Philipp Melanchthon
Gemälde von Lucas Cranach d. Ä. 1543 Philipp Melanchthon

Philipp Melanchthon, eigentlich Philipp Schwartzerdt (* 16. Februar 1497 in Bretten; † 19. April 1560 in Wittenberg), war ein Philologe, Philosoph, Humanist, Theologe, Lehrbuchautor und neulateinischer Dichter. Er war als Reformator neben Martin Luther eine treibende Kraft der deutschen und europäischen kirchenpolitischen Reformation und wurde auch „Praeceptor Germaniae“ (Lehrer Deutschlands) genannt.

Inhaltsverzeichnis

Biographie

Elternhaus und Kindheit

Marktplatz in Bretten mit Melanchthonhaus, das als Gedenkstätte an der Stelle des Geburtshauses Philipp Melanchthons gebaut wurde

Philipp Melanchthons Vater Georg Schwartzerdt (um 1459–1508) stammte aus Heidelberg und war mit dem Amt des kurfürstlichen Rüstmeisters und Waffenschmiedes (Vorsteher der fürstlichen Waffenkammer) betraut. Seine Mutter Barbara Reuter (1476/1477–1529) war eine Tochter des Tuch- und Weinhändlers, Schultheißen und Bürgermeisters von Bretten, Johann (Hans) Reuter († 1508), und seiner Frau Elisabeth Reuchlin († 1518), die die Schwester des Humanisten Johannes Reuchlin war. Vier Jahre nach der Eheschließung 1493, am 16. Februar 1497, wurde der jungen Familie der Stammhalter Philipp im Hause seiner Großeltern in der kurpfälzischen Stadt Bretten geboren und erhielt seinen Namen zu Ehren des Kurfürsten Philipp des Aufrichtigen von der Pfalz. Philipp hatte vier Geschwister Anna (* 1499), Georg (* 1500/1501), Margarete (* 1506) und Barbara (* 1508).[1] Von seiner Schwester Anna Grünbach, geb. Schwarzerdt, stammt der Arzt Robert Mayer ab.

Melanchthon wuchs in Brettheim auf, wie Bretten damals genannt wurde. Sein Großvater sorgte für eine gründliche Erziehung, vor allem durch Unterweisung in lateinischer Sprache durch Johannes Unger aus Pforzheim. So kommt er schon frühzeitig mit durchreisenden Scholaren in Kontakt und konnte mit diesen diskutieren.

Im Landshuter Erbfolgekrieg gegen die Hessen war sein Vater mit der Betreuung der Geschütze betraut. Als er von einem vergifteten Brunnen trank, kehrte er als kranker Mann nach Hause zurück. Einzig seine tiefe Religiosität half ihm dieses Schicksal und das darauf folgende Siechtum zu ertragen. Mit dem Tod seines Großvaters am 17. Oktober und dem Tod seines Vaters am 27. Oktober 1508 sowie dessen bewegendem Abschied war Melanchthons Kindheit beendet. Als Elfjähriger wurden er und sein Bruder Georg nach Pforzheim in das Haus ihrer Großmutter Elisabeth Reuchlin gebracht.

Bildungsweg

Anschließend besuchte er, gemeinsam mit seinem Bruder Georg, die Lateinschule in Pforzheim und wohnte bei seiner Großmutter Elisabeth (Els) Reuter, der Schwester Johannes Reuchlins. Die Lateinschule hatte durch den Rektor Georg Simler aus Wimpfen und Johannes Hildebrand aus Schwetzingen hohes Ansehen und gewaltigen Zulauf. Eine große Anzahl der aus dieser Schule hervorgegangenen Schüler, wie beispielsweise Simon Grynaeus, haben sich in ihrem späteren Leben einen Namen gemacht. Der Begabteste soll jedoch Melanchthon gewesen sein, der nebenher auch noch Griechisch lernte und aufgrund seiner bereits in Bretten erworbenen Kenntnisse mühelos die Anforderungen der Lehranstalt bewältigen konnte.

Widmung Reuchlins in Melanchthons griechischer Grammatik

Durch seine lateinische Versdichtung und seine Fortschritte in der griechischen Grammatik fiel er dem in Stuttgart lebenden und in Tübingen als oberster Richter des schwäbischen Bundes tätigen Johannes Reuchlin auf. Als Gelehrter der Altgriechischen Sprache führte Reuchlin später das Griechischstudium in Deutschland ein und richtete die erste Professur 1515 in der Universität Leipzig ein. Er sollte in der Folge Melanchthons größter Förderer werden. Die Lehre der griechischen Sprache wurde zum Zeitpunkt der Begegnung nur sehr selten und nur besonders begabten Schülern vermittelt. Daher gab es noch kaum Literatur zu dieser Thematik. Reuchlin schenkte Melanchthon ein Exemplar einer griechischen Grammatik und schrieb ihm eine Widmung hinein, die auf Deutsch lautet:

„Diese griechische Grammatik hat zum Geschenk gemacht Johannes Reuchlin aus Pforzheim, Doktor der Rechte, dem Philipp Melanchthon aus Bretten, im Jahr 1509 an den Iden des März.“

Damit verlieh Reuchlin dem Philipp Schwartzerdt am 15. März 1509 den Humanistennamen Melanchthon, eine griechische Umsetzung des Geburtsnamens Schwartz – μέλας/μέλαινα/μέλαν (melas/melaina/melan) – und erdt – ἡ χθών (chthon) – (siehe dazu auch Gräzisierung).

Nach knapp einem Jahr konnte Melanchthon zwölfjährig im Oktober 1509 die Universität Heidelberg beziehen. In Heidelberg fand er im Hause des Professors Pallas Spangel Unterkunft, wo Jakob Wimpheling gelegentlich abstieg. Bereits in Pforzheim hatte er von dessen Schriften zur Reform der Lehr- und Unterrichtsmethoden Kenntnis erhalten und machte ihn mit den Schriften des Erasmus von Rotterdam vertraut. 1510 veröffentlichte Melanchthon in Wimphelings Büchern seine ersten lateinischen Gedichte. Durch seine hohe Begabung bewältigte Melanchthon das Studium in Heidelberg problemlos und erwarb zum frühest möglichen Zeitpunkt am 10. Juni 1511 den ersten akademischen Grad eines Baccalaureus Artium.

Am 17. September 1512 wechselte Melanchthon aus Altersgründen an die Universität Tübingen. Dort studierte er Astronomie, Musik, Arithmetik und Geometrie (Quadrivium). Zugleich beschäftigte er sich mit Griechisch, Hebräisch und Latein. Er las antike Autoren sowie humanistische Dichter und machte Bekanntschaft mit neuen Lehrmethoden. So lernte er auch die Schriften von Rudolf Agricola zur Logik kennen und entnahm ihnen ein neues Verständnis der Dialektik. Zusammen mit Franciscus Irenicus gehörte er dort zu den Neckargenossen.

Als Reuchlin durch ein Gutachten über das hebräische Schrifttum in einen Prozess verwickelt wurde, setzte Melanchthon sich für seinen Förderer publizistisch ein. Am 25. Januar 1514 schloss er sein Studium an der philosophischen Fakultät mit dem Magistertitel ab. Bereits in Tübingen war er als Tutor zweier Grafensöhne tätig gewesen und wirkte als Griechischlehrer. Somit war der Übergang vom Lernenden zum Lehrenden bei Melanchthon fließend erfolgt. In die Tübinger Zeit fallen auch Melanchthons eigene erste Publikationen, so 1516 eine Ausgabe des lateinischen Komödiendichters Terenz samt einer Einleitung über die Geschichte der antiken Komödie, des Weiteren 1518 eine griechische Grammatik, die bis 1544 neunzehn Auflagen erlebte. Und letztlich arbeitete er an einer Rhetorik, die 1519 in Wittenberg herauskam.

Als Martin Luther 1517 seine 95 Thesen veröffentlichte, fand am 26. April 1518 eine Heidelberger Disputation über die Grundlagen seiner Forderungen an der Universität statt, die auf Melanchthon entscheidenden Eindruck hinterließ. Daher begab dieser sich mit seinen Studienkollegen nach Wittenberg, um sich die Ansichten Luthers näher erläutern zu lassen. Fortan war Melanchthon gegenüber dem reformatorischen Gedankengut aufgeschlossen.

Die Universität Wittenberg

Die Schlosskirche der Lutherstadt Wittenberg

1518 stiftete Kurfürst Friedrich der Weise an seiner 1502 gegründeten und mehrfach reformierten Universität Wittenberg einen Lehrstuhl für Griechische Sprache. Zunächst versuchte man für den neu eingerichteten Lehrstuhl den damals bekanntesten Gräzisten Johannes Reuchlin zu gewinnen. Dieser lehnte jedoch aus Altersgründen ab und empfahl seinen geförderten Zögling Melanchthon für die Stelle. Da Melanchthon während seiner Tübinger Zeit bereits auf sich aufmerksam gemacht hatte, nahm man die Empfehlung Reuchlins an und trug Melanchthon die Aufgabe auf. Dieser verabschiedete sich von seinen bisherigen Wirkungsstätten und erreichte Wittenberg am 25. August 1518. Seine schmale und kleine äußere Gestalt von 1,50 Metern, verbunden mit einem kleinen Sprachfehler, beeindruckte die Wittenberger zunächst wenig. Als jedoch Melanchthon seine ausgefeilte und flammende Antrittsrede (Titel: Ad fontes, iuventute!) am Samstag, dem 28. August, in der Schlosskirche von Wittenberg hielt, schlug der erste Eindruck völlig um.

Philipp Melanchthon 1526, Kupferstich von Albrecht Dürer

Melanchthon sprach über eine Universitätsreform und malte zunächst ein düsteres Bild der Bildung vergangener Jahrhunderte. Er verfolgte den Leitgedanken, dass die Lektüre der antiken Schriftsteller aus den ursprünglichen Quellen durch humanistische Studien zum Quell neuen Lebens und Denkens werden könne. Damit traf er den Puls der Zeit im damaligen Wittenberg, und Martin Luther war sogleich fasziniert von dem kleinen „Graeculus“ (Griechlein). Diese Faszination beruhte auf Gegenseitigkeit und wurde in der Folge zu einer der wichtigsten Kooperationen der Reformation, die erst mit Luthers Tod endete.

Schnell erkannten auch die Studenten, welches Potenzial Melanchthon in sich barg; er war daher ein überaus beliebter Universitätslehrer. Er lehrte griechische Grammatik, las über antike Autoren, erklärte biblische Bücher und verband dies mit Wissensbildung auf zahlreichen Gebieten. Oft hatte er bis zu 400 Zuhörer, die vor allem seine präzise Sprache, die Fülle an Beispielen und die klare Gliederung seiner Ausführungen schätzten.

Durch den Einfluss Luthers erwarb Melanchthon den akademischen Grad eines baccalaureus biblicus am 19. September 1519. Dadurch war er befähigt, auch an der theologischen Fakultät Vorlesungen zu halten. Obwohl Melanchthon zeitlebens davon Gebrauch machte, bevorzugte er jedoch die philosophische Bildung, die man als Voraussetzung der theologischen Bildung verstand. Als man ihm 1525 eine besonders gut dotierte Professur schuf, die ihn von den Fakultätszwängen befreite, änderte sich hier auch nicht des Praeceptors Einstellung. Es ist hierin kein mangelndes Interesse gegenüber der Kirche zu sehen. Vielmehr fühlte sich Melanchthon aufgrund seiner körperlichen Schwäche und seines Sprachfehlers nicht zum Priester berufen, was auch die Tatsache erklärt, dass Melanchthon nie die christlichen Sakramente gereicht hat. Vielmehr war für ihn das geistige Potential der Theologie wichtig, und so stieg unter seiner Mitwirkung neben Luther die Universität Wittenberg zur bedeutendsten Universität in Europa auf.

Familie

Melanchthonhaus in Wittenberg
Melanchthonstube im Melanchthonhaus
Wappen des Philipp Melanchton, Holzschnitt 1556
In seinem 43. Lebensjahr wohnte Melanchthon während 6 Wochen in diesem Haus in Schmalkalden

Melanchthon mietete sich nach seiner Ankunft in Wittenberg ein schlichtes Haus, das er oft auch als Bude bezeichnete. Dort wohnte er mit seinem Gehilfen zusammen. Luther fürchtete jedoch um die Gesundheit Melanchthons, die durch die Männerwirtschaft offensichtlich beeinträchtigt wurde. Um Melanchthons Lebensumstände zu verbessern, aber auch um ihn in Wittenberg zu halten, suchte Luther für Melanchthon 1520 eine Frau. Von dieser Idee war Melanchthon jedoch nicht sehr begeistert. Der junge arbeitswütige Professor fürchtete um den Fortgang seiner Studien. Jedoch gelang es Luther, dass er endgültig am 27. November 1520 Katharina (* Oktober 1497; † 11. Oktober 1557), die Tochter des Hans Krapp († 1515), eines Tuchhändlers und Bürgermeisters von Wittenberg und seiner Frau Katharina (geb. Münzer; † 3. Mai 1548), heiratete. Luther, der selbst eine eigentlich ungewollte Ehe einging, wusste um die Wirkung eines Zusammenlebens und so geschah es auch, dass sich bei Melanchthon und seiner Frau durch das allmähliche Kennenlernen eine Gemeinschaft bildete, in der sich die beiden schätzen lernten.

Obwohl seine Frau aus einem angesehenen Hause stammte und Melanchthon als Professor an der Universität gut verdiente, gab es im Hause Melanchthon nie einen größeren Wohlstand. Ständige Besuche von Universitätsangehörigen, die sich bei diskutierenden Tischrunden im Hause Melanchthons versammelten, junge Studenten, die Melanchthon in seiner „schola domestica“ als persönlicher Mentor unterrichtete und versorgte, schmälerten das finanzielle Budget des Haushalts.

Melanchthon erlangte durch sein Wirken in Wittenberg bald ein so hohes Ansehen, dass ihm Angebote anderer Universitäten in Deutschland und Europa unterbreitet wurden. Johann Friedrich I. (Sachsen) wollte jedoch den angesehenen Professor in Wittenberg halten und errichtete auf dem Grundstück seiner Bude 1536 ein standesgemäßes Haus, das heute als Melanchthonhaus in Wittenberg bekannt ist. Als die Familie 1537 in dieses Haus einzog, hatte das Ehepaar bereits die Kinder Anna (* 24. August 1522; † 27. Februar 1547), Philipp (* 21. Februar 1525; † 3. Oktober 1605 in Wittenberg), Georg (* 25. November 1527 in Wittenberg; † 1529 ) und Magdalena (* 19. Juli 1531; † 12. September 1576). Als Familienvorstand widmete er sich mit Hingabe seinen geliebten Kindern und die Sorge um die Kinder schweißte das Ehepaar Melanchthon zusammen. Als Vater litt er an schlaflosen Nächten, als sein zweiter Sohn Georg bereits nach zwei Jahren verstarb und als seine erstgeborene Tochter, die er selbst allseitig bildete, eine unglückliche Ehe mit Melanchthons einstigem Schüler Georg Sabinus, dem Gründungsrektor der Universität Königsberg, einging. Das Zusammenleben mit Melanchthon war jedoch nicht immer einfach. So konnte er, wenn es ihm gegen den Strich ging, recht jähzornig werden. Dies bekam auch sein Sohn Philipp zu spüren, als er sich heimlich mit der Leipzigerin Margaretha Kuffner verlobte, was der Vater nicht in einer Ehe enden ließ.

Last und Sorge bereiteten dem stets Verantwortung für andere Menschen empfindenden Melanchthon seine Pflichten als Hausvater und Ehemann. Neben seiner ungebrochenen Zuversicht in Gottes Fürsorge und Barmherzigkeit erfuhr er die Pflege seiner fürsorglichen Ehefrau. Als sie am 11. Oktober 1557 verstarb und der langjährige Familienfreund Joachim Camerarius der Ältere dies Melanchthon, der in Worms beim letzten großen Religionsgespräch weilte, am 27. Oktober mitteilte, empfand er großen Verlust und sehnte sich danach, ihr bald folgen zu können.

Krankheiten und Tod

Brief Melanchthons an den pommerschen Superintendenten Jakob Runge, verfasst am 14. April 1560, fünf Tage vor seinem Tod
Das Grab Philipp Melanchthons in der Schlosskirche Wittenberg

Melanchthon war von zarter Statur und erweckte mit seiner leisen Stimme stets den Eindruck starker Gefährdung. Im krassen Gegensatz dazu stand seine Arbeitsleistung und Zähigkeit bei Verhandlungen. Die ständige Überbelastung blieb nicht ohne Folgen. Schon von Jugend an litt er unter Schlaflosigkeit und war zudem auf eine ausgewogene Schonkost angewiesen.

Im Frühsommer 1540 erkrankte er auf der Reise zum Hagenauer Religionsgespräch in Weimar schwer. Luther eilte zur Trostspende zu Melanchthon und fand ihn ohnmächtig, mit eingefallenem Gesicht und gebrochenen Augen. Jedoch konnte sich Melanchthon von diesem Schwächeanfall wieder erholen und setzte seine Arbeit weiter fort. Auf einer Reise nach Regensburg im März 1541 stürzte sein Reisewagen um und er erlitt schwere Verletzungen, die ihn eine gewisse Zeit beim Schreiben behinderten und das Erscheinen seiner Akten über die Verhandlungen beim Regensburger Reichstag verzögerten.

Von einer Reise nach Leipzig im Jahre 1560 kam er am 4. April erkältet zurück. Während der Nacht vom 7. zum 8. April bekam er Fieber, das mit kurzen Unterbrechungen immer wiederkehrte. Trotz der Betreuung durch seine Tochter Magdalena und seinen Schwiegersohn Dr. Caspar Peucer nahmen seine Kräfte immer mehr ab. Am 11. und 12. April 1560 hielt er letztmals Vorlesungen und Ansprachen. Am 14. April wollte er nochmals eine Vorlesung halten, doch wurde diese ohne sein Zutun abgesagt. Am 19. April versammelten sich Tochter und Schwiegersohn mit dem Hausfreund Joachim Camerarius um Melanchthon in seinem Haus, um ihm das letzte Geleit zu geben. Vor dem Hause beteten Studenten für ihren Professor. Gegen 19 Uhr wurden Hände und Füße kalt und sein Puls setzte aus.

Nach einer Gedächtnisrede des Medizinprofessors Veit Winsheim fand er an der Seite seines einstigen Mitstreiters Martin Luther in der Schlosskirche Wittenberg seine letzte Ruhestätte.

Wirken und Einfluss

Der Lehrer Deutschlands

Als Melanchthon seine Antrittsrede vor dem versammelten Publikum der Wittenberger Universität hielt, äußerte er sich bereits zu einer Studienreform, die das alte Lehrsystem in der Folge beseitigte. Seine pädagogischen Hauptanliegen waren die individuelle Betreuung der Studienanfänger durch Präzeptoren und die Schulung der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit. Als Rektor der Universität Wittenberg sorgte Melanchthon 1523/24 für eine neue Studienordnung, zunächst für die Philosophische Fakultät. Dabei stellte er klar, dass die klassisch-humanistische Bildung für evangelische Theologen unerlässlich sei.

Melanchthon war Lehrer aus Leidenschaft. Sein ungeheures Wissen ermöglichte es ihm, auf vielen Gebieten Vorlesungen zu halten bzw. er konnte bei seinen Vorlesungen auf ein reiches Spektrum an Hintergrundwissen zurückgreifen und Zusammenhänge damit anschaulich darstellen. Für den Griechisch- und Lateinunterricht hat Melanchthon Grammatiken verfasst, die an zahlreichen Schulen, auch im Ausland, verwendet wurden. Neben Kommentaren zu antiken Autoren schrieb er auch wichtige Lehrbücher zu Fächern wie Rhetorik, Ethik, Physik, Geschichte und Geographie. In vielen Schulen des 16. Jahrhunderts waren seine Bücher als Unterrichtsstoff vorgeschrieben, so dass er schon zu Lebzeiten als „Praeceptor Germaniae“ (lat: „Lehrer Deutschlands“) gepriesen wurde. Als Lehrer an der Wittenberger Universität legte er vor allem auf die Kenntnis der exakten Wortbedeutung und auf eine klare Sprache Wert. Dabei vertrat er vor allem die Ansicht, man könne nicht auf der Grundlage der Bibel Theologie betreiben, ohne die alten drei Sprachen zu beherrschen, alles andere sei Geschwätz.

Melanchthon kümmerte sich jedoch nicht nur um die zukünftigen Lehrer, sondern beteiligte sich auch bei der Gründung von Schulen (1524 in Magdeburg, 1525 in Eisleben und 1526 in Nürnberg) und entwarf deren Schulordnungen. Er entwarf die Prinzipien, die die Schulen beherzigen sollten:

  • Unterrichtssprache ist Latein
  • Die Schüler sollen nicht mit zu viel Lernstoff belastet werden. Wichtig sind Gründlichkeit und Wiederholungen.
  • Die Schüler werden nach Alter und Wissen auf drei Klassen aufgeteilt, erst nach dem Erreichen eines Lernziels kommen sie in die nächsthöhere Klasse.

Des Weiteren war er für seinen Kurfürsten unterwegs und visitierte Kirchen und Schulen. Dabei prüfte er die Schulsituation und reagierte auf Missstände mit Verbesserungsvorschlägen. Mit der Oberen Schule St. Egidien in Nürnberg begründete Melanchthon sogar einen neuen Schultyp, der zur Urform des deutschen Gymnasiums werden sollte. In seiner lateinischen Festrede zur Einweihung der Schule am 23. Mai 1526 zeigte er den Wert der Wissenschaften für die gesamte Staats- und Kirchenkunst auf. Dieses erste Gymnasium existiert heute noch unter dem Namen Melanchthon-Gymnasium, wenn auch an anderer Stelle. Und weiterhin ist Latein ab der 5. Klasse Pflichtfach.

Der Reformator

Melanchthon lernte Luther 1518 bei der Heidelberger Disputation kennen. Luther, der durch seine Veröffentlichung der 95 Thesen schon 1517 die Kirche zu reformieren begonnen hatte, fand in Melanchthon als Reformer des Bildungswesens eine ergänzende Persönlichkeit für die Erneuerung der Kirche. Von Luther, so sagte Melanchthon selbst, habe er das Evangelium gelernt. Jedoch waren beide sehr unterschiedlich. Während Luther kräftig, korpulent, oft polternd und volksnah war, wirkte Melanchthon sensibel, leicht verletzbar und zart. Luther ärgerte sich bisweilen über die Vorsichtigkeit seines 14 Jahre jüngeren Mitstreiters, wogegen Melanchthon gelegentlich unter der groben und aggressiven Art Luthers litt. Trotz alledem schätzten sich beide sehr und wussten um die Vorzüge und Stärken des anderen. Dies lässt sich auch anhand der Übersetzung des Neuen Testaments durch Luther im Herbst 1521 auf der Wartburg nachvollziehen, als Melanchthon die Durchsicht und linguistische Korrektur vornahm. Alsbald folgte die Übersetzung des Alten Testaments. 1524 und 1534 erschien dann die gesamte Lutherbibel.

Bereits 1519 begleitete Melanchthon Luther zur Leipziger Disputation. 1521 veröffentlichte er die erste systematische Darstellung der reformatorischen Theologie (Loci communes rerum theologicarum). Damit waren die Hauptpunkte reformatorischer Ideen formuliert und die erste einflussreiche Dogmatik der evangelischen Kirche verfasst, die in den Jahren 1535, 1543 und 1559 neu überarbeitet und angepasst wurde.

Gemälde von Lucas Cranach d. J. von 1559 Philipp Melanchthon im hohen Alter

Im Jahr 1529 übernahm Melanchthon die Rolle des Verhandlungsführers der Reformation auf dem Reichstag zu Speyer, weil Luther als Geächteter an den Verhandlungen nicht teilnehmen konnte. Des Weiteren nahm er am Marburger Religionsgespräch teil, bei dem Luther und er im Oktober 1529 den Schweizer Reformator Ulrich Zwingli trafen. Während man auf vielen Gebieten Übereinstimmung feststellte, etwa bei der Taufe oder der Beichte, blieb das Verständnis des Abendmahls, also die Frage, ob Christus real oder symbolisch in Wein und Brot anwesend ist, offen. Vor allem wegen dieses Streitpunkts entwickelten sich später reformierte und lutherische Kirchen.

Später war Melanchthon am Wormser und Regensburger Religionsgespräch beteiligt, wo jedoch keine Verständigung mit den Altgläubigen erreicht werden konnte. Sein Anliegen war dabei stets, die Reformen unter bewusstem Verzicht auf Gewalt durchzusetzen (obschon er sich später für die Todesstrafe für die Täufer aussprach) und die Einheit der Kirche zu erhalten. Dem entsprach seine entgegenkommende Haltung auf dem Augsburger Reichstag sowie später gegenüber den Katholiken in den Leipziger Artikeln. Sein diplomatisches Wesen und Geschick bewies er bei der Abfassung der Torgauer Artikel, der Confessio Augustana, der Apologie der Confessio Augustana und des Tractatus de potestate et primatu Papae (Traktat über die Gewalt und den Primat des Papstes), die zu den grundlegenden evangelischen Bekenntnisschriften zählen und zum Erfolg der Reformation beitrugen. Gemeinsam mit Martin Bucer verfasste er 1543 zwei Reformationsschriften (Einfaltigs Bedencken auch Kölner Reformation genannt) für den Kölner Erzbischof Hermann V. von Wied. Die Bemühungen blieben erfolglos, die Spannungen zwischen den Parteien wurden immer stärker. 1546/47 kam es zum Schmalkaldischen Krieg zwischen dem katholischen Kaiser Karl V. und den evangelischen Fürsten.

Auch die theologischen Forderungen der reformatorischen Täuferbewegung lehnte Melanchthon ab, obwohl er in seinen früheren Jahren in Wittenberg selbst noch Zweifel an der Kindertaufe hatte.[2] Als sich 1530 der Gothaer Reformator Friedrich Myconius mit seinen Bedenken hinsichtlich der Verfolgung der Täufer brieflich an Melanchthon wandte, rechtfertigte dieser die laufenden Verfolgungen.[3] Im gleichen Jahr verfasste Melanchthon auch die Confessio Augustana, in der die Täufer als Ketzer verdammt wurden. Ein Jahr später formulierte Melanchthon auf Anforderung des sächsischen Kurfürsten ein ausführliches Gutachten über die Anwendung der Todesstrafe gegen die Täufer.[4] Im Winter 1535/36 war er in Jena auch selbst in einem Prozess gegen eine Gruppe Täufer engagiert, unter denen sich auch der Thüringer Täuferführer Hans Peißker befand. Peißker und zwei weitere wurden schließlich gefoltert und am 26. Januar 1536 enthauptet.[5]

Andere Auseinandersetzungen musste Melanchthon mit eigenen Schülern ausfechten, die ihm nach Luthers Tod und seiner kompromissbereiten Haltung gegenüber dem Augsburger Interim 1548 Verrat an der wahren Lehre Luthers vorwarfen: Melanchthon habe Zugeständnisse gemacht, etwa dass ein evangelischer Pfarrer einen Chorrock tragen dürfe. Melanchthon hielt solche Fragen für Adiaphora, d. h. für äußerlich und nebensächlich. Doch seine innerprotestantischen Widersacher hielten jeden Kompromiss für Verrat und Rückkehr zum Papsttum. Neben dem "adiaphoristischen“ Streit hatte Melanchthon mit den Gnesiolutheranern in seinen letzten Lebensjahren weiterer Streitigkeiten auszufechten, die ihn zunehmend zu innerer Enttäuschung und Verbitterung führten. Nach dem Urteil Adolf von Harnacks hatte er sich dies jedoch selbst zuzuschreiben, da er sich beispielsweise hinsichtlich der Abendmahlslehre (Konsekration) zunehmend von der Position Luthers entfernt hatte und kurz vor seinem Tode sogar bereit war, dagegen öffentlich aufzutreten (z. B. indem er im Abendmahlsstreit von Bremen für Albert Hardenbergs Position eintrat).

Werkauswahl

Titelseite der Loci praecipui theologici von 1552

Kritische Werkausgaben

Sonstiges

Gedenkstätten

Melanchthon-Statue am „Brautprotal“ der Margarethenkirche in Gotha
Melanchthondenkmal auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg
Melanchthon-Büste am Philipp-Melanchthon-Gymnasium in Herzberg

Melanchthon-Preis der Stadt Bretten

Zu Ehren ihres großen Sohnes verleiht die Geburtsstadt Melanchthons alle drei Jahre den Melanchthonpreis der Stadt Bretten.

Jahrestage

Sein Todestag, der 19. April, ist zugleich sein Gedenktag.

Literatur

  • Uwe Birnstein: Der Humanist. Was Philipp Melanchthon Europa lehrte. Wichern, Berlin 2010, ISBN 978-3-88981-282-7.
  • Uwe Birnstein (Hrsg.): Melanchthon klug & weise. Seine besten Zitate. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2010, ISBN 978-3-374-02753-8.
  • Günter Frank, Sebastian Lalla (Hrsg.): Fragmenta Melanchthoniana. 3 Bände. verlag regionalkultur, Ubstadt-Weiher 2003, ISBN 3-89735-228-1, ISBN 3-89735-240-0, ISBN 3-89735-456-X. (Vortragsreihen zur Person und zum historischen Kontext Melanchthons)
  • Martin Greschat: Philipp Melanchthon, Theologe, Pädagoge und Humanist. Gütersloher Verlagshaus, 2010, ISBN 978-3-579-08091-8.
  • Horst Jesse: Leben und Wirken des Philipp Melanchthon. Dr. Martin Luthers theologischer Weggefährte. Herbert Utz, München 2005, ISBN 3-8316-1205-6.
  • Martin H. Jung: Philipp Melanchthon und seine Zeit. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010, ISBN 978-3-525-55006-9. (Rezension)
  • Sönke Lorenz, Reinhold Rieger, Ernst Seidl (Hrsg.): Vom Schüler der Burse zum 'Lehrer Deutschlands', Tübingen 2010, ISBN 978-3-941818-00-2.
  • Predigerseminar der Lutherstadt Wittenberg (Hrsg.): „Man weiß so wenig über ihn“. Philipp Melanchthon, ein Mensch zwischen Angst und Zuversicht. 2. Auflage. Drei-Kastanien-Verlag, Wittenberg 2004, ISBN 3-9804492-9-7.
  • Stefan Rhein: Philipp Melanchthon. Drei-Kastanien-Verlag, Wittenberg 1997, ISBN 3-9804492-5-4.
  • Heinz Scheible: Philipp Melanchthon. Leben und Werk in Bildern (dt., franz., engl.). Landesbildstelle Baden, Karlsruhe 1998, ISBN 3-89116-040-2.
  • Günther R. Schmidt: Philippus Melanchthon (1497–1560). In: Henning Schröer, Dietrich Zilleßen (Hrsg.): Klassiker der Religionspädagogik. Frankfurt/M. 1989, ISBN 3-425-07711-2, S. 23ff.
  • Günther R. Schmidt (Hrsg.): Philipp Melanchthon. Glaube und Bildung. Reclam, Stuttgart 1989, ISBN 3-15-008609-4.
  • Hans-Rüdiger Schwab: Philipp Melanchthon. Der Lehrer Deutschlands. Ein biographisches Lesebuch. dtv, München 1997, ISBN 3-423-02415-1.
  • Heike Schmoll: Gelehrter und Lehrer. In: FAZ. 17. April 2010, S. 11.
  • Friedrich Schweitzer, Sönke Lorenz, Ernst Seidl (Hrsg.): Philipp Melanchthon. Seine Bedeutung für Kirche und Theologie, Bildung und Wissenschaft. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener, 2010, ISBN 978-3-7887-2464-1
  • Gerhard Schwinge: Melanchthon in der Druckgraphik. Eine Auswahl aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. verlag regionalkultur, Ubstadt-Weiher 2000, ISBN 3-89735-131-5.
  • Christopher Spehr: Reformatorenkinder. Frühneuzeitliche Lebensaufbrüche im Schatten bedeutender Väter. In: Lutherjahrbuch. 77 (2010), S. 183–219.
  • Sylvia Weigelt: »Der Männer Lust und Freude sein« Frauen um Luther. Wartburg Verlag 2011, ISBN 978-3-86160-241-5.
  • Hermann-Ad. Stempel: Melanchthon. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 5, Herzberg 1993, ISBN 3-88309-043-3, Sp. 1184–1188.
  • Robert Stupperich: Philipp Melanchthon. Gelehrter und Politiker. Muster-Schmidt, Göttingen 1996, ISBN 3-7881-0147-4.
  • Robert Stupperich: Melanchthon, Philipp. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 16, Duncker & Humblot, Berlin 1990, S. 741–745.
  • Julius August Wagenmann: Melanchthon, Philipp. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 21, Duncker & Humblot, Leipzig 1885, S. 268–279.
  • Melanchton, Philipp. In: Zedlers Universal-Lexicon, Band 20, Leipzig 1739, Spalte 420–442.

Weblinks

 Wikisource: Philipp Melanchthon – Quellen und Volltexte
 Commons: Philipp Melanchthon – Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Konrad Fischer: Philipp Melanchthon, 9. September 2010
  2. Martin H. Jung: Philipp Melanchthon und seine Zeit. Göttingen 2010, ISBN 978-3-525-55006-9, S. 78.
  3. Nicole Kuropka: Philipp Melanchthon: Wissenschaft und Gesellschaft. Ein Gelehrter im Dienst der Kirche. Tübingen 2002, S. 116.
  4. Martin H. Jung: Philipp Melanchthon und seine Zeit. Göttingen 2010, ISBN 978-3-525-55006-9, S. 80.
  5. Martin H. Jung: Philipp Melanchthon und seine Zeit. Göttingen 2010, ISBN 978-3-525-55006-9, S. 81.
    Heinz Scheible: Melanchthon: eine Biographie. München 1997, S. 83 und 84.
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