Arbeitersiedlung

Arbeitersiedlungen wurden im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf Initiative gemeinnütziger Gesellschaften, oder der Industrie selbst gebaut, um preiswerten Wohnraum für die unteren Schichten der Bevölkerung zu schaffen. Sie entstanden in Zusammenhang mit der Wohnungsnot, die durch die Wanderung hauptsächlich der Landbevölkerung in die industriellen Zentren hervorgerufen worden war. Bei den gemeinnützigen Gesellschaften handelte es sich meist um Baugesellschaften in der Rechtsform der Aktiengesellschaft, um Baugenossenschaften oder Bauvereine. Sie handelten zumeist aus altruistischen Motiven und wollten die Wohnverhältnisse für breite Schichten der Bevölkerung verbessern. Fabrikanten handelten aus eher eigennützigem Antrieb. Sie wollten mit den Mitteln des Werkwohnungsbaus vor allem in den rasch expandierenden Industriezweigen die Fluktuation der aus dem ländlichen Umland angeworbenen Arbeitskräfte verringern und ein Stammpersonal aus Facharbeitern und Meistern an ihre Fabriken binden. Zudem erhielten sie mittels Werkwohnung als Miet-, Kauf- oder Prämienobjekt einen nicht unbeträchtlichen Einfluss auf die Lebensgewohnheiten ihrer Arbeiterschaft. Die für die Geschmacksbildung der Arbeiterschaft gegründeten Lese-, Musiks- und Gesangsvereine, die mit den Siedlungen verbundenen Krankenkassen, Sparkassen und Feuerwehren schufen Sicherheit, brachten die Bewohner dieser Quartiere aber auch weitgehend in materielle wie geistige Abhängigkeit. Architekten und Bautechnik beginnen um die Mitte des 19. Jahrhunderts, sich mit der Anlage von Arbeitersiedlungen auseinanderzusetzen. Ziel ihrer Überlegungen war nicht allein die rationelle Herstellung preiswerten Wohnraums, Dauerhaftigkeit und Sicherheit, sondern auch die Größe der Häuser, zweckmäßige Raumaufteilung, Berücksichtigung von Licht, Luft und Vegetation als Grundlage gesunden Wohnens.

Inhaltsverzeichnis

Werkssiedlungen

Straßenbild Siedlung Eisenheim

Arbeitersiedlungen wurden auch als Werkssiedlungen von Betrieben der Montanindustrie für ihre Arbeiter und Angestellten errichtet. Aber auch in anderen Industriezweigen kam die Idee der Bindung der Arbeitnehmer an ihre Arbeitsstätten durch betriebsnahe Wohngelegenheiten zum Tragen (z. B. Zementindustrie, holzverarbeitende Industrie). Der Bau solcher Betriebswohnungen wurde durch spezielle staatliche Förderprogramme unterstützt.

Die Montanindustrie hatte insbesondere im Ruhrgebiet Ende des 19. Jh. ein rasches Wachstum mit entsprechenden Wanderungszuwächsen aus den europäischen Nachbarstaaten und aus wirtschaftsschwachen deutschen Regionen zu verzeichnen, die zu Engpässen auf dem Wohnungsmarkt führten. Für die Betriebe in der Entwicklungszone des Ruhrgebietes war die Anwerbung und Sesshaftmachung von Arbeitskräften daher ein lebenswichtiges Problem, das man durch die Errichtung von Werkssiedlungen zu lösen versuchte. Diese typischen Zechenkolonien wurden meistens in der Nähe der Betriebe errichtet, für die Planung wurden oft renommierte Architekten gewonnen.

Historische Arbeitersiedlungen

Die letzten historischen Häuser der Arbeitersiedlung Körtingsdorf
Juiststraße in Emden-Friesland
  • Im württembergischen Kuchen (Landkreis Göppingen) wurde eine Arbeitersiedlung der landesweit größten Baumwollspinnerei und -weberei für deren Arbeiter von 1857 bis 1869 erbaut. Sie war für damalige Verhältnisse mit vorbildlichen und fortschrittlichen Kultur-, Freizeit,- Versorgungs und Gesundheitseinrichtungen ausgestattet. Ein Teil der Siedlung wurde nach dem Konkurs der Firma Süddeutsche Baumwolle Industrie AG Kuchen (ESBI) ab 1987 für ca. 10 Mio Euro saniert.
  • In Augsburg entstand 1876 das Kammgarnquartier, für die Arbeiter der Augsburger Kammgarn-Spinnerei. 1892 das Proviantbachquartier, als Arbeitersiedlung der Mechanischen Baumwollspinnerei und Weberei Augsburg (SWA). Beide Quartiere liegen im Augsburger Textilviertel und sind teilweise (Kammgarnquartier) bzw. nahezu vollständig (Proviantbachquartier) erhalten.
  • In Hannover entstand ab 1890 die Siedlung Körtingsdorf für die Arbeiter der Firma Körting. Sie liegt direkt angrenzend zum Fabrikgelände im Stadtteil Badenstedt. Die Siedlung umfasste rund 50 Doppelhäuser mit Stallungen und großen Gärten (je ca. 800 m²). Auch eine Schule, Geschäfte und eine Gastwirtschaft waren vorhanden.
  • In Emden entstanden in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Arbeitersiedlungen für die Beschäftigten des Emder Hafens und der Werften. Darunter sind die Stadtteile Port Arthur/Transvaal und Friesland. Besonders in Friesland, aber auch in Port Arthur/Transvaal, sind heute noch ganze Straßenzüge erhalten und lassen einen Einblick in die damaligen Wohnverhältnisse erahnen. Die Häuser in Friesland wurde oftmals mit (Nutz-)Gärten in den Hinterhöfen versehen, die den Bewohnern teilweise die Selbstversorgung mit Lebensmitteln durch den Anbau von Obst und Gemüse sowie durch Tierhaltung ermöglichte.
  • In Limburgerhof errichtete die BASF 1900 und 1914 zwei Arbeiterkolonien, die die Kernzelle für die spätere selbständige Gemeinde bildeten.
  • In Dortmund entstand 1871 durch die Union Hüttenwerke die Unionvorstadt, welche eine der ersten Werkssiedlungen im englischen Stil war ( vergl. Siedlung Eisenheim). Wurde 1961 abgerissen.

Denkmalgeschützte Arbeitersiedlungen

Ensemble in der Alten Kolonie Eving

Literatur

  • Frank Dittmeyer: "Die Werkssiedlung "Neu Oberhausen" - ein verkanntes architektonisches Kleinod", in: Geschichtswerkstatt Oberhausen (Hrsg.): "Schichtwechsel - Das Journal für die Geschichte Oberhausens", Heft 2/06, Oberhausen 2006.
  • Andreas Koerner / Klaus Scholz / Wolfgang Sykorra: Man war nie fremd. Die Essener Bergbaukolonie Schönebeck und ihr Stadtteil. Essen: Edition Rainruhr 2009. 158 Seiten. ISBN 978-3-9811598-9-9

Weblinks

 Commons: Arbeitersiedlung – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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