Europa (Frauen)

Europa (Frauen). Schwer ist's, von den europäischen Frauen im Allgemeinen ein Bild zu entwerfen; die Gebildeten aller Nationen gleichen sich mehr oder minder, die Frauen in den höhern Kreisen haben bei den europäisch-christlichen Völkern fast denselben Grundtypus, denn Europa ist der Sitz der Kultur; die nationellen Verschiedenheiten, das häusliche und öffentliche Leben derselben, die seinen charakteristischen Merkmale findet der Leser unter der Rubrik »Frauen« bei einem jeden bedeutenden Lande Europa's in dem betreffenden Artikel angeführt. Das Gesammtleben der europäischen Frauenwelt gewährt aber nach Klima, Religion, Abstammung, Gesittung etc. einen vielleicht noch interessanteren Ueberblick als jenes der anderen Welttheile. Nur hier und in dem Tochterlande Amerika, das Sitte, Gewohnheit, Gesetz und Glauben aus Europa erhalten, genießen die Frauen der Selbstständigkeit, sie sind emancipirt, gleiche Rechte stellen sie dem Mann gegenüber, während sie bei andern Völkerschaften sie demselben unterordnen. Des Weibes Bedeutung ist bei uns eine doppelte: eine häusliche und eine öffentliche; ihre Geltung ist die der allgemeinen Menschenrechte, ihr Werth, wie ihn die Moral, das Christenthum, die Aufklärung bestimmt, ihre Stellung eine würdevolle, ihre Liebe ein freiwilliger Tribut. In Europa werden sie als Jungfrauen schwärmerisch geliebt, als Frauen geehrt und durch galante Huldigungen ausgezeichnet, als Mütter hochgeachtet. Sie sind ein Gegenstand tieferer, reinerer Gefühle des Mannes, weil sie als Geschlecht seinem Geschlechte gleich stehen. – Im Oriente steht die Frau unter dem Manne, sie ist nur der Gegenstand seiner sinnlichen Zuneigung, seine Sclavin, die Mutter seiner Kinder ohne Mutterrechte, nie die Erzieherin derselben, ohne Oeffentlichkeit und öffentliche Geltung, ohne alle freie Geistesthätigkeit, ohne Würde im Familienkreise, ohne Zauber und Bedeutung in der Gesellschaft, ohne höhern Einfluß. – Dort schaffen sie nicht, wirken nicht, ihr Leben ist ein Vegetiren ohne Aeußerung der Kräfte. Es gibt bei ihnen keinen Schritt vorwärts in der Bildung. Die Tochter wird gerade so erzogen, wie die Mutter erzogen worden ist; ihr höchster und einziger Beruf ist, dereinst des Mannes Sclavin und Mutter zu werden. Nirgends ein erhebendes Beispiel von inniger Kindesliebe, von Aufopferung, von einer Geltung dem Manne gegenüber. Nicht wie bei uns trägt sie gemeinschaftlich mit ihm die Lasten des Daseins, wird nicht seine Trösterin in Leiden, stählt seine Kraft nicht durch ihren Rath, ihre Aufopferung und Entsagung. Die Kultur des Weibes ist dort seit Jahrtausenden vielleicht stereotyp geblieben. Anders bei uns! Wir sahen Frauen mit Glück den Kranz der Unsterblichkeit erwerben; wir sahen sie ruhmvoll auf den Thronen, siegreich in der Schlacht, sahen sie um den Preis in Kunst und Wissenschaft mit dem Manne ringen; sahen sie auf die Ausbildung der edlern Geselligkeit, der Erziehung, des öffentlichen Lebens, so wie allgemein nützlicher und schöner Einrichtungen des Staats- und Familienverbandes den wohlthätigsten Einfluß ausüben. – Wie anders auch die Liebe im Oriente als bei uns! Dort keine gesellige Berührung beider Geschlechter, keine Annäherung, keine Seligkeit der ersten Liebe, nicht die tausend Reize von Eifersucht und Versöhnung, welche die Liebe bilden und kräftigen; keine Furcht vor dem Verlust, kein Ringen nach dem Besitz! Der Jüngling erhält das Mädchen zur Frau, welches am Tage der Verbindung sein Auge zum ersten Male sieht. Er besitzt sie, noch ehe er einen Blick in ihr Herz geworfen; er kennt ihre liebenswürdigen und schlimmen Eigenschaften nicht; er ist nicht eifersüchtig auf ihre Anmuth, auf den Besitz ihres Herzens, ihrer schonen Gefühle, ihrer Innigkeit, sondern nur auf den ihrer Reize, ihrer Gunstbezeigungen. – So viel zur äußern Charakteristik der europäischen Frauen im Gegensatze zu der des Orients. Ihr innerer Charakter hat auch bei uns seine hervorstechenden Abstufungen, seine klimatischen und nationellen Verschiedenheiten. Anders fühlt und sinnt die Britin als die Spanierin, anders denkt und liebt die blonde, ruhige, schöne Schwedin als die feurige Italienerin. Anders tritt die Französin im Hauswesen, im Leben und der Oeffentlichkeit hervor, als die Deutsche. Ja, diese Verschiedenheit ist schon zwischen den Frauen Nord- und Süddeutschlands sehr bemerkbar; die Berlinerin wie die Wienerin, gleichmäßig im Besitze trefflicher Eigenschaften, wird doch in ihrer Gefühls- und Geistesrichtung ihren Typus behalten, und keine wird mit der andern zu verwechseln sein. Im Norden wohnt die Ruhe, die Besonnenheit, die Treue, die innige Liebe, ein sanft schlummerndes und doch stets erwärmendes Feuer, das nie oder höchst selten zur verzehrenden Flamme aufschlägt. Im Süden das Gefühl, die mächtige Phantasie, die Gluth, die Hingebung; aber auch die Unbeständigkeit, die Eifersucht. Immer ist es nur der Geist, den die Kultur bildet und beschränkt, selten oder nie aber die Neigung, die angeborne Leidenschaft. Die Spanierin würde auch im Norden nicht minder glühend lieben, als in ihrem Vaterlande; die Britin, unter Italiens Himmel versetzt, dieselbe Besonnenheit, Gemüthstiefe und Züchtigkeit festhalten. – Aber die zarte Sitte, die holde Scham, der natürliche Adel, die Ehrbarkeit, die Würde und das Selbstgefühl sind Eigenthum aller gebildeten Frauen Europa's, und dieß geht aus dem gleichmäßigen Kulturzustande, aus ihrer hohen Stellung im Leben, ihrer Freiheit und durch die Freiheit erworbenen Selbstschätzung, hervor. – Nicht zu ermessen ist, wann den Frauen anderer Welttheile, die, bei allen Reizen äußerer Kultur, der innern höheren entbehren, die Stunde ihrer Erhebung schlagen, das Licht ihrer Freiheit tagen wird, deren goldener Segen ihnen mitten unter allen Segnungen des Klima's, aller äußern Pracht, allen Schmeichelgenüssen der Sinne mangelt, und ob es dem freiern Völkerverkehr und dem Christenthume gelingen wird, die starren Formen der verwitterten Nationalität, der Beschränktheit, des Aberglaubens zu zertrümmern; in Europa aber schreiten die Frauen unter dem Schutze heiliger Institutionen und im Besitze der durch sie ererbten, eigenen Würde in ihrer erhabenen Ausbildung und Veredlung stets vorwärts, dem Ideale näher, und so ist der Triumph der Kultur zugleich der Triumph der Menschheit, die ihren göttlichen Ursprung durch sie siegend beurkundet hat.

–n.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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