Giebel

Giebel
Bezeichnungen am Dach

Der Giebel ist die obere abschließende Wandfläche eines Gebäudes im Bereich des Daches. Der dortige Dachrand wird als Ortgang bezeichnet. Giebel kann auch die Kurzform für Giebelwand sein, die gesamte bis zur Geländeoberfläche reichende Außenwand, die den eigentlichen Giebel trägt.

Das Wort Giebel ist im Deutschen seit dem 10. Jahrhundert belegt (ahd. gibil, mhd. gibel). Die genaue Herkunft gilt als ungesichert. Es werden Zusammenhänge mit „Kopf“ (als Oberstes, Haupt), als auch mit „Gabel“ (als Spitze, Gabelung) vermutet.[1]

Der Giebel ist eines der ältesten und bedeutendsten Elemente der europäischen Architektur. Unter einem Ziergiebel wird nicht nur der geschmückte, verzierte Giebel eines Gebäudes verstanden, sondern auch die verkleinerte Zierform eines Giebels. Portal-, Tür- oder Fenstergiebel beschreibt insofern das Motiv eines Giebels, das zur Bekrönung dieser Bauteile verwendet wird. Bei einem vorspringenden Bauglied wird hier auch von einer Verdachung gesprochen. In der Modernen Architektur, seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts, verlor der Giebel diese dekorative Bedeutung.

Inhaltsverzeichnis

Begriffe

Die Form des Giebels hängt von der Dachform und -konstruktion ab. Bei der häufigen Form des Satteldaches entsteht das klassische Giebeldreieck. Bei einem Krüppelwalm entsteht eine trapezförmige Fläche, während ein Gebäude mit einem Walmdach keinen Giebel besitzt. Unter Bezug auf die Dachneigung (steil/spitz bzw. flach) existieren auch die Begriffe Spitzgiebel und Flachgiebel. Ein Knickgiebel passt sich mit mehreren Winkeln der Dachform an. Bei einem Tonnendach können Rundgiebel beziehungsweise Segmentgiebel entstehen. Nimmt die Giebelform keinen Bezug auf die Dachform oder -neigung, spricht man von einem vorgesetzten Blendgiebel.[2] Ein Zwerchgiebel (heute vielfach Quergiebel) steht zwerch (quer also rechtwinklig) zum Giebel des Hauptdaches. Ein Giebel über einem Mittelrisalit, einem hervorspringenden Gebäudeteil, wird auch als Frontispiz bezeichnet.[2] Ein so aus der Gebäudeflucht hervortretender, übergiebelter Risalit wird in Norddeutschland auch als Kapitänsgiebel bezeichnet.

Bei den meisten einfachen Dachkonstruktionen wird die Giebelwand von der Dachfläche überdeckt. Das Dach ragt über den Giebel hinaus, der Giebel folgt der Kontur des Daches. Steht der Giebel vor der Dachfläche (freier Giebel), so schließt das Dach von hinten an den höheren Giebel an. Nur in diesem Fall sind aufwendigere Konstruktionen möglich, bei denen die Giebelränder mit Bauplastiken gestaltet sein können.

Bezeichnung Beschreibung Abbildung
Dreiecksgiebel Der flache Dreiecksgiebel findet sich bereits in der griechischen Architektur der Antike. Er wurde in der Renaissance, im Barock und im Klassizismus aufgegriffen. Dabei findet sich – wie bereits in der Antike – auch die gesprengte und verkröpfte Ausführung. Zahlreiche Variationen tauchen als Bekrönung oder Verdachung über Türen und Fenstern als Ziergiebel auf.[3] Agrigent-web.jpg
Staffelgiebel, auch Treppengiebel oder Stufengiebel Beim Staffelgiebel ist die Kontur seitlich abgetreppt. Diese Form entstand zunächst aus technischen Gründen, um die einzelnen waagerecht durchgeführten Steinschichten gerade abzuschließen und mit Dachziegeln eindecken zu können.[4] Der Staffelgiebel war dominierend in den Gebieten der Backsteingotik, insbesondere im Nord- und Ostseeraum vom 14. bis zum 17. Jahrhundert.[5] Während der Renaissance wurden gestaffelte Giebel mit Obelisken und Voluten geschmückt. Voluten wurden damals als Ornamente verwendet, die zwischen waagerechten und senkrechten Bauteilen vermitteln sollten.[6] Insofern wurden die Stufen des Staffelgiebels damit „verschleift“.[7] Es entstand der Volutengiebel. CopernicusHouse.jpg
Schweifgiebel Der Schweifgiebel oder geschweifte Giebel hat einen geschweiften Umriss.[8] Fotothek df ps 0006265 Wohnhäuser.jpg
Volutengiebel Der Volutengiebel ist durch seitliche Voluten eingerahmt. Voluten wurden in Renaissance und Barock als Ornamente verwendet, die zwischen waagerechten und senkrechten Bauteilen vermitteln sollten.[9] Ausgehend von Italien verbreitete sich diese Giebelform während der Hochrenaissance in vielen Variationen in fast allen Ländern der Renaissance, besonders in den Niederlanden und in Deutschland, und wurde bis in das 18. Jahrhundert hinein verwendet.[10] Torun Male Garbary 7 szczyt.jpg
Gesprengter Giebel Die Seiten des Giebels sind nicht bis ganz oben geführt, das Mittelteil ist ausgespart. Dieses Merkmal der Giebelausführung ist immer mit einer konkreten Giebelform kombiniert. Prague Tysnka ul Detail.JPG
Verkröpfter Giebel Das Mittelteil tritt gegenüber den Seitenteilen vor oder zurück.[11] Dieses Merkmal der Giebelausführung ist immer mit einer konkreten Giebelform kombiniert. Строгановский дворец (3).jpg
Schweifwerkgiebel Mit Schweifwerk dekorierter Giebel.[12] Fotothek df tg 0006084 Architektur ^ Dreiecksgiebel ^ Segmentgiebel ^ Volute ^ Bauplastik ^ Vase ^ Erot.jpg

Diese Giebelformen und -ausführungen wurden im 19. Jahrhundert, in der Architektur des Historismus, wieder aufgegriffen. Bereits vorher wurden sie nicht nur in der Baukunst, sondern auch bei der Gestaltung von Möbeln und anderen Gebrauchsgegenständen benutzt.

Giebelschmuck

Giebelreiter auf dem historischen Rathaus in Waiblingen

In der antiken Architektur, insbesondere dem Tempelbau, ist das Tympanon die dreieckige Giebelfläche, die durch ihre Größe und Frontalität hervorgehoben war und mit figürlichem oder ornamentalem Dekor versehen wurde. Giebelfeld ist eine Eindeutschung von Tympanon, bezeichnet allgemein aber auch ein Giebeldreieck, insbesondere wenn dies von Gesimsen eingefasst und plastisch geschmückt ist.[13]

Das Giebelgesims ist ein Gesims, das den schräg ansteigenden Giebelschenkel begleitet.[13] Im Zusammenhang mit der antiken Architektur wird auch der Begriff Schräggeison verwendet. Giebelfuß bezeichnet dabei eine waagerechte untere Begrenzungslinie, beispielsweise als Giebelfußgesims.[13]

Insbesondere die Giebelspitze, als der höchste Punkt eines Giebels, wurde besonders betont und gestaltet. Die Giebelähre ist eine ährenartige Verzierung auf Giebel- und Turmspitzen, die im Mittelalter und während der Renaissance aus Eisen oder gebranntem Ton hergestellt wurde.[13] Giebelblume ist eine Bezeichnung für eine stilisierte Blume, die, oft mit Figuren, Abzeichen und Symbolen verbunden, insbesondere in der Gotik zur Bekrönung von Giebeln und Dachfirsten diente, beispielsweise in Form einer Kreuzblume. Ein Giebelreiter ist ein Dachreiter, ein Dachaufbau häufig als kleiner Turm, der auf dem Giebel aufsitzt.[13] Er gilt als ein Merkmal städtischer Profanbauten, findet sich also beispielsweise bei historischen Rathäusern.[4] Der Giebelspieß war im Holzbau der Schweiz ein über die Giebelspitze hinaus hochgeführter Holzständer.[13] Giebelzinne kann ein Akroterion meinen, ein antikes Architekturelement zur Bekrönung von Giebeln, beziehungsweise dessen Nachbildung in einer späteren Epoche.[13]

Giebelbogen ist eine Bezeichnung für einen Spitzbogen mit geraden Bogenschenkeln, er tritt in der romanischen und angelsächsischen Ornamentik auf.[14] Giebelgebänk ist eine seltene alte Benennung für Wimperg, einen gotischen Ziergiebel.[13]

Konstruktion

Der Giebel liegt in der Regel an der Schmalseite eines Gebäudes. Da eine Balkenlage als innere Geschossdecke normalerweise über den schmaleren Abstand gespannt ist, liegen deren Balken häufig parallel zum Giebel. Der Giebelbalken (oder Ortbalken) ist derjenige Balken, der unmittelbar neben dem Giebel(mauerwerk) angebracht ist.[13] Ein sogenannter Giebelanker verbindet eine Giebelwand mit einer Balkenlage.[13] Ziel ist die Rückverankerung und Aussteifung des Mauerwerks. Diese Technik kann als historisch gelten, heute werden dazu in der Regel Stahlbetonbauteile verwendet. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war die Verankerung von Mauerwerk in die Holzbalkendecken der Geschosse mit Hilfe von Metallankern jedoch noch die gängige Methode.

Giebelsparren werden die äußersten an einem Dachgiebel befindlichen Sparren des Daches genannt. Eine andere Bezeichnung ist auch Giebelbinder.[13] Die Giebelsäule ist die Säule – als Stütze – eines Dachstuhls, die den Giebel unterstützt, die Last nach unten abträgt.[13] Ein Giebelgebinde ist ein Verbund von Dachsparren und Kehlbalken, entweder als (ausgemauerte) Giebelfläche oder unmittelbar hinter einem massiven Giebel (aus Mauerwerk) als Teil des Dachstuhls.[13] Die Giebelschwelle ist die Schwelle eines Giebelgebindes, bei Fachwerkhäusern kann auch die Schwelle der gesamten Giebelwand gemeint sein.[13]

Giebelständig

Bildmitte: giebelständiges Gebäude, rechts ein traufständiges

Giebelständig bezieht sich auf die Orientierung eines Gebäudes in Bezug zu einer erschließenden Straße, oder einem Platz. Bei giebelständiger Bauweise steht der Giebel eines Gebäudes zur Straße hin. Der Dachfirst steht quer zu dieser. Ein derartig ausgerichtetes Gebäude wird auch als Giebelhaus bezeichnet.[13] Ein Giebeldach ist in diesem Zusammenhang ein Satteldach, dessen Giebel zur Gebäudefront gerichtet ist.[13] Giebelständige Bauweise gilt als typisch für die deutschen Straßenbilder der Gotik und der Renaissance. Der Gegenbegriff zu giebelständig in Architektur und Stadtplanung ist traufständig.

Besondere Giebelbauwerke

Ein Giebelturm ist ein Turm mit einem Satteldach, er besitzt insofern zwei Giebel, der doppelte Giebelturm vier.[13] Der doppelte Giebelturm ist mit einem Kreuzdach abgedeckt. Andere verwenden den Begriff Giebelturm auch für einen Turm, der auf einem Giebel aufsitzt, vergleichbar einem großen Giebelreiter, und unabhängig von der Dachform des Turmes.[4]

Ein Glockengiebel ist ein Giebelaufbau mit einer oder mehreren Öffnungen, in denen Glocken hängen. Der Glockengiebel ist meist selbst mit einem Giebel abgeschlossen. Er findet sich bei kleinen Kirchen oder Kapellen.[15]

Einzelnachweise und Fußnoten

  1. Absatz nach Kluge Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 24. Auflage, 2002
  2. a b Satz nach Nikolaus Pevsner, Hugh Honour, John Fleming: Lexikon der Weltarchitektur, 3. Auflage, München, Prestel, 1992, Lemma Giebel
  3. Absatz nach Wilfried Koch: Baustilkunde, 27. Auflage, Gütersloh/München, 2006
  4. a b c Satz nach Hans Koepf, Günther Binding: Bildwörterbuch der Architektur, 4. Auflage, Stuttgart, Kröner, 2005
  5. Satz nach Hans-Joachim Kadatz: Wörterbuch der Architektur, Leipzig, 1988, Lemma Staffelgiebel
  6. Satz nach Wilfried Koch: Baustilkunde, 27. Auflage, Gütersloh/München, 2006, Stichwortverzeichnis Volute [819]
  7. nach Wilfried Koch: Baustilkunde, 27. Auflage, Gütersloh/München, 2006, Stichwortverzeichnis Giebel [291]
  8. Nikolaus Pevsner, Hugh Honour, John Fleming: Lexikon der Weltarchitektur, München, Prestel, 1971, unter Giebel.
  9. Satz nach Wilfried Koch: Baustilkunde, 27. Auflage, Gütersloh/München, 2006, Stichwortverzeichnis Volute [819]
  10. Satz nach Hans-Joachim Kadatz: Wörterbuch der Architektur, Leipzig, 1988, Lemma Volutengiebel
  11. Satz nach Nikolaus Pevsner, Hugh Honour, John Fleming: Lexikon der Weltarchitektur, 3. Auflage, München, Prestel, 1992, Lemma Giebel. Vergleichbar auch bei Fritz Baumgart: DuMont's kleines Sachlexikon der Architektur, Köln, 1977, Lemma Giebel
  12. Henry-Russell Hitchcock: Netherlandish scrolled gables of the sixteenth and early seventeenth centuries. New York, University Press, 1978.
  13. a b c d e f g h i j k l m n o p q Satz nach Günther Wasmuth (Hrsg.): Wasmuths Lexikon der Baukunst, Berlin, 1929–1932 (4 Bände)
  14. nach Günther Wasmuth (Hrsg.): Wasmuths Lexikon der Baukunst, Berlin, 1931. Bei Hans Koepf, Günther Binding: Bildwörterbuch der Architektur, 4. Auflage, Stuttgart, Kröner, 2005, wird darunter eine Bogenkonstruktion verstanden, vgl. Bogen (Architektur)#Giebelbogen
  15. Absatz nach Hans Koepf, Günther Binding: Bildwörterbuch der Architektur, 4. Auflage, Stuttgart, Kröner, 2005, Lemma Glockengiebel

Siehe auch

 Commons: Giebel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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Synonyme:

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  • Giebel [2] — Giebel, Fisch, s. Karausche …   Kleines Konversations-Lexikon

  • Giebel [3] — Giebel, Christoph Gottfr. Andreas, Zoolog und Paläontolog, geb. 13. Sept. 1820 in Quedlinburg, gest. 14. Nov. 1881 als Prof. in Halle; schrieb: »Lehrbuch der Zoologie« (1857; 6. Aufl. 1880), »Naturgeschichte des Tierreichs« (5 Bde., 1858 64) etc …   Kleines Konversations-Lexikon


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