Ulanen


Ulanen
Polnische Ulanen 1807–1815, Gemälde von January Suchodolski

Als Ulanen (auch Uhlanen, poln. Ułani) bezeichnet man eine mit Lanzen bewaffnete Gattung der Kavallerie.

Inhaltsverzeichnis

Wortbedeutung

Das Wort „Ulanen“ ist vom türkischen Wort „oğlan“ (Bedeutung: junger Mann) abgeleitet. Eine andere Erklärung lautet, dass das Wort „Ulanen“ von „Alanen“ komme. In Polen wird auch dargestellt, „oğlan“ komme aus der mongolischen Sprache und bedeute in etwa „tapferer Krieger“. Die Ulanka ist der Waffenrock der Ulanen. Sie hat einen Plastron mit zwei Knopfreihen, was den Namen erklären kann.

Charakteristische Uniformteile

Ursprünglich war die Uniform stark an die polnische Nationaltracht angelehnt. Typisch war eine viereckige Kopfbedeckung, die Tschapka (von polnisch „Czapka“ also „Mütze“), später auch „Rogatywka“ (also etwa „Eckenmütze“) oder Konfederatka („Bundesmütze“) genannt. Sie stammt von der Kopfbedeckung in der Volkstracht (Krakowiak) der Gegend von Krakau ab und ist noch heute, nach dem Sturz des Kommunismus, in verschiedenen modernisierten Formen, wieder die Mütze der polnischen Landstreitkräfte. Im militärischen Gebrauch lehnte sich die Tschapka entsprechend der jeweils herrschenden Mode an Tschako und Pickelhaube an, behielt aber stets ihren viereckigen Deckel. Rosshaar- oder Federbüsche jedoch wurden anders als bei diesen nicht mittig, sondern seitlich angebracht und die Tschapka so schräg aufgesetzt, dass der Busch dann doch gerade in der Mitte stand. Um 1800 kam als charakteristischer Typ des Uniformrocks die Kurtka mit abzeichenfarbigem Plastron in Verwendung und wurde später durch eine entsprechende Variante des Waffenrocks (Ulanka) abgelöst.

Bewaffnung und Kampfweise

Ulanen: Eine heutige polnische Ulanenformation in Paradeuniform

Das Lanzenfähnchen war meist zweifarbig. Die Farbkombination diente neben der Abzeichenfarbe der Unterscheidung der Regimenter. Neben der Lanze trugen die Ulanen Säbel. Daneben führten insbesondere ihre Offiziere auch Pistolen. Offiziere und Trompeter trugen in der Regel keine Lanzen. Später kamen in vielen Ländern Karabiner hinzu.

Ulanen einzelner Staaten

(Polen ist hier wegen seiner Bedeutung für die Entstehung der Truppengattung abweichend vom Alphabet zuerst genannt.)

Polen

Die Entstehung der Ulanen als Kavallerietyp wird auf die Traditionen der Mongolen und Lipka-Tataren zurückgeführt, die sich im Großfürstentum Litauen, also im späteren Osten der polnischen Adelsrepublik, ab dem 14. Jahrhundert niederließen. Die ersten auch wirklich so benannten Ulanenregimenter waren im frühen 18. Jahrhundert in Polen anzutreffen. Der letzte polnische König Stanislaus II. August Poniatowski stellte sogar als königliche Garde ein Ulanen-Regiment auf. Unter Napoléon dienten mit großem Erfolg einige polnische Freiwilligen-Ulanen-Regimenter und haben so diese Kavalleriegattung europaweit populär gemacht.

Der spätere Marschall Pilsudski formierte in österreich-ungarischen Diensten eine polnische Brigade, deren Ulanenverband 1914 als erster das ehemalige Kongresspolen betrat.

Bei Errichtung des Heeres der Zweiten Polnischen Republik war die Erinnerung an die ausgezeichnete Rolle der polnischen Ulanen unter Napoleon noch so lebendig, dass die Armee stark „ulanenlastig“ wurde. Ihre Bewaffnung bestand neben der klassischen Ulanenbewaffnung bald auch aus Maschinengewehren. Im polnisch-sowjetischen Krieg 1919-1921 schlugen polnische Ulanen die vorrückende sowjetische Kavallerie-Armee von Budjonny. Bis 1939 wurden insgesamt 40 Kavallerie-Regimenter aufgestellt, darunter 27 Ulanenregimenter. Die Unterschiede bestanden jedoch vor allem in unterschiedlichen Uniformen und Traditionen. Die Pferde wurden zu dem Zeitpunkt hauptsächlich als Transportmittel eingesetzt. Im Krieg gegen Deutschland kam es 1939 angeblich zu Reiterattacken auf deutsche Panzer. Die Wehrmacht schrieb im September 1939, es habe einen „beinahe grotesken Angriff eines polnischen Ulanenregiments gegen einige unserer Panzer“ gegeben. Die vernichtenden Folgen dieses Angriffs könne man sich vorstellen. Noch Joachim Fest übernahm diese Darstellung in seiner Hitler-Biografie, indem er von der „tödlichen Donquichotterie einer polnischen Kavallerieattacke gegen deutsche Panzereinheiten“ schrieb. Laut Janusz Piekałkiewicz in Krieg der Panzer ist kein Fall einer bewusst gerittenen Attacke der polnischen Kavallerie gegen Panzer bekannt.</ref> Gelegentliche berittene Attacken auf deutsche Infanterie ergaben sich nur zufällig und wurden dann auch meist erfolgreich durchgeführt.

1959 porträtierte der polnische Filmemacher Andrzej Wajda in seinem Film Lotna den verzweifelten Abwehrkampf einer Ulanen-Schwadron gegen die Wehrmacht. Die Heimatarmee setze nach 1939 ihren Widerstand gegen die Invasoren fort. In ihren Reihen befanden sich nur noch wenige kleine Ulanen-Einheiten, die sich gut in den Wäldern bewegen konnten. Bei der polnischen Exilarmee unter britischem Kommando („Anders-Armee“) bestand ein Karpatisches Ulanenregiment (pulk ulanow karpackich), das als Panzeraufklärungseinheit zunächst im Afrikafeldzug und dann mit dem 2. Polnischen Korps in Italien diente. 1943 wurden von der polnischen Exilarmee in sowjetischen Diensten drei Ulanen-Regimenter aufgestellt.

1949 wurden die Ulanen als Kampftruppen in Polen endgültig abgeschafft. Im Jahr 2000 wurde jedoch zu Repräsentationszwecken wieder eine kleine Ulanen-Einheit aufgestellt, um die Tradition dieser für die polnische Militärgeschichte so prägende Waffengattung aufrechtzuerhalten.

Deutschland

Bayern

Von 1813 bis 1822 bestand in der Bayerischen Armee ein Ulanenregiment, das nach österreichischem Vorbild bewaffnet und uniformiert war. 1863 wurden wieder drei neue Regimenter aufgestellt, von denen eines 1867 aufgelöst wurde. Das 1. Regiment „Kaiser Wilhelm II., König von Preußen“ war anfangs in Dillingen und Augsburg, später in Bamberg stationiert, das 2. Regiment „König“ in Ansbach.

Berg

Ulanengrab auf dem alten Friedhof in Bonn

Im napoleonischen Großherzogtum Berg bestanden zwei Regimenter Chevaulegers-Lanciers. Nach Untergang des Großherzogtums wurden deren Reste in die preußische Armee als Husarenregiment Nr. 11 übernommen.

Preußen

Soldat vom Thüringischen Ulanen-Regiment Nr. 6 bei artistischen Übungen, etwa 1880 bis 1914

Friedrich der Große übernahm 1741 Lanzenreiter in seine Kavallerie als Antwort auf die Erfolge von ungarischen Panduren und polnischen Reitern in sächsischen Diensten, deren Leistungsfähigkeit er im Österreichischen Erbfolgekrieg spüren musste. Mit gegnerischen Deserteuren (unter ihnen Bosnier und Kosaken) und Angehörigen des niedrigen polnischen Adels wurden Schwadronen leichter Kavallerie gebildet, die mit langen Lanzen bewaffnet als Späh- und Stoßtrupps gegen den Feind eingesetzt wurden. Ganz der Mode dieser Zeit gemäß wurden die Neuankömmlinge in exotischen Kostümen mit Turbanen, Kaftans und weiten türkischen Hosen uniformiert. Dieses mehrfach umgegliederte Bosniaken-Korps wurde 1800 in Towarzysz-Regiment umbenannt. Nach der Katastrophe von 1806/07 wurden aus seinen Resten die ersten beiden Ulanenregimenter gebildet, die jedoch zur schweren Kavallerie gezählt wurden und deren Zahl bis 1914 auf 16 Linien- (z.B. Nr. 9) und drei Garde-Regimenter anwuchs. Im Jahre 1884 ergänzte man die Lanzen durch Karabiner als neuer Hauptbewaffnung. Die Lanze selbst blieb jedoch noch weiter im Gebrauch und wurde um 1890 sogar allen deutschen Kavallerieregimentern zugeteilt.

Sachsen

Aufgrund der lange währenden Personalunion mit Polen dienten polnische Ulanen bereits früh mit der Armee der sächsischen Kurfürsten, blieben dabei aber formal immer im Dienst Polens. Das Chevaulegers-Regiment „Prinz Clemens“ der sächsischen Armee führte von 1811 bis 1820 Lanzen. 1867 wurden zwei Ulanenregimenter errichtet, die nach der Reichsgründung 1871 die Nummer 17 (Garnison Oschatz) bzw. 18 (Garnison Geithain, ab 1897 Leipzig) führten. 1905 kam ein drittes (Nr. 21, Garnison Chemnitz) hinzu.

Westfalen

Im napoleonischen Königreich Westphalen bestand zwei Linien- und ein Garderegiment Chevaulegers-Lanciers. Nach Untergang des Königreichs wurden deren Reste in die preußische Armee übernommen.

Württemberg

Ulanenregiment König Wilhelm I. (2. Württembergisches) Nr. 20

Nach der Reichsgründung wurden zwei der württembergischen „Reiter-Regimenter“ in Ulanen umgewandelt (Nr. 19 und 20).

Weimarer Republik

Die Reichswehr verfügte über eine Einheitskavallerie mit 2,30 m langen Stahlrohrlanzen, diese wurden jedoch 1927 abgeschafft.

Frankreich

Ancien Régime

Während des Ancien Régime wurden lediglich die Volontaires de Saxe teilweise als Ulanen ausgestattet.

Napoleonische Kriege

Unter Napoléon wurden in Frankreich Ulanenregimenter aufgestellt, und zwar zunächst als Kavallerie der polnischen Weichsellegion in französischen Diensten. Als der Kaiser 1806 nach der Befreiung Polens in Warschau einzog, stellten polnische Adelige eine berittene Ehrengarde, deren tadellose Haltung den Kaiser so beeindruckte, dass er die Errichtung eines polnischen Chevaulegers-Regiments für seine Kaisergarde befahl. Erst 1809 erhielt das Regiment Lanzen, nachdem es bereits in der Schlacht bei Wagram spontan erbeutete österreichische Lanzen gegen deren Vorbesitzer eingesetzt hatte. Die Bezeichnung wurde in chevauleger-lanciers geändert. 1810 trat ein 2. Garde-Regiment hinzu, das aus den Gardehusaren des aufgelösten Königreichs Holland gebildet wurde. 1812 wurde aus Polen und Litauern ein 3. Regiment aufgestellt, das jedoch noch im gleichen Jahr in Russland völlig aufgerieben wurde. Zeitweilig war auch ein Regiment des Herzogtum Berg der Garde zugeordnet. 1811 wandelte man sechs Regimenter Dragoner zu chevauleger-lanciers der Linienkavallerie um (sie zählten wie die Dragoner zur mittleren Kavallerie), die Kavallerie der Weichsellegion wurde zum 7. und 8. Linienregiment, das 9. bildete man aus norddeutschen Kavallerieeinheiten. Bei der ersten Abdankung Napoleons begleitete eine Schwadron polnischer Gardeulanen den Kaiser als einzige Kavallerieeinheit nach Elba, die polnischen und deutschen Regimenter wurden aufgelöst. 1815 wurde die Schwadron aus Elba mit dem holländischen Regiment vereinigt und kämpfte bei Waterloo.

19. Jahrhundert

Unter der 2. Restauration bestanden 4 (?) Linienregimenter und eines der Garde, die jedoch nur mehr lanciers hießen. Nach dem Untergang des Zweiten Kaiserreiches im Deutsch-Französischen Krieges von 1870/1871 wurde diese Kavalleriegattung beim Wiederaufbau des Heeres in Frankreich nicht mehr aufgestellt.

Großbritannien und Kolonien

In der britischen Armee wurden Ulanen erst nach den Napoleonischen Kriegen aufgestellt und als lancers bezeichnet. Sie wurden fast allen Kriegsschauplätzen des Britischen Empire eingesetzt: So gilt der Angriff der 21st Lancers in der Schlacht von Omdurman, an dem auch Winston Churchill als junger Leutnant teilnahm, als die letzte erfolgreiche Kavallerieattacke des 19. Jahrhunderts.

In der indischen Kolonialarmee wurden einige Regimenter aufgestellt (vorwiegend bengalische Verbände), in Australien eines. Das letzte Ulanenregiment in Indien wurde 1947 aufgelöst.

Heute gibt es in Großbritannien noch zwei Lancer-Regimenter, die 9th/12th Royal Lancers und die Queen's Royal Lancers. Beide Einheiten sind heute mit leichten Panzern ausgestattet und fungieren als Aufklärungseinheiten.

Österreich-Ungarn

1772 stellten die Polen (im österreichischen Teilungsgebiet), unter der Anordnung des österreichischen Kaisers Joseph II., einen Uhlanen-Pulk auf (Pulk heißt auf polnisch auch 'Regiment'). Dieser bestand aus 300 Adligen (poln. Szlachta) („Towarzysz“, zu deutsch „Genosse“) und 300 Untertanen („Pocztowy“, also „Begleiter“). Als am 1. November 1791 der Türkenkrieg beendet wurde, gründete man das erste Ulanen-Regiment. Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts wurde eine große Menge österreichischer Ulanen-Regimenter aufgestellt, und bis 1851 durch die Auflösung einiger Husaren und Chevaulegers-Regimenter weiter verstärkt. Aus allen Gebieten des österreichischen Kaiserreichs kamen nun Soldaten um diesen Einheiten beizutreten, die meisten stammten jedoch aus Galizien und Kroatien-Slawonien. Später wurde allerdings die Lanze abgeschafft, die Bezeichnung als Ulanen blieb erhalten. 1918 teilte die Truppengattung das Schicksal der Monarchie und ging mit ihr unter. (Siehe auch K.u.k. Ulanen.)

Russland

Auch Russland stellte Ulanenregimenter auf, von denen jedoch Ende des 19. Jahrhunderts nur noch zwei (Garde) übrig geblieben waren. Die gemeine Kavallerie bestand nur noch aus Dragonern, als leichte Lanzenreiter wurden Kosaken eingesetzt.

Quellen

  • Corvin Krasinski: Essai sur le maniement de la lance, Paris: Cordier, 1811. (kurzer Traktat von 24 Seiten; bedeutendstes Werk zum Thema im Frankreich der Napoleon-Zeit, auch in andere Sprachen übersetzt)

Literatur

  • Emir Bukhari: Napoleon’s Dragoons and Lancers. Midland House: Osprey, 1976. (Populärwissenschaftliches Bändchen mit zahlreichen Abbildungen. Ohne detailliertere Angaben zur Kampfweise.)

Weblinks

 Commons: Lancers – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen und Einzelnachweise


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