Ang Lee
Ang Lee bei den 66. Filmfestspielen von Venedig 2009

Ang Lee (chinesisch 李安 Lǐ Ān; * 23. Oktober 1954 in Pingtung, Taiwan, Republik China) ist ein taiwanischer Filmregisseur, Drehbuchautor und Produzent. Er ist als vielfach ausgezeichneter Regisseur bekannt für so unterschiedliche Filme wie Eat Drink Man Woman, die Jane-Austen-Adaption Sinn und Sinnlichkeit, den Martial Arts-Film Tiger and Dragon sowie Brokeback Mountain, für den er 2006 den Regie-Oscar erhielt.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Ang Lee wurde 1954 im ostasiatischen Inselstaat Taiwan zur Zeit des Kuomintang-Regimes von General Chiang Kai-shek geboren. Lees Eltern, Emigranten vom chinesischen Festland, lernten sich in Taiwan kennen, Lee ist ihr ältester Sohn. Die Großeltern beider waren in der kommunistischen Revolution in China ums Leben gekommen. Da sein Vater als Lehrer häufiger die Arbeitsstelle wechselte, wuchs Ang Lee in verschiedenen Städten Taiwans auf.

Entgegen den Wünschen seiner Eltern, wie sein Vater eine klassische akademische Laufbahn einzuschlagen, interessierte sich Lee für das Schauspiel und absolvierte mit dem Segen der Eltern zunächst ein Theater- und Filmstudium in Taipeh. Im Anschluss daran ging Lee 1978 in die USA, um an der Universität von Illinois in Urbana-Champaign Theaterwissenschaft und -regie zu studieren. Nach dem Erwerb seines B.A. in Illinois verlegte sich Lee ganz auf das Studium der Film- und Theaterproduktion an der Universität von New York. Er schloss seine Ausbildung dort 1985 mit einem Master ab. Im Anschluss daran entschloss er sich gemeinsam mit seiner ebenfalls aus Taiwan stammenden Ehefrau in den USA zu bleiben.

Sein Interesse hat sich, trotz erster Erfahrungen mit dem Super-8-Film in Taiwan,[1] erst spät vollkommen auf Filmregie und -produktion verschoben - auch weil Lee seinen Berufswunsch seiner Familie und insbesondere seinem Vater gegenüber lange Zeit nicht eingestehen konnte.[2] Nach dem Studienabschluss konnte Ang Lee zunächst längere Zeit keine eigenen Projekte umsetzen. Erst 1992 stellte er seinen ersten Langfilm fertig; danach schloss sich allerdings eine kontinuierliche Karriere als Regisseur an.

Als Lees bisher größte Erfolge, sowohl beim Publikum als auch bei der Kritik, gelten das Martial Arts-Drama Tiger and Dragon mit einer pan-asiatischen Starbesetzung und der Post-Western-Liebesfilm Brokeback Mountain mit Heath Ledger und Jake Gyllenhaal. Für diesen bekam Lee 2006 den Oscar für die beste Regie und war damit der erste asiatisch-stämmige und nicht-weiße Regisseur, der diese Auszeichnung bekam. Außerdem wurden Lees Filme, neben vielen weiteren Preisen, mit mittlerweile zwei Goldenen Bären der Berlinale und zwei Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig ausgezeichnet.

Lee ist seit 1983 mit der Mikrobiologin Jane Lin verheiratet. Mit ihren beiden Söhnen Haan (* 1984) und Mason (* 1990) leben beide in White Plains, Westchester County in New York.

Filmisches Werk

Nach seinen ersten Erfahrungen Film in Taiwan setzte sich Lee erst im Rahmen seines Studiums in den USA wieder ernsthaft mit dem Filmemachen auseinander. Im Rahmen seines Studiums in New York drehte er einige Kurzfilme und wirkte unter anderem beim Abschlussdreh seines Studienkollegen Spike Lee als Regieassistent mit. Sein eigener Abschlussfilm Fine Line gewann 1985 zwei Preise beim renommierten Filmfest seiner Universität.[2] Erst 1992 gelingt es ihm, nach dem Gewinn eines hochdotierten Drehbuchwettbewerbs in Taiwan, den ersten einer Reihe von drei Filmen zu drehen, die west-östliche Konflikte taiwanesischer Familien zum Thema haben.

1992–1994: Die „Father-Knows-Best“-Trilogie

Diese ersten drei Langfilme, die Lee realisieren konnte, werden im Allgemeinen unter dem Begriff Father Knows Best gefasst.[3] Diese Bezeichnung geht auf die wiederkehrende Figur des chinesischen Familienoberhaupts zurück, jeweils gespielt vom taiwanesischen Schauspieler Sihung Lung. Die drei Filme thematisieren, wie später noch öfter bei Ang Lee, familiäre Probleme, die aus dem Konflikt zwischen Selbstbestimmung und Tradition, zwischen Innen und Außen, zwischen Ost und West und zwischen den Generationen herrühren. Die Filme sind US-amerikanisch-taiwanische Koproduktionen. Anders als bei allen bis dato folgenden Projekten handelt es sich bei diesen ersten Filmen Lees nicht um Adaptionen, sondern um Filme nach von ihm selbst geschriebenen Originaldrehbüchern.

Der erste Film, Schiebende Hände (1992), handelt vom Einzug eines chinesischen Vaters bei seinem erwachsenen Sohn und der US-amerikanischen Schwiegertochter in New York und den interkulturellen Problemen, die in der neuen Wohngemeinschaft entstehen. Dies war die erste Zusammenarbeit zwischen Lee und dem Drehbuchautor und Produzenten James Schamus, die seitdem bei jedem Film Lees eine enge Arbeitsgemeinschaft gebildet haben. Hier wie in den beiden folgenden Filmen schrieben sie gemeinsam das Drehbuch.[4] In allen bisher folgenden Filmen Lees (mit Ausnahme des Kurzfilms The Hire: Chosen) hat Schamus seitdem entscheidende Funktionen ausgeübt.

Auch die regelmäßige Zusammenarbeit mit dem Cutter Tim Squyres findet in Lees Erstling ihren Anfang. Mit der einzigen Ausnahme des Erfolgsfilms Brokeback Mountain von 2005 hat Squires jeden Film geschnitten, den Ang Lee gedreht hat.

Nach dem Erfolg seines Erstlings konnte Lee als nächstes Das Hochzeitsbankett (1993) drehen, eine Komödie über die fingierte Eheschließung eines homosexuellen Exil-Taiwaners in den USA. Erneut taucht hier die Figur des strengen, aber weisen Familienoberhaupts auf. Hatte Schiebende Hände zunächst vor allem in Taiwan für Aufmerksamkeit (und Preise) gesorgt, wurde mit dem zweiten Langfilm Lees auch Europa auf den aufstrebenden Regisseur aufmerksam:[2] Der Film errang bei der Berlinale 1993 den Goldenen Bären als Bester fremdsprachiger Film und wurde außerdem für einen Oscar nominiert. Der Film gilt zudem als einer der profitabelsten Low-Budget-Filme des Jahres 1993, da er mit nur einer Million US-Dollar Produktionskosten über 23 Millionen US-Dollar Einspielergebnis erzielte.[5]

Sihung Lung ist auch im letzten Teil der Trilogie, Eat Drink Man Woman (1994) die kongeniale Verkörperung des chinesischen Familienoberhaupts,[6] das Zentrum dieser Maskeraden, in denen es darum geht, ein altes Gesicht zu wahren und dann zu lernen, es zu verlieren, um ein neues, lebenstauglicheres zu gewinnen.[7] Dieses Mal ist er der verwitwete Vater dreier Töchter, die ihr Leben und ihre Lieben auf unterschiedliche Arten und Weisen angehen und dabei ebenfalls innerfamiliäre Konflikte klären müssen. Eat Drink Man Woman wurde, anders als die Vorgänger, in Taipeh gedreht. Im Mittelpunkt des Films (der Titel deutet es an) stehen Liebe und Essen. Ang Lee, privat ein passionierter Koch, legte hier besonders großen Wert auf die kulinarische Komponente als Stilmittel[8] und konzipierte die Hauptfigur des älteren Witwers als berühmten Koch.

1995–1999: Dreimal anglo-amerikanische Geschichte

Mit dem Angebot der Produzentin Lindsay Doran, die von der britischen Schauspielerin Emma Thompson verfasste Adaption des Jane-Austen-Romans Verstand und Gefühl in Großbritannien zu drehen, eröffnete sich Lee eine ersehnte neue Perspektive jenseits asiatisch geprägter Stoffe.

In einer Trilogie setzt er sich mit unterschiedlichen Kulturen auseinander:

2000–heute: Pendeln zwischen West und Ost

Tiger and Dragon sowie Hulk sind sehr unterschiedliche Action-Filme. Mit Tiger and Dragon gewann Lee zwei Golden Globes. Das Werk wurde außerdem mit vier Academy Awards (Oscar) prämiert, darunter der Trophäe für den besten fremdsprachigen Film. Für diesen Film wurde er 2001 auch mit einem Chlotrudis Award ausgezeichnet, seinen zweiten Chlotrudis erhielt er 2006 für Brokeback Mountain.

Für Brokeback Mountain wurde Lee mit einer Vielzahl von Filmpreisen geehrt, darunter der Oscar für die beste Regie, der Goldene Löwe der Filmfestspiele von Venedig 2005 sowie die Auszeichnung der Hollywood Foreign Press Association als bester Regisseur des Jahres. 2007 verfilmte er mit Gefahr und Begierde eine Kurzgeschichte von Eileen Chang. Der Thriller spielt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in Shanghai und handelt von einer jungen chinesischen Agentin (gespielt von Tang Wei), die beauftragt wird, einen Verräter (Tony Leung Chiu Wai) zu liquidieren. Lees erste chinesischsprachige Spielfilmproduktion seit Tiger and Dragon war 2007 im offiziellen Wettbewerb der 64. Filmfestspiele von Venedig vertreten und brachte ihm erneut den Goldenen Löwen ein. Im selben Jahr wurde Gefahr und Begierde als offizieller taiwanischer Beitrag für die Nominierung um den besten nichtenglischsprachigen Film bei der Oscar-Verleihung 2008 ausgewählt,[9] wurde später aber auf Empfehlung der Academy of Motion Picture Arts and Sciences wieder zurückgezogen und durch Chen Huai-Ens Lian xi qu[10] ersetzt.

Ende Februar 2009 wurde bekannt, dass Lee die Jury der 66. Filmfestspiele von Venedig leiten wird.[11] Zwei Monate später erhielt er für seine Komödie Taking Woodstock eine Einladung in den Wettbewerb der 62. Internationalen Filmfestspiele von Cannes.

Filmografie

Literatur

  • Qin Hu: Das Kino von Ang Lee – Von der chinesischen Philosophie, Kunstauffassung und Kultur zu filmästhetischen Aspekten. Gardez! Verlag, 2008
  • Michael Pekler, Andreas Ungerböck: Ang Lee und seine Filme. Schüren, Marburg 2009, ISBN 978-3-89472-665-2.
  • Isabell Gössele: Das Kino des Ang Lee – Im Atem des verborgenen Drachen. Tectum, Marburg 2009, ISBN 978-3-8288-2046-3
  • Tanja Hanhart (Redaktorin): Ang Lee und sein Kino. Poesie im Grossformat. In: du 796 (Feb. 2006), ISBN 978-3-03717021-2.

Siehe auch

Weblinks

 Commons: Ang Lee – Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Michael Pekler, Andreas Ungerböck: Ang Lee und seine Filme. Schüren, Marburg 2009
  2. a b c Christoph Schneider: Chronik von Leben und Werk. In: Ang Lee und sein Kino. Poesie im Grossformat. In: du 796 (Feb. 2006), S. 64–70
  3. Michael Pekler und Andreas Ungerböck merken dazu ironisch an, dass man die Trilogie besser mit “Father Thinks He Knows Best” titulieren könne, da die Patriarchen keineswegs für alles eine Lösung haben, vgl. Michael Pekler, Andreas Ungerböck: Ang Lee und seine Filme. Schüren, Marburg 2009, S. 17
  4. Für Das Hochzeitsbankett zeichnete zusätzlich Neil Peng, für Eat Drink Man Woman Hui-Ling Wang verantwortlich.
  5. Isabell Gössele: Das Kino des Ang Lee – Im Atem des verborgenen Drachen. Tectum, Marburg, 2009, S. 72
  6. Pekler, Ungerböck 2009, S. 19
  7. Christoph Schneider: Chronik von Leben und Werk. In: Ang Lee und sein Kino. Poesie im Grossformat. In: du 796 (Feb. 2006), S. 65
  8. Pekler, Ungerböck 2009, S. 135f.
  9. Douglas Tseng: Shorter version of Lust to be shown here. In: The Straits Times (Singapore), 26. September 2007, LIFE! – LIFE BUZZ
  10. Lian xi qu in der deutschen und englischen Version der Internet Movie Database
  11. vgl. dpa: Venedig: Ang Lee wird Jury-Präsident. In: fr-online, 28. Februar 2009

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