Erle [1]


Erle [1]

Erle (Eller, Else, Alnus Tourn., hierzu Tafel »Erle I u. II«), Gattung der Betulazeen, Bäume und Sträucher mit gestielten, länglichen, rundlichen oder herzförmigen, gezahnten oder gesägten Blättern, meist gestielten Laubknospen, monözischen Blüten in Kätzchen und eckigen Früchten. 14 Arten auf der nördlichen Halbkugel. Die gemeine, rote oder schwarze E. (Roterle, Schwarzerle, Urle, Alnus glutinosa L., s. Tafel II und Tafel »Laubbäume im Winter II«, Bd. 2, bei S. 473), ein schlanker Baum von 4–25 m Höhe mit dunkler Rinde, unbehaarten, in der Jugend kleberigen Zweigen, rundlichen, ausgeschweift gezahnten, nur im Winkel der Nervenäste bärtigen, gestielten Blättern, findet sich in ganz Europa bis etwa 65° nördl. Br., in Nordafrika, auch in Sibirien. Sie steigt in den südlichen Alpen bis 1200, selbst 1300 m Meereshöhe, am Harz bis 600 m. Die E. liebt nassen, humusreichen Boden, ist daher eine treue Begleiterin der Bäche und Flüsse und bildet namentlich im nordöstlichen Deutschland (Spreewald, Oderbruch, Lüneburger Heide, Ostpreußen), in den baltischen Provinzen und in Ungarn die Erlenbrücher, in denen die gewöhnlich weitläufig stehenden Bäume aus sumpfigem Boden hervorwachsen. Ihre Kronenabwölbung beginnt mit dem 20.–30. Jahre; später zeigt sie nur langsamen Zuwachs, erreicht aber auf gutem Standort in 80–100 Jahren einen runden, vollholzigen Stamm von 25 m Höhe bei 60–90 cm Durchmesser. Sie besitzt eine lange anhaltende, große Ausschlagsfähigkeit, namentlich am Wurzelstock, während ihr der Wurzelausschlag fast gänzlich abgeht. Das Holz ist weich, leicht spaltbar, fest, ziemlich grob, frisch gehauen gelbrot, nach dem Trocknen hell rostrot, im Wasser sehr, im Trocknen wenig dauerhaft. Die E. leidet nicht selten durch Windbruch und durch den Erlenrüsselkäfer (Cryptorhynchus lapathi), dessen Larve im Holz lebt; von Krankheiten wird der Baum dagegen kaum heimgesucht. Man benutzt Erlenholz zu Wasserbauten, Brunnenröhren, Wasserleitungen, Holzschuhen, zu Tischler- und Drechslerarbeiten, zu Bürsten, Zigarrenkisten, Spielwaren etc., vorzüglich aber als Brennholz; die Erlenmaser steht derjenigen der Birke und der Rüster wenig nach; die Rinde dient in Slawonien und einigen Orten Rußlands zum Gerben, gelegentlich auch zum Färben. Der Same ernährt im Winter samenfressende Vögel. Die graue E. (weiße, weißgraue oder rote E., A. incana L., Tafel II, Fig. 10) hat stets behaarte, nie kleberige Zweige, breit elliptische, doppelt gezahnte, anfangs durchaus, später nur auf dem Mittelnerv und seinen Hauptästen der grau- oder etwas blaugrünen Unterfläche behaarte Blätter und eine glatte, silbergraue Rinde, ist durch fast ganz Europa und Nordasien, auch in Nordamerika verbreitet, geht weiter nach Norden, steigt im Gebirge höher als die vorige. Sie wächst meistens strauchartig, erreicht aber als Baum eine Höhe von 10 m. Sie liebt weniger nassen Boden, gedeiht auch an Berghängen und Gebirgskämmen und treibt zahlreiche Wurzelbrut. Das Holz ist heller als bei der vorigen, etwas seiner und dichter, feinzelliger; frisch gefällt riecht es nach Möhren. Man benutzt es wie das der Roterle. Die Weißerle spielt in der nordischen Mythologie eine große Rolle: aus ihr ging die Frau hervor, aus der Esche der Mann. Varietäten beider Arten, auch solche mit tief gelappten Blättern, sowie einige fremdländische Arten werden als Ziergehölze kultiviert. Die Alpenerle (Berg-, Birkenerle, Drossel, A. viridis D. C.), ein hübscher Strauch von 2–4 m Höhe, in der Kultur bisweilen ein kleiner Baum, hat in der Jugend behaarte Zweige und eirundliche, rautenförmige, unregelmäßig gesägte, auf beiden Flächen gleichfarbige Blätter und steht in eigentümlicher Weise zwischen den Gattungen Birke und E. Im Habitus gleicht sie der letztern, während die Einzelheiten der Blüten mehr zu den Birken hinneigen. Sie wächst in verschiedenen Formen auf den Alpen, Karpathen, auch im Jura, Schwarzwald, Böhmerwald, in Asien und Nordamerika und bildet auf den höchsten Gebirgskämmen gewissermaßen ein Laubholzseitenstück zur Krummholzkiefer. Das Holz ist weiß, zäh, mittelmäßig hart und dient als Brennholz.

Forstwirtschaftliche Bedeutung besitzen für Mitteleuropa die Schwarzerle als der Waldbaum der feuchten Senken und des Bruchbodens im norddeutschen Flachland, die Weißerle überall, wo man schnell bedeutende Massen geringen Brennholzes erziehen will, in den feuchten Schluchten der Bergländer sowohl als auch auf den trocknern Böden des Vorgebirges und Flachlandes. Die beste Bewirtschaftungsart für Erlenbestände ist der Niederwaldbetrieb. Einzelne im Hochwald zerstreut liegende Erlenniederungen werden gewöhnlich in Verbindung mit den sie umgebenden Hochwaldbeständen in der Art bewirtschaftet, daß sie bei Gelegenheit der periodischen Durchforstungen mit abgetrieben werden. Der Hieb in den Erlenniederwaldungen erfolgt meist bei Frost, da die Brücher sonst nicht zugänglich sind. Die Kultur der Schwarzerle erfolgt am besten durch Pflanzung. Man erzieht die Pflanzen in besondern Saatkämpen. Fast jedes Jahr bringt Samen, der jedoch nur ein Jahr lang keimfähig bleibt. Man sammelt ihn Ende November. 1 hl Samen wiegt etwa 30 kg. Der Same wird meist breitwürfig gesät, auf 1 Ar 1,5–1 kg, und schwach mit Erde bedeckt. Die Pflänzchen müssen gegen das überwuchernde Gras geschützt werden. Sie sind einbis zweijährig direkt aus der Saatschule verpflanzbar, doch verschult man auch starke ein- oder zweijährige Erlenpflänzlinge noch einmal im Pflanzkamp. Die Weißerlen-Niederwaldungen werden gewöhnlich in 12–24jährigem Umtrieb bewirtschaftet. Die Alpenerle ist als Vorläuferin weiterer Forstkultur bei der Aufforstung kahler Hochgebirgsstrecken wichtig.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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