Mücken

Mücken (Langhörner, Schnaken, Nemocera), Unterordnung der Zweiflügler, ansehnliche bis äußerst kleine Insekten mit 6-, meist 13- bis 17gliederigen, langen, schnur- oder borstenförmigen, bei den Männchen bisweilen langsiederhaarigen Fühlern, langen, meist weit vorragenden vier- bis fünfgliederigen Tastern, meist kurzem, dickem und fleischigem, selten langem und fadenförmigem Rüssel, von der Oberlippe bedeckten Maxillen, fest verschmolzenen Brustringen, großen, langen, schmalen, nackten oder behaarten Flügeln, freien Schwingern, langen, dünnen Beinen und acht- bis neunringeligem Hinterleib. Die Weibchen legen Eier oder gebären soeben dem Ei entschlüpfte Larven; diese verwandeln sich nach Abwerfung ihrer Körperhaut in eine schmetterlingsartige Puppe. Die Larven leben meist in faulenden Vegetabilien oder im Wasser, im letztern Fall besitzen die Puppen Nacken- oder Schwanzkiemen und schwimmen lebhaft umher; andre besitzen Atemröhren. Für viele Arten, besonders die kleinern, ist das Auftreten in ungeheuern Massen von Individuen charakteristisch. Sie werden zum Teil sehr lästig und besonders verrufen sind die Moskitos der wärmern Länder, zu denen mehrere Arten verschiedener Gattungen gehören. Manche Arten übertragen gefährliche Krankheiten. Bei den zur Gattung Culex L. (Stechmücke, Gelse) gehörenden Arten sind die Taster beim Männchen länger als der Rüssel, beim Weibchen sehr kurz, die Männchen finden sich an Blumen und Blättern, die Weibchen stechen und saugen Blut bei Menschen und Tieren. Beim Fliegen erzeugen sie das sogen. Singen, das sich aus einem tiefern, durch die Schwingungen der Flügel hervorgebrachten und aus einem höhern Ton zusammensetzt, der durch die Stimmbänder in den Stigmen der Brust erzeugt wird. Von der gemeinen Stechmücke (C. pipiens L.), mit gelbbraunem Thorax mit zwei dunkeln Längslinien, hellgrauem, braun geringeltem Hinterleib und blaßgelben Beinen, und der größern geringelten Stechmücke (C. annulatus Fab., s. Tafel »Zweiflügler«, Fig. 14), mit 3–5 Punkten auf den Flügeln, weiß geringeltem Hinterleib und Beinen, deren Männchen bei beiden Arten an den langbehaarten Tastern und Fühlern kenntlich sind, leben die Larven im Wasser, nähren sich von allerlei sich zersetzenden Substanzen und hängen mit den Atemröhren, die am vorletzten Leibesring entspringen, den Kopf nach unten gerichtet, an der Oberfläche. Auch die beweglichen Puppen hängen mit den am Thorax befindlichen Atemröhren an der Oberfläche des Wassers und liefern nach etwa 10 Tagen das geschlechtsreife Insekt, dessen Rüssel lang, fadenförmig und hornig ist. Das Weibchen legt etwa 300 zusammenklebende, kahnförmig angeordnete Eier auf einen im Wasser schwimmenden Gegenstand, und aus diesen schlüpfen in 4–5 Wochen wieder fortpflanzungsfähige M. aus. Die befruchteten Weibchen der letzten Generation überwintern in Kellern etc. Culex pipiens, ciliaris und fatigans übertragen in den wärmern Ländern die Filariakrankheiten (s. Filariaden) auf den Menschen. Von dem brennenden Jucken des Mückenstichs befreit am besten Betupfen mit Ammoniak (Salmiakgeist). Zur Bekämpfung der M., die an manchen Orten höchst lästig werden, ist ein planmäßiges Vorgehen erforderlich. Alle in Kellern und Erdgeschossen der Häuser (besonders an den Decken) oft massenhaft überwinternden M. sind vor Eintritt der wärmern Witterung zu vernichten. Flache Gewässer, in denen die Larven leben, sind zuzuschütten oder mit Malachitgrün oder andern den Larven verderblichen Mitteln zu versetzen. Sehr wirksam hat sich auch das Bedecken der Gewässer mit einer sehr dünnen Petroleumschicht erwiesen. Zur Gattung Anopheles Meig., bei der die Taster der Männchen und Weibchen so lang sind wie der Rüssel, gehören etwa 20 Arten, meist in den wärmern Ländern, A. bifurcatus L und A. maculipennis Hoffmgg. finden sich in sumpfigen Gegenden Deutschlands. A. claviger L. (s. Tafel »Zweiflügler«, Fig. 13), 8–11 mm breit, lebt hauptsächlich in den Tropen und Subtropen, findet sich aber auch bis weit in die nördlichsten und südlichsten Gegenden des Erdballs. Diese Art überträgt die Malaria (s. d.) auf den Menschen, A. costalis und A. Rossi die Filariakrankheiten. Stegomyia fasciata mit kurzen Tastern und schwarzweißer Fleckenzeichnung auf dem Rücken und der Oberseite des Hinterleibes überträgt das Gelbfieber. – Alle übrigen M. besitzen einen kurzen, dicken, fleischigen Rüssel, mit dem sie nicht stechen können. Die größten M. sind die Bachmücken (Schnaken, Erdschnaken, Tipula L.), die durch ihren langen Hinterleib und ihre sehr langen Beine ausfallen, auf Wiesen, Gebüsch oder an Baumstämmen leben und ihre Eier einzeln in lockere Erde, an feuchten Stellen, legen. Die Larven nähren sich von abgestorbenen Pflanzenstoffen, einige benagen aber auch junge Wurzeln und werden dadurch schädlich. Sie überwintern und verpuppen sich im nächsten Frühjahr. Die Puppen sind stachelig. Hierher gehören auch die Gallmücken (Cecidomyidae), s. d. – Zu den Fliegenmücken (Crassicornia) gehört die Gattung Sciara Meig. (Trauermücken) aus der Familie der Pilzmücken (Mycetophilidae) mit der Heerwurm-Trauermücke (Sciara militaris Kgl., s. Tafel »Zweiflügler«, Fig. 12), 4,5 mm lang, überall, auch an den Flügeln sein behaart, am Körper und an den Flügeln schwarz, an den Füßen pechbraun, an den Verbindungsstellen der Glieder des Hinterleibes gelb, findet sich sehr häufig, und ihre 9–10 mm langen, bleichen, glasig glänzenden, am Kopf schwarzen Larven unternehmen bisweilen vor der Verpuppung (Anfang Juli bis Mitte August) in zahlloser Menge Wanderungen, wobei sie, dicht aneinander gedrängt und durch ihre schleimige Körperoberfläche zusammengehalten, das Bild eines 3–4 m langen, bis handbreiten und etwa daumendicken Bandes darbieten. Diese Erscheinung erregte seit dem 17. Jahrh. Aufmerksamkeit und war als Heerwurm (Kriegswurm, Wurmdrache) Gegenstand vieler Fabeleien. Erst Beling stellte 1868 fest, daß die unter feuchter Laubschicht aus den Eiern geschlüpften und von verwesendem Laub sich nährenden Larven die Wanderung antreten, um passende Weideplätze zu finden. Nach 8–12 Wochen verpuppen sie sich, und nach 8–10 Tagen schlüpfen die M. aus, die nur 1–3 Tage leben. Die Eier (zu 100 Stück von einem Weibchen) überwintern unter dem Laub, und im Mai erscheinen die Larven. Über den Heerwurm vgl. die Schriften von Bechstein (Nürnb. 1851), Berthold (Götting. 1854) und Beling (im »Zoologischen Garten«, Bd. 9 u. 10). Die Larven andrer Trauermücken leben in Birnen, und in Louisiana tritt eine Art stets zur Zeit, wo das gelbe Fieber herrscht, in großer Menge auf (daher Yellow-fever fly). – Über die Gattung Haarmücke (Bibio) s. d. – Die Gnitzen oder Kriebelmücken (Simulia Latr) sind sehr klein, buckelig, mit kurzen, gedrungenen Fühlern, derben Beinen und breiten, milchig getrübten Flügeln; sie treten scharenweise auf, und die Weibchen stechen und nähren sich von Blut. Die Larven und Puppen leben im Wasser unter tütenartigen Gehäusen. Hierher gehören manche Moskitos und die Golubatzer (fälschlich Kolumbacser) Mücke (S. colombacschensis Fab., s. Tafel »Zweiflügler«, Fig. 8), die in den untern Donaugegenden die Viehherden überfällt und oft die kräftigsten Tiere dergestalt plagt, daß sich dieselben in wahrer Tollwut zu Tode hetzen. Die Mücke ist 4 mm lang, schwärzlich, überall weißlich bestäubt und dicht messinggelb behaart. Der Hinterleib ist weißgelb, oben bräunlich, die Flügel sind glashell. Sie erscheinen im April und Mai und im August in der Nähe von Gewässern in wolkenähnlichen Zügen. Das Volk glaubt, sie kämen aus einer Höhle bei dem Dorfe Golubatz, wo St. Georg den Lindwurm erschlug, und hält das Fleisch der von diesen M. getöteten Tiere für giftig. Vgl. Theobald, A monograph of the Culicidae or Mosquitos (Lond. 1901–02, 3 Bde.).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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