4. Sinfonie (Mahler)

Die 4. Sinfonie in G-Dur von Gustav Mahler ist eine Sinfonie in vier Sätzen für großes Orchester und Sopran-Solo im Finalsatz. Der Text dazu basiert auf einem Gedicht aus Des Knaben Wunderhorn.

Besetzung: 4d1, 3d1, 3d2, 3d1 - 4,3,0,0 - timp, perc, hp, str

Die einzelnen Sätze der Sinfonie:

  1. Bedächtig, nicht eilen
  2. In gemächlicher Bewegung, ohne Hast
  3. Ruhevoll, poco adagio
  4. Sehr behaglich („Wir genießen die himmlischen Freuden“ aus „Des Knaben Wunderhorn“), Sopran-Solo

Komponiert wurde die Sinfonie in den Sommermonaten der Jahre 1899 und 1900, die Uraufführung fand am 25. November 1901 mit dem Kaim-Orchester und der Sopranistin Margarete Michalik unter der Leitung von Gustav Mahler in München statt. Bereits in Hamburg, am 27. Oktober 1893 dirigierte Mahler eine Aufführung des letzten Satzes, das Sopransolo wurde von Clementine Schuch-Prosska gesungen.

Inhaltsverzeichnis

Analyse und Interpretation

(Eine genaue Formanalyse findet sich bei Rudolf Stephan, siehe Literatur)

In Form und Besetzung ist die zunächst nicht besonders erfolgreiche Vierte Mahlers „klassizistischste“ Sinfonie, gegenüber seinen anderen Schöpfung in allen Dimensionen stark reduziert. Besonders auffällig sind die starken thematischen Verknüpfungen der vier Sätze und die alleinige Ausrichtung auf den Finalsatz. Mahler selbst nannte diese Sinfonie eine „symphonische Humoreske“. Das Humorige dieser Musik hat aber wenig mit Witz oder Scherz zu tun, sondern verweist auf das unheimlich-erschreckende des Humors bei Jean Paul und den Charakter der uneigentlichen Ironie. Als ganzes kann die Vierte als eine Musik des „als-ob“ bezeichnet werden – symptomatisch sind dafür die Schellen im ersten Satz, die später mehrmals wieder auftauchen: „Die Vierte träumt sich in eine Kindheit zurück, der man nachtrauern muss, der aber nicht mehr zu trauen ist.“ (Jens Malte Fischer). Damit ist das Programm der Sinfonie sehr genau umrissen.

Sie beginnt im ersten Satz mit einem weitgehend klassischen Sonatenhauptsatz, der ironisch gebrochen wird. Im zweiten Satz, einem spukhaften Scherzo, fällt vor allem die um einen Ton höher gestimmte Solo-Violine („wie eine Fidel“) auf: Eine schreiende, rohe Verkörperung des gespenstigen, leibhaftigen Todes. Der Satz erinnert in seiner mechanischen 3/8-Bewegung an das Scherzo der 2. Symphonie.

"Ruhevoll" - Dritter Satz der 4. Sinfonie von Gustav Mahler.

Der dritte Satz, ähnlich wie in Beethovens 9. Sinfonie eine Folge von Doppelvariationen, ist exemplarisch für das Extreme der postromantischen Musik bei der Auflösung und Gewichtung der Dissonanzen. Manche Spannungen werden nie aufgelöst, wodurch die Gefühle der Postromantik hier einen beispielhaften Ausdruck finden. Immer wieder wird der Anschein des totalen Zusammenbruchs erweckt, der aber durch einen explosionsartigen Durchbruch abgewehrt wird, nämlich durch den Blick auf die Vision des Himmels, die hier aber nur als „Klangspiel“ realisiert wird und wieder in der Stille versinkt. Gerade dieser Satz verdeutlicht die tragischen Abgründe und das naive Idyll, die Mahlers Begriff von Humor zugrunde liegen, besonders deutlich.

Der vierte Satz vertont in vier Strophen und einer Koda den von Mahler geringfügig geänderten Text des als „bayerisches Volkslied“ apostrophierten Gedichtes „Der Himmel hängt voll Geigen“ aus Des Knaben Wunderhorn. Das Himmelsleben erscheint hier als eine Travestie des irdischen Lebens, dieser Satz wurde als „der radikalste Kommentar zum Weltlauf, den Mahler je komponierte“ (Fischer) aufgefasst: Gemeint ist damit, dass hier in der Musik zum Ausdruck kommt, dass weder der Glaube noch der Humor oder die Ironie das Ungenügen der Welt wird besiegen können – der verdämmernde, erstickende Schluss ist dafür symptomatisch, die naiv anmutende Vision des Paradieses verblasst davor – „Keine Musik ist ja nicht auf Erden“, heißt es im vertonten Gedicht.

Text des letzten Satzes

Wir genießen die himmlischen Freuden,
D'rum tun wir das Irdische meiden.
Kein weltlich' Getümmel
Hört man nicht im Himmel!
Lebt alles in sanftester Ruh'.
Wir führen ein englisches Leben,
Sind dennoch ganz lustig daneben;
Wir tanzen und springen,
Wir hüpfen und singen,
Sanct Peter im Himmel sieht zu.

Johannes das Lämmlein auslasset,
Der Metzger Herodes d'rauf passet.
Wir führen ein geduldig's,
Unschuldig's, geduldig's,
Ein liebliches Lämmlein zu Tod.
Sanct Lucas den Ochsen tät schlachten
Ohn' einig's Bedenken und Achten.
Der Wein kost' kein Heller
Im himmlischen Keller;
Die Englein, die backen das Brot.

Gut' Kräuter von allerhand Arten,
Die wachsen im himmlischen Garten,
Gut' Spargel, Fisolen
Und was wir nur wollen.
Ganze Schüsseln voll sind uns bereit!
Gut' Äpfel, gut' Birn' und gut' Trauben;
Die Gärtner, die alles erlauben.
Willst Rehbock, willst Hasen,
Auf offener Straßen
Sie laufen herbei!

Sollt' ein Fasttag etwa kommen,
Alle Fische gleich mit Freuden angeschwommen!
Dort läuft schon Sanct Peter
Mit Netz und mit Köder
Zum himmlischen Weiher hinein.
Sanct Martha die Köchin muß sein.

Kein' Musik ist ja nicht auf Erden,
Die unsrer verglichen kann werden.
Elftausend Jungfrauen
Zu tanzen sich trauen.
Sanct Ursula selbst dazu lacht.
Kein' Musik ist ja nicht auf Erden,
Die unsrer verglichen kann werden.
Cäcilia mit ihren Verwandten
Sind treffliche Hofmusikanten!
Die englischen Stimmen
Ermuntern die Sinnen,
Daß alles für Freuden erwacht.

Literatur

  • Rudolf Stephan: Mahler, IV. Symphonie G-Dur. Meisterwerke der Musik, Heft 5. Fink, München 1966.
  • George Alexander Albrecht: Die Symphonien von Gustav Mahler. Eine Einführung. Niemeyer, Hameln 1992, ISBN 3-87585-241-9.
  • Renate Ulm (Hrsg.): Gustav Mahlers Symphonien. Entstehung – Deutung – Wirkung. Bärenreiter, Kassel 2001, 4. Auflage 2007, ISBN 3-7618-1820-3.
  • Gerd Indorf: Mahlers Sinfonien. Rombach, Freiburg i. Br./Berlin/Wien 2010, ISBN 978-3-7930-9622-1.

Weblinks


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