Militärbahnen


Militärbahnen

Militärbahnen (military railways; chemins de fer militaires; ferrovie militare). Es sind 2 Hauptgruppen zu unterscheiden:

1. Eisenbahnen, die im Frieden dauernd zur Ausbildung der Eisenbahntruppen im Bau- und Betriebsdienst, zu militäreisenbahntechnischen Versuchen und zur Beförderung von Militärpersonen und -gütern von und nach militärischen Anlagen und Anstalten dienen (Militärbahnen im engeren Sinne).

2. Eisenbahnen, die im Kriege zur Durchführung militärischer Maßnahmen gebaut wurden (Feldeisenbahnen, s.d.).

Bahnen der ersteren Art bestehen in Deutschland, Österreich-Ungarn, Frankreich, Italien und Rußland.

In Deutschland dient zur Ausbildung der Eisenbahntruppen (s.d.) die der kgl. preußischen Militärverwaltung gehörige Militäreisenbahn von Berlin nach Jüterbog. Der Bau ihres ersten, 45 km langen Teiles von Berlin (Militärbahnhof Schöneberg) über Zossen, bis wohin der Bahnkörper der Dresdner Bahn benutzt wurde, nach dem Schießplatz Kummersdorf wurde 1874 begonnen; dieser Teil wurde im Oktober 1875 in Betrieb genommen. 1895 wurde die Militärbahn nach dem Schießplatz Jüterbog verlängert, 1897 wurde der Betrieb auf dieser Strecke eröffnet. Ihre Gesamtlänge beträgt nunmehr 71 km; sie hat 14 Bahnhöfe, von denen außer dem Anfangs- und Endbahnhof noch diejenigen in Marienfelde und Zossen mit der preußischen Staatsbahn in Verbindung stehen. Im Sommer 1911 verkehrten auf ihr fahrplanmäßig 5, 1914 6 Personenzugpaare; ferner enthielt der Fahrplan für 1911 einige Triebwagenfahrten auf der Teilstrecke Zossen-Kummersdorf, die auch dem öffentlichen Verkehr dienen, außerdem täglich 4 Güterzüge und 2 Bedarfsgüterzüge.

Auf den Gleisen der Militäreisenbahn wurden in den Jahren 1901–1903 die bekannten Schnellfahrversuche mit elektrischen Zügen unternommen.

Die Militäreisenbahn untersteht der »Direktion der Militäreisenbahn« (Sitz Schöneberg) mit einem Stabsoffizier mit Regimentskommandeurrang an der Spitze; der Betrieb auf ihr wird von der Betriebsabteilung der Eisenbahnbrigade durchgeführt.

Für den Betriebsdienst wird sie in 2 Betriebsämter, ein Maschinen- und Werkstättenamt und ein Verkehrsamt gegliedert. Das Lokomotivpersonal legt bei der Staatsbahn die Heizerprüfung ab und wird dort auch für die Lokomotivführerprüfung vorbereitet.

In Österreich-Ungarn wird die 101∙5 km lange Eisenbahn Banjaluka-Doberlin als Militärbahn durch das Eisenbahnregiment betrieben.


Sie wurde im Jahre 1869 von einer Gesellschaft gebaut, die zur Herstellung einer Eisenbahnverbindung mit Konstantinopel gegründet worden war. Dieser Plan kam nicht zur Ausführung und die Bahn Banjaluka-Doberlin blieb an beiden Enden ohne Anschluß. Infolgedessen konnte sich auf ihr kein Verkehr entwickeln und der Betrieb wurde im Jahre 1875 eingestellt. Als im Jahre 1878 Bosnien und die Herzegowina von den Österreichern besetzt wurde, wurden die mobilisierten Feldeisenbahnabteilungen beauftragt, die Eisenbahn, die mittlerweile ganz verfallen war, wiederherzustellen. Die Arbeiten waren eine lehrreiche Schule im Feldeisenbahnbau. Schon nach 3 Monaten konnte eine Teilstrecke, nach weiteren 21/2 Monaten die ganze Bahn in Betrieb genommen werden. Die Leitung wurde einer militärischen Direktion übertragen, der auch heute noch die Bahn untersteht. Durch die Eröffnung der ungarischen Staatseisenbahnstrecke Sissek-Doberlin im Jahre 1882 wurde die Verbindung mit der Monarchie hergestellt; zu gleicher Zeit übernahm die Militärbahn auch den Fahrdienst auf der Strecke Doberlin-Volinza der kgl. ungarischen Staatseisenbahnen.

Bei Gründung des k. u. k. Eisenbahn- und Telegraphenregiments wurde die Militärbahn diesem überwiesen, und es wurden eine große Anzahl Verbesserungen der Neigungs- und Krümmungsverhältnisse, des Unter- und Oberbaues, Vermehrung der Hochbauten u. dgl. vorgenommen; auch wurde 1891 die Bahn um 2∙8 km bis in das Innere der Stadt Banjaluka verlängert. Dadurch, sowie durch die Anlage einiger neuer Bahnhöfe, Beschaffung neuer Fahrbetriebsmittel, Verbesserung des Zugverkehrs, insbesondere auch der Anschlüsse u.s.w. wurde die Leistungsfähigkeit der Bahn erhöht und dem Bedarf angepaßt. 1911 verkehrten täglich ein Personenzugpaar und ein paar gemischte Züge. Auch die Tarife wurden verbessert und dadurch der Verkehr so gefördert, daß die ursprünglichen Fehlbeträge des Betriebs seit den Neunzigerjahren Überschüssen gewichen sind. Im Anschluß an die Militärbahn betreibt ihre Verwaltung eine 73 km lange Automobilstrecke Banjaluka-Jajce, deren Umwandlung in eine Eisenbahn geplant ist.

Das Betriebspersonal gehörte ursprünglich den Feldeisenbahnabteilungen an; von 1883 an wurde es durch das Eisenbahn- und Telegraphenregiment (seit 1911 Eisenbahnregiment) gestellt. Ein Halbbataillon, verstärkt durch Zuteilungen von den übrigen Teilen des Regiments, versieht seit 1885 den Betriebsdienst. Um aber den Schwierigkeiten, die der Wechsel der militärischen Mannschaften mit sich bringt, aus dem Wege zu gehen, wurde von 1888 bis 1897 allmählich das militärische Betriebspersonal durch Zivilbeamte ersetzt; die Oberleitung des Betriebs blieb aber bei dem Eisenbahnbureau des k. u. k. Kriegsministeriums; Direktor ist ein Stabsoffizier des Eisenbahnregiments. Zur Ausbildung werden Mannschaften dieses Regiments der M. zugeteilt. Zurzeit schweben Verhandlungen wegen Abtretung der M. an die Landesregierung, die sie dann als Landesbahn betreiben würde.

In Friedenszeiten werden auch die Strecken Tulln-St. Pölten (46 km) und Herzogenburg-Krems (20 km) durch ein Betriebsdetachement des Eisenbahnregiments betrieben, an dessen Spitze ein Stabsoffizier mit dem Amtssitz in Herzogenburg steht. Das Betriebsdetachement besorgt den Bahnerhaltungs- und Zugförderungsdienst und ist in dieser Hinsicht der Staatsbahndirektion Wien unterstellt. Den Verkehrsdienst selbst versehen Bahnbedienstete.

In Frankreich betreibt eine der Eisenbahnkompagnien zu ihrer Ausbildung die 75 km lange Staatsbahnstrecke Orléans-Patay-Voves-Chartres mit 2 Bahnhöfen und 11 Haltestellen; nur diejenigen Dienstzweige, bei denen eine Berührung mit dem Publikum, wie z.B. der Fahrkartenverkauf, unerläßlich ist, werden von Zivilbeamten versehen. Die Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften, die im regelmäßigen Wechsel abgelöst werden, erhalten bei ihrer Rückkehr zur Truppe ein Zeugnis als Bahnhofsvorsteher, Lokomotivführer, Heizer, Zugführer u.s.w.

In Italien betreiben die 4 Eisenbahnkompagnien der Garnison Turin die Strecke Turin-Torre Pellice, die 2 in Rom die Strecke Rom-Frascati. Außerdem werden für Offiziere besondere Lehrgänge zur Ausbildung im Eisenbahndienst gehalten, wobei nach einer Vorbereitungszeit von 15tägiger Dauer die Offiziere auf 35 Tage einzelnen Bahnhöfen zugeteilt werden.

In Rußland wird besonderer Wert auf die praktische Ausbildung der Eisenbahntruppen im Eisenbahnbau gelegt; sie haben daher auch bei einer ganzen Anzahl von Neubauten, bei der Poljersjebahn, der transkaspischen, der Ussuri-, der sibirischen und neuerdings bei der Amurbahn mitgewirkt. Zur Ausbildung im Betriebsdienst stehen ihnen ebenfalls eine Anzahl Eisenbahnstrecken, namentlich der kaukasischen und transkaspischen Bahnen, zur Verfügung. Die eigentliche M. ist die 57 km lange Strecke Kowel-Wladimir-Wolynsk, bei der seit 1910 auch eine Offizier-Eisenbahnschule besteht.

Literatur: s. Eisenbahntruppen.

Wernekke.


http://www.zeno.org/Roell-1912. 1912–1923.

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