Anfänge der lateinamerikanischen Literatur

Bei den Anfängen der Lateinamerikanischen Literatur muss unterschieden werden, zwischen der Literatur der Ureinwohner (Indios) und der Literatur der Konquistadoren und Kolonisten, wobei hier auch die Schriften berücksichtigt werden, die in Europa gedruckt, verlegt und teilweise auch erst dort verfasst wurden, sich jedoch auf Vorkommnisse in Lateinamerika beziehen.

Eine länderbezogene Unterscheidung in der frühen Literaturgeschichte ist nur schwer möglich und muss auf die Zeit der späteren zwanzig Staatenbildungen verschoben werden. Lediglich eine Abgrenzung zum Norden hin soll hier vorgenommen werden, womit als geografischer Raum das Gebiet von Mexiko bis Feuerland gilt - einschließlich der karibischen Inseln. Obgleich diese Einteilung sehr willkürlich ist, denn „Lateinamerika bezeichnet in […] bis heute anhaltenden Debatten keinen primär geografischen definierten, sondern einen mit historisch-kulturalistischen Argumenten konstruierten Raum und ist somit zuerst einmal ein diskursives Phänomen.“[1]

Letztlich ist auch der Sprachraum kein eindeutiges Kriterium. So gab es bei den Ureinwohnern vielfältige Sprachen, von denen sich bis in die Neuzeit hauptsächlich das Nahuatl, Quiché und Guaraní überliefert hat. Zudem stammten die europäischen Konquistadoren aus allen möglichen Ländern, führten aber größtenteils das Spanisch als gemeinsame Sprache ein, mit Ausnahme von Portugiesisch in Brasilien und Französisch in Französisch-Guayana und Haiti.

Inhaltsverzeichnis

Literatur der Indios

Ursprünge

Als ältester Beleg für die Darstellung von Bild und Schrift gelten die zwischen 800 und 500 v. Chr. entstandenen sog. Glyphen. Den Anfang machten die Olmeken von La Venta (im heutigen mexikanischen Bundesstaat Tabasco, die ihre Zeichen in Stelen ritzen und deren Bedeutung bislang nicht geklärt ist. Die nächsten Überlieferungen stammen aus Monte Albán (Oaxaca), hier gibt es Darstellungen von Tänzergruppen und vermutlich erste Kalenderzeichen.

In die Zeit zwischen 300 und 900 n. Chr. werden steinerne Inschriften der Maya datiert. Hier gibt es Funde aus Palenque und Yaxchilán (beide im heutigen Chiapas). Hier schreitet die Entschlüsselung voran und deutet die Zeichen als Berichte über Genealogien, Heldentaten und Blutopferzeremonien.

Im 16. Jahrhundert ließ Diego de Landa auf dem Marktplatz von Mani Tausende von Manuskripten der Maya verbrennen. Es blieben lediglich vier davon übrig:

Erst später und nach mündlichen Überlieferungen wurde die Schöpfungsgeschichte der Maya Popol Vuh, einer Kurzform Título de los señores de Totonicapán, sowie die unter einander eng verwandten Dorfchroniken der Bücher des Chilam Balam niedergeschrieben.

Zudem gibt es zahlreiche Sammlungen von aztekischer Literatur, die ebenfalls erst später zusammengestellt wurden (u. a. zeichnete Bernardino de Sahagún die von ihm erfragten Aussagen indianischer Spezialisten in einem enzyklopädischen zwölfbändige Werk Historia general de las cosas de la Nueva España auf, die Endfassung stammt von 1585).

Formen

Azteken

In der aztekischen Literatur (Nahuatl-Literatur) gibt es verschiedene epische Formen:

  • tlatolli = Prosa, mit den Unterformen:
    • huehuetlatolli = Reden und Ermahnungen der Alten
    • toetlatolli = Göttergeschichten (Codex Matritensis)
    • itolloca = Chroniken (Anales de Tlatelolco, 1528; Codex Ramírez)
  • cuícatl = Gesang und Poesie, mit den Unterformen:
    • teocuícatl = Hymnen an die Götter (Codex Florentino)
    • tepanazcuícatl = von Musik begleitete Gedichte
    • yaocuícatl = Kriegsgesänge
    • xopancuícatl = Frühlingsgesänge
    • icnocuícatl = über die Vergänglichkeit des Daseins (Annalen von Cuauhtitlán, 1558)

Weitere Informationen siehe: Aztekencodices

Inkas

In der Frühgeschichte der Inkas gab es keine Schriftsprache, sondern lediglich eine mündliche Weitergabe der sog. Quipucamuyus (Geschichtenerzähler). Erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurden diese Geschichten niedergeschrieben. Dabei haben sich folgende Gattungen herausgearbeitet:

  • jailli = Hymnen und Gebetslieder
  • atiy jaillili oder jaich'a = Heldengesänge
  • arawi = Gedichte
  • wawaki = Dialoggedichte mit erotischem Inhalt
  • wayñu und qháshwa = Tanzlieder
  • wanka = Klagelieder
  • aranway = Humoritische Dichtung und Tierfabeln

Hinzu kommt noch eine eigene Form des Theaters, von denen Nicolás de Martínez Arzanz y Vela in seinem Werk Historia de la villa imperial de Potosí erzählt. Nur wenige Stücke sind überliefert, so u. a. die Tragödie vom Ende Atawallpas (1871 aufgezeichnet) und Ollantay (Aufzeichnung aus dem 18. Jahrhundert).

Andere Indiovölker

Aufzeichnungen und/oder Sammlungen von früher Literatur anderer Indiovölker fehlen fast vollständig, lediglich ein paar Mythen und Hymnen der Guaraní aus dem heutigen Paraguay sind überliefert.

Chroniken

Ein Teil der Geschichtswerke der Indios, die nach den Feldzügen der Konquistadoren geschrieben wurden, waren bereits christlich eingefärbt. So wird z. B. in der Historia chichimeca von Fernando de Alva Ixtlilxóchitl (Urenkel des letzten Herrschers von Texcoco) von einer indianischen Sintflut gesprochen. Anders hingegen die Werke von Hernando de Alvarado Tezozómoc (Crónica Mexicayotl, Crónica Mexicana), die in Nahuatl und Spanisch abgefasst wurden.

Literatur der Konquistadoren und Kolonisten

Am 3. August 1492 machte Christoph Kolumbus den ersten Eintrag im Bordbuch der Santa Maria, als er von Palos de la Frontera aus in See stach, um einen Seeweg nach Indien zu finden. Dieses Datum markiert einen wichtigen Punkt in der Geschichte der lateinamerikanischen Literatur. Nach zwei weiteren Reisen wurde Kolumbus der Unterschlagung von Gold verdächtigt und 1499 in Ketten gelegt nach Spanien geschickt, wo er Libro de las profecías schrieb.

Die Entdeckung und Besetzung bzw. Kolonialisierung weiterer Gebiete in Mittel- und Südamerika schritt immer schneller voran und die Konquistadoren gingen dabei größtenteils sehr brutal und grausam gegen die Indios vor. Dies berichtete auch Hernán Cortés in seinen unter dem Titel Cartas de relación zusammengefassten fünf Briefen an den spanischen König Karl V., die zwischen dem 10. Juli 1519 und 1526 entstanden. Er klagt dabei einige andere Konquistadoren an, schien jedoch nur von Vorwürfen gegen sein eigenes Vorgehen ablenken zu wollen.

Vizekönigreich Neu-Spanien / Mexiko

Chroniken

In die Zeit von Cortés fällt auch die Entstehung von De Orbe Novo Decadas (1494–1526) des italienischen Humanisten Pedro Mártir de Anglería, der jedoch nie selber in Lateinamerika war. Ebenso wie Francisco López de Gómara, der mit seiner Historia de la conquista de México (1552) versuchte, der entstandenen Kritik an Hernán Cortes entgegenzuwirken.

Mit der Historia verdadera de la conquista de la Nueva España von Bernal Díaz del Castillo erschien um 1568 das erste Werk eines an den Eroberungszügen beteiligten Soldaten. Noch kritischer gegenüber der Vorgehensweise der Feldherren war Fray Bartolomé de Las Casas in seinem Werk Brevísima relación de la destrucción de las Indias (Sevilla 1552) (dt. Kurz gefasster Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder, 1790).

Weitere Chroniken:

  • Fray Bartolomé de Las Casas: Apolo gética historia, Historia de las Indias, Historia general
  • Fray Toribio de Benavente Motolinía: Historia de los Indios de la Nueva España (1541), Carta al emperador (1555)
  • Fray Bernardino de Sahagún: Historia general de las cosas de la Nueva España 12 Bücher (1569)
  • Fray Diego Durán: Historia de las Indias de Nueva España e islas de tierra firme (1581)
  • José de Acosta: Historia natural y moral de las Indias (Sevilla, 1590)

Epik und Lyrik

Die Entwicklung der Lyrik und Epik in den neuen Kolonien, die mittlerweile als Vizekönigreiche geführt wurden, war noch stark von europäischen Strömungen beeinflusst. So richtete sich die Sammlung von Gedichten Flores de baria poesía (1577) nach dem Petrarkismus, einer gelehrten Dichtung. Die Autoren der Sammlung waren nur zum Teil „Neu-Spanier“, wie z. B. Gutierre de Cetina und Juan de la Cueva.

Wesentlich stärker dem neuen Land verhaftet war La grandeza mexicana (1604, dt. „Die mexikanische Größe“) von Bernardo de Balbuena (1562?–1627), der bereits als Kleinkind nach Mexiko kam. Er beschreibt darin in Form eines Briefs dieses neue Land. Sein zweites Werk El Siglo de Oro en las selvas de Erífile (1608, dt. „Das Goldene Zeitalter in den Wäldern von Erífile“) zählt zur Gattung der Schäferromane. Und mit El Bernardo o Victoria de Roncesvalles (1624) bediente er sich bei den europäischen Rolandsepen.

Weitere Werke:

  • Antonio de Saavedra Guzmán: El peregrino indiano (1599)
  • Silvestre de Balboa Troya: Espejo de paciencia (ca. 1608)
  • Hernán González de Eslava: Coloquios espirituales y sacramentales y canciones divinas (1610), Sammlung von Dramen und Lyrik
  • Arias de Villalobos: Obediencia que México dio a Felipe IV.

Vizekönigreich Neu-Kastilien / Peru

Chroniken

Der früheste Text der Konquistadoren im südlichen Amerika war Verdadera relación de la conquista del Perú (Sevilla, 1534) von Francisco de Xerex. In diesem Werk wird die Eroberung noch als Befreiung der Indios von der Tyrannei der Inkas dargestellt und der Feldherr Francisco Pizarro als Freund der Indios. Ähnlich positiv äußert sich Agustin de Zárate in seiner siebenbändigen Chronik Historia del descubrimiento y conquista del Perú (1553).

Aber es gab auch Chronisten, die sich wesentlich kritischer mit der Vorgehensweise der Eroberer auseinandersetzten und fanden sogar Bewunderung für das untergegangene Inka-Reich. Den Anfang machte Juan de Betanzos mit Suma y narración de los Incas (ca. 1551 / Erstdruck 1880). Eine herausragende Position nahm das vierbändige La crónica del Perú (1552) von Pedro de Cieza de León ein, das sich mit der Geschichte der Inkas beschäftigt und bis zur Herrschaft des Vizekönigs Antonio de Mendoza 1551 reicht.

Von 1569 bis 1581 regierte der Vizekönig Francisco de Toledo, der erneut hart gegen die Inkas vorging und sich seine eigenen Chronisten heranzog. Zu dieser Zeit begann José de Acosta mit seiner Historia natural e moral de las Indias, die erst 1590 fertiggestellt wurde. Es verstärkte sich wieder das Meinungsbild, dass es christliche Aufgabe der Spanier war, die Indios zu bekehren und alte Vorurteile bzgl. Menschenopfer und Inzest wurden erneuert. So u. a. in Gobierno del Perú (1567, dt. die Regierungsform von Peru) von Juan de Matienzos und Historia de los incas (um 1580) von Pedro Sarmiento de Gamboa. Als Gegenentwurf erschien 1578 Bericht über die früheren Gebräuche der Eingeborenen von einem Autor, der sich „Anonymer Jesuit“ nannte. Hierin wurde der Vorwurf erhoben, dass viele Schauergeschichten in den mangelnden Sprachkenntnissen des Quechua der Inkas durch die Spanier begründet liegen.

Die mangelnden Sprachkenntnisse führten schon früh zu der Anekdote, dass die Ortsbezeichnung „Yukatan“ aus dem falsch gehörten „Ma c'ubab than“ („Wir verstehen eure Worte nicht“) entstand - die Antwort der Maya auf die Frage: „Wo befinden wir uns hier?“

Chile und die Peripherie

Chroniken

Im restlichen Südamerika gab es keine so hochentwickelte Zivilisation wie bei den Inkas. Das Gebiet wurde erst in den 40er Jahren des 16. Jahrhunderts erobert, worüber die Crónica y relación copiosa y verdadera de los reinos de Chile[2] (1558, Erstdruck 1966) des Gerónimo de Vivar berichtete. Er war ein Kampfgefährte der Eroberers Pedro de Valdivia, der während des Aufstands der Araukaner getötet wurde.

Aus Neu-Granada (heutiges Kolumbien) stammten die verlorengegangenen Werke El gran cuaderno und Los ratos de Suesca von Gonzalo Ximénez de Quesada, sowie die Kurzchronik Epítome de la conquista del Nuevo Reino de Granada (ca. 1550). Fray Gaspar de Carvajal erzählt in Relación del nuevo descubrimiento del famoso río grande de los Amazonas vom Amazonasgebiet und Francisco Vàsquez in Relación de todo lo que sucedió en la jornado de Amagua y Dorado (1562) u. a. von dem Konquistador Lope de Aguirre, der sich von der spanischen Königsmacht lossagte.

In einem Mammutwerk von über 150.000 Versen berichtet Juan de Castellanos in Elegías de varones ilustres de Indias (1589) über die Eroberung der Karibik, von Kolumbien und von Venezuela und bediente sich dabei stark der epischen Form, wobei die Spanier in seinen Darstellungen wesentlich positiver gezeichnet werden als die Indios.

Epik

Das eindrucksvollste Werk, das epischen Stil mit historischer Authentizität verknüpfte, was das mehrbändige La Araucana von Alonso de Ercilla (1533–1594), der 1557 selber an den Kämpfen gegen die Araukaner teilnahm. Der erste Teil erschien 1568/69, der zweite 1578 und der letzte 1589. In seinem Epos stellt er die Spanier immer wieder als grausam dar, so im zweiten Teil:

„Die Unseren, bis zu diesem Augenblick Christen, überschritten nun die Grenzen des Erlaubten und beschmutzen den großen Sieg durch grausame Waffentat und unmenschliche Handlung. So sträubt mein Geist und meine Feder sich, das große Gemetzel zu beschreiben, das an diesem Tag angerichtet wurd' unter den Verteid'gern ihres Landes“[3]

Während die Araukaner zwar heldenhaft, aber auch als Verräter und Barbaren charakterisiert werden.

An der Stelle, an der La Araucana aufhörte, nämlich bei dem Amtsantritt von García Hurtado de Mendoza als Vizekönig von Peru (1589), begann das Arauco domado (1596) von Pedro de Oña. Hier wird ein wesentlich günstigeres Bild der Spanier gezeichnet, aber immer wieder auch romantische Liebesgeschichte den Indios eingeflochten, fern jener früheren Vorwürfe der sexuellen Abartigkeiten wie Sodomie und Inzest.

Aus einer anderen Region, nämlich Neu-Granada (= Kolumbien), stammte Juan Rodríguez Freyle, der 1638 El carnero veröffentlichte und in zahlreichen Anekdoten und Liebesgeschichten die letzten 100 Jahre dieser Kolonie erzählt.

Zwei Reiseberichte stellen die Gegenden abseits der beiden Vize-Königreiche sehr unterschiedlich dar: zum einen Descripción del Peru, Tucumán, Río de la Plata y Chile (1607) von Reginaldo de Lizárraga, der keine guten Worte für die Indios findet; zum anderen A través de la América del Sur (1599–1608) von Guadalupe Diego de Ocaña, der in z. T. sehr dramatischer Weise von seiner Reise berichtet.

Für den argentinischen Raum stehen das in 28 Gesängen verfasste Gedicht Argentina y conquista del Río de la Plata (1602) von Martín del Barco Centeneras und die Prosachronik La Argentina (1612) von Ruy Díaz de Guzmán.

Weitere Werke:

  • Juan de Miramontes y Zuázela: Armas antárcticas (ca. 1610 / Erstdruck 1921)
  • Diego de Hojeda: Cristida (1611)
  • Diego Dávalos y Figueroa: Miscelánea austral (1603)

Die portugiesische Kolonie Brasilien

Noch bevor überhaupt die geographische Größe des Gebiets bekannt war, schrieb Pero Vaz de Caminha am 1. Mai 1500 einen Brief (Carta, veröffentlicht 1817) an den portugiesischen König, in dem er über die Entdeckung dieses Landes berichtet. Doch das Herrschaftshaus war nicht sonderlich an den neuen Besitztümer interessiert, so wurde erst 1530 eine größere Expedition entlang der Küste gestartet, die Pero Lopes de Sousa in Diário de Navegação (veröffentlicht 1839) dokumentierte.

Erst nach einer Verwaltungsreform und der verstärkten Christianisierung durch den Jesuitenorden, kam es zu einer ansteigenden Kolonialisierung. Damit einhergehend stammten die meisten damals erschienen Schriften aus den Federn von Mitgliedern der Gesellschaft Jesu. Einer der ersten war Manuel de Nóbrega um 1557 mit Diálogo sobre a Conversão do Gentio. Ein bedeutender Autor wurde der aus Teneriffa stammende Jesuitenpater José de Anchieta (1534–1597). Von ihm stammen die lateinischen Dichtungen De Beata Virgine Dei Matre Maria (1563), De Gestis Mendi de Saa (1563), der ersten Grammatik einer Indianersprache Arte de Gramática da Língua mais usada na Costa do Brasil (1595) und das Drama Auto na Festa de São Lourenço (Uraufführung 1583, veröffentlicht 1948).

Weitere Werke sind:

  • Pero Magalhães Gândavo: História da Província de Santa Cruz a que vulgarmente chamammos Brasil (1576)
  • Gabriel Soares de Sousa: Tratado descritivo do Brasil (1587)
  • Ambrósio Fernandes Brandão: Diálogos das Grandezas do Brasil (1618)
  • Frei Vicente do Salvador: História do Brasil (1627, veröffentlicht 1889)

Der Beginn des 17. Jahrhunderts

Vizekönigreich Neu-Spanien / Mexiko

Vizekönigreich Neu-Kastilien / Peru

Einer der herausragendsten Chronisten war Garcilaso Inca de la Vega, der Sohn eines spanischen Konquistadoren und einer Inka-Prinzessin. Er ging 1560 nach Spanien und veröffentlichte 1590 La traduzion del Indio de los tres Dialogos de Amor de Leon Hebreo, eine Adaption des Dialoghi d'Amore von Leone Ebreo. 1592 erschien La Florida del Inca und 1609 Comentarios reales (dt. Königliche Kommentare). In diesem Werk beruft er sich auf seine Herkunft und baut die Indiokultur in einen europäisch geprägten Rahmen ein. Da er des Quechua mächtig war, konnte er sich auf andere Quellen berufen, sah aber auch die Konquisitation als Vollendung der von den Inkas begonnen Kulturentwicklung an. Posthum erschien 1617 die Fortsetzung Historia general del Perú[4], die sich ausführlich mit der Hinrichtung des Inka-Königs Atawallpa durch Francisco Pizzaro beschäftigt. Auch hier schienen demnach Verständigungsprobleme zu einer Eskalation geführt zu haben, in deren Folge Atawallpa hingerichtet wurde. Aber er blieb bei seiner Einschätzung, dass die Vergangenheit der Inkas mit dem christlichen Glauben der Spanier eine zukunftsweisende Verbindung in Form einer neuen Zivilisation eingehen kann.

Das Zeitalter des Barocks

Noch während des Barocks von der Mitte des 17. bis Mitte des 18. Jahrhunderts, stand die lateinamerikanische Literatur stark unter spanischem und portugiesischem Einfluss. Doch war es keine detailgetreue Kopie der iberischen Literatur, zumal es eine zeitliche Verzögerung gab, sondern zeigten sich schon einige koloniale Themen. Dies ging u. a. einher mit dem Auf- und Ausbau der Städte, die ein neues Publikum brachten. Bücher wurden nicht mehr größtenteils für das und in dem Mutterland geschrieben und/oder veröffentlicht (Ausnahme Brasilien, wo bis zum Beginn des 19. Jahrhundert Druckereien verboten waren). Aber es fehlte noch die letzte Stufe: die Selbständigkeit.

Als Beleg der zeitlichen Verzögerung sei der Kultismus eines Luis de Góngora genannt (Soledades 1636, Fábula de Polifermo y Galatea 1627), der noch in Lateinamerika viele Anhänger und Nachahmer fand, während er in Spanien bereits vom Klassizismus abgelöst war.

Ebenfalls in diesen Zeitraum fallen politische Auseinandersetzungen zwischen Spanien und Portugal um einen Teil Brasiliens und zunehmende Präsenz von den anderen Kolonialmächten Niederlande, Großbritannien und Frankreich - zum Teil mit kriegerischen Mitteln.

Epoche der Romantik

Im 19. Jahrhunderts suchte die Erzählliteratur Lateinamerikas Anschluss an europäische Vorgaben der Romantik und entwickelte nebenbei eine eigene mit lokalen Themen verbundene Prosa. Die Romantik war für lateinamerikanischen Schriftsteller von Bedeutung, da sie die Befreiung des Individuums thematisierte. Die koloniale Prägung hatte die Menschen an Traditionen und Klassizismus gebunden. Nun konnten sie dieser Gebundenheit durch die Literatur entfliehen. So wurden erstmals die aktuelle Geschichte und damit verbundene Probleme niedergeschrieben. In dieser Zeit entflammte der Kampf für die Gleichberechtigung der indigenen Bevölkerung, in dessen Zusammenhang die Gattung des Sklavenromans, novela abolicionista, entstand. Ein Beispiel hierfür ist der Roman Francisco von Anselmo Suárez y Romero. Das Individuum mit seiner inneren Welt steht im Mittelpunkt der romantischen Literatur. Folglich erlangte der Liebesroman große Bedeutung. In diesen geht es meist um eine tragische, unerfüllte Liebe, die mit dem Tod beider Protagonisten enden kann. Neben der Thematisierung der Liebe wird auch der Natur nun eine größere Bedeutung beigemessen. In der Lyrik und Prosa finden sich detailreiche, idyllische Naturbeschreibungen wieder, die neben der bloßen Beschreibung der Naturphänomene auch den Gefühlszustand des Schriftstellers widerspiegeln. Diese Merkmale der Romantik kehren u. a. häufig in José Mármols Werken wieder.

Weitere Vertreter der Romantik in Lateinamerika sind Esteban Echeverría (Argentinien), Jorge Isaacs (Kolumbien) und Juan León Mera (Ecuador).

Einzelnachweise

  1. Lateinamerika 1492 - 1850/70 Hrsg. F. Edelmayer, B. Hausberger, B. Potthast. Wien, 2005
  2. Vivar, Gerónimo de (1524?- ): Crónica y relación copiosa y verdadera de los reinos de Chile 1558. In: Fondo Histórico y Bibliográfico José Toribio Medina, Band 2. Instituto Geográfico Militar, Santiago de Chile 1966 (Memoria Chilena - Dokumente).
  3. Lateinamerikanische Literaturgeschichte. 3. Aufl., 2007, S. 44
  4. Garcilaso Inca de la Vega (1539–1616): Historia general del Peru : trata el descubrimiento del, y como lo ganaron los españoles. Por la Viuda de Andres Barrera y a su costa, Cordoba 1617 (Memoria Chilena - Dokumente).

Literatur


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