Lilie (Heraldik)
Stilisierte Lilie

Die heraldische Lilie ist in der Heraldik eine gemeine Figur, bestehend aus drei stilisierten Blättern, die von einem Band zusammengehalten werden. Das mittlere Blatt ist oben und unten zugespitzt, die äußeren Blätter hängen herab und sind oben nach außen umgebogen. Das Zeichen ist eine stilisierte Schwertlilie (Iris).

Lilien in der Heraldik gelten als Symbol der Reinheit und Unschuld. Sie sind Sinnbild der Heiligen Maria und jener Menschen, die sich dem Patronat der Gottesmutter unterstellen (z. B. Könige von Frankreich). In der Dreiteilung der Blüte der heraldischen Lilie symbolisiert sie die Heilige Dreifaltigkeit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Das Unicodesymbol der heraldischen Lilie ist U+269C (9884) .

Inhaltsverzeichnis

Grundformen

Mit „Band“ um die Blumenblätter (Normaldarstellung) ist sie umgürtet, fehlt es, ist die Lilie eine nicht umgürtete. Verschiedene Formen der Lilie haben eigenständigen Namen erhalten oder sind besonders abgewandelt. Fehlt der Lilie das Mittelblatt wird sie als verstümmelt blasoniert. Das trifft auch zu, wenn der untere mittlere Teil fehlt. Häufig wird das Mittelblatt durch andere Dinge wie Kreuz oder einer gestielte Blume ersetzt und muss beschrieben werden. Fehlen unterhalb des Gürtels die Außenblätter, so ist es eine arabische[1] Lilie.

Biologie und Farbsymbolik

Die Lilie ist zumeist golden oder silbern tingiert.

Bis heute gilt die weiße Lilie (Madonnen-Lilie, Lilium candidum) als Symbol für Reinheit, Mildtätigkeit und Keuschheit, und als Attribut der Jungfrau Maria, die gelbe Sumpf-Schwertlilie (Iris pseudacorus) als ritterlich – der blau-purpurne Kulturformenkreis der „Ritter-Schwertlilie“ (Deutsche Schwertlilie, Iris × germanica) ist in Wappen seltener dargestellt. Die weiße bis bläuliche „Dalmatinische Iris“ (Bleiche Schwertlilie Iris pallida), die, ebenso wie die Albinoform „Florentiner Schwertlilie“ (Iris germanica var. florentina), als Veilcheniris, Veilchenwurz oder Violwurtz zur Herstellung des Veilchenparfüms (Antiodorant der Antike) genutzt wird, dient als Emblem des Wohlstands und des Reichtums durch Handel. Diese Lilien werden nach Zuchtvarianten auch rot dargestellt, selten auch schwarz.

Variationen

Fleur-de-Lys

Die heilige Königin Chrodechild empfängt von einem Engel die Fleur-de-Lys und überreicht sie ihrem Mann, König Chlodwig I. (Darstellung aus dem Stundenbuch des Duke of Bedford, um 1423).

In der französischen Heraldik ist die Lilie unter dem Namen Fleur-de-Lys oder Fleur-de-Lis („Lilienblume“, „Lilienblüte“) bekannt und steht im speziellem Bezug zu Frankreich als das wohl bekannteste Symbol der französischen Monarchie. In der Zeit des Premier und Second Empire (1804–1815 und 1852–1870) sind die Lilien durch die bonapartischen Bienen ersetzt worden.

Der ab dem hohen Mittelalter aufgekommenen Legende nach, wurde die Lilie dem Merowingerkönig Chlodwig I. von einem dem Himmel herabgestiegenen Engel überreicht, wie auch schon das heilige Salböl ein göttliches Geschenk war. Die Geschichte ist in verschiedenen Variationen überliefert, in der Regel wurde sie mit der Taufe des Frankenherrschers nach der Schlacht von Zülpich (496) in Zusammenhang gebracht. Auch ließ man Königin Chrodechild die Lilien in Empfang nehmen, um sie diese ihrem Ehemann überreichen zu lassen (siehe die Darstellung im Bedford-Stundenbuch), womit ihr herausragender Einfluss auf die Konversion Chlodwigs zum römisch-katholischen Glauben hervorgehoben wird. Die religiöse Symbolik dieser Blume wurde seitens der römisch-katholischen Kirche bekräftigt, welche sie mit der Jungfrau Maria assoziiert. Im Selbstverständnis des kapetingischen Königtums des hohen Mittelalters unterstützte die Lilie als unverkennbares äußerliches Symbol seinen Anspruch, die königliche Autorität unmittelbar von Gott erhalten zu haben, ohne dazu eine Vermittlung seitens des Papstes oder des Kaisers notwendig gehabt zu haben.

In einem Siegel Roberts II. des Frommen (996–1031) wurde erstmals bei einem Kapetingerkönig die Lilie für die Darstelltung des Kronornaments genutzt, womit dies überhaupt die frühste bekannte Darstellung eines fränkischen Monarchen mit diesem Symbol ist. Ab König Philipp I. (1052–1108) zierte die Lilie im Siegel das Ende des königlichen Zepters und ab Philipp II. August (1179–1223) trugen die Könige in ihren Siegeln neben dem Zepter auch eine Lilie in ihrer freien Hand. Für die Krönungsfeier Philipps II. im Jahr 1187 ließ dessen Vater, Ludwig VII., einen blauen Mantel mit eingenähten goldenen Lilien anfertigen. Ihre endgültige Etablierung als königliches Erkennungszeichen erlangte diese Blume durch Ludwig VIII. (1223–1226), der noch als Kronprinz die Azure semé-de-lis Or (blauer Schild mit dicht angeordneten Lilien aus Gold) als sein Siegelzeichen und Schildwappen verwendete. Auch dessen Bruder, Philipp Hurepel, verwendete sie in seinem Wappen, worin ihn sich alle nachfolgenden königlichen Prinzen zum Vorbild nahmen. Um fortan als Angehöriger des „Hauses Frankreich“ ausgewiesen zu werden, wurden die Fleur-de-Lys zum unentbehrlichen Bestandteil im Wappen eines Geblütsprinzen.

Nach dem Biographen Guillaume de Nangis (Vita Sancti Ludovici IX) erhellte die Lilie kraft ihrer drei Werte, die sich in ihren Blätter manifestieren, das französische Königtum.[2] Während das mittlere Blatt den Glauben (foy) symbolisiert, stehen die zwei flankierenden Blätter für Ritterschaft (chevalerie) und Weisheit (sapience).

1376 wurde die Anzahl der Lilien im Wappen von Karl V. auf drei reduziert, in Würdigung der heiligen Dreifaltigkeit. Ab dem 14. Jahrhundert wurde die Lilie so eng mit der Herrschaft über Frankreich in Verbindung gebracht, dass der englische König Eduard III. sein Abzeichen 1340 mit der Lilie schmückte, um seinen Anspruch auf die französische Krone zu bekräftigen. Sie wurde erst 1801 entfernt, als Georg III. den Anspruch auf den französischen Thron aufgab.

Seit dem Mittelalter an war es auch üblich Personen oder Familien sowie Kommunen, die sich in besonderer Weise für den König verdient gemacht haben, dadurch zu würdigen, indem ihnen das Tragen der Lilien in ihren Wappen gestattet wurde. Den sogenannten guten Gemeinden (bonnes villes), die dem Königtum besonders eng verbunden waren, wurde das Hinzufügen eines Lilienbandes (Chef de France) im Wappen gewährt. Eine prominente Person, deren Familie aufgrund ihrer Taten geadelt wurde, war die Nationalheilige Jeanne d'Arc, der von König Karl VII. ein blaues Wappen mit zwei Lilien verliehen wurde. Zugleich nahm ihre Familie den Namen „du Lys“ (zur Lilie) an.

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Ein Siegel König Philipps IV. des Schönen (1285–1314)
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Das Wappen Frankreichs seit dem 13. Jahrhundert bis 1376 (France ancien)
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Das Wappen Frankreichs von 1376 bis 1792 und 1814 bis 1830 (France moderne)
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Das Wappen der englisch-britischen Monarchen von 1340 bis 1801 (in dieser Form bis 1406)
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Das Wappen von Paris
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Das Wappen der Jeanne d’Arc und der Familie du Lys
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Das Wappen der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden

Das Lilienbanner

Der Name „Lilienbanner“ für mit drei heraldisch stilisierten goldenen Lilien auf weißer Flagge des Hauses Bourbon hat sich eingebürgert.

Die drei goldenen Lilien auf blauem Grund blieben die französische königliche Flagge, mit weißem Hintergrund war sie Nationalflagge bis zur französischen Revolution (1789), als sie durch die blau-weiß-rote Trikolore abgelöst wurde. Zu Beginn der Restauration 1814 wurde die Fleur-de-Lys wieder in die Flagge aufgenommen, aber nach der Julirevolution 1830 wieder entfernt. Bis heute ist sie aber Bestandteil der Flagge der kanadischen Provinz Québec.

In Frankreich wird sie auch manchmal als ein nationales Symbol, vor allem in monarchistischen und konservativen Kreisen, genutzt.

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Die Standarte der königlichen Familie Frankreichs bis 1789 sowie von 1814 bis 1830

Fuggerlilie

Dieselbe Lilie, im gespaltenen Schild vorne blau in Gold, hinten verwechselt, führen auch die Fugger, die in der Linie der Fugger von der Lilie eines der wichtigsten Handelshäuser der frühen Neuzeit waren. Von ihnen ist die Fleur-de-Lys auch im Raum Augsburg verbreitet.

Florentinische Lilie

Florentiner Lilie (Lilie mit Staubfäden)

Die Bezeichnung Florentiner Lilie ist gebräuchlich für eine aus Florenz bekannt gewordene Variante. Sie unterscheidet sich durch die zwei Staubfäden (Blütenstände) und zeigt gebartete oder gekrauste Blütenblattspitzen. Sie ist im Umraum Florenz ab dem 14. Jahrhundert nachweisbar.

Diese Lilie mit den Staubfäden wird auch ornamentierte Lilie[3] genannt. Viele Formen haben sich etabliert: ornamentiert mit Blumen, Weintrauben, Lilien oder gestielten heraldischen Rosen.

Entsprechend der Prägung mit Lilien auf Münzen gab es auch die Goldmünze in Florenz als Liliengulden[4] und in Straßburg den Lilienpfenning, hier aber ohne Staubfäden.

Gleve

Wird der Teil einer Lilie unterhalb des Gürtels durch andere Formen ersetzt, ist es eine Gleve. Die Gleve war eine Stangenwaffe und der Hellebarde ähnlich.[5]

Wappen von Triest.jpg Kronland Triest 1850–1918: Im unteren Feld eine Gleve (Lanze des heiligen Sergius, hier in lilienähnlicher Darstellung, Ströhl 1890) auf dem Bindenschild - vor 1850 findet sich dort ein schwarzer Anker Free Territory of Trieste coat of arms.svg Comune di Triest, heutige Form: blasoniert als «Di rosso all'alabarda (o lancia) di San Sergio, d'argento»

Glevenkranz, Glevenrad (Lilienhaspel)

Schwarze Lilienhaspel in Silber
Wappen von Hamminkeln

Auch können mehrere Lilien zu einem Kreis angeordnet werden, wobei je nach Ausführung des Mittelblattes z. B. ein Glevenkranz oder Glevenrad (mit Nabe) entstehen.

Die Lilienhaspel war ursprünglich eine Schildversteifung und Zier gewesen. Sie war in der Form eines Ringes mit acht Lilienstäben auf dem Schild als Schildbuckel aufgenietet und strahlenartig zum Schildrand zur Befestigung geführt worden. Die ornamentierten Stäbe wurden Buckelreis genannt.

Die französische Bezeichnung escarboucle beschreibt die geschmückte Form des Glevenrades. Hier war mittig ein Karfunkelstein als Schmuck eingesetzt. Dieses Bild ging dann in das Wappen über, und wird dann „Rad“ bzw. „Haspel“ genannt. Es lässt sich um 1300 im Klever Wappen nachweisen. Geführt wurde es von Dietrich VII. (mit aufgelegtem Schildchen) und seinem Bruder Dietrich, genannt Louf (mit Turnierkragen). Vorher und danach war der Löwe im Wappen. Viele Glever-Siegel zeigen die Lilienhaspel mit mittig gelegtem Schildchen - so jenes von Herzog Wilhelm V. aus dem Jahr 1572. Selbst im Kurbrandenburgischem Wappen war das Klever Wappen mit einem Smaragd in der Mitte eingefügt.[6]

Weitere Abwandlungen

Doppelte Lilie in einem polnischen Wappen

Die Lilie bestimmt auch viele Namen anderer Heroldsbilder oder gemeinen Figuren:

  • Lilienkreuz (Lilienendenkreuz, Glevenkreuz), auch als Steckkreuz als Jakobskreuz
  • Kreuzlilie (mit einem durch ein Kreuz ersetztes Mittelblatt), auch Kreuzblume, sowie mit Ersatz durch Pfeil oder andere Symbole
  • Die Rautenlilie ist Abwandlungen der Lilie als Zeichen der Pfadfinder
  • Lilienkrone
  • Lilienzepter
  • Lilienschnitt
  • Lilienhermelin als Pelzwerk
  • In der schottischen Heraldik ist ein Lilienbord verbreitet, oft rot tingiert wie im Wappen Schottlands.
  • Bei einer doppelten Lilie ist der obere gleich dem unteren Teil gestaltet[5]
  • Auch gibt es die unterhalbe Lilie, eine halb dargestellte Lilie
  • Bei der Rochlilie ist der untere Teil als Turm ausgebildet (Roch „Schachturm“)
  • Eine naturalistische Lilie kam ins Wappen von Bad Düben nach dem 30-jährigen Krieg um 1705. Dann bezeichnet sie der Heraldiker mit Gartenlilie.

Beispiele für die Variationen (Galerie)


Literatur

  • Jean-Bernard Cahours d'Aspry: Des fleurs de lis et des armes de France: Légendes, Histoire et Symbolisme. Atlantica, 2006, ISBN 2-84394-861-4
  • Arthur Charles Fox-Davies: A Complete Guide to Heraldry (READ BOOKS, 2008)

Weblinks

 Commons: Lilie in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Walter Leonhard: Das große Buch der Wappenkunst, Verlag Georg D.W. Callwey München, 2003, ISBN 3-8289-0768-7
  2. Guillaume de Nangis, Vita Sancti Ludovici IX, hrsg. von M. Daunou und M. Naudet (Paris, 1840)
  3. Walter Leonhard: Das große Buch der Wappenkunst, Verlag Georg D.W. Callwey, München, 1978.
  4. D. Johann Georg Krünitz: Ökonomisch-technologische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats-, Stadt-, Haus- und Landwirthschaft, wie auch der Erdbeschreibung, Kunst- und Naturgeschichte: in alphabetischer Ordnung, Verlag Pauli, 1804.
  5. a b Gert Oswald: Lexikon der Heraldik. Mannheim-Wien-Zürich 1984, Leipzig (DDR) 1985, ISBN 3-411-02149-7, Seite 102
  6. Landes- und Wappenkunde der Brandenburg-Preuß. Monarchie I, Gritzner

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