Alfred Escher
Portrait Alfred Eschers, um 1875

Johann Heinrich Alfred Escher vom Glas, meist Alfred Escher genannt (* 20. Februar 1819 in Zürich; † 6. Dezember 1882 in Enge) war ein Schweizer Politiker, Industrieller und Eisenbahnpionier.

Inhaltsverzeichnis

Herkunft und Familie

Alfred Escher stammte aus der alten und einflussreichen Zürcher Familie Escher vom Glas, die viele Ratsherren, Politiker und Ingenieure hervorgebracht hat. Sein Urgrossvater Hans Caspar Escher-Werdmüller hatte 1765 ein uneheliches Kind gezeugt und mit einer Magd das Weite gesucht. Sein Grossvater Hans Kaspar Escher (1755–1831) musste nach dem bis dahin grössten Konkurs in Zürich auswandern und trat in russische Kriegsdienste.

Eschers Geburtshaus am Hirschengraben 56 in Zürich
Portrait von Alfred Escher als junger Mann
Alfred Escher mit Tochter Lydia, um 1865
Grab Alfred Eschers, Friedhof Manegg, Zürich
Alfred-Escher-Denkmal von Richard Kissling, Bahnhofplatz Zürich

Sein Vater war der Kaufmann Heinrich Escher (1776–1853), der bei zwei Aufenthalten in den USA (1795–1806 und 1812–14) ein grosses Vermögen erworben hatte,[1], seine Mutter Henriette Lydia Zollikofer. Alfred Escher wuchs in der von seinem Vater im Zürcher Quartier Enge erbauten «Villa Belvoir» auf, die lebenslang sein Wohnsitz blieb. 1857 heiratete er Auguste von Uebel (1838–1864). Aus der Ehe ging 1858 die Tochter Lydia hervor, eine weitere Tochter, Hedwig, verstarb im frühen Kindesalter. Lydia Escher heiratete 1883 Friedrich Emil Welti (1857–1940), den Sohn des Bundesrates Emil Welti. 1890, kurz vor dem Ende ihres tragisch bewegten Lebens, brachte sie das Escher-Vermögen in eine Stiftung ein, welche nach dem von ihrem Vater wiederholt geförderten Zürcher Dichter Gottfried-Keller-Stiftung benannt wurde.[2]

Der Politiker

Sein politisches Netzwerk knüpfte Alfred Escher schon in der Studentenverbindung Zofingia. Mit 25 Jahren wurde Escher in den Grossen Rat des Kantons Zürich und 1846 zum Mitglied der Tagsatzungsgesandtschaft gewählt. 1848 wurde er von den Zürchern in den Regierungsrat, den Kirchenrat und den Nationalrat gewählt, am 6. November dieses Jahres wurde er Vizepräsident des zum ersten Mal zusammengetretenen Nationalrats. Diesem gehörte er ununterbrochen bis zu seinem Lebensende an und war drei Mal dessen Präsident. In seiner Karriere wirkte er in zweihundert Kommissionen mit. Zu seinen Parteifreunden gehörten u. a. Jonas Furrer, erster Bundespräsident und die Bundesräte Jakob Stämpfli und Emil Welti, Schwiegervater von Eschers Tochter. Seiner Machtfülle wegen wurde er auch König Alfred und Zar von Zürich genannt. Das liberale «System Escher» brach jedoch 1869 unter dem Druck der Demokraten zusammen. Einer seiner prominenten Gegenspieler dabei war der Sozialist Karl Bürkli.

Der Mitbegründer der modernen Schweiz

Alfred Escher war 1853 Mitbegründer der damaligen Nordostbahn, 1854 des Polytechnikums (heutige ETH), 1856 der Schweizerischen Kreditanstalt (heutige Credit Suisse) und 1857 der Schweizerischen Rentenanstalt (heutige Swiss Life). Sein grösstes Werk als Unternehmer war der Bau der Gotthardbahn, den er von 1872–1878 leitete.

Der Eisenbahnkönig

Von Anfang an führte er sich als Eisenbahnpolitiker ein und reichte auch gleich eine Motion ein, einen Plan für ein allgemeines schweizerisches Eisenbahnnetz auszuarbeiten und Bestimmungen für deren Konzessionierung auch durch Privatgesellschaften zu entwerfen. In der Mehrheit der darauf installierten Kommission und im Bundesrat war man der Meinung, der Eisenbahnbau solle eine Staatssache sein, während die Minderheit der Kommission um Escher den Bau auf Privatbasis bevorzugte. 1852 wurde ein Eisenbahngesetz ausgearbeitet und am 28. Juli des gleichen Jahres passierte dieses Gesetz den Nationalrat. Darin war aufgeführt, dass man den Gesellschaften möglichst Freiheit lasse und der Bund Konzessionen nicht aus anderen als militärischen Gründen verweigern dürfe.

Alfred Escher wollte darauf den Beweis antreten, dass die Schweiz auch mit privaten Eisenbahngesellschaften erschlossen werden kann, und stellte sich deshalb als Präsident der Zürich-Bodenseebahn (Zürich-Winterthur-Romanshorn) zur Verfügung, welche am 28. Januar 1853 die Konzession des Bundes erhielt. Seine Bahn fusionierte danach mit der Schweizerischen Nordbahn (Zürich-Baden) zur Schweizerischen Nordostbahn. An der Gründungsversammlung vom 12. September 1853 wurde er Präsident der Direktion und blieb es bis anfangs 1872, als er an die Spitze der Gotthardbahngesellschaft berufen wurde. Er blieb aber noch bis zu seinem Tode im Jahr 1882 Verwaltungsratspräsident der Nordostbahn.

Schon früh drängte er auf den Bau einer schweizerischen Alpenbahn. 1861 setzte er sich vorerst noch für die Lukmanier-Linie ein, schwenkte aber nach gründlichen Studien auf die Erstellung einer Gotthardbahn um. Auf seine Initiative schlossen sich im August 1863 15 Kantone und die beiden Gesellschaften Centralbahn und Nordostbahn zu einer «Vereinigung zur Anstrebung der Gotthardbahn» zusammen. Escher beteiligte sich im Ausschuss an den Verhandlungen mit Geldgebern, eidgenössischen und kantonalen Behörden, den Nachbarstaaten Deutschland und Italien sowie weiteren Gruppierungen. So siegte schliesslich der Gotthard über die anderen Alpenbahnprojekte.

1872 wurde Alfred Escher an die Spitze der Gotthardbahn-Verwaltung berufen, und Mitte 1873 begannen die Bauarbeiten an der Bahn. Ungeheure Schwierigkeiten und für damalige Verhältnisse grosse Mehrkosten belasteten den Bau. Es folgten heftige Vorwürfe gegen den Direktionspräsidenten Escher. Als der bisherige Gesellschaftssitz von Zürich nach Luzern verlegt werden sollte, warf Alfred Escher das Handtuch und reichte am 2. Juli 1878 seinen Rücktritt ein. Zum Durchstich des Gotthardtunnels 1880 wurde er nicht eingeladen. Als am 1. Juni 1882 die Gotthardbahn eingeweiht wurde, konnte Escher vom Tod gezeichnet nicht daran teilnehmen. Ende desselben Jahres verstarb er.

Alfred Escher wurde auf dem Friedhof Enge in Zürich begraben. Nach dessen Aufhebung wurde er 1925 auf den Friedhof Manegg umgebettet.

Am 22. Juni 1889 wurde auf dem Bahnhofplatz vor dem Zürcher Hauptbahnhof das von Richard Kissling erbaute Alfred-Escher-Denkmal eingeweiht.

Der Nachlass von Alfred Escher befindet sich in folgenden Archiven und Bibliotheken:

Liste der Ämter von Alfred Escher

Die Ämterkumulation von Alfred Escher blieb in der Schweiz bis heute einmalig:

  • 1840–1841 Zentralpräsident der Studentenverbindung Zofingia
  • 1844–1882 Zürcher Kantonsrat (Kantonsparlament; 1848, 1852, 1857, 1861, 1864 und 1868 Präsident)
  • 1844–1847 Privatdozent an der Universität Zürich
  • 1845-1848 Eidgenössischer Tagsatzungsabgeordneter (mit Unterbrüchen)
  • 1845–1855 Mitglied des Zürcher Erziehungsrats
  • 1848 Eidgenössischer Kommissar im Kanton Tessin
  • 1848–1855 Zürcher Regierungsrat (1848–1850 Bürgermeister der Stadt Zürich; 1851 und 1854 Präsident)
  • 1848–1882 Nationalrat (1849–1850, 1856–1857 und 1862–1863 Präsident)
  • 1849–1855 Mitglied des Zürcher Kirchenrats
  • 1853–1872 Direktionspräsident der Nordostbahn
  • 1854–1882 Vizepräsident des Schulrats der ETH
  • 1856–1877 Verwaltungsratspräsident der Schweizerischen Kreditanstalt (heute Credit Suisse)
  • 1858–1874 Mitglied des Aufsichtsrats der Rentenanstalt (heute Swiss Life)
  • 1859–1875 Mitglied des Grossen Stadtrats Zürich (Parlament)
  • 1860–1869 Präsident der Schulpflege Zürich
  • 1872–1878 Direktionspräsident der Gotthardbahn-Gesellschaft
  • 1872–1882 Verwaltungspräsident der Nordostbahn
  • 1880–1882 Verwaltungsratspräsident der Schweizerischen Kreditanstalt

Literatur

  • Joseph Jung: Alfred Escher 1819–1882. Der Aufbruch zur modernen Schweiz. NZZ Libro, Zürich 2006, ISBN 3-03823-236-X, (Textauswahl, PDF).
  • Wilhelm Oechsli: Escher, Alfred. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 48, Duncker & Humblot, Leipzig 1904, S. 415–429.
  • Gordon A. Craig: Geld und Geist. Zürich im Zeitalter des Liberalismus 1830 - 1869. Beck, München, 1988, ISBN 978-3-406-33311-8
  • Ernst Gagliardi: Alfred Escher: Vier Jahrzehnte neuerer Schweizergeschichte. Huber, Frauenfeld 1919.
  • Joseph Jung: Alfred Escher. Aufstieg, Macht, Tragik. NZZ Libro, Zürich 2007, ISBN 978-3-03823-380-0, (Textauswahl, PDF - getAbstract, PDF).
  • Joseph Jung (Hrsg): Lydia Welti-Escher. Ein gesellschaftspolitisches Drama. Selbstzeugnisse, Briefe und neue Erkenntnisse. NZZ Libro, Zürich 2008, ISBN 978-3-03823-459-3.
  • Hans R. Schmid: Alfred Escher, 1819–1882. Verein für wirtschaftshistorische Studien, Zürich 1956.
  • Walter P. Schmid: Der junge Alfred Escher. Sein Herkommen und seine Welt. Rohr, Zürich 1988, ISBN 3-85865-503-1.

Weblinks

 Commons: Alfred Escher – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Escher, Heinrich (vom Glas) im Historischen Lexikon der Schweiz
  2. Escher, Alfred (vom Glas) im Historischen Lexikon der Schweiz


Vorgänger Amt Nachfolger
Jonas Furrer Bürgermeister von Zürich
1848–1850
1850 Aufhebung des Titels

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