7. Sinfonie (Schostakowitsch)

Die 7. Sinfonie in C-Dur op. 60 von Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch, genannt Leningrader Sinfonie, ist eine Sinfonie in vier Sätzen für Orchester.

„Ich widme meine Siebente Sinfonie unserem Kampf gegen den Faschismus, unserem unabwendbaren Sieg über den Feind, und Leningrad, meiner Heimatstadt ...“

Schostakowitsch am 29. März 1942 in der Prawda.

Die 7. Sinfonie gilt als Schostakowitschs bekanntestes Werk. Ursprünglich sollte die Sinfonie nur aus einem Satz bestehen, dann entschloss der Komponist sich zum klassischen Aufbau mit 4 Sätzen. Schostakowitsch wollte zunächst jedem Satz einen Titel geben: 1. Krieg, 2. Erinnerung, 3. Die Weite der Heimat, 4. Sieg. Von diesem Vorhaben nahm er jedoch wieder Abstand,[1] in den Partitureditionen sind diese programmatischen Überschriften ebenfalls nicht übernommen.

Inhaltsverzeichnis

Werkbeschreibung

1. Satz Allegretto

Der erste Satz der Sinfonie entspricht dem Grundmuster eines Sonatensatzes. Schostakowitsch entwickelt zu Beginn ein Thema, das gemeinhin als Spiegel der Vorkriegsidylle und der Phase des friedlichen Aufbaus des Sozialismus in der Sowjetunion angesehen wird. Jedoch wirkt dieses erste Thema schon merkwürdig gestört und verzerrt. Diesem Thema steht ein zweites gegenüber, das deutlich idyllischer wirkt. Das Muster des Sonatenhauptsatzes wird einzig durch das zentrale Thema und dessen elf Variationen gestört. Dieses Thema wurde und wird im Allgemeinen als „Invasionsthema“ bezeichnet. Es soll den Einmarsch der faschistischen Truppen in die Sowjetunion symbolisieren. Aus den von Solomon Wolkow herausgegebenen Memoiren des Komponisten geht aber der Hinweis hervor, dass Schostakowitsch dieses Thema einst auch als „Stalinthema“ bezeichnete. Stilistische Mittel sind eine äußerst schlichte und monotone Melodie, die in den elf Variationen eine stete Steigerung durchmacht und schließlich das Stupide der Melodie mit einer grausamen Brutalität verbindet. Schostakowitsch verwendete hier die Melodie Da geh ich zu Maxim aus Franz Lehárs Operette Die lustige Witwe, die zu Hitlers Lieblingswerken gehörte. Die Verwendung dieser Melodie zitiert seinerseits Béla Bartók in seinem Konzert für Orchester, das auch unter dem Eindruck der faschistischen Herrschaft in Europa entstand. Einen Hinweis auf den tatsächlichen Charakter des Themas geben nicht nur die Memoiren, in denen Schostakowitsch immer wieder davon spricht, dass seine Sinfonien Requiem für die Opfer der Gewaltherrschaft seien, es findet sich auch ein klares Indiz in der musikalischen Analyse: Das „Invasionsthema“ ist eindeutig durch das Zitat des Gewaltthemas aus Schostakowitschs Oper Lady Macbeth von Mzensk bestimmt. Der Inanspruchnahme des Werkes durch die stalinistische Propaganda entzieht es sich auch durch eine weitere Merkwürdigkeit: Auf dem Höhepunkt der Variationen, auf denen scheinbar eine „Gegenkraft“ einsetzt – dies sollte die Rote Armee symbolisieren –, entsteht keinesfalls etwas musikalisch Neues, vielmehr wird das Material des „Invasionsthemas“ mit seiner Charakteristik aus dem Gewaltmotiv weiterhin verwendet. Diese fehlende „Gegenkraft“ wurde erst nach dem Krieg, im Rahmen der neuen künstlerischen Dogmen und der erneuten Denunziationen, etwa durch Schdanow, thematisiert und brachte Schostakowitsch sehr viel Kritik ein.

2. Satz Moderato (poco Allegretto)

Der zweite Satz erinnert teilweise an ein Scherzo, Schostakowitsch selbst merkte an, dass hier „Humor vorhanden“ sei. Humor bei Schostakowitsch hat dabei eine andere Bedeutung, als wir heute damit verbinden würden. Es sei auf den zweiten Satz der 13. Sinfonie hingewiesen, in der vor allem der fehlende Humor einer grausamen Staatsführung thematisiert und Terror und Gewalt gegenübergestellt wird. Auch im zweiten Satz finden sich wieder Motive, die an das Gewaltthema aus Lady Macbeth von Mzensk erinnern. Diese Verarbeitungen lassen in Verbindung mit Schostakowitschs ursprünglicher Satzbezeichnung „Erinnerungen“ einige Schlüsse zu: Wiederum begegnet dem Hörer hier die trügerische Idylle einer scheinbar friedlichen Vorkriegszeit, die aber eben durch die Verwendung der Gewaltmotive schon den Terror und die Gewalt des Krieges in sich trug. Klarheit entsteht erst mit dem Eintritt des Trios, das von den zwei Hauptsätzen eingeschlossen wird: ein schriller Walzer voller Klänge, die an Militärsignale erinnern, eingebettet in eine gnadenlose Motorik.

3. Satz Adagio

Im dritten Satz tritt eine Choralsatzstruktur auf. Der Eindruck einer Kirchenorgel wird durch die Dominanz von Holzbläsern verstärkt. Dies kann zwei Hinweise beinhalten: Einerseits ist die Wiederaufnahme der Glockensymbolik als bedeutender Teil der russischen Musiktradition Symbol des Volkes, andererseits sind Anklänge an Strawinskis Psalmensinfonie unverkennbar. Der dritte Satz in der Psalmensinfonie kann so auch durchaus interessant für eine Deutung von Schostakowitschs Siebter sein, da auch Strawinski den Inhalt der Musik, den 150. Psalm, deutlich durch die zurückhaltende Komposition kontrastierte. Ein für Schostakowitsch typisches Stilmittel findet sich schließlich im Trio des Satzes: ein Zirkusmarsch. Zirkusmärsche, bzw. Grotesken von Militärmärschen, dienten ihm immer als Symbolik einer selbstherrlichen Führung. Besonders deutlich wird dies zum Beispiel im fünften Satz der 9. Sinfonie.

4. Satz Allegro non troppo

Der letzte Satz sollte das buchstäbliche Finale einer Kriegssinfonie darstellen, also den Sieg. Tatsächlich scheint es so, als würde Schostakowitsch das anfänglich einzige Thema immer stärker verdichten. Allerdings tritt an die Stelle des heroischen Sieges ein ebenfalls typisches Stilmittel für die Kompositionen Schostakowitschs: eine langsame barocke Form, hier eine Sarabande. Diese barocken Formen tauchen vor allem in den Kriegskompositionen gehäuft auf und sind immer Mittel der Trauer. Schostakowitsch kontrastiert diese Trauermelodien gerne mit grotesken Formen und stellt so einen direkten Zusammenhang dar. In den Kriegssinfonien, vor allem in der achten, stehen diese langsamen barocken Formen immer Zirkusmärschen und Ähnlichem gegenüber. Es wird so das Leiden von unzähligen Menschen verdeutlicht, das durch die Zirkusmärsche und Militäranklänge in direktem Zusammenhang mit der brutalen Gewalt durch die Auslöser des Krieges gestellt wird.

Orchesterbesetzung

Piccoloflöte, 2 große Flöten, 2 Oboen, Englischhorn, kleine Klarinette (in Es), 2 Klarinetten (in B und A), Bassklarinette (in B), 2 Fagotte, Kontrafagott, 4 Hörner, 3 Trompeten, 3 Posaunen, Basstuba, Pauken, große und kleine Trommel, Triangel, Becken, Xylophon, Tamtam, Tambourin, Klavier, 2 Harfen, Streicher – 4 Hörner, 3 Trompeten, 3 Posaunen (Bühnenorchester)

Entstehung

Um die Entstehungszeit des Werkes ranken sich viele Vermutungen. Fest steht mittlerweile, dass Schostakowitsch die Arbeit an der Sinfonie schon vor dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion begann. Die Niederschrift fand dann in nur wenigen Wochen nach Kriegsbeginn statt. Diese Untersuchungen sind entscheidend für die Deutung des Werkes, insbesondere des Variationenthemas aus dem ersten Satz, da so dem Einfall zur Sinfonie auf keinen Fall der deutsche Überfall zugrunde lag. Bedeutend für die Rezeption ist hingegen der Mythos der Entstehung unter Bombenbeschuss und dem patriotischen Verhalten Schostakowitschs als Helfer der Freiwilligen Feuerwehr. Später schrieb der Komponist, er hätte sich schon am ersten Tag des Krieges freiwillig zur Armee melden wollen, wurde aber abgelehnt. Die Memoiren Schostakowitschs hingegen behaupten, er plante am Tag des deutschen Überfalls den Besuch eines Fußballspiels. Im Oktober 1941 wurde Schostakowitsch mit seiner Familie aus Leningrad ausgeflogen und konnte das Werk in Kujbyschew fertigstellen, wo es am 5. März 1942 vom dorthin ausgelagerten Orchester des Bolschoi-Theaters unter Leitung von Samuil Samossud uraufgeführt wurde. Die Moskauer Erstaufführung am 27. März fand ebenfalls unter lebensgefährlichen Umständen statt, doch selbst ein Luftalarm konnte angesichts der fesselnden Musik die Zuhörer nicht dazu bewegen, die Schutzräume aufzusuchen. Stalin war daran interessiert, die Sinfonie auch außerhalb der Sowjetunion bekannt zu machen. Am 22. Juni dirigierte sie Sir Henry Wood in London, und Arturo Toscanini leitete die erste Aufführung der Sinfonie in den Vereinigten Staaten, die am 19. Juli 1942 in New York mit dem NBC Symphony Orchestra stattfand. Schostakowitschs Wunsch nach einer Aufführung in Leningrad ging erst kurze Zeit später in Erfüllung: Ein Sonderflugzeug durchbrach die Luftblockade, um die Orchesterpartituren nach Leningrad zu fliegen. Das Konzert vom 8. August (Dirigent: Karl Eliasberg) wurde von allen sowjetischen Rundfunksendern übertragen.

Literatur

  • Solomon Wolkow (Hrsg.): Die Memoiren des Dmitri Schostakowitsch. München 2000
  • Solomon Wolkow: Stalin und Schostakowitsch. Berlin 2006
  • Heinz Alfred Brockhaus: Die Sinfonik Dmitri Schostakowitschs. Berlin 1962
  • Karen Kopp: Form und Gehalt der Sinfonien des Dmitrij Schostakowitsch. Bonn 1990
  • Michael Koball: Pathos und Groteske – Die Deutsche Tradition im symphonischen Schaffen von Dmitri Schostakowitsch. Kuhn, Berlin 1997, ISBN 3-928864-50-5 (im Buchhandel vergriffen, Bezug über den Autor möglich)
  • Anne Shrefler: Denkmal wider Willen. Der Komponist der Leningrader Sinfonie. In: Zwischen Bekenntnis und Verweigerung. Schostakowitsch und die Sinfonie im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Hans-Joachim Hinrichsen und Laurenz Lütteken (= Schweizer Beiträge zur Musikforschung 3), Kassel 2005, S. 98–121
  • Matthias Stadelmann: Von Leningrad nach Babij Jar. Dmitrij Schostakovics symphonische Auseinandersetzungen mit Krieg und Vernichtung in der Sowjetunion. In: Zerstörer des Schweigens. Formen künstlerischer Erinnerung an die nationalsozialistische Rassen- und Vernichtungspolitik in Osteuropa. Hrsg. von Frank Grüner, Urs Heftrich, Heinz-Dietrich Löwe, Köln 2006, S. 419–440

Einzelnachweise

  1. Krzysztof Meyer: Schostakowitsch. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit. Bergisch-Gladbach 1995, S. 279

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