Bernhard Hoetger
Bernhard Hoetger um 1924 auf einer Fotografie von Nicola Perscheid

Bernhard Hoetger (* 4. Mai 1874 in Hörde; † 18. Juli 1949 in Interlaken) war ein deutscher Bildhauer, Maler und Kunsthandwerker des Expressionismus.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Ausbildung und Pariser Jahre

Bernhard Hoetger − Sohn eines Schmieds in Hörde – absolvierte von 1888 bis 1892 eine Steinmetzlehre[1] in Detmold mit sich anschließenden Wanderjahren. Von 1895 bis 1897 war Hoetger der Technische Leiter einer Werkstatt für kirchliche Kunst von Franz Goldkuhle in Wiedenbrück. Er bezeichnete diese Zeit wegen des rauen Handwerkertons als seine Fron- und Sklavenjahre. Nach seinem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf als Schüler von Karl Janssen folgte von 1900 bis 1907 ein Aufenthalt in Paris, wo ihn Maillol und Rodin beeinflussten. Durch diesen Einfluss wurde Hoetger zum Expressionisten. Im Atelier von Rodin machte er 1906 die Bekanntschaft von Paula Modersohn-Becker, die ihm von der Künstlerkolonie Worpswede berichten konnte. Später beschäftigte sich Hoetger auch mit den Werken Gaudís.

1905 heirateten Bernhard Hoetger und die Konzertpianistin Helene Natalie Haken (1880-1967), Lee genannt.

Darmstädter Künstlerkolonie

1909 wurde Hoetger an die Darmstädter Künstlerkolonie berufen und zum Professor ernannt. Um 1912 arbeitete Hoetger an der Errichtung des Darmstädter Platanenhains für die Dritte Ausstellung der Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe im Jahr 1914. Die Vorarbeiten fanden in Florenz statt und wurden zum größten Teil vernichtet.

Erhalten ist im sogenannten „Platanenhain“ ein Zyklus von Plastiken, der die Licht- und Schattenseiten darstellt. Es handelt sich um die Verkörperungen der guten und schlechten Eigenschaften des Menschen, die Hoetger jeweils zu beiden Seiten einer zentralen Buddhafigur, der lachende und der schlafende, gruppierte.

Ein weiteres Element seines Werkes ist das „Löwentor“, das aus sechs steinernen Löwen besteht, die auf hohen Backsteinsockeln stehen; diese wurden von Albin Müller entworfen. Die Löwen wurden 1926 an den Eingang von Park Rosenhöhe umgesetzt und stehen seit 1927 wieder auf Klinkersäulen gemäß dem Entwurf von Müller.

Ferner befinden sich auf der Mathildenhöhe vier monumentale farbige Reliefs mit den Titeln „Schlaf“, „Auferstehung“, „Frühling“ und „Sommer“, große steinerne Vasen sowie ein Brunnen mit drei Frauenfiguren, die den Wasserkreislauf versinnbildlichen. In Nischen zwischen pflanzlichen Spalierwänden stehen einzelne Figuren. Eine Figur zu Ehren von Paula Modersohn-Becker zeigt eine liegende Mutter mit Kleinkind. Weitere Ergänzungen sind Silberlöwen und Leoparden aus Bronze am Eingang zum Platanenhain.

In Darmstadt fand Bernhard Hoetger Unterstützung durch den Wuppertaler Bankier August von der Heydt und durch den Großherzog Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt.[2]

Bernhard Hoetger. Bonze des Humors (1914), Worpswede.

Worpswede

In Fischerhude bei Worpswede unterhielt Bernhard Hoetger seit 1913 drei Ateliers[3]. Durch Paula Modersohn-Becker während der Pariser Zeit inspiriert, übersiedelte Bernhard Hoetger 1914 nach Worpswede.[4] 1915 kaufte Hoetger in dem Ort ein Haus mit Grundstück, den Brunnenhof:

Das Gebäude baute er zum geräumigen und repräsentativen Wohn- und Atelierhaus aus. Den Park gestaltete er auch mit Werken aus seinem Zyklus Licht und Schatten. Paarweise stellte er die Abgüsse der Titel Wut, Rache, Panther und Silberlöwe auf. Saal meint, in der Gestaltung des „Brunnenhofes“ 1915 eine „… Konkretion von Hoetgers Sonnensehnsucht …“ zu erkennen, die sich auch in Architekturentwürfen fortsetzte. Auch die Skulptur Der Schreitende Jüngling ist ein Symbol dafür: „… Ferne schreitet im Sonnengarten erhobenen Armes der Jüngling einer kommenden Zeit …“ stützt die These der Sonnenausrichtung Hoetgers beim Umbau des Wohnhauses und Gestaltung des Gartens. Schon im Programm des Darmstädter Platanenhains 1911 bis 1914 kündigt sich diese „Sonnensehnsucht“ – wichtiger Inhalt der Religionen – an. Hoetger versuchte, eine aus den Elementen verschiedener Religionen und Kulturen zusammengesetzte weltanschauliche Synthese zu dokumentieren. So wie Hoetger die Bildhauerei vieler Epochen und Stilrichtungen künstlerisch verarbeitete, so filterte er aus den Religionen und Philosophien der Welt das, was er für richtig hielt, heraus.

Niedersachsenstein

Heute stehen im restaurierten Hoetger-Garten – umbenannt in Diedrichshof als ein ehemaliges Altersheim der Bremer Heimstiftung – neben den genannten Figuren noch der Lachende Bonze.

Nach dem Verlust des Brunnenhofs durch einen Brand erbaute Bernhard Hoetger am südlichen Hang des Weyerberges - Hinterm Berg 14 - in den Jahren von 1921 bis 1922 seinen zweiten Worpsweder Wohnsitz. In dem begehbaren Kunstwerk, das exakt nach Süden ausgerichtet ist, befindet sich heute Das Kreative Haus. Hoetger schuf mit den Materialien der Umgebung ein einzigartiges Gebäude, dessen ungewöhnliche Atmosphäre bis heute für Besucher erlebbar ist.

1922 führte Hoetger in Worpswede das Gefallenendenkmal für den Ersten Weltkrieg, das 18 Meter hohe Backsteindenkmal Niedersachsenstein aus.

Böttcherstraße

Eingang zur Böttcherstraße. Lichtbringer, Fassadenrelief von Hoetger, April 1936, Bild des „Sieges unseres Führers über die Mächte der Finsternis“ [5]

Bernhard Hoetger machte die Bekanntschaft mit dem Bremer Kaufmann Ludwig Roselius, woraus die Aufgabe seines Lebens entstand: die Neugestaltung der Bremer Böttcherstraße. Dabei betätigte er sich auch als autodidaktischer Architekt und schuf aus der Ostseite der kleinen Verbindungsgasse zwischen Markt und Weser 1930/31 ein expressionistisches Meisterstück – das Haus Atlantis. Auch in Worpswede sind die Spuren seines Wirkens zu finden. 1915 schuf er die überdimensionale Steinplastik von Alfred Graf von Waldersee, die in Hannover am Rande der Eilenriede aufgestellt und denkmalgeschützt ist.

Nach 1933

Wie sein Mäzen Ludwig Roselius sympathisierte Hoetger mit dem Nationalsozialismus und wurde Parteimitglied. Er versuchte, die Partei für seine Kunst zu gewinnen, was aber nicht gelang, da diese die von ihm verfolgte völkisch-nordische Ideenwelt ablehnte. Daher galt sein Werk seit der entsprechenden Rede Hitlers auf dem Nürnberger Reichsparteitag 1936 als entartet. Hoetger wurde aus der Partei ausgeschlossen. Von 1934 bis 1943 wohnte er in Berlin tätig. 1943 floh Hoetger aus Berlin über das Riesengebirge und Oberbayern in die Schweiz, wo er 1949 starb.

Literatur

  • Maria Anczykowski (Hrsg.): Bernhard Hoetger. Skulptur, Malerei, Design, Architektur. Hauschild, Bremen 1998, ISBN 3-931785-77-7.
  • Ingo Kerls: Bernhard Hoetger. Kunsthandwerk 1906 bis 1935. Dissertation Universität Bremen 2007.
  • Ludwig Roselius (Hrsg.): Bernhard Hoetger. 1874–1949. Sein Leben und Schaffen. Herausgegeben aus Anlaß der 100. Wiederkehr seines Geburtstages. Hauschild, Bremen 1974.
  • Wolfgang Saal: Bernhard Hoetger. Ein Architekt des norddeutschen Expressionismus. Dissertation Philosophische Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn 1989.
  • Arn Strohmeyer, Kai Artinger, Ferdinand Krogmann: Landschaft, Licht und niederdeutscher Mythos. Die Worpsweder Kunst und der Nationalsozialismus. VDG, Weimar 2000, ISBN 3-89739-126-0
  • Albert Theile: Bernhard Hoetger (= Monographien zur rheinisch-westfaelischen Kunst der Gegenwart 17, ZDB-ID 1444926-2). Aurel Bongers, Recklinghausen 1960.
  • Dieter Tino Wehner: Bernhard Hoetger. Das Bildwerk 1905 bis 1914 und das Gesamtkunstwerk Platanenhain. VDG, Alfter 1994, ISBN 3-929742-25-X (Zugleich: Zürich, Univ., Diss., 1993).

Weblinks

 Commons: Bernhard Hoetger – Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Werner Kloos: Bremer Lexikon. Hauschild, Bremen 1980, Lemma Bernhard Hoetger.
  2. Werner Kloos: Bremer Lexikon. Hauschild, Bremen 1980, Lemma Bernhard Hoetger.
  3. Biografische Angaben in Sigrid Russ: Die Venus und die Lotteriegesellschaft
  4. GrosseKunstschau Worpswede: Biografie.
  5. Elisabeth Schmidle: Schandmal oder Mahnmal

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