen der NQF selbst das biologische Geschlecht noch als Konstrukt mit dem Zweck, die Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen zu markieren. Analytisch wird vor allem mit dem Gender-Konzept gearbeitet, das zwischen sozialem Geschlecht (Gender) und biologischem Geschlecht (Sex) unterscheidet. Der Begriff „Radikalfeminismus“ wurde 1981 von Mary Daly definiert.[13]

Anhängerinnen und Anhänger des „Differenzfeminismus“ dagegen gehen in ihrer Analyse von der Verschiedenheit der Geschlechter aus. Dabei reicht das Spektrum von denen, die eine grundsätzliche wesensmäßige Verschiedenheit der Geschlechter annehmen, die meist aus der Tatsache der biologischen Mutterschaft von Frauen hergeleitet wird, bis hin zu solchen, die die Frage nach der wesensmäßigen Bedingtheit der Geschlechter für irrelevant halten und die faktische Differenz, die sich im Alltagsleben zeigt, zum Ausgangspunkt für politisches Handeln nehmen (und eben nicht die Orientierung an der Gleichheit).[14] Als radikalste Vertreterin eines biologisch determinierten Differenzgedankens gilt heute Antoinette Fouque, die sich in Abgrenzung von den Differenzfeministinnen selbst als Antifeministin bezeichnet.[15]

Dekonstruktivistischer Feminismus/Postfeminismus

Judith Butler, 2007

Judith Butler, die Autorin von Das Unbehagen der Geschlechter, und andere Vertreter des feministischen Dekonstruktivismus und des Postfeminismus bauen auf dem Beauvoirschen Egalitätsfeminismus auf und gehen einen Schritt weiter: Sowohl das biologische Geschlecht (sex) als auch das soziale Geschlecht (gender) seien gesellschaftliche Konstrukte, das Geschlecht müsse deshalb als Klassifikationseinheit abgelehnt werden.

Ins Zentrum dieser Theorie tritt die Differenz unter Menschen, das heißt, angenommene Gemeinsamkeiten und Geschlechtsidentitäten werden „aufgelöst, dekonstruiert“ – die Unterschiede der Menschen eines Geschlechts seien stärker als die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Stattdessen wird davon ausgegangen, dass es so viele Identitäten gibt, wie es Menschen gibt. Auch die in den vorherigen Ansätzen angenommene Zweigeschlechtlichkeit wird aus dekonstruktivistischer Sicht bestritten und durch Vielgeschlechtlichkeit ersetzt.

Marxistischer Feminismus

Hauptartikel: Marxistischer Feminismus
Clara Zetkin (links) und Rosa Luxemburg (rechts), 1910

Marxistischer Feminismus setzt sich vor allem für die gesamtgesellschaftlichen Rechte der Frau ein und sieht diese als Voraussetzung oder Element für die Überwindung des kapitalistischen Systems an. Ebenso stellt die Frage nach unbezahlter Haus- und Reproduktionsarbeit, gerade in Zusammenhang mit der kapitalistischen Produktion, eine zentrale Thematik dar. Der marxistische Feminismus ist oftmals mit der Arbeiterbewegung verbunden und steht traditionell kommunistischen Parteien oder dem linken Flügel der Sozialdemokratie nahe.

Die marxistische Analyse wird weitgehend geteilt, allerdings wird unterhalb der Klassenwidersprüche als „Hauptwiderspruch“ der Geschlechtsunterschied angenommen und in eine „materialistische Geschichtsinterpretation“ einbezogen. Die teilweise daraus resultierende Forderung nach Aufhebung der biologischen Unterschiede der Geschlechter wird als „Kybernetischer Feminismus“ (auch: „Kybernetischer Kommunismus“) bezeichnet. Shulamith Firestone und Marge Piercy forderten, dass die Gentechnologie die Fortpflanzung übernehmen solle, und so die Frauen von der biologischen Notwendigkeit des Gebärens befreit werden.

Anarchistischer Feminismus

Louise Michel

Die Einflüsse zwischen feministischen Positionen und der Geschichte des Anarchismus ist bislang recht wenig erforscht und beschränkt sich auf wenige herausragende Personen. Für die Anfänge des Anarchismus Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts verbinden beispielsweise Virginie Barbet und André Léo anarchistische mit feministischen Positionen.[16] Louise Michel (1830–1905) wurde vor allem durch ihre Tätigkeit während der Pariser Kommune bekannt. In den USA vertrat die Feministin Victoria Woodhull (1838–1927) anarchistische Positionen innerhalb der ersten Internationale. Als herausragende Figur des amerikanischen Anarchismus gilt auch Emma Goldman (1869–1940). Während Goldman zumindest zeitweise Gewalt als politisches Mittel befürwortete, brachte Clara Gertrud Wichmann (1885–1922) das Prinzip der Gewaltlosigkeit in den politischen Diskurs in Europa ein. Im Spanischen Bürgerkrieg wurde 1936 die feministisch-anarchistisch Frauenorganisation Mujeres Libres gegründet. Der Anarchafeminismus ist eine in den 1970er Jahren geprägte Strömung des Radikalfeminismus, die diesen um Elemente anarchistischer Theorie und Praxis erweitert.

Individualfeminismus

Eine relativ junge Strömung vertritt libertäre Theorien bis hin zum Objektivismus. Das Ziel dieser Gruppe ist es, die Individualrechte aller Menschen, insbesondere der Frauen, aber auch der Männer, zu sichern und zu stärken. Wichtig ist die Verwirklichung des Individuums, deren Grenzen dort gezogen werden, wo ein anderes Individuum in seiner Entwicklung behindert wird. Theoretische Zusammenhänge mit dem Anarchismus werden herausgearbeitet. Die bekannteste Individualfeministin ist Wendy McElroy.

Autonomer Feminismus

Innerhalb der Autonomen Bewegung wird Unterdrückung von Frauen in der Regel als ein von den Klassenwidersprüchen unabhängiger „gesellschaftlicher Widerspruch“ gesehen. Damit unterscheiden sich die Autonomen von den meisten anderen radikalen linken Gruppen und geben feministischer Diskussion großen Raum.

Militanter Feminismus

Valerie Solanas forderte 1967 in ihrem Manifest „SCUM“ die Vernichtung der Männer. Teils als Volksverhetzung, teils als Satire, teils als Werk einer psychisch Kranken verstanden, wurde „SCUM“ zum Thema von Diskussionen innerhalb des Feminismus über dessen Grenzen. Sally Miller Gearhart forderte im 1982 veröffentlichten Essay The Future – If There Is One – Is Female, die männliche Bevölkerung auf 10 % der Gesamtbevölkerung zu reduzieren. Dieser radikalen misandristischen Position schloss sich Mary Daly in einem Interview mit dem EnlightenNext magazine an.[17]

Gynozentrischer Feminismus

Hauptartikel: Gynozentrismus
Venus von Langenzersdorf

Gynozentrismus geht zurück auf Iris Marion Young, die 1985[18] die bis 1970 vorherrschenden liberalen, radikalen und sozialistischen Feminismustheorien als „humanistic feminism“ (dt.: Humanistischer Feminismus) kennzeichnete und die aufkommenden Theorien als „Gynozentrismus“ davon abgrenzte.[19] Die Soziologin Dorothy Smith, ebenfalls eine Vordenkerin dieser Strömung, fußt ihren Ansatz für einen weiblich zentrierten Feminismus auf die gemeinsamen Erfahrungen aller Frauen in einer männlich dominierten Welt.[20] Einige Gynozentrische Ökofeministinnen vertreten biologistische Theorien von Weiblichkeit, so haben Frauen in dieser Vorstellung geschlechtstypische Eigenschaften wie Intelligenz oder Pazifismus, die die Entwicklung der Menschheit insgesamt voran brächten oder positiv beeinflussten.

Aus dieser positiven Betrachtung heraus ergibt sich für den Gynozentrismus die Begründung für die zunehmende Notwendigkeit der gesellschaftlichen Einflussnahme durch Frauen und einer matriarchalen Gesellschaftsordnung.[21]

Andere Feministinnen wie Cäcilia Rentmeister und Heide Göttner-Abendroth lehnen einen solchen Essentialismus ab. Göttner-Abendroth betont die sozialen Vorzüge einer matriarchalen Gesellschaft, die deshalb wieder anzustreben sei.[22] Rentmeister betont die "sozialökologische Intelligenz" matrilinearer Gesellschaften - insbesondere in Bezug auf Familienplanung und reproduktive Rechte.[23]

In der gynozentrisch beeinflussten Archäologie und Geschichtsforschung spielt die Suche, die Erforschung und der Nachweis von matriarchalen Kulturen eine wesentliche Rolle.[24] Ein weiterer Bereich ist die weiblich orientierte Spiritualität,[25] häufig vermischt sich der Gynozentrismus auch mit dem magischen oder neuheidnischen Ansatz des Feminismus.

Kultureller Feminismus

Kultureller Feminismus ist die Theorie, dass es fundamentale Persönlichkeitsunterschiede zwischen Männern und Frauen gibt und dass weibliche Eigenschaften etwas besonderes darstellen. Diese Theorie des Feminismus unterstützt die Idee, dass es biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Zum Beispiel führt die Feststellung „Frauen sind einfühlsamer und sanfter als Männer“ zu dem Rückschluss, dass es bei einer Weltherrschaft der eher pazifistisch eingestellten Frauen keine Kriege mehr gäbe (eine Vertreterin des feministischen Pazifismus ist Bertha von Suttner) oder dass Frauen die bessere Kindererziehung gewährleisteten. Kultureller Feminismus hebt besondere Eigenschaften und Fähigkeiten von Frauen hervor, und seine Anhänger glauben oft, dass der „weibliche Ansatz“ der bessere Ansatz sei. Kultureller Feminismus kann damit eine Form von Sexismus sein.[26]

Magischer/Neuheidnischer Feminismus

Starhawk 2007

Eine weitere Unterteilungsmöglichkeit stellt die Ausbildung eines magisch oder esoterisch orientierten Feminismus dar. Die Kritik an Hexenjagd und Hexenverfolgung steht hier unter dem Aspekt, dass diese mit unvorstellbarer Grausamkeit das Wissen von Frauen im Zusammenhang mit einer in der Hand von Frauen befindlichen Frauenheilkunde zerstört haben soll. Gleichzeitige Selbstidentifikation als Hexe oder Magierin steht in Zusammenhang mit dem Versuch, sich derartiges Wissen wieder anzueignen. Frauen feiern die Walpurgisnacht mit Demonstrationen nach dem Motto: „Wir sind Frauen, wir sind viele. Wir erreichen unsere Ziele!“ In Deutschland kann Luisa Francia als Antipodin zu Alice Schwarzer betrachtet werden.

In den Jahren ab 1970 entstanden zahlreiche vom Feminismus geprägte Wicca-Traditionen und andere neuheidnische Richtungen, die die „Große Göttin“ in ihren drei Formen als Mädchen, Mutter und Weise Alte verehren. Die von Starhawk und anderen geprägte Reclaiming-Tradition verbindet Elemente des Wiccatums mit ökofeministischen Vorstellungen. Zahlreiche von ihren Vorstellungen beeinflusste Gruppen sind in der Antiglobalisierungsbewegung aktiv.

Psychoanalytisch orientierter Feminismus

Kate Millet

In dem Klassiker feministischen Literatur, der 1969 erschienen Sexual Politics untersucht und kritisiert Kate Millett unter anderem Sigmund Freuds Theorien zum Wesen der Frau. Sie formuliert dort die „Theorie der Sexualpolitik“, die dem gängigen Politikverständnis eine Politik der ersten Person gegenüberstellt.

Eine Autorin, die mit psychoanalytischen Kategorien nach den Ursachen der Unterdrückung des weiblichen Geschlechts sucht, ist Juliet Mitchell. Sie entwickelte eine „feministische Interpretation“ der Werke Sigmund Freuds und interpretiert die Psychoanalyse als theoretische Erklärung „der materiellen Realität von Vorstellungen im geschichtlichen Lebenszusammenhang des Menschen“[27] und sieht damit die Freudsche Theorie als psychologisches Fundament des Feminismus.

„Staatsfeminismus“

Nach einer Analyse von Birgit Sauer vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien haben Frauen „in den vergangenen dreißig Jahren relativ erfolgreich westliche liberale Demokratien unter einer Frauenperspektive demokratisiert“, was sich darin zeige, dass nicht nur der Anteil von Frauen in politischen Entscheidungsgremien erheblich zugenommen habe, sondern auch „die inhaltlich-substantielle Repräsentation entscheidend im Sinne eines frauenfreundlichen Outputs beeinflusst werden konnte.“ Diese Entwicklung sei maßgeblich der Einrichtung staatlicher und vom Staat vorgeschriebener Institutionen wie Frauenministerien, Frauenbüros oder Gleichstellungsbeauftragte zu verdanken, die als Vermittler zwischen Frauengruppen und Frauenbewegungen einerseits und Politik und Verwaltung andererseits tätig seien. „Der Terminus "Staatsfeminismus" bezeichnet eben dieses Phänomen […], nämlich die Entstehung von staatlichen Institutionen zur Gleichstellung von Frauen bzw. zur Frauenförderung“.[28]

Wirkung

Der Feminismus hat in Europa und in den USA zur Verbesserung der gesellschaftlichen Gleichstellung von Frauen und Männern beigetragen. Seit dem Aufkommen der ersten feministischen Ideen vor fast zwei Jahrhunderten und der daraus resultierten Frauenbewegung hat sich die Situation der Frauen radikal gewandelt. Vor allem die Einführung des Frauenwahlrechts in den meisten europäischen Ländern Anfang des 20. Jahrhunderts stellte eine Zäsur dar, die die Partizipationsmöglichkeiten von Frauen am politischen und gesellschaftlichen Leben von Frauen erheblich erweiterte. Mit dem Aufbruch starrer Familienstrukturen vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts änderten sich auch die Leitbilder und Lebensentwürfe vieler junger Frauen, die mit traditioneller Männlichkeit und überkommenen Weiblichkeitsbildern nicht mehr zusammenpassten.[29] Die rechtliche Anerkennung und öffentliche Skandalisierung geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen förderte eine breite, geschlechtsübergreifende Sensibilisierung sowohl gegen persönliche Angriffe auf Frauen, als auch gegen subtile, in der Gesellschaft verankerte Gewaltverhältnisse. Auf internationaler Ebene haben, ausgehend von den seit 1975 veranstalteten Weltfrauenkonferenzen durch die Vereinten Nationen, zunehmend Frauen auch in der Dritten Welt Plattformen und Initiativen gebildet, die sich mehr und mehr international vernetzten und dazu führten, dass das Thema „Women’s Human Rights “ weltweit Aufmerksamkeit erregt.[30]

Trotz der Verbesserung vieler objektiver Indikatoren der Lebensqualität von Frauen seit den 1970er Jahren ist in den USA und der EU anhand repräsentativer Umfragen ein Rückgang der subjektiven Zufriedenheit von Frauen im Vergleich zu Männern festzustellen.[31] Dieses Paradox hat trotz zahlreicher Ansätze noch keine befriedigende Erklärung gefunden. So könnte der Feminismus Erwartungen gefördert haben, die (noch) nicht erfüllt wurden. Weiterhin könnte die höhere Arbeitsmarktpartizipation auch negative Auswirkungen mit sich gebracht haben, beispielsweise durch die Schwierigkeit, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen, wobei jedoch die Gesamtarbeitszeiten von Frauen und Männern seit 1965 gleichermaßen rückläufig sind. Auch könnte die allgemein gestiegene sexuelle und familiäre Selbstbestimmung bei Männern zu einem größeren Zuwachs an Zufriedenheit geführt haben als bei Frauen.[32]

Mit dem Eintritt in das neue Jahrtausend ist in der öffentlichen Diskussion zunehmend die Frage gestellt worden, ob der Feminismus obsolet sei. Die heutigen Frauen seien in der Lage, „sich mit Energie, Disziplin, Selbstbewusstsein und Mut in einer Gesellschaft wie der unseren durchzusetzen.“[33] Schon in den 1990er Jahren neigten viele junge Frauen dazu, den Feminismus als langweilig und überholt anzusehen. Gleichzeitig aber entstanden vor allem in den nordischen Ländern neue öffentliche, mediengestützte Debatten über Feminismus, Gender und Sexualität. Der Protest richtete sich vor allem gegen das kommerzialisierte, stereotype Bild des idealisierten weiblichen Körpers hauptsächlich in der Modewelt, gegen fortgesetzte Homophobie in der Gesellschaft und gegen ungleiche Bildungschancen.[34] In Deutschland formuliert eine junge Generation von Publizistinnen und Journalistinnen den Anspruch auf einen „neuen“ Feminismus, der sich deutlich vom herkömmlichen politischen Feminismus absetzt.[35]

Inwieweit es sich bei diesen Strömungen tatsächlich um den Beginn eines völlig neuen feministischen Selbstverständnisses handelt oder ob sich der Feminismus der letzten vierzig Jahre lediglich in transformierter Form fortsetzt, darüber herrscht in der derzeitigen wissenschaftlichen Debatte noch weitgehend Uneinigkeit.[36]

Kritik am Feminismus

Der Feminismus erfuhr seit seinem Bestehen Kritik von vielerlei Seiten. Da unter dem Ausdruck Feminismus diverse, teils sich widersprechende Strömungen zusammengefasst werden, und im Laufe der Zeit viele Schriften veröffentlicht wurden und viele prominente Vertreter des Feminismus hervortraten, kann meist nur von Kritik an Teilaspekten des Feminismus gesprochen werden.

Kritik innerhalb des Feminismus

Diskussionen innerhalb der Feministischen Bewegung gibt es unter anderem über den Androzentrismusvorwurf: Vor allem Differenzfeministinnen werfen den Radikalfeministinnen vor, sich an „männlichen“ Idealen zu orientieren und dadurch patriarchale Strukturen zu reproduzieren.

Häufig ist auch der Eurozentrismusvorwurf: Von Seiten von Frauenrechtlern aus Asien, Afrika, Südamerika und aus dem arabischen Raum wird den US-amerikanischen und europäischen feministischen Organisationen immer wieder vorgeworfen, auf die spezifischen Bedürfnisse von Frauen aus anderen Kulturräumen, insbesondere aus Entwicklungsländern, keine Rücksicht zu nehmen und mit ihrem eurozentrierten Diskurs die „Frauenrechtsfrage“ für die spezifischen Bedürfnisse der Frauen aus dem europäisch-US-amerikanischen Kulturraum zu monopolisieren.

Des Weiteren herrscht Uneinigkeit über die Frage, wie mit bestehenden Geschlechtsrollenstereotypen umzugehen sei, ohne diese festzuschreiben. Andererseits sollen eventuell bestehende wichtige Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht verleugnet werden. Die Konstruktion von Geschlecht selbst ist ebenfalls Thema der feministischen Diskussion.

Die von vielen Feministinnen, unter anderen auch von Alice Schwarzer, vertretene negative Haltung gegenüber der Pornografie wird zum Teil auch innerhalb der Bewegung kritisiert. So hat sich als Gegenbewegung der sogenannte sex-positive feminism gebildet, die der Sexualität und auch der Pornografie aufgeschlossener gegenüber tritt und diese als Bereicherung für Frauen und Männer betrachtet.

Auseinandersetzungen außerhalb des Feminismus

Seit den späten 1980er Jahren ist es in vielen westlichen Ländern zu einer verstärkten Kritik am Feminismus gekommen, die zum Teil in einer Männerrechtsbewegung mündete. Michael Klonovsky stützt sich auf die Bücher von Arne Hoffmann und Martin van Creveld und argumentiert, dass Frauen in modernen Gesellschaften häufig mehr Privilegien genössen als Männer, was sich unter anderem in einer deutlich höheren Lebenserwartung ausdrücke. Der Feminismus sei somit obsolet, bzw. ihm müsse ein entsprechender Maskulismus gegenüber gestellt werden.[37]

Der Sozialpsychologe Roy Baumeister vertritt die These, dass zahlreiche Restriktionen, denen Frauen in unterschiedlichen Kulturen ausgesetzt seien, eine Folge von innergeschlechtlichen Regulationsprozessen wären. Demnach seien es nicht zwangsläufig Männer, die weibliche Freiheiten einschränkten, sondern oftmals Frauen untereinander.[38]

Antifeminismus

Hauptartikel: Antifeminismus
Gegner des Frauenwahlrechts in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Unter diesem Begriff werden tendenziell alle Denkrichtungen und Bewegungen zusammengefasst, die sich selbst in Opposition zum Feminismus sehen und diesen kritisieren. Ein bestimmter Antifeminismus existiert nicht, teilweise erfüllt er die Funktion eines bloßen politischen Schlagwortes.

Susan Faludi argumentiert, dass die antifeministische Backlash-Bewegung in den USA nicht durch die Errungenschaft der Gleichberechtigung ausgelöst wurde, sondern vielmehr durch die bloße Möglichkeit, dass Frauen die Gleichberechtigung erringen könnten. Der Antifeminismus sei nach Faludi ein präventiver Angriff, der Frauen lange vor der eigentlichen Ziellinie aufhält.[39]

Feministinnen und Frauenrechtlerinnen – im 19. Jahrhundert abwertend Blaustrümpfe genannt – wurde seit dem Beginn der Frauenbewegung oftmals mangelnde Attraktivität, Unweiblichkeit[40] und ungebührlich dominantes Verhalten vorgeworfen. Die Vorhaltungen kamen hier sowohl von Männern als auch von Frauen, die den Bruch der tradierten Rollenvorstellungen als Problem empfanden, da ihnen die herkömmliche Unterscheidung zwischen den Geschlechtern als unumstößlich erschien. Der Ausbruch aus der Geschlechterrolle wird von Kritikern als Verlust an traditioneller Weiblichkeit bezeichnet. Vor allem in früherer Zeit lehnten große Teile der führenden Gesellschaftsschichten die Gleichberechtigung der Frau grundsätzlich ab. Philosophen, Theologen, Naturwissenschaftler, Mediziner und Kunsthistoriker argumentierten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein mit der „natürlichen“ oder „gottgegebenen“ Unterlegenheit der Frau gegenüber dem Mann und begründeten damit ihre untergeordnete Stellung in der Gesellschaft. Noch bis in die 1920er Jahre hinein wurde von einigen infrage gestellt, ob Frauen überhaupt Menschen seien (beispielsweise Max Funke).

Ein früher Antifeminist war Ernest Belfort Bax (1854–1918).[41] Im Jahre 1900 erschien ein Pamphlet des Nervenarztes Paul Julius Möbius unter dem Titel Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes, worin der Autor versucht die physiologische Minderwertigkeit von Frauen zu beweisen. Möbius zufolge waren gesunde und fruchtbare Frauen notwendigerweise dumm. Möbius' Text war ein berühmter antifeministischer Versuch psychologische und Verhaltensnormen für Frauen zu etablieren.[42]

Siehe auch

Literatur

Allgemeine Einführungen

Sammelbände

  • Ann Cahill, Jennifer Hansen (Hrsg.): Continental Feminism Reader. Rowman and Littlefield, Lanham MD 2003.
  • Loraine Code (Hrsg.): Encyclopedia of Feminist Theories. Routledge, New York 2000.
  • Ann Cudd, Robin Andreasen (Hrsg.): Feminist Theory: A Philosophical Anthology. Blackwell, Oxford 2005.
  • Miranda Fricker, Jennifer Hornsby (Hrsg.): The Cambridge Companion to Feminism in Philosophy. Cambridge University Press, Cambridge 2000.
  • Sarah Gamble (Hrsg.): The Routledge Companion to Feminism and Postfeminism. Routledge, New York 2001, ISBN 0-415-24309-2.
  • Alison M. Jaggar, Iris Marion Young (Hrsg.): A Companion to Feminist Philosophy. Blackwell, Oxford 2000.
  • Janet A. Kourany (Hrsg.): Philosophy in a Feminist Voice. Princeton University Press, Princeton NJ 1996.
  • Toril Moi (Hrsg.): French Feminist Thought: A Reader. Blackwell, Oxford 1987.
  • Linda Nicholson (Hrsg.): Feminism/Postmodernism. Routledge, New York 1990.
  • Linda Nicholson (Hrsg.): The Second Wave: A Reader in Feminist Theory. Routledge, New York 1997.
  • Luise F. Pusch (Hrsg.): Feminismus. Inspektion der Herrenkultur – Ein Handbuch. Frankfurt/Main 1983. (Edition Suhrkamp 1192.)
  • Alice Schwarzer (Hrsg.): Man wird nicht als Frau geboren. 50 Jahre nach dem „Anderen Geschlecht“ ziehen Schriftstellerinnen und Politikerinnen Bilanz: Wo stehen Frauen heute?. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2000, 277 S., ISBN 3-462-02914-2.

Klassiker der Frauenbewegung und feministischen Philosophie

Literatur- und Ideengeschichte und Geschichte der Frauenbewegung

  • Peggy Antrobus: The Global Women’s Movement – Origins, Issues and Strategies. Zed Books, London 2004.
  • Ute Gerhard: Frauenbewegung und Feminismus. Eine Geschichte seit 1789. Beck-Verlag, München 2009, ISBN 978-3-406-56263-1.
  • Ulrike Gilhaus, Julia Paulus, Anne Kugler-Mühlhofer (Hrsg.): Wie wir wurden, was wir nicht werden sollten. Frauen im Aufbruch zu Amt und Würden. Klartext Verlag, Essen 2009, ISBN 978-3-8375-0206-0.
  • Donna Landry, Gerald McLean: Materialist Feminisms. Blackwell, Cambridge 1993.
  • Ilse Lenz (2008): Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. Eine Quellensammlung. 2. Auflage, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010.
  • Gerda Lerner: Die Entstehung des feministischen Bewusstseins. Vom Mittelalter bis zur Ersten Frauenbewegung. Dtv, 1998, ISBN 3-423-30642-4.
  • Kate Millett: Sexual Politics, dt. Sexus und Herrschaft: die Tyrannei des Mannes in unserer Gesellschaft. Ex Libris, 1971.
  • Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland. Leske + Budrich Verlag, 1994, ISBN 3-8100-1250-5.
  • Sheila Rowbotham: A Century of Women. The History of Women in Britain and the US. Penguin, London 1999.

Politische Theorie und Sozialphilosophie

  • Gisela Brandt: Zur Frauenfrage im Kapitalismus. Suhrkamp, 1987, ISBN 3-518-10581-7.
  • Klaus Brokamp: Kein schwach’ Geschlecht. Frauenpolitik, Marxismus, Neofeminismus. Weltkreis Verlag, 1981, ISBN 3-88142-267-6.
  • Judith Butler, Joan Scott (Hrsg.): Feminists Theorize the Political. Routledge, New York 1992.
  • Melanie Groß, Gabriele Winker (Hrsg.): Queer-, feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse. Unrast, Münster 2007, ISBN 978-3-89771-302-4.

Zeitschriften

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Anmerkungen und Einzelnachweise

  1. Charles Fourier: Die Theorie der vier Bewegungen und der allgemeinen Bestimmungen. (1808), Wien und Frankfurt/M. 1966, S. 190)
  2. Sabine Büttner: Die Französische Revolution - eine Online-Einführung: Hintergründe - Frankreich im 18. Jahrhundert, III. Frauen und Familie Online-Fassung
  3. Stefan W. Römmelt: Kurzbiogramm Olympe de Gouges. In: revolution.historicum.net
  4. Leila J. Rupp: Transnational Women's Movements, European History Online, herausgegeben vom Institut für Europäische Geschichte (Mainz), Juni 2011
  5. Vergleiche die populäre Liedstrophe Wir armen, armen Mädchen | sind gar so übel dran; | ich wollt, ich wär' kein Mädchen, | ich wollt, ich wär' ein Mann!. In: Albert Lortzing: Der Waffenschmied, Akt 3, Szene 1, von 1846.
  6. Zur Geschichte der bürgerlichen und sozialistischen Frauenbewegung: Ute Gerhard, Ulla Wischermann: Unerhört. Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung. Reinbek, 1990, ISBN 3-499-18377-3. Und Jutta Menschik: Feminismus, Köln 1985, S. 21 ff.
  7. Jutta Menschik: Feminismus. Köln 1985, S. 76 ff.
  8. Vgl. Friedrich Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates. In: MEW 21, Berlin 1972, S. 59 ff. Und August Bebel: Die Frau und der Sozialismus, Köln 1967, S. 346 ff.
  9. Alexandra Kollontai: Communism and the Family. 1920, Online-Fassung
  10. Leo Trotzki: Verratene Revolution. Essen 1990, S. 153 ff.
  11. vgl. Jutta Menschik: Feminismus. Köln 1985, S. 32 ff.
  12. Vgl. Kate Millett: Sexus und Herrschaft. Reinbek bei Hamburg 1985, S. 37 ff. Und Jutta Menschik: Feminismus. Köln 1985, S. 43 ff.
  13. Mary Daly: Gyn/Ecology: The Metaethics of Radical Feminism. Beacon Press, ISBN 0-8070-1413-3.
  14. Vergl. hierzu Sich von der Macht verabschieden. Differenzfeminismus – für die Frauenbewegung eigentlich nichts Neues. In: Schlangenbrut Nr. 59, Jg. 1997, S. 23 ff.
  15. vergl. Antoinette Fouque: Il y a deux sexes. (Es gibt zwei Geschlechter) Paris 1995.
  16. Frühe Anarchistinnen
  17. Interview mit Mary Daly
  18. Iris Marion Young: Humanism, Gynocentrism and Feministic Politics. In: Women’s Studies International Forum. Band 8, Nr. 3, 1985, S. 173.
  19. Neue feministische Tendenzen und das Problem der Identifikation, S. 14 (Seitenabruf 6. Juli 2008)
  20. Steven Seidman: Contested Knowledge: Social Theory Today, Blackwell Publishing, Seite 211 ff., ISBN 0-631-22671-0
  21. Pamela Abbott, Claire Wallace, Melissa Tyler: An Introduction to Sociology: Feminist Perspectives. Routledge, 2005, S. 30 ff., ISBN 0-415-31258-2.
  22. Vgl. Heide Göttner-Abendroth: Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft. Klein Jasedow 2008.
  23. Vgl. bereits 1985 Cillie Rentmeister: Frauenwelten - Männerwelten, Opladen 1985. Buch und neuere Beiträge in Volltexten unter www.cillie-rentmeister.de
  24. Vgl. Nelson, Kapitel 12: Benjamin Alberti: Archaeology, Men and Masculinities
  25. Vgl. beispielsweise Tina Beattie: God’s Mother, Eve’s Advocate: A Gynocentric Refiguration of Marian Symbolism. Centre for Comparative Studies in Religion and Gender, 1999, ISBN 0-86292-488-X oder Pamela Sue Anderson, Beverley Clack: Feminist Philosophy of Religion: Critical Readings. Routledge, 2004, ISBN 0-415-25750-6.
  26. Vgl. Kristin Höltke: Genderaspekte ethno-politischer Konflikte. Berlin 2001.
  27. In Juliet Mitchell: Psychoanalyse und Feminismus. Freud, Reich, Laing und die Frauenbewegung. Suhrkamp, 1984, ISBN 3-518-07253-6.
  28. Birgit Sauer: Engendering Democracy: Staatsfeminismus im Zeitalter der Restrukturierung von Staatlichkeit. In: Demokratisierung im internationalen Vergleich, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2006.
  29. Vgl. Ute Gerhard: Frauenbewegung und Feminismus. München 2009, S. 122.
  30. Vgl. Ute Gerhard: Frauenbewegung und Feminismus. München 2009, S. 123.
  31. B. Stevenson, J. Wolfers: The Paradox of Declining Female Happiness. In: American Economic Journal: Economic Policy. Band 1, 2009, Nr. 2, S. 190–225.
  32. Vgl. B. Stevenson, J. Wolfers: The Paradox of Declining Female Happiness. In: American Economic Journal: Economic Policy. Band 1, 2009, Nr. 2, S. 191 ff.
  33. Thea Dorn: Die neue F-Klasse. München 2007, S. 13.
  34. Solveig Bergmann: Der neue Feminismus in den nordischen Ländern: Eine Herausforderung für den Staatsfeminismus. In: Feministische Studien. November 2008, S. 187.
  35. Vgl. Rita Casale: Die Vierzigjährigen entdecken den Feminismus. Anmerkungen zur Epistemologisierung politischer Theorien. In: Feministische Studien, aaO, S. 197.
  36. Vgl. Ergebnisse der Konferenz „Brauchen wir einen neuen Feminismus? Zur Standortbestimmung feministischer Theorie und Praxis“ im Februar 2008 am Cornelia Goethe Zentrum, Frankfurt/Main.
  37. Michael Klonovsky: Das privilegierte Geschlecht Focus.de
  38. Roy F. Baumeister (2005): The Cultural Animal: Human Nature, Meaning, and Social Life. Oxford University Press, ISBN 0195167031
  39. Susan Faludi: Backlash: The Undeclared War against American Women. Crown, New York 1991. Seite xx: „The antifeminist backlash has been set off not by women’s achievement of full equality but by the increased possibility that they might win it. It is a preemptive strike that stops women long before they reach the finish line.“
  40. Marianne Thesander: The Feminine Ideal. Reaktion Books, London 1997, S. 104: „The attempts of feminists to redefine their previously restricted role were made to look ridiculous and they were depicted with ‘unattractive’ and ‘unfeminine’ characteristics.“
  41. Gregory Claeys. Imperial sceptics: British Critics of eEmpire, 1850–1920. Cambridge University Press, Cambridge / New York 2010, S. 161: „Bax also remained controversially an anti-feminist and anti-suffragist, …“
  42. Michael Hau: The Cult of Health and Beauty in Germany: A Social History, 1890–1930. University of Chicago Press, Chicago 2003, S. 58: „Uncertainty about contemporary gender relations triggered attempts by antifeminists to establish biologically sound psychological and behavioral norms for women. The most famous of these attempts were those by the psychiatrist Paul J. Möbius, whose efforts to prove the physiological inferiority of women were widely publicized shortly after the turn of the century. His best known pamphlet, titled About the Physiological Feeblemindedness of Women was aimed at a popular audience … In fact, for Möbius, healthy and fertile women had to be stupid.“

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