Kanton (Schweiz)
Schweizer Kantone (2011)

Die 26 Kantone (französisch cantons, italienisch cantoni, rätoromanisch chantuns, in der Deutschschweiz traditionell Stand, in der Mehrzahl Stände genannt) sind die Gliedstaaten der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Der Ausdruck wurde 1475 zum ersten Mal in einer Freiburger Akte verwendet.[1]

Inhaltsverzeichnis

Politisches System

Jeder Kanton hat eine eigene Verfassung und eigene gesetzgebende, vollziehende und rechtsprechende Behörden. Alle Kantone besitzen ein Einkammer-Parlament (Grosser Rat, Kantonsrat, Landrat, Parlament; siehe auch: Kantonsparlament). Dieses hat je nach Kanton 49 bis 180 Parlamentssitze. Die Kantonsregierung (Regierungsrat, Regierung, Staatsrat, Standeskommission) besteht je nach Kanton aus fünf oder sieben Mitgliedern.

Alle staatlichen Bereiche, die nicht von der schweizerischen Bundesverfassung dem Bund zugewiesen bzw. von einem Bundesgesetz geregelt werden, gehören in die Kompetenz der Kantone (staatliche Organisation, Schulwesen, teilweise Gesundheitswesen, teilweise Planungs- und Baurecht, Polizeiwesen, teilweise Gerichtsverfassung, Notariatswesen, kantonales und kommunales Steuerrecht und andere). So führt beispielsweise der Staat Graubünden mit den Nachbarstaaten St. Gallen und dem Fürstentum Liechtenstein die Interstaatliche Hochschule für Technik NTB Buchs; Kantone können also innerhalb ihrer Kompetenzen auch Staatsverträge mit fremden Staaten schliessen. Bei mehreren der erwähnten Bereiche hat der Bund ebenfalls grosse Kompetenzen, sodass oft ein Kompetenzkonflikt festzustellen ist.

Die Kantone ihrerseits können auch ihren Gemeinden eine gewisse Autonomie gewähren. Das Ausmass der Gemeindekompetenzen ist von Kanton zu Kanton verschieden.

In zwei Kantonen – Glarus sowie Appenzell Innerrhoden – bestimmt das Volk während einer Versammlung aller Bürger, der Landsgemeinde, seine Kantonsvertreter und entscheidet über Sachfragen. In allen anderen Kantonen finden Wahlen und Abstimmungen an der Urne statt.

Geschichte

Die sogenannten Urkantone, welche 1291 die Eidgenossenschaft begründeten, sind Uri, Schwyz und Unterwalden. In der Alten Eidgenossenschaft wurden die Kantone noch Orte genannt. Deshalb spricht man in Bezug auf die Ausweitungsphasen der Schweiz von den Acht Alten Orten und den Dreizehn Alten Orten (bzw. der achtörtigen und der dreizehnörtigen Eidgenossenschaft). Verbündete, welche nicht Vollmitglied der Eidgenossenschaft waren, wurden als zugewandte Orte bezeichnet. Die Vollmitglieder und erst recht die zugewandten Orte der Eidgenossenschaft waren noch eigenständige Staatengebilde.

Mit der Helvetischen Republik (1798–1803) bekam die Bezeichnung Kanton eine gewichtigere Verwendung, der Ausdruck wurde seit 1475 in der alten Eidgenossenschaft schon als Synonym für Ort, Stand verwendet.[1] Die Kantone waren im neu geschaffenen Einheitsstaat blosse Verwaltungsbezirke ohne Autonomierechte. Die Grenzziehung wurde geändert, um annähernd gleich grosse Kantone zu schaffen und die alte Ordnung zu zerschlagen. Dabei entstanden auch die kurzlebigen Kantone Säntis, Linth, Waldstätte, Oberland, Baden, Lugano und Bellinzona.

Mit der Mediationsverfassung 1803 erhöhte sich die Zahl der Kantone auf 19 und mit dem Wiener Kongress 1815 auf 22. Zugewandte Orte wie zum Beispiel die altfrye Republik Gersau, das Gebiet der Abtei Engelberg und Weitere wurden teilweise gegen ihren Willen einzelnen Kantonen zugeschlagen. 1833 spaltete sich der Kanton Basel-Landschaft in einem bewaffneten Konflikt vom Kanton Basel-Stadt, 1979 der Kanton Jura auf demokratischem Weg vom Kanton Bern ab.

Als 1848 ein Bundesstaat gegründet wurde, wurde die Souveränität der Kantone endgültig eingeschränkt: Sämtliche kantonalen Zölle und Währungen wurden beseitigt. Einige wenige Kompetenzen traten die Stände an die Bundesgewalt ab. Mit Industrialisierung und Wirtschaftswachstum wurde das staatliche Leben zunehmend komplexer, was weitere Zentralisierungen erforderlich machte. Heute sind die Bereiche, in denen die Kantone wirklich noch autonom legiferieren können, ziemlich begrenzt. Es wird zunehmend von «Vollzugs-Föderalismus» gesprochen.

Anzahl und Reihenfolge

Heute wird die Zahl der Kantone meistens mit 26, manchmal mit 23 angegeben. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass sechs Kantone (Obwalden, Nidwalden, Appenzell Innerrhoden, Appenzell Ausserrhoden, Basel-Stadt und Basel-Landschaft) aus historischen Gründen als Halbkantone bezeichnet werden. (Seit der Totalrevision der Bundesverfassung von 1999 spricht man nun gelegentlich von Kantonen mit geteilter Standesstimme). Diese Unterscheidung ist lediglich bei der Besetzung des Ständerates und beim Ständemehr relevant, hat jedoch keinen Einfluss auf die innere Autonomie, weshalb es korrekt ist, von 26 Kantonen, aber 23 Ständen zu sprechen.

Die übliche Reihenfolge der Kantone (siehe untenstehende Liste) ist in der Bundesverfassung festgelegt.[2] Sie hat jedoch einen viel älteren Ursprung. In der Eidgenossenschaft der Acht Alten Orte standen die Städte Zürich, Bern und Luzern als Vororte in der Hierarchie vor den Landkantonen. Die weiteren Kantone stehen in der Reihenfolge ihres Beitritts.

Liste der Schweizer Kantone mit ihren Eckdaten

Wappen Kanton (Kürzel und
Autokennzeichen)
Standes-
stimme
Beitritt
Hauptort
Lage Einwohner 1
Ausländer 2
Fläche 3
Dichte 4
Gemeinden 6
Amtssprache(n)
Wappen des Kantons Zürich Zürich (ZH) 1 1351 Zürich Karte Lage Kanton Zürich 2011 2.png 1'351'297
(1)
23,8 % 1'729
(7)
782
(3)
171 deutsch
Wappen des Kantons Bern Bern (BE) 1 1353 Bern Karte Lage Kanton Bern 2011 2.png 974'235
(2)
12,9 % 5'959
(2)
164
(16)
392 deutsch, französisch
Wappen des Kantons Luzern Luzern (LU) 1 1332 Luzern Karte Lage Kanton Luzern 2011 2.png 372'964
(7)
16,5 % 1'493
(9)
250
(9)
88 deutsch
Wappen des Kantons Uri Uri (UR) 1 01291 7 Altdorf Karte Lage Kanton Uri 2011 2.png 35'335
(24)
9,3 % 1'077
(11)
33
(25)
20 deutsch
Wappen des Kantons Schwyz Schwyz (SZ) 1 01291 7 Schwyz Karte Lage Kanton Schwyz 2011 2.png 144'686
(17)
18,3 % 908
(13)
159
(17)
30 deutsch
Wappen des Kantons Obwalden Obwalden (OW) 0,5 01291 7 Sarnen Karte Lage Kanton Obwalden 2011 2.png 35'032
(25)
12,9 % 491
(19)
71
(22)
7 deutsch
Wappen des Kantons Nidwalden Nidwalden (NW) 0,5 01291 7 Stans Karte Lage Kanton Nidwalden 2011 2.png 40'794
(22)
10,9 % 276
(22)
148
(18)
11 deutsch
Wappen des Kantons Glarus Glarus (GL) 1 1352 Glarus Karte Lage Kanton Glarus 2011 2.png 38'479
(23)
20,0 % 685
(17)
56
(24)
3
(25 - 31. Dez. 2010)
deutsch
Wappen des Kantons Zug Zug (ZG) 1 1352 Zug Karte Lage Kanton Zug 2011 2.png 110'890
(18)
23,7 % 239
(24)
464
(5)
11 deutsch
Wappen des Kantons Freiburg Freiburg (FR) 1 1481 Freiburg Karte Lage Kanton Freiburg 2011 2.png 273'159
(10)
18,1 % 1'671
(8)
164
(15)
168 französisch, deutsch
Wappen des Kantons Solothurn Solothurn (SO) 1 1481 Solothurn Karte Lage Kanton Solothurn 2011 2.png 252'748
(12)
19,5 % 791
(16)
320
(7)
125 deutsch
Wappen des Kantons Basel-Stadt Basel-Stadt (BS) 0,5 1501 Basel Karte Lage Kanton Basel Stadt 2011 2.png 187'898
(15)
31,6 % 37
(26)
5'078
(1)
3 deutsch
Wappen des Kantons Basel-Landschaft Basel-Landschaft (BL) 0,5 1501 Liestal Karte Lage Kanton Basel Landschaft 2011 2.png 272'815
(11)
19,0 % 518
(18)
527
(4)
86 deutsch
Wappen des Kantons Schaffhausen Schaffhausen (SH) 1 1501 Schaffhausen Karte Lage Kanton Schaffhausen 2011 2.png 75'657
(19)
23,0 % 298
(20)
254
(8)
27 deutsch
Wappen des Kantons Appenzell Ausserrhoden Appenzell Ausserrhoden (AR) 0,5 1513 Herisau, Trogen 5 Karte Lage Kanton Appenzell Ausserrhoden 2011 2.png 53'043
(21)
13,9 % 243
(23)
218
(13)
20 deutsch
Wappen des Kantons Appenzell Innerrhoden Appenzell Innerrhoden (AI) 0,5 1513 Appenzell Karte Lage Kanton Appenzell Innerrhoden 2011 2.png 15'681
(26)
9,9 % 173
(25)
91
(20)
6 deutsch
Wappen des Kantons St. Gallen St. Gallen (SG) 1 1803 St. Gallen Karte Lage Kanton St. Gallen 2011 2.png 474'676
(5)
21,8 % 2'026
(6)
234
(11)
86 deutsch
Wappen des Kantons Graubünden Graubünden (GR) 1 1803 Chur Karte Lage Kanton Graubünden 2011 2.png 191'861
(14)
16,3 % 7'105
(1)
27
(26)
190 deutsch, rätoromanisch, italienisch
Wappen des Kantons Aargau Aargau (AG) 1 1803 Aarau Karte Lage Kanton Aargau 2011 2.png 600'040
(4)
21,7 % 1'404
(10)
427
(6)
229 deutsch
Wappen des Kantons Thurgau Thurgau (TG) 1 1803 Frauenfeld Karte Lage Kanton Thurgau 2011 2.png 244'805
(13)
21,3 % 991
(12)
247
(10)
80 deutsch
Wappen des Kantons Tessin Tessin (TI) 1 1803 Bellinzona Karte Lage Kanton Tessin 2011 2.png 335'720
(8)
25,7 % 2'812
(5)
119
(19)
176 italienisch
Wappen des Kantons Waadt Waadt (VD) 1 1803 Lausanne Karte Lage Kanton Waadt 2011 2.png 701'526
(3)
30,2 % 3'212
(4)
218
(12)
375 französisch
Wappen des Kantons Wallis Wallis (VS) 1 1815 Sitten Karte Lage Kanton Wallis 2011 2.png 307'392
(9)
20,8 % 5'224
(3)
59
(23)
143 französisch, deutsch
Wappen des Kantons Neuenburg Neuenburg (NE) 1 1815 Neuenburg Karte Lage Kanton Neuenburg 2011 2.png 171'647
(16)
23,0 % 803
(15)
214
(14)
53 französisch
Wappen des Kantons Genf Genf (GE) 1 1815 Genf Karte Lage Kanton Genf 2011 2.png 453'292
(6)
35,7 % 282
(21)
1'607
(2)
45 französisch
Wappen des Kantons Jura Jura (JU) 1 1979 Delsberg Karte Lage Kanton Jura 2011 2.png 70'134
(20)
12,2 % 838
(14)
84
(21)
64 französisch
Eidgenössisches Wappen Schweizerische Eidgenossenschaft (CH) 23 01291 7 Bern (Bundesstadt) 7'785'806 24,5 % 41'285 189 2'636 deutsch (63,7 %),
französisch (20,4 %),
italienisch (6,5 %),
rätoromanisch (0,5 %)

Bemerkungen:

In Klammern jeweils der Rang
1 Stand: 31. Dezember 2009[3]
2 Stand: 31. August 2010[4]
3 km²
4 Einwohner pro km², Stand: 31. Dezember 2009
5 Sitz der Regierung und des Parlaments; Sitz von Justiz und Polizei ist Trogen
6 Stand: 5. April 2009
7 Sofern der Bundesbrief von 1291 als Gründung der Schweiz angenommen wird.

Die zweibuchstabigen Kantonsabkürzungen (Siglen) sind verbreitet, sie sind unter anderem für die Autokennzeichen vorgeschrieben[5] und werden in der ISO 3166-2:CH verwendet (mit dem Präfix «CH-», zum Beispiel CH-SZ für den Kanton Schwyz).

Kantonsnamen in den Schweizer Landessprachen

Die Kantonsnamen werden in der Schreibweise und der offiziellen Reihenfolge wiedergegeben, wie sie in Artikel 1 der Bundesverfassung[6] zu finden sind. Hervorgehoben sind die Bezeichnungen in den jeweiligen Amtssprachen des Kantons.

ISO Rang Deutsch Französisch Italienisch Rätoromanisch
ZH 01 Zürich Zurich Zurigo Turitg
BE 02 Bern Berne Berna Berna
LU 03 Luzern Lucerne Lucerna Lucerna
UR 04 Uri Uri Uri Uri
SZ 05 Schwyz Schwyz (Schwytz1) Svitto Sviz
OW 06 Obwalden Obwald Obvaldo Sursilvania
NW 07 Nidwalden Nidwald Nidvaldo Sutsilvania
GL 08 Glarus Glaris Glarona Glaruna
ZG 09 Zug Zoug Zugo Zug
FR 10 Freiburg Fribourg Friburgo Friburg
SO 11 Solothurn Soleure Soletta Soloturn
BS 12 Basel-Stadt Bâle-Ville Basilea Città Basilea-Citad
BL 13 Basel-Landschaft Bâle-Campagne Basilea Campagna Basilea-Champagna
SH 14 Schaffhausen Schaffhouse Sciaffusa Schaffusa
AR 15 Appenzell Ausserrhoden Appenzell Rhodes-Extérieures Appenzello Esterno Appenzell Dadora
AI 16 Appenzell Innerrhoden Appenzell Rhodes-Intérieures Appenzello Interno Appenzell Dadens
SG 17 St. Gallen Saint-Gall San Gallo Son Gagl
GR 18 Graubünden Grisons Grigioni Grischun
AG 19 Aargau Argovie Argovia Argovia
TG 20 Thurgau Thurgovie Turgovia Turgovia
TI 21 Tessin Tessin Ticino Tessin
VD 22 Waadt Vaud Vaud Vad
VS 23 Wallis Valais Vallese Vallais
NE 24 Neuenburg Neuchâtel Neuchâtel Neuchâtel
GE 25 Genf Genève Ginevra Genevra
JU 26 Jura Jura Giura Giura

1 Die Schreibweise mit tz wird vom Guide du Typographe romand verwendet und ist dementsprechend häufig anzutreffen.

Ehemalige Kantone

1798–1803

Hauptartikel: Helvetische Republik#Gebietseinteilung

1831–1833

Siehe auch

Literatur

  • Kurt Müller (Hrsg.): Bausteine der Schweiz. Porträts der 26 Kantone. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 1987. ISBN 3-85823-178-9
  • Die Schweizer Kantone unter der Lupe. Behörden, Personal, Finanzen (Diverse Autoren). Haupt Verlag, Bern 2005. ISBN 978-3-258-06887-9
  • Stefan Rieder; Thomas Widmer: Kantone im Wandel. Reformaktivitäten der Schweizer Kantone zwischen 1990 und 1999: Ursachen, Ausgestaltung und Konsequenzen (Aus der Reihe: Public Management). Haupt Verlag, Bern 2007. ISBN 978-3-258-07249-4
  • Die Schweiz und ihre 26 Kantone. Eine (differenzierte) Landeskunde in Regionen, Traditionen und Wappen. Verlag Bär, Niederuzwil 2007. ISBN 978-3-9523212-0-1 (Studienbuch) ISBN 978-3-9523212-1-8 (Taschenbuch)

Weblinks

Quellen

  1. a b Kantone im Historischen Lexikon der Schweiz
  2. BV Art. 1
  3. Ständige Wohnbevölkerung nach Staatsangehörigkeit, Geschlecht und Kantonen, 2009 (XLS), Bundesamt für Statistik (BFS)
  4. Bestand der ständigen ausländischen Wohnbevölkerung nach Wohnkanton und Ausländergruppe Ende August 2010 (PDF), Bundesamt für Migration (BFM), abgerufen am 16. Januar 2011
  5. Art. 84 Nummerierungssystem
  6. Bundesverfassung in der systematischen Sammlung des Bundesrechts

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