Staal, Frau von

Staal, Frau von, Frau von, geb. zu Paris 1693, war Anfangs bekannt unter dem Namen eines Fräuleins von Launay. Ihr Vater, ein Maler, sah sich wegen ungünstiger Ereignisse kurz vor ihrer Geburt genöthigt, sein Vaterland zu verlassen; er begab sich nach England, wo der Tod ihn ereilte. Gattin und Tochter fanden ein ehrenvolles Unterkommen im Kloster von Saint-Sauveur in der Normandie und letztere in einer Frau von Grien, die bald darauf zur Aebtissin von St. Louis in Rouen ernannt wurde, eine thätige, wohlwollende Beschützerin. Diese nahm sie mit sich in ihr Kloster und wachte mit mütterlicher Sorgfalt über ihre Erziehung. Diese Zeit war die glücklichste und ungetrübteste im Leben der Fr. v. Staal. Der 1710 erfolgte Tod ihrer Beschützerin entriß sie ihrem friedlichen Zufluchtsorte, und obgleich aller Geldmittel beraubt, hätten ihre zahlreichen Freunde sie gern unterstützt, allein sie hegte den Grundsatz, nie etwas anzunehmen, bevor sie nicht die Gewißheit habe, es wieder zu erstatten. In solche Lage begab sich Frl. v. Launay nach Paris und trat dort mit der Schwester der verstorbenen Frau von Grien in das Kloster der Presentation, um hier eine günstige Gelegenheit zur Verbesserung ihres Schicksals abzuwarten. Von der Herzogin von la Ferté, deren Wohlwollen sie sich erwarb, an den Höfen von Versailles und Sceaux, bet dem Herzoge von Burgund und der Herzogin von Maine vorgestellt, genoß sie dort den Umgang geistreicher und gelehrter Männer, wie Malezieu, Fontenelle, Vertot u. A., die sich durch den hohen Grad ihrer Bildung und durch ihre ausgebreiteten Kenntnisse angezogen fühlten. Nachdem ein Jahr mit fruchtlosen Bemühungen verflossen war, sah sie sich gezwungen, die ihr angebotene Stelle einer Kammerfrau bei der Herzogin von Maine anzunehmen. Nichts konnte ihrer innersten Neigung, dem lebhaften Treiben ihres Geistes mehr zuwider sein, als eine solche Lage. Auch zeigte sie sich Anfangs ungeschickt in ihren Dienstleistungen, und verscherzte somit die Zufriedenheit ihrer Herrin, während ihr Stolz, der es nicht zuließ, daß sie sich den Reihen der Dienerschaft anschloß, ihr den Haß der letzteren zuzog. Eine glückliche Gelegenheit, bei der sie die außerordentliche Gewandtheit ihrer Feder an den Tag legte und der Herzogin einen großen Dienst erwies, erhob sie aus ihrer untergeordneten Stellung. Sie wußte sich bei den glänzenden Festen, deren Schauplatz Sceaux war, geltend zu machen; bald erbat man ihren Rath bei Anordnung derselben, bald mußte ihr poetisches Talent zu Hilfe gerufen werden. Was auf Liebenswürdigkeit in der Gesellschaft der Herzogin Ansprüche zu haben glaubte, suchte ihren Umgang, und so bildete sich hinter dem Rücken der Fürstin ein kleiner ausgewählter Kreis um ihre Kammerfrau, in deren dunkeln unfreundlichem Zimmer, das weder Fenster noch Ofen hatte, man einige Stunden verweilte, ehe man die glänzenden Prunkgemächer der Herzogin betrat. Dieser leistete sie endlich die wichtigsten Dienste, als sie aufgebracht über die Demüthigungen, welche ihrem Gemahle nach dem Tode Ludwigs XIV. widerfuhren, eine Partei gegen den Regenten zu bilden suchte. Im Cabinete der Herzogin von Maine wurde 1717 das berühmte »Mémoire des princes légitimés« verfaßt, das einen Aufruf an die Nation enthielt und die Zusammenberufung der Generalstaaten verlangte. Bei dieser Gelegenheit übernahm Frl. v. L das Amt des Secretairs. Eine Menge intriganter Personen fanden unter dem Vorwande, den Absichten der Herzogin dienen zu wollen, am Hofe von Sceaux Zutritt. Frl. L. war besonders mit der Vorstellung derselben beauftragt, und nicht mit Unrecht nennt die Mutter des Regenten sie in ihren Briefen »une intrigante très dangereuse, et une des personnes qui ont conduit toute l'affaire.« Zur Zeit der Verschwörung Cellamare's (1718) war sie es abermals, welche die Mittheilungen der Herzogin und dieses Gesandten unterhielt. In Folge dieser Intriguen wurde sie am 19. Dec. zugleich mit ihrer Herrin verhaftet und in die Bastille gebracht. Mit seltener Geistesgegenwart begegnete sie allen, auch den spitzfindigsten Fragen ihrer Richter und ließ sich selbst dann kein Geständniß entlocken, als die Herzogin die Minister Leblanc und Argenson auf ihre Aussagen verwiesen hatte. Die Liebe brachte ihr einigen Trost in die dunkeln Gefängnißmauern. Zwei gleich ausgezeichnete Männer faßten für sie die heftigste Neigung. Die des einen, ihres Unglücksgefährten, Chevalier de Mesnil, erwiderte sie, indem sie jedoch den andern, einen Herrn La Maison rouge, der ihr zur Bewachung gegeben war, und dessen sie bedurfte, zu schonen wußte. Nach zweijähriger Hast verließ Frl. v. L. die Bastille und kehrte in ihren frühern Dienst zurück. Von ihren Freunden mit einer wahren Begeisterung empfangen, war die Herzogin dagegen kalt und zollte ihr nicht ein Wort des Dankes und der Anerkennung für ihr edles Betragen. Dennoch verweigerte sie ihre Beistimmung zur Vermählung der L. mit dem berühmten Dacier, wodurch ihr ein unabhängiges Loos gesichert worden wäre, indem sie das Versprechen gab, auf andere Art für sie sorgen zu wollen. Auch genoß Frl. v. L. von nun an alle Rechte und Vortheile der übrigen Damen des Hofes. Eine unglückliche Neigung für einen Mann, dessen Geburt und Stand eine engere Verbindung mit ihr nicht zuließ, und der Tod mehrerer vertrauter Freunde, verursachten ihr einige trübe Jahre, und sie gedachte alles Ernstes sich in das Kloster St. Louis zurück zu ziehen, in dem sie ihre Kindheit verlebt hatte, da auch ihr Verhältniß am Hofe immer ein peinliches blieb. Die Umgebung der Fürstin betrachtete sie stets mit neidischen Blicken und mißgönnte ihr jede kleine Gunst, die sie doch so wohl verdiente; um diesem Uebel abzuhelfen, und ihr zugleich einen Rang zu geben, der sie auf dieselbe Stufe mit den übrigen Hofdamen stellte, suchte die Herzogin einen Gemahl für sie. Die Wahl fiel auf den Baron von Staal, einen Schweizer, der früher Offizier gewesen war. Man gab ihm den Generals-Titel und sicherte ihm ein reichliches Auskommen. Auch als Fr. v. Staal blieb sie in den Diensten der Herzogin und führte von nun an ein ruhiges, behagliches Leben, bis der Tod den 15. Juni 1750 ihrem Leben im 56. Jahre ihres Alters ein Ende machte. Obgleich Fr. v. Staal nie für die Oeffentlichkeit geschrieben hat, sind doch Werke der verschiedensten Art von ihr in Druck erschienen. Zuerst nennen wir: Mémoires de Madame de Staal, écrits par elle-même. Sie zeichnet sich darin mit der größten Freimüthigkeit, ihr Styl ist fließend und ungekünstelt, besonders glücklich ist sie in der Anwendung von Vergleichen und Bildern; ferner zwei Lustspiele: l'Enjouement et la Mode, in beiden sind Lächerlichkeiten der höheren Stände zum Stoffe gewählt. Drittens erschien eine Sammlung von Briefen unter der Benennung: Recueil de lettres de Mademoiselle de Launay; sie enthalten zwar keine großen denkwürdigen Ereignisse, allein sie schildern uns die Empfindungen eines tiefen und zarten Gemüthes.

E. v. E.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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