Arthur Rimbaud
Arthur Rimbaud.

Jean Nicolas Arthur Rimbaud (* 20. Oktober 1854 in Charleville; † 10. November 1891 in Marseille) war ein französischer Dichter, Abenteurer und Geschäftsmann. Heute gilt er als einer der Großen der französischen Lyrik.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Kindheit und frühe Jugend eines scheinbar braven Hochbegabten

Rimbaud wuchs auf in seinem Geburtsort Charleville an der Maas, nahe der Grenze zu Belgien. Sein aus der Franche Comté stammender Vater hatte erst mit 38 geheiratet (1853) und hielt sich als aktiver Berufsoffizier meistens fern von der Familie auf. 1861, kurz nach der Geburt eines letzten Kindes, verließ er sie ganz. Die elf Jahre jüngere Mutter, die von einem größeren Bauernhof in Roche in den Ardennen stammte, betrachtete sich hiernach als Witwe und versuchte ihre Kinder, d.h. Rimbaud, seinen ein Jahr älteren Bruder und seine beiden vier bzw. sechs Jahre jüngeren Schwestern, nach ihren konservativ-strengen religiösen und moralischen Grundsätzen zu erziehen.

Er war ein offenkundig hochbegabter Junge und Stolz seiner Mutter, auch wenn er sich, wie er es 1871 rückblickend in dem autobiografischen Gedicht Les poètes de sept ans/ Siebenjährige Dichter sieht, innerlich früh gegen sie aufgelehnt haben will. Ab 1865 besuchte er das Gymnasium seiner Stadt, wo er am Schuljahresende stets mit Preisen ausgezeichnet wurde. Schon in früher Jugend las er viel und fabrizierte Geschichten und Verse; 1868 und 69 wurden drei lateinische Gedichte von ihm als vorzügliche Schülerleistungen in Lehrerzeitschriften abgedruckt. Sein wohl ältestes erhaltenes franz. Gedicht, das rührselige Les Étrennes des orphelins/ Die Weihnachtsgeschenke der Waisenkinder, erschien in einer gutbürgerlichen Zeitschrift Anfang Januar 1870, ein anderes, das hübsche erotische (nur geträumte?) La première soirée/ Der erste Abend, in einer literarischen Zeitschrift im August.

Um diese Zeit war der frischgebackene junge Lehrer Georges Izambard (1848-1931), der zum Jahreswechsel 69/70 vorübergehend nach Charleville abgeordnet worden war, ein Mentor für ihn geworden. Er gewann ihn für seine regime- und kirchenkritische Gesinnung und lieh ihm, da er selber literarisch ambitioniert war, Werke neuerer Autoren, z.B. des notorischen Regimekritikers Victor Hugo (was die Mutter von Rimbaud in einem Brief an ihn rügte). Dessen frühe Gedichte, soweit sie vor allem aus zwei Anfang 1871 von ihm geschriebenen Heften (s.u.) bekannt sind, imitieren denn auch, allerdings bemerkenswert eigenständig, die Spätromantiker sowie die modischen Parnassiens. So ist z.B. das radikalrepublikanische lange Gedicht Le Forgeron/ Der Schmied sichtlich von Hugos politischer Lyrik beeinflusst. Dem Stil und der Bilderwelt des Parnasse verpflichtet ist das ebenfalls sehr lange Soleil et chair/ Sonne und Fleisch, eine Art heidnisches Glaubensbekenntnis. Bemerkenswert sind auch zwei hübsche Pastiches aus diesen Monaten: ein in Sprache und Stil François Villons verfasster fiktiver Brief an König Ludwig XI. und das als Satire gedachte fiktive Tagebuch eines naiv verliebten angehenden Priesters, Un cœur sous une soutane/ Ein Herz unter einer Soutane.

Im damals typischen Gestus junger Dichter hasste Rimbaud die kleinbürgerliche Enge seiner Vaterstadt, was z.B. in dem satirischen Gedicht À la musique/ An die Musik zum Ausdruck kommt, wo er eine mittelmäßige Militärkapelle und ihr spießbürgerliches Publikum verspottet.

Im Mai 1870 versuchte er eine erste Kontaktaufnahme mit Paris. Er schickte dem arrivierten Lyriker und Chef der Parnassiens, Théodore de Banville, mehrere Gedichte, darunter das bekannte Ophélie/ Ophelia, mit der Bitte um Aufnahme in Band II von dessen Anthologie Le Parnasse contemporain (nach der sich anschließend die betreffende Dichtergruppe benannte). Durchaus selbstbewusst kündigte er Banville an, er werde in ein, zwei Jahren sicherlich auch selber in der Hauptstadt präsent sein.

Sturm und Drang eines jungen Dichters

Im Spätsommer 1870 nahm das bis dahin äußerlich ruhige Leben des knapp 16-Jährigen eine tiefgreifende Wendung. Am 19. Juli 70 hatte der französische Kaiser Napoléon III. dem König von Preußen den Krieg erklärt, sich aber rasch als militärisch unterlegen erwiesen. Mitte August begannen die Preußen und ihre deutschen Verbündeten, die Festung Sedan einzukreisen, die nur 25 km entfernt maasaufwärts von Charleville und der südlich hieran angrenzenden Garnison- und Festungsstadt Mézières lag. Wenig später, am 29. August, nutzte Rimbaud das allgemeine Durcheinander, das in seinem frontnahen Heimatort herrschte: Er setzte sich über den ausdrücklichen Wunsch seines Mentors Izambard hinweg, der seine Paris-Träume kannte, inzwischen aber in seine Heimatstadt Douai zurückgekehrt war. Und statt zu Haus bei seiner Familie zu bleiben, bestieg er heimlich einen Zug und fuhr nach Paris. Ein wichtiges Motiv für ihn war offenbar, dass (wie er in einem Brief an Izambard beklagt hatte) keine neuen Bücher und Zeitschriften mehr in Charleville ankamen und er sich z.B. den neuesten Gedichtband von Paul Verlaine nicht beschaffen konnte, dessen Fêtes galantes (1869) er mit Begeisterung gelesen hatte.

Bei der Ankunft in Paris wurde er, weil er keine ausreichende Fahrkarte und auch kein Geld zum Nachlösen hatte, festgenommen und ins Gefängnis gesteckt. Von dort richtete er am 5. September (einen Tag nach der Abdankung Napoléons) einen Brief an Izambard mit der Bitte, dieser möge ihn auslösen.

Izambard schickte in der Tat die erforderliche Summe sowie das Geld für eine Fahrkarte nach Douai. Hier brachte er Rimbaud, nicht ohne zugleich dessen Mutter zu informieren, bei Verwandten unter und stellte ihn einem ebenfalls dichtenden Freund vor, Paul Demeny. Vor allem begeisterte er ihn für die Sache der soeben ausgerufenen Republik. Dass der nicht einmal 16jährige Rimbaud in Douai reguläres Mitglied der dortigen Abteilung der Nationalgarde geworden sei, ist unwahrscheinlich. Immerhin verfasste er offenbar in ihrem Namen unter dem Pseudonym „F. Petit“ einen an den Bürgermeister gerichteten Protestbrief, der in einer republikanischen Zeitschrift erschien. Ende September kehrte er auf Verlangen seiner zornigen Mutter nach Charleville zurück, begleitet von Izambard, der sie vergeblich zu besänftigen versuchte.

Kaum zwei Wochen zu Haus, riss Rimbaud erneut aus und ging mit der Idee Journalist zu werden, ins neutrale Belgien, zunächst nach Charleroi, dem Hauptort Walloniens, wo er über Izambard oder Demeny eine Adresse als Anlaufstelle hatte. Als er, sicher auch wegen seiner Jugend, abgewiesen wurde, fuhr er weiter nach Brüssel, wo er Izambard bei einem Freund vermutete, aber nicht antraf. Er reiste deshalb nach Douai, von wo er zwei Wochen später, Anfang November, wohl auf Drängen Izambards nach Hause zurückkehrte. Einige Gedichte, z.B. Au Cabaret-Vert/ Im Grünen Cabaret (i.e. eine Kneipe in Charleroi), entstanden während dieser Belgien-Exkursion.

Immerhin hatte Rimbaud in den beiden Wochen von Douai zwei Hefte mit 22 seiner bis dahin verfassten Gedichte gefüllt und Demeny übergeben. Seine mutmaßlichen Hoffnungen, Demeny, der Miteigentümer eines kleinen literarischen Verlags war, werde sie vielleicht publizieren, erfüllten sich nicht.

Viele dieser Stücke sind, im Sinne der Lyrik der Zeit, hübsch und gefällig, auch wenn die nach dem Kriegsausbruch verfassten schon diese oder jene gewollte Dissonanz aufweisen. Für Anthologien und Schullesebücher werden sie deshalb bevorzugt ausgewählt, wie z.B. das bekannte Sonett über den toten Soldaten am Fluss, Le Dormeur du val/ Der Schläfer im Tal, das vermutlich aber nicht auf eigener Anschauung beruht. Die vier oder fünf Gedichte zum Thema Liebe/Erotik, z.B. Rêve pour l’hiver/ Wintertraum, sind sicher ebenfalls eher Fiktion als Spiegel realer Erlebnisse.

Den Winter 70/71 verbrachte Rimbaud lesend und schreibend in Charleville, das im Januar nach kurzem Beschuss von deutschen Truppen besetzt worden war. Die Schulen waren noch geschlossen, doch offensichtlich hatte er, entgegen den Wünschen seiner Mutter, die ihn angeblich in eine Privatschule („pension“) stecken wollte, das Ziel des Baccalauréats auch aufgegeben. Seine häufigen Besuche in der Stadtbibliothek spiegelt das Gedicht Les assis/ Die Sitzenden, worin er boshaft die anderen Leser, meistens alte Männer, karikiert und hierbei zugleich einen sehr unpoetisch wirkenden neuen Dichtstil erprobt.

Ende Februar riss er erneut aus und schlug sich durch nach Paris, das inzwischen von deutschen Truppen eingekreist und teilweise besetzt worden war. Er stöberte, wie sich einem Brief an Izambard entnehmen lässt, in Buchhandlungen, trat jedoch nach wenigen Tagen zu Fuß den Heimweg an. Unbewiesen und wenig wahrscheinlich ist die Vermutung, er habe sich nach Ausrufung der Pariser Kommune am 18. März erneut in die Hauptstadt aufgemacht und dort als Freischärler an der vergeblichen Verteidigung dieses ersten Experiments eines kommunistischen Regimes teilgenommen. Seine Sympathien für die Kommune spiegeln sich jedoch in einigen Gedichten aus dieser Zeit, z.B. in dem bitterbösen Chant de guerre parisien/ Pariser Kriegsgesang oder dem sarkastischen L’Orgie parisienne Ou Paris se repeuple/ Die Pariser Orgie, Oder: Paris bevölkert sich wieder.

Im April bekam Rimbaud einen kleinen Job bei der neuen, linksgerichteten Charleviller Zeitung Le Progrès des Ardennes, die jedoch kurz darauf einging.

Während Paris in politischen Wirren versank und die Entwicklung auf die blutige Niederschlagung der Kommune durch die Truppen der provisorischen französischen Regierung zusteuerte (22.–28. Mai), saß Rimbaud frustriert in Charleville, las sich weiter durch die Bestände der Stadtbibliothek, spintisierte und schrieb. Gelegentlich wurde er von Kumpanen zum Trinken eingeladen, wobei er als Gegenleistung offenbar den Clown und Unterhalter spielte. In dieser Zeit war der ebenfalls dichtende Freund Ernest Delahaye für ihn wichtig, dem er zeitlebens verbunden blieb und dessen Erinnerungen später eine bedeutende biografische Informationsquelle wurden.

Neue Versuche, gemäß dem Wunsch der zunehmend ungehaltenen Mutter einen Beruf zu ergreifen, unternahm er nicht, obwohl er finanziell von ihr schmerzhaft kurz gehalten wurde. Vielmehr schrieb er Gedichte in einem zunehmend hermetisch und teils provokativ unpoetisch wirkenden Stil und spann sich ein in seiner Vorstellungswelt. Hiervon zeugen die beiden exaltierten Briefe vom 12. und 15. Mai, die als „lettres du voyant“ (Briefe des Sehers) bekannt geworden sind. Der erste, kürzere, ist an Izambard gerichtet, der inzwischen in Douai wieder brav als Lehrer arbeitete und deshalb von Rimbaud etwas spöttisch behandelt wird. Der zweite, erheblich längere, ging an Demeny, der immerhin schon ein Gedichtbändchen publiziert hatte und den er jetzt anscheinend als wichtiger betrachtete.

In diesen Briefen stellt er sich als eine Art Medium der Dichtkunst dar, sichtlich nicht zuletzt aus dem Bedürfnis, die höchst vernünftigen Mahnungen seiner Mutter und wohl auch Izambards abzuwehren, er möge sich nicht in Fantastereien verlieren. Denn mit der berühmt gewordenen Formel „JE est un autre“ (ICH, das ist ein Anderer) stilisiert er sich zum dichtenden „Seher“ und Erfüller einer Art höherem Auftrags, der ihn, ob er wolle oder nicht, in Ekstasen und in unbekannte Regionen der Phantasie und der Erkenntnis treibe, die den normalen Menschen unzugänglich und bisher auch von Dichtern kaum erreicht worden seien. Zugleich bricht er den Stab über alle Lyriker vor ihm, mit partieller Ausnahme Hugos, Baudelaires und Verlaines, und illustriert mit einigen eingestreuten eigenen Gedichten seine neuen Ideen von einer Dichtkunst, die weniger nach Schönheit strebt als nach enger Beziehung zur Realität, auch zur sozialen und politischen. Entsprechend beauftragte er brieflich wenig später Demeny, dieser möge die beiden Hefte mit seinen älteren Texten verbrennen (was der nicht tat). Das mitgeschickte längere Gedicht Les poètes de sept ans soll offenbar seinen Bruch mit der gutbürgerlichen Kindheit beweisen.

Mitte August 1871 sandte Rimbaud erneut ein Gedicht an Banville, samt einem Brief mit der wohl eher rhetorischen Frage, ob er seit dem letzten Jahr Fortschritte gemacht habe. Anscheinend kam aber keine Antwort auf das 160 Verse lange Opus Ce qu’on dit au Poète a propos de fleurs/ Was man [d.h. ein anonymer typischer Spießbürger] dem Dichter zum Thema Blumen sagt. Vielleicht hatte die bewusst ungefällige Behandlung eines eigentlich gefälligen poetischen Sujets eher befremdlich auf Banville gewirkt.

Kurz danach, im September, suchte Rimbaud brieflich Kontakt mit dem bewunderten Verlaine. Dieser war beeindruckt von den mitgeschickten Gedichten und lud ihn zu sich ein nach Paris.

Bewegte Zeiten mit und ohne Verlaine

Rimbaud, der sich zu Hause unter Druck und fehl am Platz fühlte, folgte sofort und wurde aufgenommen von Verlaine und seiner hochschwangeren Frau Mathilde. Verlaine hatte zwar gerade als Sympathisant der Kommune seine Anstellung bei der Pariser Stadtverwaltung verloren, war aber dank seiner wohlhabenden verwitweten Mutter nicht mittellos. Als im Oktober Mathilde niederkam, wurde Rimbaud umquartiert zu deren Eltern, wo der knapp 17-Jährige sich allerdings durch betont flegelhaftes Betragen so unbeliebt machte, dass er zu Freunden Verlaines umziehen musste, die er jeweils auch verärgerte.

Nach Paris mitgebracht hatte er unter anderem sein 100 Verse langes Gedicht Le Bateau ivre/ Das trunkene Schiff, das sein berühmtestes Werk werden sollte. Dieser surrealistisch wirkende Text, in dem das lyrische Ich als ein Schiff auftritt, das in eindrucksvollen Bildern von einer traumartigen Reise steuerlosen Dahintreibens erzählt, verschaffte dem jugendlichen Autor die sofortige Bewunderung des Kreises meist jüngerer (politisch eher „linker“) Literaten, in den er von Verlaine eingeführt wurde. Daneben schrieb er weitere Gedichte, darunter politisch motivierte, sowie zum Spaß auch einige Parodien im Stil seiner neuen Bekannten (erhalten in einem Sammelalbum des Kreises, dem sog. Album zutique). Die meisten Texte dieser Zeit, insbes. das Bateau ivre, sind nur dadurch erhalten, dass Verlaine sie für sich abschrieb.

Paul Verlaine und Arthur Rimbaud (links sitzend; Gemälde von Henri Fantin-Latour, 1872)

Spätestens gegen Jahresende entspann sich ein homosexuelles Verhältnis zwischen Rimbaud und Verlaine, wobei letzterer offenbar eine "weibliche" Rolle übernahm. Seine Frau, seine Schwiegereltern und seine Mutter waren empört, etliche Bekannte offenbar auch. Rimbaud zog sich deshalb Ende Februar 1872 wie ein Verstoßener zurück nach Charleville bzw. nach Roche, wo sich seine Familie jetzt immer häufiger aufhielt. Die nach dieser Art Flucht verfassten Gedichte zeugen von seiner Enttäuschung und Verunsicherung. Sie vollziehen zugleich einen weiteren Schritt zu hermetischen, mitunter sinnfrei wirkenden Texten und lösen sich zunehmend von den Zwängen korrekter Metrik und korrekten Reimens.

Im Mai folgte Rimbaud den Bitten Verlaines und kam wieder nach Paris. Ein paar Wochen später, am 7. Juli, brachen die beiden, zunächst offenbar in Hochstimmung, Richtung Nordosten auf. Es war der Beginn eines einjährigen wechselvollen Wanderlebens, meistens zu zweit, aber immer wieder auch, nach Streitereien, getrennt. Ihren Lebensunterhalt bestritten sie anscheinend überwiegend mit Zuwendungen ihrer Mütter.

So waren sie im Herbst 72, nach einer Stippvisite in Charleville und einem gescheiterten Versöhnungsversuch Verlaines mit seiner Frau, längere Zeit in London, wo sie unter emigrierten Kommunarden verkehrten. Hier schrieb Rimbaud wohl seine letzten Gedichte in Versform und schwenkte um auf Prosa, die ihm nun sichtlich als die angemessenere Form für die zunehmend unkonkreten Inhalte seiner Texte erschien. Wahrscheinlich entstanden in dieser Zeit erste Stücke der späteren Sammlung Illuminations.

Die Jahreswende 72/73 verbrachte er bei seiner Familie in Charleville, reiste im Januar jedoch auf Kosten der Mutter von Verlaine nach London, um den dort erkrankten Freund zu pflegen. Im April findet man ihn in Roche, im Mai und Juni wieder mit Verlaine in London.

Die letzten kurzen Jahre als Dichter

Spätestens in Roche war der inzwischen gut 18-Jährige offenbar in eine tiefe Krise gestürzt, die er hier und dann in London literarisch zu verarbeiten versuchte in kurzen Prosatexten mit gelegentlich eingestreuten Versen. In diesen gattungsmäßig schwer einzuordnenden Texten blickt das Ich mehr alogisch assoziierend als logisch referierend auf seine Vergangenheit zurück und nimmt ebenso sprunghaft seine Gegenwart ins Visier. In Form einer Mischung aus Rückschau, Beichte, Selbstgespräch, Bericht, Reflexion, Klage und Selbstanklage bricht Rimbaud deprimiert und fast zornig mit seinen bisherigen dichterischen und sonstigen Ambitionen, die ihm nun als Hybris und als Selbstbetrug erscheinen. Une Saison en Enfer/ Eine Zeit in der Hölle betitelte er denn später auch das fertige Bändchen, das in manchen Passagen wie ein desillusionierter Widerruf der fast hochmütigen Seher-Briefe erscheint.

Am 10. Juli 73 suchte er in Brüssel Verlaine auf, der ihn wenige Tage zuvor in London im Streit verlassen hatte und dann in Briefen an seine Mutter und an ihn mit Selbstmord gedroht hatte. Statt zur Versöhnung kam es jedoch zu neuem Streit, wobei der betrunkene Verlaine vor den Augen der Mutter mit einem Revolver auf Rimbaud schoss und ihm eine Wunde an der Hand beibrachte. Zwar verzichtete Rimbaud auf eine Strafverfolgung, doch wurde Verlaine inhaftiert und anschließend zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die praktisch das Ende ihrer schwierigen Freundschaft bewirkte.

Rimbaud ging nach Roche, wo er Une Saison en Enfer zum Abschluss brachte, und zwar sichtlich mit dem Vorsatz, in Zukunft ein normaleres Leben zu führen. Offenbar auch hielt er das etwa 25 Taschenbuch-Druckseiten umfassende kleine Werk für ausreichend bedeutsam und gelungen um es, auf Kosten seiner Mutter, als Privatdruck herauszubringen. In der Tat erfolgte der Druck im Oktober 73 in Brüssel, doch blieb die gesamte Auflage, außer einigen Vorab-Exemplaren, die er, u.a. an Verlaine, verschenkte, offenbar unbezahlt im Lager der Druckerei. Sie galt sogar, bis zu ihrer zufälligen Wiederentdeckung 1901, als von Rimbaud selbst in einem Akt der Abtötung seiner Dichterträume vernichtet.

Ende des Jahres lernte er bei einem Paris-Besuch als neuen Freund Germain Nouveau kennen. Mit ihm reiste er im März 1874 nach London. Dort schrieb er an einer offenbar schon 1872 begonnenen Serie von kurzen Texten in Prosa (den späteren Illuminations). Es sind dies suggestiv-assoziative, weitgehend sinnfreie, teils bewegte, teils unbewegte impressionistische Bilder aus Wort-, Klang-, Gedanken- und Dingmalereien, die sich wie Traumvisionen oder gar Halluzinationen lesen, sich jeder logischen Deutung entziehen, aber dennoch keinen Zweifel an ihrem Charakter als bewusst geformte und ausgefeilte Wortkunstwerke lassen. Im Juli empfing Rimbaud seine Mutter und die beiden Schwestern zu einem Besuch in London, von wo er selbst zum Jahresende nach Charleville zurückkehrte.

Auf der Suche einer neuen Identität

Sichtlich hatte der nunmehr 19-Jährige mit der Literatur inzwischen abgeschlossen. Er begann Klavierspielen zu üben und ging im Februar 1875 nach Stuttgart, mit der Absicht Deutsch zu lernen. Hier erhielt er Besuch von dem vorzeitig entlassenen Verlaine, der ihn zu versöhnen und vergeblich zu der Frömmigkeit zu bekehren versuchte, die ihn selber im Gefängnis überkommen hatte.

Im Mai brach er zu Fuß in Richtung Italien auf, wo er Italienisch zu lernen gedachte. Seinen Plan, vorher sein letztes Werk, die etwa 30 Taschenbuch-Seiten umfassenden Illuminations, in Druck zu geben, verwirklichte er nicht. Es wurde erst 1886 ohne sein Wissen von Verlaine in einer Zeitschrift publiziert, wobei dieser den seltsamen Titel (etwa: kolorierte Buchillustrationen) festlegte.

Zurück aus Italien, wo er erkrankt war und mit vorgestrecktem Geld eines Konsulats die Rückreise nach Roche hatte antreten müssen, stellte Rimbaud Überlegungen an, ob er vielleicht als Externer noch das Baccalauréat ablegen könne. Doch wurde hieraus nichts, vielmehr findet man ihn im Juli 75 in Paris, wo er eine befristete Stelle als Repetitor erhalten hatte. Das Winterhalbjahr 75/76 verbrachte er in Charleville, wo er weiter Klavierspielen übte, aber auch den Tod seiner ältesten Schwester erlebte.

Mit dem Frühjahr überkam ihn offenbar neue Unrast. Im April 76 findet man ihn in Wien und wenig später in Brüssel, wo er sich als Söldner in der holländischen Kolonialarmee anwerben ließ. Auf Java angekommen, desertierte er jedoch und fuhr als Matrose auf einem englischen Segelschiff zurück. Nach einer kürzeren Zeit in Nordeuropa (1877) ging er nach Alexandria, erkrankte dort und schlüpfte danach kurz bei seiner Familie unter. 1878 findet man ihn in Hamburg, später in Italien und schließlich auf Zypern, wo er im Dienst einer französischen Firma einige Zeit einen Steinbruch leitete. 1880 gelangte er nach Aden (im heutigen Jemen) und wurde dort Angestellter einer französischen Firma, die mit Pelzen und Kaffee handelte. Für sie, aber später auch auf eigene Initiative und Rechnung unternahm er mehrfach Expeditionen in das fast noch unbekannte Innere von Äthiopien und Somalia, wobei er die geschäftlichen Aspekte mit wissenschaftlichen zu verbinden versuchte und z.B. einen mit eigenen Fotos illustrierten Bericht für eine geographische Fachzeitschrift verfasste, der 1884 erschien.

Rimbaud in Harar (Äthiopien) ca. 1883.

Anfang 1891, während eines Aufenthalts in Somalia, bekam er starke Schmerzen im Knie. Er liquidierte unter Verlusten, aber immer noch mit einem hübschen Kapital, sein Geschäft und reiste unter großen Strapazen nach Marseille. In einer dortigen Klinik für gut situierte Patienten stellte sich heraus, dass er Knochenkrebs hatte und das Bein amputiert werden musste. Hiernach verbrachte er, auf Genesung hoffend, einige Sommerwochen in Roche, fuhr dann aber wieder unter Schmerzen in die Klinik nach Marseille. Zuvor vernichtete er, offenbar unter dem Einfluss seiner frommen Schwester Isabelle, praktisch alle Materialien aus seiner Zeit als moralisch, politisch und religiös nicht eben korrekter junger Dichter, die er schon seit langem als fern und abgetan betrachtete.

Er wurde beigesetzt auf dem Friedhof von Charleville.

Trotz des Fehlens der genannten Materialien, inbes. der meisten an ihn gerichteten Briefe, sind die Stationen der Biografie Rimbauds als jugendlicher Literat, junger Abenteurer und zuletzt offenbar auch wohlhabend gewordener Geschäftsmann relativ gut bekannt dank zahlreicher erhaltener Briefe von ihm, z.B. an Izambard oder an seine Mutter, sowie vieler weiterer Dokumente.

Nachleben

Die Nachwirkung Rimbauds setzte ein, als ab 1883 literarische Zeitschriften ohne sein Zutun Werke von ihm abzudrucken begannen, und zwar vor allem auf Initiative Verlaines und nach Texten, die dieser als Autographen oder, wie z.B. das Bateau ivre, in eigenen Abschriften besaß. Verlaine selbst verfasste ein vielbeachtetes literarisches Porträt Rimbauds, das er 1883 in einer Zeitschrift publizierte und 1884 in seinen Band Les Poètes maudits/ Verfemte Dichter aufnahm. Der erste Versuch einer Sammelausgabe der Versdichtungen Rimbauds, die insbes. auch die frühen Texte enthielt, die Izambard und Demeny besaßen, erschien 1891 wenige Tage vor seinem Tod und zweifellos ohne sein Wissen unter dem seltsamen Titel Le Reliquaire (=der Reliquienschrein). Sie fand eine gewisse Verbreitung, obwohl sie aus verlagsrechtlichen Gründen sofort verboten worden war, weil sie ein Raubdruck von Teilen einer von Verlaine und Anderen vorbereiteten Gesamtausgabe war.

Diese Ausgabe selbst wurde anschließend lange behindert von Rimbauds Schwester Isabelle, die sich als Erbin und Sachwalterin ihres Bruders sah und in seinem Sinne zu handeln glaubte, wenn sie alle in ihren Augen anstößigen Texte, auch solche, die schon publiziert waren, auszumerzen versuchte. 1895 kam, schließlich doch mit ihrem Placet, die erste Gesamtausgabe heraus, deren Korpus sich in den nachfolgenden Jahrzehnten immer wieder um neu aufgetauchte Texte vermehrte. Denn Rimbaud hatte häufig Blätter mit Gedichten an Bekannte verschenkt.

Rückblickend gesehen verdankt er sein literarisches Überleben wohl weitgehend dem Einsatz seines Exfreundes Verlaine, auch wenn dieser sicher ebenfalls davon profitierte.

Der Einfluss des insgesamt nur schmalen Werkes sowie auch der mysteriösen Figur Rimbauds auf die Dichter des Symbolismus und des Expressionismus war beträchtlich, auch die Surrealisten mit ihrer Idee des nur vom Unbewussten gesteuerten Schreibens, der „écriture automatique“, orientierten sich an ihm. In Deutschland beeinflusste die auf Le Reliquaire beruhende Teilübertragung K. L. Ammers (=Karl Klammer, 1907) die expressionistischen Lyriker, z.B. Georg Heym und Paul Zech. Dieser, der sich Anfang der 1920er Jahre auf die für ihn typische äußerst freie Weise als Rimbaud-Nachdichter betätigte, ein umfangreiches Rimbaud-Porträt schrieb und 1925 auch ein Drama mit Rimbaud als Protagonisten verfasste, hat offensichtlich das Bild des Autors im deutschen Sprachraum maßgeblich, allerdings nicht eben zutreffend, geprägt. Einer der bekanntesten deutschen Rimbaud-Übersetzer der neueren Zeit wurde Paul Celan (1958).

Rimbaud beeinflusste im Einzelnen z.B. Van Morrison, Bob Dylan, Fabrizio De André, Klaus Hoffmann, Henry Miller, Patti Smith, Richard Hell (Television), Jim Morrison, Penny Rimbaud (Crass), Wladimir Wyssozki, Klaus Mann, Georg Trakl, die Beat-Poeten u.a.m.. Die Band Eloy benutzte seine Sommermorgenröte als Intro zu The Sun-Song. Der französische Sänger Raphaël veröffentlichte in seinem zweiten Album La Réalité (2003) das Lied Être Rimbaud.

Werke

Büste von Arthur Rimbaud
  • Arthur Rimbaud: Œuvres complètes. Édition établie, présentée et annotée par Antoine Adam. Paris: Gallimard, La Pléiade, 1972 (Diese vorzügliche Gesamtausgabe, die auch die erhaltenen Briefe von, an und um den Autor sowie viele ihn betreffende Dokumente abdruckt, bildet die Grundlage des vorliegenden Rimbaud-Artikels.)
  • Rimbaud: Sämtliche Dichtungen. Französisch und deutsch. Übersetzung von Walther Küchler ergänzt durch Carl Andreas. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1963 u.ö. (Eine komplette Ausgabe, deren Übertragungen halbwegs getreu zu sein versuchen und einen gewissen Nutzen als Verstehenshilfe für die Originaltexte haben.)
  • Arthur Rimbaud, Briefe. Dokumente. Übersetzt, erläutert und mit einem Essay „Zum Verständnis der Sammlung“ herausgegeben von Curd Ochwadt. Reinbek: Rowohlt, 1964 (Enthält einen Großteil der von A. Adam [s.o.] abgedruckten Briefe und Dokumente in passabler Übersetzung.)
  • Le Bateau ivre/Das trunkene Schiff. Übers. von Paul Celan. Wiesbaden 1958
  • Das trunkene Schiff. Gedichte Neu-Übersetzung durch Thomas Eichhorn, ausgezeichnet mit dem André-Gide-Preis Rimbaud Verlag 1991 ISBN 3-89086-871-1, leicht überarb. ebd. 2000
  • Zweisprachig bei dtv. Die bekannteste: Insel, Frankfurt 2008 ISBN 3-458-19300-6. Häufige Aufl. mit versch. Übers., oft in Sammelbänden seiner Gedichte
  • Une saison en enfer (1873), dt. Eine Zeit in der Hölle oder Ein Aufenthalt in der Hölle ISBN 3-89086-874-6
  • Illuminationen; Leuchtende Bilder ISBN 3-89086-870-3
  • Lettres du voyant (1871); deutsch: Die Zukunft der Dichtung. Die Seher-Briefe, Mit Essays von Philippe Beck und Tim Trzaskalik, Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2010, ISBN 978-3-88221-545-8
  • Arthur Rimbaud: Seher-Briefe / Lettres du voyant. Übersetzt und herausgegeben von Werner von Koppenfels. Mainz: Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung, 1990

Die Texte in Sämtliche Dichtungen des Jean Arthur Rimbaud. Nachdichtungen von Paul Zech (z. Zt. auf dem Markt als Fischer-Taschenbuch) sind keine Übertragungen, sondern, wie oben erwähnt, mehr oder weniger freie „Nachdichtungen“. Als Verstehenshilfe für die Originale sind sie praktisch ungeeignet.

Literatur

Filme

Einzelnachweise


Weblinks

 Commons: Arthur Rimbaud – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Arthur Rimbaud – Quellen und Volltexte (Französisch)

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