Vertigo

Vertigo
Klassifikation nach ICD-10
H81.0-9 Störungen der Vestibularfunktion
H82* Schwindelsyndrome bei anderenorts klassifizierten Krankheiten
R42 Schwindel und Taumel
Schwindel o. n. A.
ICD-10 online (WHO-Version 2011)

Die Vertigo (lat. „Umdrehung“, „Schwindel“; von vertere „wenden“) ist der medizinische Fachausdruck für Schwindel. Das dazugehörige Adjektiv lautet vertiginös („schwindelig“). Unter Schwindel im medizinischen Sinne versteht man das subjektive Empfinden eines Drehgefühls oder Schwankens oder das Gefühl der drohenden Bewusstlosigkeit. Definiert wird Schwindel im medizinischen Sinn als wahrgenommene Scheinbewegung zwischen sich und der Umwelt. Man unterscheidet u. a. Dreh-, Schwank-, Lift-, Bewegungs- und unsystematischen Schwindel. Außerdem werden Symptome einer Kreislaufschwäche oft Schwindel genannt.

Im Deutschen wird der Begriff folglich für unterschiedliche Phänomene genutzt. Im Englischen werden demgegenüber vertigo („Schwindel“) und dizziness („Benommenheitsgefühl“) unterschieden.

Inhaltsverzeichnis

Ursachen von Vertigo

Schwindel entsteht häufig aus widersprüchlichen Informationen von am Gleichgewichtsempfinden beteiligten Sinnesorganen wie Augen, Gleichgewichtsorganen der Innenohren sowie Muskel- und Gelenkrezeptoren. Dies wird von der abstrakt wirkenden Definition (s. o.) exakt abgebildet. Schwindel ist einer der häufigsten Beratungsanlässe in einer allgemeinmedizinischen Praxis.[1]

Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr ist ein Sensorium für Dreh- und Linearbeschleunigung und eng mit Reflexen verbunden.

Eine Linearbeschleunigung wird in den in horizontaler und vertikaler Ebene stehenden Macula sacculi und utriculi registriert. Die Sinneshaare dieser Rezeptoren sind in eine durch Kristallkörnchen, so genannte Otolithen, beschwerte Matrix eingebettet. Bei Beschleunigung in der Ebene der Macula bleibt diese aufgrund ihrer Trägheit zurück und führt zu einer Auslenkung der Sinneshaare. Durch die Erdbeschleunigung kann mit diesen Rezeptoren auch die Lage des Kopfes im Raum bestimmt werden.

Drehbeschleunigungen (Drehbewegungen) werden von Sinneshaaren in den Bogengängen registriert - jeweils drei miteinander verbundene, senkrecht zueinander stehende, ringförmige Gefäße, die mit Lymphflüssigkeit gefüllt sind. Bei einer Drehbewegung in der Ebene des jeweiligen Bogenganges bleibt die Lymphflüssigkeit aufgrund ihrer Trägheit gegenüber dem sich bewegenden Schädelknochen in Ruhe. Damit werden die Sinneshaare in den Bogengängen, die die Drehbewegung mitmachen, durch die ruhende Flüssigkeit ausgelenkt.

Bei länger anhaltenden Drehbewegungen kommt es durch Reibung zu einer Mitbewegung der Lymphe. Wenn Bogengang und Lymphe sich mit gleicher Geschwindigkeit bewegen, reduziert sich der Sinnesreiz und geht schließlich gegen Null. Es kommt zu einer Gewöhnung. Bei Aufhören der Drehbewegung rotiert die Flüssigkeit weiter und ruft den Eindruck einer entgegengesetzten Drehung hervor. Die reflektorische Reaktion darauf kann nicht unterdrückt werden, auch wenn das Auge die wahre Bewegung zeigt. Der Widerspruch der Sinnesorgane erzeugt Verwirrung oder Desorientierung. Piloten müssen deshalb beim Instrumentenflug lernen, der Anzeige von Navigationsgeräten mehr zu trauen als ihren Sinneseindrücken.

Erkrankungen des Gleichgewichtssystems (peripher: Innenohr + Gleichgewichtsnerv / zentral: Hirnstamm + Kleinhirn + Großhirn) können Ursache für Schwindelempfindungen sein: vestibulärer Schwindel. Oft wird Schwindel begleitet von vegetativen Reaktionen des Körpers wie Übelkeit, Erbrechen, Schweißausbruch, Herzbeschleunigung und Kollaps.

Beispiele (nach Häufigkeit):

Bei nicht-vestibulärem Schwindel sind eine Vielzahl weiterer Ursachen beschrieben, unter anderem Vorstufen von Ohnmachtsanfällen (Prä-Synkope) bei Hypotonie (niedrigem Blutdruck), Herzrhythmusstörungen, wahrscheinlich auch Blockaden der Halswirbel (vertebragener Schwindel), sowie epileptische Entladungen in den hinteren Anteilen des Gyrus temporalis superior bei der Vertigo epileptica sein.

Gerätetaucher erfahren manchmal eine Vertigo, wenn kühles Wasser zu tief ins Ohr dringt. In diesem Fall hilft es, sich an den Luftblasen zu orientieren, da diese immer nach oben steigen. Der Tauchgang sollte sofort − unter Einhaltung der Auftauchzeiten − beendet werden.

Beim Blick aus großer Höhe kann Vertigo ebenfalls auftreten. Hier hilft das Festhalten an stationären Gegenständen.

Halswirbelsäule und Schwindel

Verletzungen des Gelenkes zwischen Kopf und Halswirbelsäule sind als Ursache von Schwindel, insbesondere nach Schleudertrauma-Verletzungen, exemplarisch und archetypisch. Als Folge der physikalisch als Peitschenhieb-Bewegung bezeichneten Verletzung, die bevorzugt bei Schleudertraumata auftritt, kann eine Kopfgelenksinstabilität bestehen. Eine Kopfgelenksinstabilität entsteht durch Ruptur oder auch Überdehnung ligamentärer Strukturen im Bereich der Schädelbasis (C0) bis zum zweiten Halswirbel (Axis, C2). Verletzungen der Alarligamente, insbesondere bei gleichzeitiger Ruptur der Gelenkkapsel lassen eine ungewünschte Fehlbewegung, eine Translationsbewegung oder bei unilateraler Verletzung auch eine sogenannte rotatorische Subluxation zwischen den ersten beiden Halswirbeln (Atlas und Axis) zu. Dies kann zu einer intermittierenden basilären Impression mit typischer Stammhirnsymptomatik führen. Kennzeichnend für diffus-hypoxische Schädigungen im Vertebralisstromgebiet (Versorgungsgebiet der Basilararterie) des Gehirns (Okzipitalhirn) sind Schwindel, Vigilanzstörungen (von leichter Benommenheit über leichte Bewusstseinstrübung bis hin zu ausgeprägter Somnolenz) und Sehstörungen. Kopfgelenksinstabilitäten gehen fast immer mit einer ausgeprägten Schwindelsymptomatik einher.

Psychische Erkrankungen und Schwindel

Schwindelsymptome treten häufig im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen auf[2]. Dabei kann Schwindel sowohl eine Folge (sog. "psychogener Schwindel"), als auch eine Ursache einer psychischen Erkrankung sein. Beide Erkrankungen können auch komorbid auftreten[3]. Verschiedene Studien zeigten, dass bei 20-50% der Schwindelpatienten psychische Erkrankungen einen erheblichen Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung hatten[4][5].

Psychische Erkrankungen, bei denen häufig Schwindelgefühle auftreten, sind v.a. Depression, Angststörungen und Somatoforme Störungen[6][4]. Zudem kann es zu sekundärem somatoformem Schwindel, phobischem Schwankschwindel (engl. phobic postural vertigo)[7][8], akuten Belastungsreaktionen sowie Anpassungsstörungen kommen[3].

Untersuchungen bei Schwindel

Zur Abklärung von Schwindel müssen Patienten oft von mehreren Fachärzten untersucht werden. Wenn der Hausarzt (Allgemeinmedizin, Innere Medizin) die Einordnung nicht ausreichend treffen kann, sollen Fachärzte für HNO, Orthopädie und Neurologie konsultiert werden. Unter Umständen sind auch kardiologische und psychiatrische Untersuchungen sinnvoll.

Starker Schwindel erfordert manchmal die Einweisung in ein Krankenhaus.

Folgende Untersuchungsverfahren werden angewandt:

  • immer:
    • Anamnese = Krankengeschichte erheben (führt in 90 % zur Diagnose!)
    • körperliche Untersuchung
      • Blutdruck, Puls (dann ggf. EKG schreiben)
      • Untersuchung der Augenbewegungen (Nystagmus)
      • Gleichgewichtsprüfung + Gehörprüfung
      • Koordinationsprüfung
  • je nach Untersuchungsbefund technische Zusatzuntersuchungen:

Siehe auch

Literatur

  • Thomas Lempert: Wirksame Hilfe bei Schwindel. Trias-Verlag, 2003, ISBN 3-8304-3105-8
  • Thomas Brandt, Michael Strupp, Marianne Dieterich: Vertigo. Steinkopff, 2003, ISBN 3-7985-1416-X
  • Strupp, Michael; Brandt, Thomas: Leitsymptom Schwindel: Diagnose und Therapie. In: Dtsch Arztebl. Nr. 105(10), 2008, S. 173-180 (Artikel).

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Nach W. Fink, G. Haidinger: Die Häufigkeit von Gesundheitsstörungen in 10 Jahren Allgemeinpraxis. Z. Allg. Med. 83 (200) 102-108. Zitiert nach "Womit sich Hausärzte hauptsächlich beschäftigen, MMW-Fortschr. Med. Nr. 16 / 2007 (149. Jg.)
  2. H. Schaaf: Psychogener Schwindel in der HNO-Heilkunde. HNO, 2001, 49, S. 307–315 (PDF)
  3. a b J. Ronel, P. Henningsen: Psychische Faktoren bei Schwindelerkrankungen. In: E. Biesinger, H. Iro (Hrsg.): HNO Praxis heute. Band 27: Schwindel. Heidelberg: Springer, 2007, S. 99-108, ISBN 978-3-540-47443-2. DOI: 10.1007/978-3-540-47448-7
  4. a b A. Eckhardt-Henn, P. Breuer, C. Thomalske, S.O. Hoffmann, H.C. Hopf: Anxiety disorders and other psychiatric subgroups in patients complaining of dizziness. Anxiety Disorders, 2003, 17, S. 369–388 (PDF)
  5. Christoph Best, Annegret Eckhardt-Henn, Regine Tschan, Marianne Dieterich: Why Do Subjective Vertigo and Dizziness Persist over One Year after a Vestibular Vertigo Syndrome? Ann. N.Y. Acad. Sci., 2009, Nr. 1164, S. 334–337 (PDF)
  6. H. Schaaf: Schwindel in der Hausarztpraxis. Z Allg Med, 2008, 84, S. 252 – 257 (PDF)
  7. Michael Strupp, Thomas Brandt: Leitsymptom Schwindel: Diagnose und Therapie. Deutsches Ärzteblatt, 2008, 105 (10), S. 173–80 (PDF)
  8. Annegret Eckhardt-Henn, S. O. Hoffmann, B. Tettenborn, C. Thomalske und H. C. Hopf: "Phobischer Schwankschwindel": Eine weitere Differenzierung psychogener Schwindelzustände erscheint erforderlich. Der Nervenarzt, 1997, 68 (10), S. 806-812 DOI: 10.1007/s001150050198

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