Montespan, Marquise von

Montespan, Marquise von, Francisca Athenais, die zweite Tochter des Herzogs von Mortemart, geb. 1643, vermählte sich 1663 mit dem Marquis von Montespan, und ward zur Palastdame der Königin ernannt. Frau von Montespan war die reizendste und anmuthigste Erscheinung an dem Hofe Ludwig's XIV., und vereinigte mit der blendendsten Schönheit einen lebhaften, durchdringenden und gebildeten Geist. Als sie bei Hofe erschien, war der König noch mit ganzer Leidenschaft der Herzogin von la Vallière ergeben, und nur erst in der Gesellschaft Letzterer fiel ihm die geistreiche, ungekünstelte und schöne Frau auf. Ludwig war von Höflingen umringt, die der Herzogin persönlich feind waren, und sich bemühten, die Liebenswürdigkeit der Fr. v. M. geltend zu machen. Gewiß ist, daß diese damals nicht den Vorsatz hatte, ihre Freundin zu verdrängen. Noch lebten Religiosität und Tugend, die ihr die Achtung der frommen Maria Theresia erworben hatten, in ihrem Herzen, und als sie die Neigung des Königs bemerkte, bat sie ihren Gemahl inständigst, sie auf seine Güter zu führen. Aber der Marquis, der aus der königlichen Gunst Vortheile zu ziehen hoffte, verschmähte diese ernsten Mahnungen, und als die Zeit seine Erwartungen nicht befriedigte, erlaubte er sich öffentlich so entehrende Vorwürfe gegen die schöne Frau, daß er den Befehl erhielt, sich auf seine Güter zu begeben, wo er bis zu seinem Tode blieb. Dieses unzarte Benehmen war nicht geeignet, Frau v. M. zu ihrer Pflicht zurück zu führen; ihre Neigung für den König vermehrte sich in gleichem Grade, als ihr Gemahl sie durch sein rauhes Wesen verletzte. Bald bemerkte man am Hofe das innigere Verhältniß; die gefühlvolle, liebende Frau von la Vallière war eine der ersten, und nur die Königin wollte lange diese Meinung nicht theilen. Im Jahr 1679, auf einer Reise nach Flandern, war die Gunst des Königs kein Geheimniß mehr, denn die neue Favoritin begleitete den Monarchen in seinem eigenen Wagen. Die Erziehung der Kinder dieses unerlaubten Bundes wurde vor den Augen der Welt streng verborgen. Fr. v. M. zog die Witwe Scarron in das Geheimniß, und legte so selbst den Grund zum Emporkommen ihrer späteren Nebenbuhlerin (s. Maintenon). D och ward die Marquise dieses Zwanges bald überdrüssig; der älteste Sohn, Herzog von Maine, und die andern Söhne und Töchter wurden nach und nach von Ludwig anerkannt. Nachdem Frau von la Vallière 1674 den Hof verlassen hatte, waltete Fr. v. M. so unumschränkt im Herzen des Königs, daß sich zu der Liebe bald der Wunsch nach Einfluß gesellte, und sie besaß so viele Mittel, diesen zu erlangen, daß die Minister und Höflinge sich ihr willig unterordneten. Mehrere Jahre dauerte dieses Bündniß der Liebe, allein mit der Zeit erlosch die Leidenschaft Ludwig's, sein Alter und die ungestörte Ruhe des Besitzes führten ihn zu ernsterem Nachdenken, und auch Fr. v. M. fühlte Reue über ihr bisheriges Leben. Durch dieses Schwanken ward das noch einige Jahre fortbestehende Verhältniß ihr zur Qual, und so wenig vermochte sie sich zu beherrschen, daß ihre üble Laune durch lebhafte Zwiste mit dem Geliebten kund wurde. Doch wer weiß, wie oft sie sich noch versöhnt, wie oft noch gestritten hätten, wenn nicht die Witwe Scarron, später Frau von Maintenon genannt, die Erzieherin der Kinder der Fr. v. M., Eingang in des Königs Herz gefunden; sie war es, die, eines fleckenlosen Rufes sich bewußt, Ludwig XIV. auf einen besseren Weg zu leiten suchte. Und als endlich die Marquise die Unbesonnenheit beging, Frau von Maintenon in der Achtung des Monarchen schaden zu wollen, so brach dieser mit ihr für immer, und beobachtete nur noch den Schein der Freundschaft und gewisse Rücksichten, die er der Mutter seiner Kinder schuldig zu sein glaubte. 1686 erhielt Fr. v. Montespan die Weisung, daß sie keine Ansprüche mehr zu machen habe. Dennoch verließ sie nicht ohne Zögern den Hof, an dem sie nichts mehr zurückhielt, suchte aber endlich Trost in der Religion und zog sich in das von ihr vergrößerte und reichlich beschenkte Kloster des heiligen Joseph zurück. Das erste Werk ihrer Buße war, Herrn von Montespan um Verzeihung zu bitten, aber hart wies der beleidigte Gatte sie zurück, und starb unversöhnt. Fr. v. M. war im Schooße des Glückes eine Wohlthäterin der Armen gewesen, auch jetzt milderte sie Elend und Kummer, und diejenige, die wir noch kurz vorher ein üppiges, weichliches Leben führen sahen, unterzog sich fortan willig jeder Entbehrung, um Hilfsbedürftigen wohlzuthun. Sie arbeitete unausgesetzt für die Armen, zahlte Jahrgehalte an unvermögende Edelleute, steuerte arme Waisen aus, und ihre Großmuth scheute kein Opfer. Die einzige Erholung, welche sie sich gewährte, waren öftere Reisen. Zu Anfang des Jahres 1707 begab sich Fr. v. M. nach Bourbon-l'Archambault. Obgleich ihr Gesundheitszustand nicht beunruhigend war, mochte doch die Ahnung ihres baldigen Scheidens von der Welt ihre Seele erfüllen, denn sie zahlte verschiedene Pensionen für zwei Jahre voraus, und ihr bald darauf folgender Tod rechtfertigte diese großmüthige Vorsicht. Dort starb sie im Mai 1707, in einem Alter von 66 Jahren. – So beschloß diese interessante Frau ihr vielfach bewegtes Leben, und verdient sowohl durch die Anmuth ihrer äußeren Erscheinung und ihres Geistes, als durch die Rolle, die sie während eines Theiles der glänzendsten Regierung der französischen Monarchie spielte, unsere Aufmerksamkeit. Sie übte eine unumschränkte Macht über einen in seinem Reiche selbst unumschränkt gebietenden Fürsten. Sie begünstigte La Fontaine, Molière, Guinault; die unterdrückte Tugend fand in ihr die wärmste Beschützerin, und dennoch ist sie mit großer Strenge beurtheilt worden. Um gerecht zu sein, muß man gestehen, daß Fr. v. M. von Natur edel und gut war, und nur durch ein unglückliches Zusammentreffen der Umstände vom Pfade der Tugend wich. Die Thränen, die ihr schönes Auge füllten, wenn man von einem Unglücklichen sprach, weckten zuerst ihres Monarchen Neigung. Auch benutzte sie die Zeit ihrer Gunst, zahlreiche Wohlthaten zu spenden, und dieses edle Bestreben überlebte ihren Glückswechsel und war der Trost ihrer letzten Lebenstage.

E. v. E


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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