Kenotaph
Bada Bagh, Kenotaphe in der Nähe von Jaisalmer, Rajasthan/Indien

Ein Kenotaph (auch Cenotaph oder Zenotaph; von altgriechisch κενοτάφιον kenotáphion ‚leeres Grab‘; zurückzuführen auf κενός kenós ‚leer‘ sowie τάφος táphos ‚Grab‘)[1], auch Scheingrab genannt, ist ein Ehrenzeichen für einen oder mehrere Tote. Im Gegensatz zum Grab dient es ausschließlich der Erinnerung und enthält keine sterblichen Überreste. Mehrere Kenotaphe können in der Art einer Nekropole zusammengefasst sein. Aus gartenkünstlerischen Überlegungen angelegte Scheingräber werden als Scheinfriedhof bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die ersten so bezeichneten Kenotaphe waren einfache Grabmäler zum Andenken an Tote, deren Gebeine nicht aufgefunden werden konnten; der römische Glaube gebot, die Manen durch diese Fiktion zu besänftigen. Bei der Weihe eines solchen Mals wurde der Verstorbene dreimal mit Namen gerufen und eingeladen, in dem leeren Grab seine Wohnung zu nehmen. Dasselbe geschah auch, wenn ein geehrter Toter fern von der Heimat begraben lag. In einem solchen Fall errichteten ihm die Angehörigen oder Mitbürger der Vaterstadt ein bisweilen sehr prachtvolles Ehrenmal. Kenotaph nannte man auch die Grabstätte, welche man für sich und die Seinigen bei Lebzeiten erbauen und einrichten ließ.

Relief vom Kenotaph des Dexileos (etwa 390 v. Chr.; Kerameikos-Museum)

Eine Sonderform des Kenotaphs ist das antike Heroon, ein häufig dem sagenhaften Gründer einer Stadt gewidmetes Heiligtum, das als Grabmal des Heros betrachtet wurde. Auch Kenotaphe als reine Ehrenmale und Memorialbauten waren in der Antike verbreitet. Bekannte Beispiele sind:

Später wurde der Begriff von der Ur- und Frühgeschichtswissenschaft auf grabartige Befunde ohne Skelettreste und Leichenbrand übertragen und diese als Gräber eingeordnet. Als „grabartig“ galten insbesondere Gruben oder Schächte mit Gegenständen innerhalb von Friedhöfen oder Gräberfeldern. Solche Befunde werden mittlerweile oft als Depotfunde eingestuft [2]. In einigen der britischen Long Langbetten fanden sich trotz bester Voraussetzungen für dessen Erhaltung keinerlei Skelettmaterial, wie in den Anlagen South Street und Beckhampton in Wiltshire. Im Gräbelfeld von Varna wurden Deponierungen von Beigaben ohne Skelette als Kenotaphe gedeutet[3]. Auch die Elb-Havelgermanen der römischen Kaiserzeit und die Angelsachsen (Sutton Hoo, 625 n. Chr.) kannten Scheingräber; die Wikinger setzten diese Tradition fort.

Das Kenotaph für Isaac Newton

Kenotaph für Isaac Newton (Entwurf)

Ein für die Architekturgeschichte bedeutsames Kenotaph für Isaac Newton wurde 1784 von dem französischen Architekten Étienne-Louis Boullée entworfen. Die 150 m hohe Kugel symbolisiert die Sphäre des Universums, im Inneren wird durch Perforation der Kugeloberfläche der Sternenhimmel dargestellt. Dieser Entwurf gilt als Höhepunkt der utopischen Revolutionsarchitektur, wurde aber nicht realisiert.

Das Londoner Cenotaph

Ein berühmtes Kenotaph (The Cenotaph) befindet sich in London im Stadtteil Westminster, dem Regierungsviertel, auf der Straßenmitte von Whitehall nahe der Kreuzung mit Downing Street (Amtssitz des Premierministers). Errichtet wurde es 1919 bis 1920 durch Sir Edwin Lutyens.

Kenotaph in Whitehall, London

Es handelt sich um ein Denkmal aus Portland-Stein ohne Verzierungen. Auf beiden Seiten befindet sich ein eingemeißelter Siegeskranz mit den Worten The Glorious Dead („Den ruhmreichen Toten“). Der Ort wird durch die Flaggen des Vereinigten Königreiches, der Royal Navy, der British Army, der Royal Air Force und der Handelsflotte geschmückt. Der Monarch, der Premierminister, die Hochkommissare sowie Veteranen ehren jährlich an dem Sonntag, der dem 11. November am nächsten liegt, mit einer Kranzniederlegung um 11 Uhr die Gefallenen der Kriege.

Siehe auch

Literatur

  • Günter Behm-Blancke: Kultur und Stammesgeschichte der Elb-Havelgermanen des 3.–5. Jahrhunderts. Opfer und Magie im germanischen Dorf der römischen Kaiserzeit. (Neue Ausgrabungsergebnisse). Herausgegeben von Jan Bemmann, Morten Hegewisch. Beier & Beran Langenweissbach 2005, ISBN 3-937517-09-X (Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas 38), (Zugleich: Berlin, Univ., Diss., 1938 und Jena, Univ., Habil.-Schr., 1949).
  • Hans Bonnet: Kenotaph. In: Hans Bonnet: Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte. 3. unveränderte Auflage. Nikol, Hamburg 2000, ISBN 3-937872-08-6, S. 374f.
  • Gerald Görmer: Zum Problem der so genannten Grabdepots und Kenotaphe. In: Ethnographisch-archäologische Zeitschrift – EAZ. 48, 2007, ISSN 0012-7477, S. 419–423.
  • Wolfgang Helck, Eberhard Otto: Kenotaph. In: Wolfgang Helck, Eberhard Otto: Kleines Lexikon der Ägyptologie. 4. überarbeitete Auflage. Harrassowitz, Verlag Wiesbaden 1999, ISBN 3-447-04027-0, S. 143.

Einzelnachweise

  1. Wilhelm Gemoll: Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch. G. Freytag Verlag/Hölder-Pichler-Tempsky, München/Wien 1965.
  2. Gerald Görmer, Ethnographisch Archäologische Zeitschrift, 2007, S. 419, 422
  3. Tom Higham, John Chapman, Vladimir Slavchev, Bisserka Gaydarska, Noah Honch, Yordan Yordanov,Branimira Dimitrov, New perspectives on the Varna cemetery (Bulgaria) – AMS dates and social implications. Antiquity 81 (Number 313), 640–654

Weblinks


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