Alec Guinness
Sir Alec Guinness (1973)

Sir Alec Guinness, CH, CBE (* 2. April 1914 in Marylebone, London; † 5. August 2000 in Midhurst, West Sussex) war ein britischer Schauspieler. Er gilt als einer der bedeutendsten Filmschauspieler des 20. Jahrhunderts. Wegen seiner außerordentlichen Wandlungsfähigkeit wurde er auch „Mann der tausend Gesichter“ genannt.[1]

Inhaltsverzeichnis

Biografie

Die frühen Jahre

Alec Guinness de Cuffe wuchs in ärmlichen Verhältnissen in London auf. Später erklärte er in seiner Autobiographie zu jenen Umständen: „Ich wurde im Chaos geboren und versank darin für Jahre: Bis zum Alter von 14 hatte ich drei verschiedene Namen und lebte in ungefähr 30 verschiedenen Hotels.“ Seine Mutter, Agnes de Cuffe, verschwieg ihm den Namen seines Vaters ein Leben lang, doch er vermutete, dass es sich dabei um einen Freund der Familie Andrew Geddes handeln musste, der sie immer wieder finanziell unterstützte.

Guinness arbeitete zunächst bei einer Werbeagentur und erhielt dann ein Schauspielstipendium. 1934 debütierte er am Theater. Bereits zwei Jahre später war er Ensemblemitglied am legendären Old Vic, wo er mit den seinerzeit größten britischen Theater-Stars, später ein jeder ein "Sir" – Laurence Olivier, John Gielgud und Ralph Richardson – auf der Bühne stand.

Guinness heiratete 1938 die Schauspielerin Merula Salaman (1914–2000). 1940 wurde ihr Sohn Matthew geboren, der später ebenfalls Schauspieler wurde.

Ab 1941 diente Alec Guinness im zweiten Weltkrieg als Angehöriger des Royal Naval Volunteer Service als Kommandeur verschiedener Landungsschiffe, zuletzt im Range eines Lieutenant (entspricht dem deutschen Marine-Dienstgrad Kapitänleutnant). Unter anderem war er an der Invasion Siziliens im Juli 1943 beteiligt.

Erste Filmerfolge

1946 spielte Guinness seine erste Filmrolle in Geheimnisvolle Erbschaft. Regie führte Sir David Lean, mit dem er über Jahrzehnte immer wieder zusammenarbeitete, so auch bei der berühmten Dickens-Verfilmung Oliver Twist, in der Guinness die Rolle des Juden Fagin übernahm. Seine Darstellung wurde hochgelobt, die Konzeption des Charakters später aber dahingehend kritisiert, antisemitische Klischees gefördert zu haben. 1949 gelang Guinness mit seiner bravourösen Leistung in Adel verpflichtet der Durchbruch. In dieser klassischen Komödie porträtierte er in acht Rollen exzentrische Mitglieder eines britischen Clans, die im Zuge einer Erbschaftsaffäre allesamt ermordet werden.

Bis Mitte der 50er Jahre etablierte sich Guinness als wichtigster Komödiant des britischen Kinos. Er war der prägende Darsteller in den erfolgreichen Komödien der Ealing Studios (Der Mann im weißen Anzug, Ladykillers). 1956 stand er in Hollywood an der Seite von Grace Kelly für Der Schwan vor der Kamera.

Nachdem sein Sohn sich von einer lebensgefährlichen Krankheit wieder vollständig erholt hatte, konvertierte Guiness 1956 gemäß einem zuvor abgelegten Gelübde mit seiner Frau zum Katholizismus. Für den Rest seines Lebens blieb er dem katholischen Glauben tief verbunden, pilgerte mehrmals nach Rom und nahm an mehreren Papst-Audienzen teil. In diesem Sinne prägte ihn auch Gilbert Keith Chesterton, dessen Figur des „Father Brown“ er 1954 in Die seltsamen Wege des Pater Brown auf der Filmleinwand verkörpert hatte.

Der Charakter-Star

1957 spielte er in David Leans epischem Kriegsfilm Die Brücke am Kwai die Rolle des prinzipientreuen Colonel Nicholson in japanischer Kriegsgefangenschaft. Der weltweite Erfolg des Films brachte Guinness den Ruf eines führenden Charakterdarstellers des internationalen Kinos, für die Rolle erhielt er den Oscar als bester Hauptdarsteller. 1959 wurde Guinness in den Adelsstand erhoben. In den folgenden Jahren spielte er in der Graham-Greene-Verfilmung Unser Mann in Havanna (1959) einen britischen Agenten und im Monumentalfilm Der Untergang des Römischen Reiches (1964) den römischen Kaiser Marcus Aurelius. In David Leans Klassiker Lawrence von Arabien (1962) brillierte er in der tiefgründig angelegten Rolle des Fürst Faisal. 1965 verpflichtete ihn David Lean in Doktor Schiwago für die Rolle von Jurijs Halbbruder Jewgraf, der in der russischen Armee Karriere gemacht hat. Darüber hinaus wird die Handlung des Films durch seine Stimme als Erzähler begleitet.

Ab Mitte der 60er Jahre wurden Guinness’ Rollen und Filme zunehmend unattraktiv. Hauptrollen gingen an britische Charakter-Stars der nächsten Generation wie Richard Burton, Albert Finney oder Peter O’Toole, während Guinness für prägnante Nebenrollen besetzt wurde. Wichtige Parts spielt er in Cromwell (1970; als König Charles I.) und in Hitler – Die letzten zehn Tage (1972; als Adolf Hitler). 1976 gelang ihm als blinder Butler „Jamesir Bensonmum“ in der Krimi-Komödie Eine Leiche zum Dessert ein weiterer erfolgreicher Ausflug ins Komödienfach, der Kultstatus erreichte.

Im Alter von 63 Jahren bescherte ihm George Lucas ein spektakuläres und unerwartetes Comeback, indem er ihn für seine Weltraumsaga Krieg der Sterne (1977) verpflichtete. Guinness, bärtig und mit Kapuze bekleidet, spielte Obi-Wan Kenobi, den weisen Lehrmeister des jungen Helden Luke Skywalker, und verlieh der Rolle eine machtvolle, mystische Ausstrahlung. Der gigantische Erfolg des Films machte den Charakterdarsteller auch einem jungen Publikum bekannt und ermöglichte ihm für den Rest seines Lebens finanzielle Unabhängigkeit. Guinness erhielt zwar nur 150.000 Pfund Gage, dafür aber 2 % der überschüssigen Einnahmen.

Vom Star-Wars-Kult und der Figur Obi-Wan Kenobis distanzierte sich Guinness jedoch und ignorierte jeden Autogrammwunsch von Star-Wars-Fans. Den Rummel, der um seine Person wie auch um die Personifizierung Obi-Wan Kenobis entstand, empfand Guinness als übertrieben sowie als störend für sein Privatleben. Wie schon bei Die Brücke am Kwai sah er sich ein weiteres Mal für eine Darstellung gefeiert, die nach eigener Überzeugung nicht zu seinen besten Leistungen zählte. Aus Dankbarkeit gegenüber George Lucas trat Guinness dann aber auch in den beiden Fortsetzungen Das Imperium schlägt zurück und Die Rückkehr der Jedi-Ritter auf, wies aber weiterhin jegliches Einverständnis mit der von Spezialeffekten dominierten Märchensaga zurück.

Die letzten Jahre

1979, im Alter von 65 Jahren, spielte Sir Alec Guinness in der ersten Fernsehproduktion seiner Karriere eine seiner populärsten Rollen: den Meisterspion im Ruhestand, George Smiley, der in Tinker, Tailor, Soldier, Spy (dt. Dame, König, As, Spion) einen Maulwurf im britischen Geheimdienst enttarnt. Diese Rolle nahm er in Smiley's People (dt. Agent in eigener Sache, 1982) noch einmal auf.

1980 setzte er Maßstäbe in der Klassiker-Verfilmung Der kleine Lord mit seiner Interpretation des hartherzigen Earl of Dorincourt. Fünf Jahre später stand er noch einmal für David Lean in dessen letztem Film (Reise nach Indien) vor der Kamera. Nach seiner Rolle als Fürst Faisal in Lawrence von Arabien erbrachte er als indischer Brahmane noch einmal den Beweis für seine enorme Wandlungsfähigkeit. Ab Ende der 80er Jahre war Guinness nur noch sporadisch im Kino zu sehen. In Steven Soderberghs Kafka (1991) spielte er die Rolle des undurchsichtigen Chefs im Büro von Kafka.

Danach trat er noch für ein paar kleinere Rollen in englischen Fernsehproduktionen vor die Kamera. 1985 veröffentlichte er seine Autobiographie Blessings in Disguise (dt. Das Glück hinter der Maske) sowie mehrere, in typischer Guinness-Manier höchst geistreiche und amüsante Tagebuchbände.

Alec Guinness, der privat zurückgezogen gelebt und jahrzehntelang ein skandalfreies Leben mit seiner Frau Merula geführt hatte, starb nach längerer Leberkrebserkrankung am 5. August 2000 im Alter von 86 Jahren. Seine Frau starb, etwa zwei Monate nach ihm, am 17. Oktober 2000 ebenfalls im Alter von 86 Jahren und ebenso an Krebs. Sie waren 62 Jahre lang verheiratet. Beide ruhen nebeneinander auf dem Friedhof der Saint Lawrence's Roman Catholic Church in Petersfield, Grafschaft Hampshire.[2]

Der Schauspieler Guinness

Der äußerlich unscheinbar wirkende Guinness schien in jungen Jahren weder für Liebhaber- noch für Heldenrollen geeignet. Doch gerade dieser Umstand war wohl der Ausgangspunkt für eine vielfältige, fast chamäleonhafte äußere Wandlungsfähigkeit. Er präsentierte seine Charaktere mit großer Detailversessenheit und Präzision. Während er als junger Komödiant ein Abbild des subtilen britischen Humors war, überzeugte er in mittleren Jahren und bis ins Alter im Charakterfach mit charismatischen Autoritätsfiguren wie Fürst Feisal oder Obi-Wan Kenobi, denen eine überlegene Intelligenz eigen zu sein schien. Scheinbar mühelos gelang es ihm auch, sich Figuren anderer Rassen und Kulturen zu eigen zu machen, ganz in ihnen aufzugehen und die eigene Person dahinter vollständig verschwinden zu lassen.

Er war sich selbst gegenüber immer äußerst kritisch und spielte auch seine Darstellung des George Smiley herunter, indem er erklärte: „Wahrscheinlich hab ich’s vermasselt.“ Dabei war es ihm hier einmal mehr gelungen, hinter beinahe unbewegten Gesichtszügen einen Charakter mit bemerkenswerter Gefühls- und Bedeutungstiefe aufscheinen zu lassen. John le Carré meinte dazu, dass Guinness in dieser Figur viel von sich selbst gefunden und sich Smiley schließlich ganz zu eigen gemacht hätte. Le Carré selbst sah sich jedenfalls danach nicht mehr in der Lage, die Figur literarisch weiter zu entwickeln – für ihn waren die kreierte Filmfigur Smiley und Guinness zur Deckung gelangt, obwohl er selbst sich die von ihm geschaffene Figur doch ganz anders vorgestellt hatte.

Synchronisation

Seine markante deutsche Standardstimme stammt von dem Schauspieler Wilhelm Borchert, so z.B. in Die Brücke am Kwai, Lawrence von Arabien, Doktor Schiwago, der Krieg-der-Sterne-Trilogie oder Der kleine Lord. Weitere Sprecher von Guinness waren Siegmar Schneider, Harry Wüstenhagen, Wolfgang Kieling, Friedrich W. Bauschulte, Jürgen Thormann und Heinz Reincke.

Ehrungen

Neben zahlreichen anderen Würdigungen erhielt Alec Guinness drei bedeutende Auszeichnungen der britischen Krone: 1955 wurde er zum Commander of the Order of the British Empire (CBE) ernannt, 1959 durch Königin Elisabeth II. als Knight Bachelor zum Ritter geschlagen, und 1994 schließlich in den Orden der Companions of Honour (CH) aufgenommen.

Er erhielt Ehrendoktortitel (DLitt) der Universität Oxford im Jahr 1977 und der Universität Cambridge 1991.

1980 überreichte ihm Dustin Hoffman einen Ehrenoscar für sein Lebenswerk.

1996 folgte der Lifetime Achievement Award der Europäischen Filmakademie.

Filmografie (Auswahl)

Kinofilme

Fernsehen

  • 1979: Dame, König, As, Spion (Tinker Tailor, Soldier Spy, Fernsehserie, 7 Folgen)
  • 1982: Agent in eigener Sache (Smiley's People, Fernsehserie, 6 Folgen)
  • 1987: Monsignore Quixote (Monsignor Quixote, Fernsehfilm aus der Fernsehserie Great Performances)
  • 1992: Geschichten aus Hollywood (Tales from Hollywood, Fernsehfilm)
  • 1993: Auf fremdem Felde (A Foreign Field, Fernsehfilm aus der Fernsehserie Screen One)
  • 1996: Cambridge Fieber (Eskimo Day, Fernsehfilm)

Auszeichnungen

Autobiografische Werke

  • Das Glück hinter der Maske. Autobiographie (OT: Blessings in Disguise). Kindler, München 1986, ISBN 3-463-40041-3
  • Adel verpflichtet. Tagebuch eines noblen Schauspielers (OT: My Name Escapes Me. The Diary of a Retiring Actor). Henschel, Berlin 1998, ISBN 3-89487-297-7

Literatur

  • Kenneth Von Gunden: Alec Guinness. McFarland, Jefferson, NC 1987
  • Andreas Missler: Alec Guinness. Seine Filme – sein Leben. Heyne, München 1987, ISBN 3-453-00119-2
  • Ronald Harwood: Dear Alec. Limelight Edition, New York 1989
  • Garry O'Connor: Alec Guinness. Hodder & Stoughton, London 1994
  • John Russell Taylor: Alec Guinness. A Celebration. Pavilion, London 2000, ISBN 1-86205-501-7
  • Garry O'Connor: Alec Guinness The Unknown, A Life. Sidgwick & Jackson, Londom 2002
  • Piers Paul Read: Alec Guinness – The Authorised Biography. Simon & Schuster, London 2003
  • DVD: BBC DVD: Smiley's People. DVD 2: Interview mit Autor John le Carré und Regisseur John Irvin über Alec Guinness und seine Rolle des George Smiley.

Weblinks

Belege

  1. http://pawprints.kashalinka.com/anecdotes/guinness_bio.shtml
  2. knerger.de: Die Gräber von Sir Alec Guinness und seiner Gattin

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