Anorexia nervosa
Vergleichende Klassifikation nach
ICD-10   DSM-IV
F50.0 Anorexia nervosa 307.1 Anorexia nervosa
F50.1 atypische Anorexia nervosa
ICD-10 online DSM IV online

Die Anorexia nervosa (griech./lat.: etwa „nervlich bedingte Appetitlosigkeit“), auch Anorexia mentalis oder Magersucht genannt, ist eine psychische Störung aus dem Bereich der seelisch bedingten Essstörungen.[1] Anorexia nervosa ist nicht gleichbedeutend mit dem Begriff Anorexie, welcher lediglich allgemein eine Appetitlosigkeit beschreibt, gleich welcher Ursache.

Unterschieden werden kann innerhalb der Anorexie zwischen restriktivem Typus, bei dem (nur) die Nahrungsaufnahme verringert wird, und dem Purging-Typus, bei dem außerdem das Gewicht beispielsweise durch Erbrechen verringert wird (siehe Abschnitte Symptome und Diagnose).

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die erste veröffentlichte Arbeit zu der Anorexia nervosa, damals noch unter der Bezeichnung „Anorexia hysterica“ stammt von dem Engländer William Gull. Er veröffentlichte 1868 drei Fallberichte.[2] Dabei konzentrierte er sich auf die Beschreibung somatischer (körperlicher) Veränderungen.

Der französische Internist Ernest-Charles Lasègue beschrieb 1873 auf der Basis von acht Fällen die Anorexia hysterica als einheitliches Krankheitsbild.[3][4] Dabei grenzte Lasègue die Symptome vom extremen Fasten ab, indem er die Überaktivitäten der erkrankten Personen hervorhob.

Die „Anorexia hysterica“ ist damit die erste als Entität beschriebene Essstörung, beide Autoren betonten den psychogenen Zusammenhang der Krankheit.

Überblick

Die meisten Erkrankten leiden an einer Körperschemastörung: Sie nehmen sich trotz Untergewichts als zu dick wahr. Ihr Selbstwertgefühl hängt nicht nur von allgemeinen Leistungen in Beruf, Hobby oder Privatleben, sondern besonders stark auch von der Fähigkeit ab, das Körpergewicht kontrollieren zu können.

Die Anorexia nervosa ist mit einer geschätzten Prävalenz von 0,7 % unter weiblichen Teenagern zwar seltener als die Bulimie, zeigt aber nicht selten mit schweren körperlichen Komplikationen einen deutlich ungünstigeren Verlauf. Die Erkrankung beginnt am häufigsten im Teenager-Alter, wobei eine Diät, die anschließend außer Kontrolle gerät, ein Einstieg sein kann. Die Krankheit kann jedoch auch bei Erwachsenen oder bereits vor Eintritt der Pubertät auftreten. Einer von zwölf Erkrankten ist männlich.[5]

Die Erkrankung kann nur selten durch eine kurze Behandlung geheilt werden. Häufig ist der Krankheitsverlauf langwierig, ebenfalls häufig lässt sich mit den zur Verfügung stehenden Therapien keine Heilung erreichen. Magersucht zählt zu den psychischen Krankheiten mit der höchsten Sterberate. Etwa 15 Prozent der Erkrankten sterben daran.[6]

Emetophobie, eine relativ seltene Phobie, wird oft fälschlich für eine Magersucht gehalten.[7]

Symptome

Anorektische Frau im Journal Nouvelle Iconographie de la Salpêtrière, 1900

Das Kennzeichen der Anorexia nervosa ist die selbst herbeigeführte Gewichtsabnahme, die durch Verminderung der Nahrungsaufnahme erreicht wird, wobei besonders Nahrungsmittel, die als „fett machend“ angesehen werden, weggelassen werden. Es gibt auch einen der Bulimia nervosa ähnlichen „Purging-Typ“ der Anorexia nervosa (engl.: to purge = abführen).[8] Die an diesem Typ Erkrankten beschleunigen ihre Gewichtsabnahme durch selbst ausgelöstes Erbrechen, missbräuchliche Einnahme von Appetitzüglern, Laxantien (Abführmitteln) oder Diuretika, Verwendung von Klistieren oder exzessive sportliche Betätigung.

Das Hauptunterscheidungsmerkmal (Differentialdiagnose) zur Bulimia nervosa ist das Körpergewicht. Eine Anorexia nervosa wird diagnostiziert, wenn ein selbst herbeigeführtes Untergewicht besteht und der Body-Mass-Index unter 17,5 liegt.

Die Gedanken der Kranken sind eingeengt und kreisen stets um die Themen Ernährung, Gewicht und Körperschema.

„Die anorektische Frau lehnt das Essen ab und beschäftigt sich doch mehr damit als die meisten Gourmets. […] Sie lehnt ihren Körper ab, konzentriert sich jedoch in all ihrem Denken und Handeln auf ihn. […] Sie will selbstständig und unabhängig sein, verhält sich jedoch so, dass ihre Interaktionspartner sie nahezu zwangsläufig kontrollieren.“

Alexa Franke: Wege aus dem goldenen Käfig – Anorexie verstehen und behandeln.

Die Kranken sind sehr kälteempfindlich und ihre Körpertemperatur kann erniedrigt sein, weil der Körper den Stoffwechsel herunterfährt und das wärmedämmende subkutane Körperfett fehlt. Weitere Symptome sind Schwindelgefühle, Ohnmachtsanfälle und hormonelle Störungen. Zudem kann es zu trockener Haut und zum Wachsen von Lanugohaaren an Rücken, Armen und Gesicht kommen.

Bei Frauen bleibt die Periode aus (Amenorrhoe). Die Einnahme der Antibabypille überdeckt dieses Symptom, daher ist das Auftreten der Monatsblutung kein sicheres Ausschlußkriterium für Anorexia nervosa. Die künstlich zugeführten Hormone regulieren jedoch nicht den gesamten gestörten Hormonhaushalt.

Beginnt die Krankheit vor der Pubertät, endet das Größenwachstum vorzeitig und die Geschlechtsreife tritt nicht oder nur verzögert (Pubertas tarda) ein: Bei Mädchen entwickelt sich die weibliche Brust dann nicht, bei Jungen bleibt die Entwicklung der Hoden und des Penis aus.

Körperliche Folgen

Die Magersucht ist eine schwere, unter Umständen tödliche Erkrankung. Das extreme Untergewicht verursacht körperliche Folgen:

Bis zu 15 % der Erkrankten sterben[9] – entweder durch Komplikationen wie Herzstillstand oder Infektionen, oder aber durch Selbstmord. Ein Teil der überlebenden Patienten leidet zeitlebens an Langzeitfolgen wie Osteoporose oder Niereninsuffizienz.

Diagnose

Die Diagnose wird aus dem Ergebnis verschiedener Untersuchungen gestellt:

Entsteht der Verdacht, dass andere Ursachen das Untergewicht verursacht haben (siehe Differentialdiagnose), werden weitere Untersuchungen veranlasst.[5]

Die nachfolgenden Kriterien müssen für eine Diagnose erfüllt sein. Dabei wird in Deutschland die Kodierung zur Abrechnung mit den Leistungsträgern (Kranken- und Rentenkassen) nach dem ICD-10 vorgenommen.

ICD-10-Diagnosekriterien für Anorexia nervosa DSM-IV-Diagnosekriterien für Anorexia nervosa
  • Tatsächliches Körpergewicht mindestens 15 % unter dem zu erwartenden Gewicht oder Body-Mass-Index von 17,5 oder weniger (bei Erwachsenen)
  • Der Gewichtsverlust ist selbst herbeigeführt durch Vermeidung von hochkalorischer Nahrung und zusätzlich mindestens eine der folgenden Möglichkeiten:
    • selbstinduziertes Erbrechen
    • selbstinduziertes Abführen
    • übertriebene körperliche Aktivität
    • Gebrauch von Appetitzüglern und/oder Diuretika
  • Körperschemastörung in Form einer spezifischen psychischen Störung
  • Endokrine Störungen, bei Frauen manifestiert als Amenorrhoe, bei Männern als Libido- und Potenzverlust
  • Bei Beginn der Erkrankung vor der Pubertät ist die Abfolge der pubertären Entwicklung gestört (Wachstumsstopp, fehlende Brustentwicklung)
  • Niedriges Körpergewicht, weniger als 85 % des zu erwartenden Gewichts
  • Große Angst vor Gewichtszunahme
  • Strikte Kontrolle der Nahrungsaufnahme
  • Körperschemastörung:
    • Übertriebener Einfluss des Gewichts auf die Selbstwertung
    • Krankheitsverleugnung
  • (nur bei Frauen) sekundäre Amenorrhö

Nach DSM-IV existieren zwei Unterkategorien der Anorexia Nervosa:

  1. Anorexia nervosa vom restriktiven Typus Sie zeichnet sich durch bloßes Verzichten auf Nahrung bzw. besonders hochkalorischer Nahrung aus.
  2. Anorexia nervosa vom Purging Typus Durch kompensatorische Verhaltensweisen, wie selbstinduziertes Erbrechen, Abführmittel oder Entwässerungsmittel wird der Kalorienaufnahme entgegengewirkt. Dabei ist ein deutlicher Gewichtsverlust zu beobachten.

Die aktuelle, nur in Deutschland gültige Version des ICD-10, ICD-10-GM-2008, übernimmt diese Unterscheidung und differenziert in die Codes F50.00 beziehungsweise F50.01.

Krankheitsentstehung

Das Schönheitsideal von Frauen in den westlichen Industrienationen hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt: Schlankheit gilt als Ideal

Für die Entstehung der Magersucht nimmt man heute an, dass folgende Faktoren zusammenwirken:

  • eine erbliche Disposition,
  • gesellschaftliche Faktoren, zu denen neben dem Schlankheitsideal auch eine veränderte Rollenerwartung zählt,
  • individuelle Faktoren, wie ein Mangel an Selbstwertgefühl sowie
  • bestimmte familiäre Faktoren.

Die Krankheit tritt bei Frauen in westlichen Gesellschaften gehäuft auf.

Die Zwillingsforschung hat eine familiäre Häufung der Erkrankung nachgewiesen. Bislang konnten noch keine Gene genau identifiziert werden, mit welchen eindeutig eine entsprechende Disposition einhergeht. Die Forschung konzentriert sich zurzeit besonders auf Gene, die im Zusammenhang mit einem leicht störbaren Neurotransmitter-System von Serotonin stehen. Neuere Untersuchungen lokalisieren entsprechende Mutationen des Gens OPRD1 und in der Nähe des HTR1D-Gens.[10]

Ausschlaggebend scheinen die genannten individuellen und Umweltfaktoren zu sein: Allgemein sind dies Erfahrungen, die die überwiegend weiblichen Patienten schon früh besonders auf ihr Aussehen und Gewicht sensibilisieren. Häufig lassen kritische Kommentare von Familie und Freunden über das Essverhalten, Gewicht etc. in der Vorgeschichte nachweisen. In westlichen Industrienationen herrscht darüber hinaus auch ein kultureller Druck auf Frauen, schlank zu sein. Dieses Schönheitsideal wird durch die Massenmedien transportiert. Schlankheit und gutes Aussehen wird vor allem in der Werbung häufig mit beruflichem und sozialem Erfolg verknüpft. Unter anderem werden Diäten als Mittel zum Erreichen dieses Ideals angepriesen. Die Krankheit beginnt häufig im Rahmen einer Diät und wird durch die Anerkennung und Beachtung, welche die Betroffene (vielleicht erst) durch ihren schlanken Körper bzw. ihren Gewichtsverlust erhält, verstärkt.

Zentral scheinen ungünstige Voraussetzungen in den Herkunftsfamilien („adverse parenting“) für die Entwicklung einer Magersucht zu sein. Im Mittelpunkt steht hierbei vor allem eine geringe emotionale Unterstützung, ein geringer Kontakt, emotionale Kälte, geringe oder nur bedingte Zuneigung und hohe Erwartungen (Vermaschung) der Eltern. Aus systemisch-familientherapeutischer Sicht herrscht in Familien mit an Magersucht Erkrankten ein großes Harmoniestreben der Familienmitglieder untereinander, eine Auseinandersetzung mit Konflikten und negativen Gefühlen (Wut, Zorn, Unsicherheit, Ängste) findet nicht statt. Die Mütter magersüchtiger Patienten sind häufig übermäßig ängstlich und wenig selbstbewusst.

Auch schwere psychische Traumatisierungen, wie z. B. sexueller Missbrauch oder Misshandlung sind in der Geschichte von Magersuchtpatienten zu finden.

Ein Mangel an Selbstwertgefühl, ein geringes Selbstbewusstsein und Perfektionismus sind Persönlichkeitszüge, die vor Ausbruch der Erkrankung bestehen.

Die Annahme, dass all diese Faktoren zusammenwirken, wird als „psychobiologisch-soziales Modell“ bezeichnet.[5]

Die meisten Therapeuten nehmen zur Zeit an, dass der Hauptgrund für Magersucht in der Familie zu suchen ist.[11] In den meisten Fällen handelt es sich um eine unauffällige bürgerliche Familie, die sich selbst gern als absolut „intakt“ darstellt; die Meinung Außenstehender hat – insbesondere in Bezug auf den Patienten – höchste Priorität. Sind Jugendliche erkrankt, kann oft eine hohe Leistungsanforderung von den Eltern an den jungen Menschen festgestellt werden. Sollte dieses Bemühen enttäuscht werden, wird dies dann häufig nicht mit offensichtlichen Strafen geahndet, sondern mit dem Vorwurf an den Jugendlichen, Vertrauen enttäuscht zu haben. Das Bild der „eiserne[n] Faust im seidenen Handschuh“[12] vermittelt dies eindrucksvoll.

Beachtet wird zudem die Vermaschung.[13] Gemeint ist damit die Inbesitznahme des Lebens des Patienten durch die Eltern sowie das Fehlen jeglicher Privatsphäre. Natürlich gibt es trotzdem nicht die anorektische Familie. Auch konnte in den Biografien Essgestörter überdurchschnittlich häufig sexueller Missbrauch gefunden werden, allerdings überwiegend bei der Bulimia nervosa. Es ist nicht eindeutig geklärt, ob dies tatsächlich ein ätiologisches Merkmal ist.[14]

Extremer Gewichtsverlust kann auch Begleiterscheinung von Depressionen oder Ausdruck von selbstverletzendem Verhalten sein, oder aber selbst von Depressionen oder Selbstverletzungen begleitet sein. Viele Menschen mit Anorexia nervosa neigen zu zwanghaftem Verhalten bzw. Perfektionismus in allen Lebensbereichen.

Für die Patienten ist die Magersucht in erster Linie eine Abwehr von Fremdbestimmung. Die Kontrolle über den eigenen Körper (z. B. durch Kalorien-Zählen) ist eine Form der Selbstkontrolle und der Ohnmachtsbewältigung im Prozess der Adoleszenz. Magersucht ist fast immer nur ein Symptom eines tiefer liegenden psychischen (und sozialen) Problems, das behandelt werden muss. Eine Symptomtherapie (wie z. B. mit Pharmazeutika) allein ist nur selten ausreichend. So ist das Schlankwerden oft nur zu Beginn der Krankheit das zentrale Motiv. Erkrankte mit jahrelangem Krankheitsverlauf erleben das Abnehmen häufig als Sucht.

In kognitiv-verhaltenstheoretischer Sichtweise sind die Angst vor dem Dickwerden und die gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers (Störung des „Körperschemas“) motivierende Faktoren. Hier spielen sowohl die Kritik von Gleichaltrigen als auch der Eltern sowie das von den Medien transportierte Schlankheitsideal eine große Rolle. Die gezielte Gewichtsabnahme reduziert die Angst und macht so das Abnehmen zu einem wirkungsvollen Verstärker.[14]

Nach der psychoanalytischen Theorie ist die Hauptursache von Essstörungen eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung. Ein zentraler Konflikt ist das Streben nach Autonomie, was zu einer Loslösung einer als stark erlebten Abhängigkeit von der Mutter und deren Kontrolle führen soll („Abhängigkeits-Autonomiekonflikt“). Anorektische Personen versuchen aber auch, durch die Kontrolle über ihr Gewicht ihren Selbstwert zu stabilisieren („Selbstwertkonflikte“) und durch ihre Schlankheit eine unabhängige Identität zu erlangen („Identitätskonflikt“). Diese Konflikte können psychisch nicht symbolisiert (also nicht „gedacht“) werden. Der Ausdruck der Konflikte und ihre Kommunikation nach außen geschieht über das Körperliche. Dabei soll Selbstkontrolle des eigenen Körpers erreicht werden. Gleichzeitig lehnt die betreffende Person eine erwachsene Identität und damit auch die körperlichen Erscheinung ab. Dies wird häufig als Abwehr von Triebwünschen verstanden. Die Beherrschung des eigenen Körpers wird zu einem Mittel, Wünsche nach Autonomie 'auszuleben'. Diese Wünsche stehen im Gegensatz zu der Angst vor der Trennung von der Mutter, die in der Adoleszenz wiederaufleben. Das aggressive Streben nach Autonomie, das sich häufig in der Adoleszenz zeigt, wird somit über den Körper ausgelebt.

Zudem wird die Unfähigkeit die Konflikte psychisch zu symbolisieren als strukturelle Störung unterschiedlicher Stärke betrachtet.[14][15][16][17]

Therapie

Oft werden systemisch-familientherapeutische Behandlungen empfohlen. In diesem Kontext erscheint der anorektische Patient als Symptomträger einer Familie; behandlungsbedürftigist demnach ist nicht er alleine. So lernt der Patient nicht außerhalb der Familie das Essen und kommt dann in dieselbe Umgebung zurück, in der er krank wurde und krank war, sondern es werden die Ausdrucksformen und Regeln derart geändert, dass in der Familie Kommunikation und Konflikte direkt ausgedrückt werden können und somit kein Symptom mehr nötig ist. Nicht Einzelpersonen werden geändert, sondern die Regeln innerhalb des Systems.

Psychoanalytische Behandlungsansätze kommen ebenfalls zum Einsatz. Sie sollen unbewusste Konflikte, die zur Entstehung des Symptoms geführt haben, bewusst machen und so eine weitere Reifung der Persönlichkeit ermöglichen. Interessant ist, dass durch die psychodynamischen Therapien häufig eine Verbesserung der Symptomatik erreicht wird, ohne dass in der Therapie das fehlangepasste Essverhalten thematisiert wird.[14]

Auch werden oft kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlungen angewandt. Ihre Ziele sind

  • die verzerrte Körperwahrnehmung der Patienten zu beeinflussen,
  • die Einstellungen zum Essen zu verändern und
  • Wege für eine bessere Konfliktbewältigung sowie soziale Kompetenzen zu vermitteln.

Es existiert keine störungsspezifische psychopharmakologische Therapie. Dies liegt daran, dass keine Medikation bewirken kann, die hinter der Magersucht stehenden Hintergrundprobleme (in erster Linie Bindungsunsicherheit und mangelndes Selbstwertgefühl) zu verbessern. In der Vergangenheit angewandte symptomatische – auf eine Gewichtszunahme bezogene – Behandlungen mit Neuroleptika und Antidepressiva zeigten bisher keine positiven Effekte - wegen der mangelnden Compliance der Patienten, an einer Therapie mitzuwirken, die mit einer unkontrollierbaren Gewichtszunahme einher geht.

Eine störungsspezifische Therapie umfasst neben einer Stabilisierung des Essverhaltens die psychotherapeutische Behandlung des Patienten. Bei einem kritischem Untergewicht – akute Todesgefahr besteht unter einem BMI von 13 – ist eine stationäre Behandlung in einem Krankenhaus mit einer parenteralen Ernährung notwendig, wobei der Patient über einen venösen Zugang mit Nährstoffen/Elektrolyten versorgt wird. Diese Zwangsernährung dient der Lebenserhaltung und ist als Therapie zur Verhinderung der körperlichen Folgen – bis hin zum Tod – der Erkrankung zu verstehen.

Differentialdiagnose

Die Anorexia nervosa ist von dem Symptom Anorexie abzugrenzen, das bei verschiedenen Erkrankungen auftreten kann.

Die Anorexia nervosa wird diagnostisch von anderen Formen der Essstörungen unterschieden, vor allem der Bulimia nervosa. Im Gegensatz zu bulimischen Patienten weisen Magersuchterkrankte beider Subtypen einen erheblichen, manchmal lebensbedrohlichen Gewichtsverlust auf. Das Gewicht ist das einzige differentialdiagnostische Kriterium zur Anorexia nervosa vom Purging-Typus, die der bulimie-ähnliche Verhaltensweisen beinhaltet.

Die Abgrenzung verschiedener Essstörungen voneinander ist im therapeutischen Kontext, im Rahmen der somatischen Therapie und hinsichtlich der aktuellen Psychotherapie und einiger ihrer Ziele, etwa der Vereinbarung einer Gewichtszunahme, sinnvoll.

Affektive Störungen wie Depressionen oder bipolare Störungen können auch zu erheblicher Gewichtsreduktion führen. Die Betreffenden weisen jedoch keine verzerrte Körperwahrnehmung auf.

Physiologische Störungen können ebenso zu Gewichtsverlust führen, beispielsweise bösartige Tumore oder Stoffwechselerkrankungen wie die Hyperthyreose.

Die Magersucht ist auch vom freiwilligen Hungerstreik abzugrenzen, etwa in Gefängnissen oder als Form des politischen Widerstandes.

Magersucht in Kunst und Musik

  • Daniel Johns, der Sänger der Gruppe Silverchair, verarbeitet seine Krankheit in dem Lied Ana's Song.
  • Christina Aguilera verwendet in ihrem Video zum Lied Beautiful aus dem Album Stripped Bilder einer Magersüchtigen. Im Verlauf des Videos zerschlägt diese den Spiegel, in dem sie sich zuvor kritisch betrachtet hatte.
  • Die Lieder Lucy At The Gym und Supermodel von Jill Sobule setzen sich mit Magersucht in verschiedenen Ausprägungen auseinander.
  • Ein Hungerkünstler von Franz Kafka bearbeitet Magersucht nicht im eigentlichen Sinne, sondern eher als Allegorie.
  • Die Sängerin Karen Carpenter starb 1983 an Anorexia nervosa. Die Krankheit, die bis dahin von der Öffentlichkeit weitgehend ignoriert wurde, wurde dadurch im größeren Rahmen von den Medien wahrgenommen.
  • Die Black-Metal-Band Anorexia Nervosa trägt den Namen dieser psychischen Störung.
  • Ein Lied der Hellektro/Electro-Industrial-Band Suicide Commando trägt ebenfalls den Namen dieser Krankheit.
  • Das Lied Sophie von Eleanor McEvoy handelt von der Magersucht und dem Tod der Protagonistin.
  • Das Lied Courage von Superchick handelt ebenfalls vom Thema Magersucht
  • Das Lied Anorexia Nervosa von X-Fusion befasst sich auch mit diesem Thema.
  • Die Französin Isabelle Caro (sie war 1,64 groß und wog nur 31 Kilo), wurde 2007 als „Mager-Model“ bekannt, als der Fotograf Oliviero Toscani sie für eine Kampagne gegen Magersucht fotografierte. Die Bilder der abgemagerten, nackten jungen Frau hingen in den Straßen der Modemetropolen Mailand, Rom und Paris und erregten großes Aufsehen. Caro erkrankte im Alter von 13 Jahren an Magersucht. Bewusst ging sie mit ihrer Krankheit an die Öffentlichkeit, hielt Vorträge und schrieb eine Autobiographie über ihr Leiden. Diese erschien 2008 mit dem Titel Das kleine Mädchen, das nicht dick werden wollte. Caro starb 2010 an einer Lungenentzündung.[18]


Siehe auch

Fußnoten

  1. Scharfetter: Allgemeine Psychopathologie (5. Auflage)
  2. W.W. Gull: Anorexia nervosa (apepsia hysterica, anorexia hysterica).. 1868 (in: Obes Res. 1997 Sep;5(5):498-502. / PMID: 9385628 PubMed).
  3. Laségue: On hysterical anorexia (a). 1873. 1997 (in: Obes Res. 1997 Sep;5(5):492-7. PMID: 9385627 PubMed).
  4. W. Vandereycken, R. van Deth: A tribute to Lasègue's description of anorexia nervosa (1873), with completion of its English translation. 1990 (in: Br J Psychiatry. 1990 Dec;157:902-8. PMID: 2289100 PubMed).
  5. a b c Rupprecht, Hampel 2006
  6. magersucht-online.de: Magersucht endet oft tödlich
  7. welt.de: Eine Angst, die den Magen verschließt
  8. Eating Disorder Referral and Information Center: Defining characteristics of Anorexia Nervosa
  9. n-tv.de: Sehr hohe Sterblichkeitsrate - Gefährliche Magersucht, 7. November 2007
  10. Wang, Zhang W, Bloss C S et al in Molecular Psychiatry , 16. November 2010: A genome-wide association study on common SNPs and rare CNVs in anorexia nervosa, (doi: 10.1038/mp.2010.107)
  11. Nitz: Anorexia bei Jugendlichen. Kontext der Störung und Ergebnisse familientherapeutischer Behandlungen. Springer, Berlin 1987; Schmidt: Familientherapie bei Patienten mit Essstörungen, insbesondere bei Anorexia nervosa. In: Brakhoff (Hrsg.): Essstörungen. Ambulante und stationäre Behandlung. Lambertus, Freiburg, 1985
  12. Lambley: How to survive anorexia. Frederick Miller Ltd., London
  13. Minuchin, Rosman & Baker: Psychosomatic families: Anorexia nervosa in context. Harvard University Press, Cambridge 1987
  14. a b c d Hautzinger (Hrsg.): Davison und Neale (2002): Klinische Psychologie. Weinheim, BelzPVU.
  15. E. Heinemann, H. Hopf (2004): Psychische Störungen in Kindheit und Jugend. Stuttgart, Kohlhammer
  16. M. Selvini Palazzoli (2003)(achte Auflage): Magersucht. Klett-Cotta, Stuttgart
  17. H. Hopf, E. Windaus (Hrsg.) (2007): Behandlungskonzepte der tiefenpsychologisch fundierten und analytischen Psychotherapie im Säuglings- und Kleinkidalter. In: H. Hopf, E. Windaus (Hrsg.) W. Hiller, E. Leibing, F. Leichsenring, S. K. D. Sulz: Lehrbuch der Psychotherapie 5: Psychoanalytische und tiefenpsychologisch fundierte Kinder und Jugendlichenpsychotherapie. München: CIP-Medien
  18. Magermodel Caro stirbt an Lungenentzündung zeit.de vom 29. Dezember 2010

Literatur

  • Patricia Bourcillier: Magersucht & Androgynie. Steinhäuser Verlag, Wuppertal 1992, 352 Seiten, ISBN 3-924774-16-1.
  • Hilde Bruch: Der goldene Käfig. Das Rätsel der Magersucht. 18. Auflage. Fischer Taschenbuch, Frankfurt 1998, ISBN 3-596-26744-7.
  • Joan Jacobs Brumberg: Todeshunger. Die Geschichte der Anorexia Nervosa vom Mittelalter bis heute. Beltz, Weinheim 1994, ISBN 3-593-35050-5
  • Peggy Claude-Pierre: Der Weg zurück ins Leben. Magersucht und Bulimie verstehen und heilen. Aus dem Amerikanischen von Gabriele Herbst. Fischer, Frankfurt 2006 4. Aufl., ISBN 3-596-14922-3
  • Jürgen Engel: Magersucht und Gegenrolle. Lebensgestaltung durch Unterlassen. In: Christian Hoffstadt, Franz Peschke, Andreas Schulz-Buchta u. Michael Nagenborg (Hrsg.): Gastrosophical Turn – Essen zwischen Medizin und Öffentlichkeit. Projekt, Bochum/Freiburg 2009 ISBN 978-3-89733-202-7, S. 399–419.
  • Fairburn CG, Harrison PJ: Eating disorders. Lancet 2003 Feb 1;361(9355):407-16. PMID 12573387
  • Lesley Fairfield: Du musst dünn sein. Anna, Tyranna und der Kampf ums Essen, Patmos Verlag, Ostfildern 2011 ISBN 978-3-8436-0027-9
  • Christine Fehér: Dann bin ich eben weg - Geschichte einer Magersucht. cbt Düsseldorf 2002, ISBN 978-3-570-30170-8
  • Alexa Franke: Wege aus dem goldenen Käfig - Anorexie verstehen und behandeln. Beltz, Weinheim 2003, ISBN 3-407-22143-6
  • Tilmann Habermas: Zur Geschichte der Magersucht. Eine medizinpsychologische Rekonstruktion. Fischer, Frankfurt am Main, 1994 ISBN 3-596-11825-5
  • St. Herpertz, M. de Zwaan, S. Zipfel (Hrsg.): Handbuch Essstörungen und Adipositas. Heidelberg: Springer 2008 ISBN 978-3-540-76881-4
  • Jürg Liechti: Magersucht in Therapie. Gestaltung therapeutischer Beziehungssysteme. Carl-Auer, Heidelberg 2008, ISBN 978-3-89670-627-0
  • Mara Selvini Palazzoli: Magersucht. Von der Behandlung einzelner zur Familientherapie. Klett-Cotta, Stuttgart 2003 (8. Aufl.) ISBN 3-608-95095-8
  • Annemarie Rettenwander: Magersucht - Einsichten und Auswege. Köster, Berlin 2007 ISBN 978-3-89574-619-2
  • Rainer Rupprecht, Harald Hampel: Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie. Stuttgart 2006, ISBN 3-8047-2053-6
  • Dorothé Schleenstein: Frauenspezifische Suchtproblematik aus theologischer Perspektive am Beispiel der Ess-Störungen. Frankfurt am Main u.a.O. 2010 ISBN 978-3-631-59870-2
  • Michael Schulte-Markwort und Sabine Zahn: Magersucht. Effektive Hilfe für Betroffene und Angehörige, Patmos Verlag, Ostfildern 2011 ISBN 978-3-8436-0026-2
  • Lars Wöckel, Martin H. Schmidt: Magersucht, Bulimie und Adipositas. Wenn der Körper aus dem Gleichgewicht gerät. In: Biologie in unserer Zeit 32(6), S. 362-369 (2002).
  • Annika Fechner: Hungrige Zeiten, Überleben mit Magersucht und Bulimie. Beck, 2. Aufl. 2007 [1]

Weblinks

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