Ferménte


Ferménte

Ferménte (lat. Fermenta, »Gärungserreger«), organische Substanzen, die imstande sind, die Zersetzung verhältnismäßig großer Mengen andrer organischer Substanzen zu veranlassen, ohne an deren Zersetzung selbst teilzunehmen. Die Art und Weise, wie diese Zersetzungen zustande kommen, ist nicht bekannt. Alle F. werden von lebenden Zellen erzeugt und haften mehr oder minder fest an diesen Zellen; ihre Wirkung ist aber nicht an den Lebensprozeß als solchen gebunden. Man hat beobachtet, daß lebende einzellige Pflanzen, Spaltpilze (Schizomyceten, Bakterien), Hefepilze etc. Fermentwirkungen ausüben (z. B. Gärung, Fäulnis, Verwesung hervorrufen) und spricht daher von organisierten Fermenten; aus diesen Organismen kann man aber z. T. das Ferment abscheiden, andre F. werden von Drüsen der Tiere abgesondert, und diese von den Organismen getrennten F. nennt man nichtorganisierte F. oder Enzyme (s.d.). Die sezernierenden Zellen enthalten unwirksame Substanzen (Profermente, Zymogene), die erst bei Berührung mit zymoplastischen Substanzen, namentlich verdünnten Säuren, vielleicht durch eine Spaltung, F. bilden. Minimale Mengen der genannten mikroskopischen Organismen sind imstande, Fermentwirkungen in einer Flüssigkeit hervorzurufen, wenn sie darin die Bedingungen ihrer Entwickelung und Vermehrung finden. Kocht man die Flüssigkeit anhaltend, so werden darin enthaltene als F. wirkende Organismen getötet, die Flüssigkeit wird sterilisiert, und sie hält sich fortan unverändert, wenn durch geeignete Mittel der Zutritt von Mikroorganismen aus der Luft verhindert wird. Gestattet man der Luft Zutritt, oder führt man direkt eine kleine Menge jener Organismen zu, dann beginnt sofort die Zersetzung, die aber auch an bestimmte Temperaturen gebunden ist und durch Zusatz gewisser (antiseptischer) Stoffe aufgehalten werden kann. Den einzelnen Fermenten kommt eine eigentümliche Wirkung zu, gewisse Hefepilze rufen alkoholische Gärung hervor, manche Bakterien erzeugen Milch-, andre Buttersäuregärung und wieder andre Fäulnis oder Verwesung etc. (vgl. Enzyme). Im Kreislauf der Stoffe und der Energie spielen die F. eine sehr große Rolle. Überall, wo sich Leben regt, finden sich auch F. Mit ihrer Hilfe bereiten die Organismen die ihnen dargebotenen Eiweißkörper, Kohlehydrate und Fette so vor, daß sie zu assimilierbaren Stoffen werden. Bei den Spaltungsprozessen sind F. sehr wirksam beteiligt; aber auch synthetische Prozesse, bei denen aus einfachen Verbindungen kompliziertere hervorgehen, verlaufen wohl zum großen Teil unter Einwirkung von Fermenten. Wie beim Aufbau sind die F. auch bei der Zerstörung beteiligt; organische Substanzen abgestorbener Organismen werden durch Fäulnis und Verwesung unter dem Einfluß von Fermenten zerstört (vgl. Bakterien). Manche Reaktionen, die durch F. hervorgerufen werden, können in gleicher Weise durch die Kontaktwirkung feinverteilter Metalle, Oxyde etc. zustande kommen. So wird die Oxydation des Alkohols durch Luftsauerstoff ebensowohl durch die Gegenwart von Platinmohr wie durch das Essigferment bewirkt. Besonders zeigt sich diese Ähnlichkeit bei kolloidalen Lösungen der Metalle (Sole), die sich völlig wie Emzymlösungen verhalten, deren Wirkung namentlich auch durch ganz geringe Mengen eines Giftes beeinträchtigt (gelähmt) wird. In diesem Sinne spricht man von anorganischen Fermenten und betrachtet die kolloidalen Lösungen der Metalle als »anorganische Modelle der organischen Enzyme«. Vgl. Mayer, Lehre von den chemischen Fermenten (Heidelb. 1882); Detmer, Pflanzenphysiologische Untersuchungen über Fermentbildung (Jena 1884); Baranetzki, Die stärkeumbildenden F. in den Pflanzen (Leipz. 1878); Fleck, Die F. in ihrer Bedeutung für die Gesundheitspflege (Dresd. 1876); Oppenheimer, Die F. und ihre Wirkungen (Leipz. 1900); Bredig, Anorganische F. (das. 1901).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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  • Fermente [1] — Fermente sind zu scheiden in geformte oder organisierte und ungeformte Fermente oder Enzyme. Die ersteren sind einzellige Organismen; zu ihnen gehören die Spaltpilze (Schizomyceten, Bakterien), die Hefepilze u.s.w. Die ungeformten Fermente sind… …   Lexikon der gesamten Technik

  • Fermente [2] — Fermente, anorganische, heißen nach Bredig die kolloidalen Metalllösungen, weil sie in bezug auf ihre katalytische Wirksamkeit in vieler Hinsicht an organische Fermente erinnern. Solche kolloidalen Metallösungen, z.B. von Gold, Platin, Silber,… …   Lexikon der gesamten Technik

  • fermenté — ⇒FERMENTÉ, ÉE, part. passé et adj. I. Part. passé de fermenter. II. Adj. Qui a subi une fermentation. Fromage fermenté. C est une boisson [le cidre] aigre et fermentée et qui quelquefois fait sauter la bonde (FLAUB., Corresp., 1852, p. 455). Les… …   Encyclopédie Universelle

  • Ferménte — (lat.), organische Substanzen, die unter bestimmten Bedingungen komplizierte organische Verbindungen zu zersetzen vermögen, ohne dabei selbst eine wesentliche Umwandlung zu erfahren, so daß eine verhältnismäßig geringe Menge des F. zur Zersetzung …   Kleines Konversations-Lexikon

  • fermenté — fermenté, ée (fèr man té, tée) part. passé. Qui a subi la fermentation. Les liqueurs fermentées …   Dictionnaire de la Langue Française d'Émile Littré

  • Fermente — Fermente, veraltet für ⇒ Enzyme …   Deutsch wörterbuch der biologie

  • fermenté — Fermenté, [ferment]ée. part …   Dictionnaire de l'Académie française

  • Fermente — Fermẹnte   [lateinisch fermentum »Gärung«, »Gärstoff«], Singular Fermẹnt das, (e)s, veraltete Bezeichnung für die Enzyme …   Universal-Lexikon

  • Lait fermenté — La fabrication de laits fermentés est une pratique commune à de nombreux pays. Même si le résultat obtenu peut être différents suivant la région, le but recherché de la fermentation est toujours le même : la conservation du lait, améliorer… …   Wikipédia en Français

  • Thé post-fermenté — Les thés post fermentés (parfois dit thé sombre ou thé noir noir) ont subi une période de vieillissement à l air libre allant de quelques mois à plusieurs années. Le thé a généralement subi une première fermentation comme tout thé rouge ou Oolong …   Wikipédia en Français


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