Bogislav von Selchow

Bogislav von Selchow (* 4. Juli 1877 in Köslin in Pommern; † 6. Februar 1943 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller, Marineoffizier und Freikorpsführer.

Inhaltsverzeichnis

Biografie

Bogislav von Selchow war ein Sohn Werner von Selchows.[1] Mit fast 10 Jahren kam Selchow Ostern 1887 in die Quinta des Königlichen Gymnasium in Köslin. 1895 wechselte er als Unterprimaner an das Kaiserin-Augusta-Gymnasium (heute Ludwig-Cauer-Grundschule) in Charlottenburg. Nach dem Abitur am 16. März 1897 trat Selchow in die Kaiserliche Marine ein und wurde zum Offizier ausgebildet. Er war an zahlreichen Seefahrten beteiligt (unter anderem an Bord der SMS Hertha). Am 6. September 1902 war er an Bord von SMS Panther in La Gonaives/Haiti an der Versenkung des haitianischen Kanonenboots Crete à Pierrot beteiligt (Markomannia-Zwischenfall). Er nahm aktiv am Ersten Weltkrieg teil. Am 1. April 1913 als Erster Offizier auf das Seekadetten- und Schiffsjungen-Schulschiff SMS Victoria Louise, zum Kriegsbeginn auf Feindfahrt gegen Russland, ohne jedoch mit dem Feind in Berührung zu kommen. Sein Vater fiel als Kriegsfreiwilliger in den Anfangstagen des Krieges und wurde am 27. Oktober 1914 auf dem Invalidenfriedhof in Berlin begraben. November 1914 wurde Selchow auf eigenen Wunsch als Bataillonskommandeur nach Flandern versetzt. Von 1. August 1917 bis November 1918 war er bei dem Admiralstab der Marine in Berlin Kapitän zur See. Nach der Verabschiedung aus der Reichswehr begann Selchow 1919 mit einem Studium der Geschichte in Marburg.

Auf Befehl der Reichswehr-Brigade in Kassel wurde im September 1919 Selchow die Bildung einer Freiwilligen-Formation angetragen. In Marburg gründete er das Freikorps „Studentenkorps Marburg“ (StuKoMa). Bogislav von Selchow, Fregattenkapitän a.D. hatte den Befehl über die StuKoMa.[2] Das Freikorps wurde von der Kasseler Brigade der Reichswehr ausgerüstet und war auch dieser angegliedert. Das Bataillon bestand aus mehreren Kompanien, jede dieser Kompanien wurde von Studenten bestimmter Studenten-Verbindungen gebildet; so beispielsweise aus dem Corps Hasso-Nassovia Marburg, dem von Selchow angehörte.[3]

Bereits vor dem Kapp-Putsch teilte Selchow seine Corpsstudenten ein, öffentliche Gelder für die Putschisten zu beschlagnahmen und in Marburg jüdische Banken zu besetzen.[4]

Zusätzlich war Selchow in Westdeutschland Anführer der Organisation Escherich (Orgesch), einer illegalen republikfeindlichen und paramilitärischen Organisation, die Fememorde beging und Waffenverstecke zur angeblichen „Bekämpfung des Bolschewismus“ anlegte.[5]

Selchow stand im Mittelpunkt der Ermittlungen beim „Massaker von Mechterstädt“: Die blutigen Ereignisse vom 25. März 1920, als in der Nähe des westthüringischen Ortes Mechterstädt 15 als Aufrührer verdächtigte und in Haft genommene Arbeiter von einem Kommando zeitfreiwilliger Marburger Studenten „auf der Flucht“ erschossen wurden. Die direkten Tatbeteiligten, Angehörige des mehrheitlich aus Verbindungsstudenten bestehenden Marburger StuKoMa, das unmittelbar nach dem Kapp-Putsch am 13. März 1920 und in Zusammenarbeit mit der Reichswehr zur Bekämpfung spartakistischer und rätedemokratischer Umtriebe in Thüringen eingesetzt war, wurden noch 1920 in zwei Gerichtsprozessen u. a. vom Vorwurf des „Totschlags unter rechtswidrigem Waffengebrauch“ freigesprochen. Die Urteile erregten Abscheu und Protest in der demokratischen Öffentlichkeit der Weimarer Republik, wobei der schon bald aufkeimende Verdacht einer „Klassenjustiz“ zugunsten der angeklagten Studenten später von der Forschung bestätigt werden sollte.

Nach den Freisprüchen studierte Selchow weiter Geschichte und Philosophie und wurde am 24. Januar 1923 promoviert.

Obwohl antisemitisch eingestellt und glühender Nationalsozialist, war Selchow kein Parteimitglied. Er gehörte aber zu den 48 „bekannten Persönlichkeiten“, die nicht der NSDAP angehörten und 1933 öffentlich und medienwirksam zur Wahl von Adolf Hitler aufforderten. 1936 wurde er Namensgeber der NS-Studenten-Kameradschaft „B. von Selchow“ der vormaligen Marburger Burschenschaft Germania. Am 9. Juni 1939 wurde Selchow zum Ehrensenator der Philipps-Universität Marburg ernannt. In Meyers Lexikon 1942 wurde Selchow als „Getragen von nationalistischer Gesinnung“ charakterisiert.[6]

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden seine Schriften Wächter der Schwelle (1932), Von Trotz und Treue (1932), Der deutsche Mensch (1933) und Der bürgerliche und der heldische Mensch (1934) in der Sowjetischen Besatzungszone auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.[7][8][9]

1943 wurde Selchow auf dem Invalidenfriedhof in Berlin beigesetzt. Die Grabstätte ist nicht erhalten.

In der heutigen Zeit werden die Gedichte von Selchows hauptsächlich von Rechtsextremisten veröffentlicht.

Werke (in Auswahl)

  • Weltkrieg und Flotte, 1918
  • Deutsche Gedanken, Gedichte 1920
  • Von Trotz und Treue, Gedichte 1921
  • Der Ruf des Tages (Von Trotz und Treue Teil 2), Gedichte 1922
  • Unsere geistigen Ahnen. Ein Weltbild, 1927
  • Wächter der Schwelle Gesammelte Gedichte, 1930
  • An der Schwelle des vierten Zeitalters, 1931
  • Die Not unseres Rechts 1932
  • Der Glaube in der deutschen Ich-Zeit. Ein Zeitbild, 1933
  • Der Deutsche Mensch. Zwei Jahrtausende Deutscher Gedichte, 1933
  • Der bürgerliche und der heldische Mensch, 1934
  • Das Namensbuch, 1934
  • Der unendliche Kreis. Lebensroman des Nikolaus von Cues. Ein Zeitwendebild, 1935
  • Deutsche Köpfe im Zeitalter Friedrichs des Großen, 1936
  • Hundert Tage aus meinem Leben. Erinnerungen , 1936
  • Worte und Werke / Bogislav von Selchow. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Hans Weicker, 1938
  • Frauen großer Soldaten, 1939

Literatur

  • Michael Epkenhans: "Wir als deutsches Volk sind doch nicht klein zu kriegen. .. ". Aus den Tagebüchern des Fregattenkapitäns Bogislav von Selchow. 1918/19. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen, München, 55 (1996), S. 165-224.
  • Michael Lemling: Völkisch-nationale Dichtung zwischen den Weltkriegen. Eine Studie zum Verhältnis von literarischem Traditionalismus und politischem Radikalismus anhand Bogislav von Selchows Lyrik und Prosa. Marburg: Univ. Mag.-Arb., 1991.

Literatur über die Beteiligung B. v. Selchows am Kapp-Putsch

  • H. Duderstadt: Der Schrei nach dem Recht. "Die Tragödie von Mechterstädt", Marburg 1920.
  • G. W. Heinemann: Wir müssen Demokraten sein. Tagebuch der Studienjahre 1919-1922, Herausgegeben von B. u. H. Gollwitzer. Mit einer Einführung von E. Jäckel. München 1980.
  • P. Krüger, A. C. Nagel (Hg.): Mechterstädt – 25.3.1920. Skandal und Krise in der Frühphase der Weimarer Republik, Münster 1997
  • E. Lemmer: Manches war doch anders. Erinnerungen eines deutschen Demokraten, Frankfurt a. M. 1968.
  • H. Poppelbaum, W. Brüning, W. Vogt, Ph. Schütz: Die Ereignisse von Mechterstädt in ihrem zeitgeschichtlichen Zusammenhang. In: Einst und Jetzt 38 (1993), 155-200.
  • K. Schaumlöffel: Das Studentenkorps Marburg in Thüringen. Ein Kriegstagebuch im Frieden, verfasst und zusammengestellt vom Stabsfeldwebel des Studentenkorps. Marburg 1920.
  • H. Seier: Radikalisierung und Reform als Probleme der Universität Marburg 1918-1933. In: Academia Marburgensis. Bd. 1. Marburg 1977, 303-352.
  • F. Hammer: Freistaat Gotha im Kapp-Putsch, Ost-Berlin 1960

Filme

Einzelnachweise

  1. nach Fr. Raeck: Bogislav von Selchow. In: Unser Pommerland, H. 10/11 1926, S.408.
  2. Peter Krüger und Anne Christine Nagel, Mechterstädt-25.3.1920: Skandal und Krise in der Frühphase der Weimarer Republik, Münster: LIT Verlag 1997, S. 58.
  3. Wolfgang Zorn, Die politische Entwicklung in der Studentenschaft 1918 – 1933, In: Kurt Stephenson (Hrsg.), Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im 19. und 20. Jahrhundert, Band 5, Heidelberg 1965, S. 257.
  4. Irmtrud Wojak und Peter Hayes, «Arisierung» im Nationalsozialismus: Volksgemeinschaft, Raub und Gedächtnis, Campus Verlag 2000, S. 39.
  5. Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-10-039326-5, S. 566, mit Bezug auf das 1934/35 entstandene nationalsozialistische Führerlexikon.
  6. Zitat bei Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 566.
  7. http://www.polunbi.de/bibliothek/1946-nslit-s.html
  8. http://www.polunbi.de/bibliothek/1947-nslit-s.html
  9. http://www.polunbi.de/bibliothek/1948-nslit-s.html

Weblinks


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