Eiserne Maske

Eiserne Maske. Unter den seltsamen, oft grauenvollen Begebenheiten verfloßner Jahrhunderte nimmt unbedingt die Erzählung von dem räthselhaften Wesen, das man mit jener Benennung zu bezeichnen pflegt, einen um so höhern Platz ein, je weniger man noch bis auf die neueste Zeit im Stande gewesen ist, den Schleier des Geheimnisses, der sie einhüllt, zu heben. Das feste Schloß Pignerol nahm kurz nach dem Tode des Ministers Mazarin, unter der Regierung Ludwig's des XIV. in den Jahren 1662–64 einen Gefangenen auf, der mit der höchsten Vorsicht dahin gebracht ward. Tag und Nacht trug er eine eiserne, mit schwarzem Sammt überzogne Maske, deren Kinnstück Stahlfedern hatte. Vermittelst dieser Vorrichtung konnte er essen, ohne sie abzunehmen; im Fall daß er dieß aber dennoch jemals versuchte, so sollte man ihn auf der Stelle tödten. Der Unbekannte war jung, von ungewöhnlich hoher, edler Gestalt und liebenswürdig in seinem ganzen Wesen. Er sang oft mit höchst angenehmer Stimme zur Guitarre und schon seine sanfte, wohlklingende Sprache nahm für ihn ein. Er beklagte sich nie, noch ließ er je vermuthen, wer er wohl sein könnte. Ganz der Aufsicht des Commandanten St. Mars, eines vertrauten Officiers der Krone, übergeben, ward er von diesem sonst so harten Manne mit der größten Auszeichnung behandelt. Dieser trug ihm persönlich das Essen auf und setzte sich nie in seiner Gegenwart. Selbst der hochmüthige Louvois, der ihn auf der Insel St. Margaretha (im Meere von Provence), wohin ihn St. Mars geleitet hatte, besuchte, sprach stehend mit ihm und bezeigte ihm eine Achtung, die an Ehrfurcht grenzte. Im Jahre 1690 folgte er seinem Hüter, der Oberaufseher der Bastille geworden war, auch nach Paris in diesen berüchtigten Kerker. Es ward ihm daselbst eine gute Wohnung eingerichtet, er speiste auf Silber und seine Tafel war stets trefflich bestellt. Nicht leicht versagte man ihm irgend einen Wunsch, und da er besonders Vergnügen an seinem Weißzeuge und Spitzen fand, so versorgte man ihn reichlich damit. Niemand, der alte Arzt der Bastille, der ihn oft in Krankheiten behandelte, sogar nicht ausgenommen, sah je sein Angesicht und nur einmal, als er sich noch auf St. Margaretha befand, machte der arme Verlarvte einen vergeblichen Versuch, sich zu entdecken. Er kritzelte nämlich eines Tages in unbewachter Minute, etwas mit dem Messer auf einen silbernen Teller und warf diesen aus dem Fenster des Thurmes, der ihm zum Gefängniß diente, gegen ein Schiff, das beim Fuße desselben am Ufer lag. Ein Fischer hob den Teller auf und brachte ihn dem Commandanten in ehrlicher Einfalt zurück. Erstaunt und entsetzt zugleich frug dieser hastig: Habt ihr gelesen, was da geschrieben steht, oder sah es außer euch Jemand? »Ich kann nicht lesen und Niemand sah den Teller,« war die Antwort des Finders. Dennoch wurde er festgehalten und nicht eher frei gegeben, als bis man sich sicher überzeugt hatte, daß er die Wahrheit gesprochen. Ein anderer Bericht dieses Ereignisses behauptet, St. Mars habe den Fischer tödten lassen. Wie dem auch sei, im Jahre 1703 starb nach kurzem Krankenlager der unglückliche Gegenstand so vieler Besorgniß und ward die Nacht darauf in der Pauls Pfarrei begraben. Die Todtenlisten nannten ihn Marchiali, doch soll der Leichnam, um jedes etwanige Erkennen zu verhüten, zur schnellern Verzehrung in ungelöschten Kalk gelegt worden sein. Das Zimmer, das er bewohnt hatte, erfuhr die sorgfältigste Durchsuchung, man kratzte die Wände ab und riß sogar die Dielen auf, um zu sehen, ob vielleicht etwas Geschriebenes darunter verborgen sei. Der König athmete tief auf, als ihm der Todesfall gemeldet ward und warf den darüber erhaltenen Bericht augenblicklich nach der Lesung in's Kaminfeuer. Außer ihm wußte nur der Beichtvater Lachaise und der Minister Chamillart um dieses seltsame Geheimniß; aber mannichfach bemühete sich die Phantasie der Zeitgenossen sowohl, als die der Späterlebenden, den Schlüssel des Räthsels zu finden. Von hoher Abkunft mußte der wunderbare Gefangene gewesen sein und doch vermißte man damals keinen bedeutenden Mann in Europa. Die meiste Wahrscheinlichkeit hat, trotz einiger abweichenden Meinungen, immer die Vermuthung, daß der Träger der eisernen Maske ein außer der Ehe heimlich geborner Sohn und älterer Bruder Ludwig's XIV. war, den man wegen seiner großen Aehnlichkeit mit dem Könige für gefährlich hielt. Dennoch begreift man auch diese Voraussetzung, welche genauer zu erörtern hier zu weit führen mußte, nur erst dann, wenn man die verwickelte Geschichte jener Zeit voll Verbrechen und Ränke recht eigentlich studirt.

F.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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