Befreiungsausschuss Südtirol

Der Befreiungsausschuss Südtirol (BAS) war eine Mitte der 1950er von Sepp Kerschbaumer und acht[1] Mitstreitern gegründete Untergrundorganisation, die durch Flugbätter und Anschläge auf staatliche Symbole die Sezession der Autonomen Provinz Bozen von Italien erkämpfen wollte.

Zu Beginn war das oberste Gebot, dass sich die Anschläge nicht gegen Menschen richten sollten. Bevorzugtes Ziel waren daher zunächst Strommasten sowie faschistische Denkmäler. Ungeplant wurde jedoch während der Feuernacht der Straßenwärter Giovanni Postal getötet, als er eine nicht explodierte Bombe fand.

Viele Südtiroler, als italienische Minderheit, pochten jahrelang auf die ihr zustehenden Rechte: Pariser Vertrag, Autonomie, Selbstregierung, mitunter sogar Selbstbestimmung, aber sie besaßen nicht die Macht und Kraft, diese Rechte gegenüber dem Staat Italien durchzusetzen.[2] Das Ziel der Anschläge war die Selbstbestimmung und somit die Rückkehr Südtirols zu Österreich und die Wiedervereinigung Tirols (siehe Geschichte Südtirols). Die zweite Phase war deutlich brutaler, da sie gezielt auf die Tötung von Menschen ausgerichtet war.

Vom italienischen Staat wurde der BAS als „terroristische und separatistische Bedrohung“, von Teilen der einheimischen Bevölkerung jedoch als Freiheitskämpfer gesehen. In Tirol und Südtirol wurden die BAS-Mitglieder verharmlosend als „Bumser“ bezeichnet, ein Spitzname, welcher sich von den Bombenexplosionen ableitete.

Inhaltsverzeichnis

Mitglieder

1956 gründete Sepp Kerschbaumer mit Karl Tietscher aus Bruneck und dem Grödener Josef Crepaz den BAS.[3]

Spätere Mitglieder waren:

Geschichte

Südtirol wurde im Zuge des Ersten Weltkrieges von Italien annektiert und der Italianisierung unterzogen, die von der faschistischen Regierung gewollt war. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg und dem ersten Autonomiestatut, wurde die Majorisierungspolitik weiterverfolgt: deutschsprachigen Südtirolern wurde de facto der Zugang zur Arbeit in den italienischen Industriebetrieben und zu den staatlichen Sozialwohnungen verwehrt. Letztere wurden in den Fünfzigerjahren in großer Zahl aus dem Boden gestampft, aber nur den zugewanderten Italienern zur Verfügung gestellt. Es ergab sich eine Abwanderung deutschsprachiger Südtiroler und eine starke Zuwanderung von Italienern. Nach den erfolglosen Interventionen der Südtiroler Politiker sah der BAS keine andere Lösung als zum Sprengstoff zu greifen.[5]

Nach einigen Flugblattaktionen (u. a. auf Schloss Sigmundskron), die von Sepp Kerschbaumer organisiert wurden, wurde ab 1958 Sprengstoff beschafft, teils aus Nordtirol, teils aus Italien. 1959/1960 kam es zu Streitigkeiten zwischen Nord- und Südtiroler Akteuren um die Vorherrschaft im BAS, wobei sich letzten Endes der Südtiroler Teil behaupten konnte.

1. Phase 1956–1961

Erste Anschläge von BAS-Mitgliedern erfolgten im September 1956. Eine zweite Serie von Anschlägen wurden im Januar 1957 durchgeführt. Mit dem Sprengstoffanschlag am 31. Januar 1961 in Waidbruck trat der BAS zum ersten Mal selbst aktiv in Erscheinung. Dabei wurde das Reiterstandbild Mussolinis, der so genannte „Aluminium-Duce“, vor dem dortigen Kraftwerk, vermutlich vom österreichischen BAS-Mitglied Heinrich Klier gesprengt.[6]

Danach erfolgte ein Bombenanschlag auf das Haus von Ettore Tolomei in Montan, einer Symbolfigur der Italianisierung, ausgeführt von Josef Fontana.

Den Höhepunkt bildete die Feuernacht in der Nacht vom 11. auf den 12. Juni 1961. In Bozen und Umgebung wurden hierbei 42 Strommasten gesprengt.

In der so genannten kleinen Feuernacht in der Nacht auf den 13. Juli 1961 wurden acht weitere Strommasten gesprengt, um den Zugverkehr lahm zu legen.

In den folgenden Tagen wurden Sepp Kerschbaumer sowie 150 weitere Mitglieder des BAS verhaftet. Die Inhaftierten klagten über „brutale Methoden“ der italienischen Polizei und gaben an, gefoltert worden zu sein. Am 7. Januar 1962 verstarb Anton Gostner in Haft.

Von italienischer Seite wurden die Folterungen dementiert: Man behauptete, die Häftlinge hätten sich die Verletzungen selbst zugefügt. 10 Carabinieri wurden unter Anklage gestellt: 8 davon wurden vom Oberlandesgericht Trient 1963 freigesprochen, 2 fielen unter eine inzwischen erlassene Amnestie. Der Prozess und das Urteil wurden vielfach kritisiert.[7]

Am 28. November 1961 erneuert die UNO-Vollversammlung ihre Südtirol-Resolution vom Oktober 1960,[8][9] aber nicht in dem Ausmaß welches der BAS für Südtirol erreichen wollte.

Am 16. Juli 1964 wurden 35 BAS-Mitglieder im so genannten Mailänder Prozess schuldig gesprochen, hiervon jedoch 13 sofort begnadigt. Weitere 27 angeklagte BAS-Mitglieder wurden freigesprochen.

Die allgemein als milde angesehen Urteile wurden ermöglicht, da der Präsident des Schwurgerichts, Gustavo Simonetti auf Druck der Regierung Aldo Moro die Anklagepunkte „Anschlag auf die Einheit des Staates“ und „Anschlag auf die Verfassung“ fallen ließ und so der von der Staatsanwaltschaft geforderten lebenslangen Mindeststrafe die Grundlage entzog.

Sepp Kerschbaumer als Führer des BAS wurde zu 15 Jahren und 11 Monaten Gefängnis verurteilt und verstarb bereits frühzeitig (1964) in italienischer Haft. Norbert Burger, der 1981 in Österreich als Präsidentschaftskandidat für die rechtsextreme NDP antrat, sowie drei weitere flüchtige österreichische Angeklagte wurden in Abwesenheit zu jeweils mehr als 20 Jahren verurteilt.

2. Phase 1962–1968

Mit der kompletten Ausschaltung der Gründergeneration des BAS und einer Annäherung von Südtiroler Volkspartei (SVP) und der Regierung Aldo Moro radikalisierten sich die verbliebenen Mitglieder des BAS. Neben flüchtigen BAS-Mitgliedern wie Georg Klotz und Luis Amplatz, auf die 1964 ein Mordanschlag verübt wurde, traten nun auch vermehrt neonazistische und pan-germanistische Kreise in Erscheinung, die das ehemals oberste Gebot, die Schonung von Menschenleben, ins Gegenteil verkehrten und gezielt Mitglieder der staatlichen Organe zu ermorden begannen. Einige Beispiele:

  • 3. September 1964, Mühlwald bei Taufers: Der Carabiniere Vittorio Tiralongo wird erschossen.[10]
  • 9. September 1964, Antholz: Bei einem Überfall werden 5 Soldaten schwer verletzt.
  • 26. August 1965, Sexten: Die Carabinieri Palmerio Ariu und Luigi de Gennaro werden aus 3 Metern Distanz hinterrücks mit 33 Kugeln erschossen.[10]
  • 24. Mai 1966, Pfitscherjochhaus: Der Zöllner Bruno Bolognese wird durch eine an der Eingangstür des Schutzhauses am Pfitscher Joch angebrachte Sprengfalle getötet.
  • 25. Juli 1966, St. Martin im Gsieser Tal: Die Zöllner Salvatore Gabitta und Giuseppe D’Ignoti werden erschossen.
  • 9. September 1966, Steinalm: Bei einem Bombenanschlag werden der Carabiniere Herbert Volgger sowie die Zöllner Martino Cossu und Franco Petrucci getötet.
  • 25. Juni 1967, Berg Cima Vallona (Provinz Belluno, an der Grenze zu Österreich): Ein Strommast wird gesprengt, die zum Anschlagsort kommenden Alpini und Carabinieri geraten in ein vom BAS gelegtes Minenfeld. Von den fünf Militärs überlebt nur einer.
  • 30. September 1967, Brennerbahn: Die Polizisten Filippo Foti und Edoardo Martini sterben bei einem Anschlag auf den Zug Innsbruck–Trient.

Insgesamt wurden in der zweiten Phase der Attentate 15 Exekutivorgane ermordet.

Die Aktivitäten des BAS endeten 1969. Schon vor Ende des Südtirol-Pakets gaben die meisten Aktivisten auf, da der Druck auch von österreichischer Seite zu groß wurde. Terror wurde in Italien und Österreich ohne Rücksicht verfolgt, was in der Anfangszeit (1961–1963) noch nicht der Fall war.[11]

Aufgrund seiner politischen Einstellung und seiner ideellen Mitarbeit beim Befreiungsausschuss Südtirol wurde der Tiroler Landesrat und österreichische Nationalratsabgeordnete Aloys Oberhammer im zweiten Mailänder Prozess 1966 zu 30 Jahren Haft in Italien verurteilt. Genauso wurden auch die Dozenten der Universität Innsbruck Helmuth Heuberger und Günther Andergassen verurteilt.[12]

Für den Anschlag von Cima Vallona wurden Norbert Burger und zwei weitere Mitangeklagte in Abwesenheit zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt.

Bilanz

In den 32 Jahren der Unruhe vom 20. September 1956 bis zum 30. Oktober 1988 wurden 361 Attentate verübt. 21 Tote (15 Ordnungshüter, 2 Zivilisten und 4 Aktivisten) und 57 Verletzte (24 unter den italienischen Ordnungshütern, 33 Zivilisten) sind zu beklagen. Die Anschläge der 1980er Jahre sind nicht auf den BAS, sondern auf die Gruppe Ein Tirol zurückzuführen.

Die italienische Gerichtsbarkeit verurteilte 157 Personen: 103 Südtiroler, 40 Österreicher und 14 Deutsche.

Aktuelle Entwicklungen

1964 wurde der Carabiniere Vittorio Tiralongo in Mühlwald bei Taufers erschossen. Die Tat wurde den vier „Puschtra Buibm“ (Pusterer Buben)[13] zugeschrieben, die dafür in Abwesenheit zu lebenslänglichen Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Die Aussage eines ehemaligen Kollegen des Opfers entlastet nun die Pusterer Buben. Der sogenannte neue Zeuge behauptet allerdings, dies schon 1964 zu Protokoll gegeben zu haben, ohne dass dies von den ermittelnden Behörden berücksichtigt wurde. In Folge dieser Erkenntnisse hat die Staatsanwaltschaft Bozen im Jahr 2009 neue Ermittlungen aufgenommen, bislang ohne Ergebnis. Auch von Seiten der Politik wird eine lückenlose Aufklärung und eine Neuaufnahme des Verfahrens gefordert.[14][15]

Es gibt Spekulationen, der Mord an Tiralongo soll dem damals kommandierenden General der Carabinieri, Giovanni De Lorenzo, als Vorwand gedient haben, um ein oder zwei Südtirol-Aktivisten zu eliminieren.[15][16] Drei Tage nach dem Mord an Tiralongo wurde der Aktivist Luis Amplatz vom mutmaßlichen Geheimagenten Christian Kerbler erschossen und Georg Klotz dabei schwer verletzt.

Siehe auch

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Manuel Fasser: Ein Tirol – zwei Welten. Das politische Erbe der Südtiroler Feuernacht von 1961. Studienverlag, Innsbruck 2009, ISBN 9783706547833, S. 37.
  2. Ein Prozeß der Anachronismen. In: Die Zeit, Nr. 50/1963
  3. Rolf Steininger, Die Feuernacht und was dann ?, Bozen 2011
  4. Christian Granbacher: Neue Südtirol-Debatte ECHO ONLINE abgerufen am 11 Juni 2011
  5. Martha Stocker: Unsere Geschichte – Südtirol 1914–1992 in Streiflichtern. Athesia Verlag
  6. Bild des „Aluminium-Duce“ (1961 vom BAS zerstört) in der italienischsprachigen Wikipedia
  7. „Es waren nur Schläge.“ Der „Carabinieri-Prozeß“ in Trient hat schlimme Folgen. In: Die Zeit, Nr. 36/1963, Seite 6
  8. radiosuedtirol.eu (PDF) Stand 10. Oktober 2010
  9. United Nations, Resolution 1661; THE STATUS OF GERMAN-SPEAKING ELEMENT IN THE PROVINCE OF BOLZANO (BOZEN) Abgerufen: 21. Februar 2011
  10. a b carabinieri.it
  11. Hans Karl Peterlini: Südtiroler Bombenjahre. Raetia Edition, Bozen 2003
  12. Claus Gatterer: Die Polizei führte genau Buch. In: Die Zeit, Nr. 19/1966
  13. Siegfried Steger, Josef Forer, Erich Oberleiter und Heinrich Oberlechner
  14. Bericht des Österreichischen Rundfunks vom 8. September 2009
  15. a b stol.it
  16. tirol.orf.at

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