Friedrich Ruge


Friedrich Ruge
Friedrich Ruge (m.) als Kommodore 1940 in Frankreich

Friedrich Oskar Ruge (* 24. Dezember 1894 in Leipzig; † 3. Juli 1985 in Tübingen) war ein deutscher Marineoffizier, zuletzt Inspekteur der Bundesmarine, und Militärschriftsteller.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Herkunft und Jugend

Ruge entstammte einer norddeutschen Familie. Sein Urgroßvater der Arzt Christian August Ruge nahm an der Schlacht bei Waterloo teil. Der Großvater Sophus Ruge war Wirtschaftsgeograph. Reinhold Ruge, der Onkel, diente als Sanitätsoffizier in der Kaiserlichen Marine. Friedrichs Vater Walther Ruge war Gymnasiallehrer und heiratete 1894 Martha Friederike von Zahn, die Tochter eines Rechtsanwaltes. Friedrich Ruge wurde 1894 als erstes von drei Kindern geboren. Sein Vater war zu dieser Zeit Oberlehrer am König-Albert-Gymnasium in Leipzig.

Friedrich Ruge besuchte die humanistische Thomasschule zu Leipzig.[1] Der Geschichtslehrer Konrad Sturmhoefel hinterließ bei ihm einen prägenden Eindruck. Im Jahr 1911 wurde der Vater Direktor des Gymnasiums in Bautzen, an dem Friedrich im März 1914 sein Abitur ablegte. Er war seit 1912 Mitglied der Jugendbewegung der Wandervogel.

Kaiserliche Marine und Erster Weltkrieg

Ruge trat am 1. April 1914 als Seekadett (Crew 1914) in die Kaiserliche Marine ein und absolvierte bis zum 10. Mai die Infanterieausbildung an der Marineschule Kiel-Wik. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs am 28. Juli 1914 diente er bis November 1914 auf dem als Schulschiff verwendeten Großen Kreuzer SMS Hertha, der in der Ostsee eingesetzt wurde. Dazwischen diente er im August und September auf dem Linienschiff SMS Lothringen. Es folgten ein Funkerlehrgang an der Marineschule Mürwik und bis Februar 1915 Einsätze auf dem Kleinen Kreuzer SMS Lübeck. Anschließend diente er bis zum 30. November 1915 auf dem Linienschiff SMS Elsass, das an dem Vorstoß in die Rigaer Bucht beteiligt war. Vom 1. Dezember 1915 bis Februar 1916 nahm er an einem Torpedolehrgang der Torpedo-Schulhalbflottille teil und danach bis zum 13. Juni 1916 an einem Fähnrichs-Artillerie-Lehrgang auf dem Artillerieschulschiff SMS Kaiserin Augusta. An Bord des Torpedoboots B 110 der 4. Torpedohalbflottille diente Ruge als Wachoffizier von Oktober 1916 bis zum Kriegsende im November 1918.

Nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes wurde Ruge Kommandant des Torpedoboots B 112 der 4. Torpedohalbflottille und wurde, wie die gesamte Hochseeflotte, im britischen Flottenstützpunkt Scapa Flow interniert. Auf Befehl des Admirals Ludwig von Reuter ließ er auch sein Boot am 21. Juni 1919 von der eigenen Besatzung versenken.

Reichsmarine

Nach britischer Kriegsgefangenschaft kehrte Ruge am 31. Januar 1920 nach Wilhelmshaven zurück und wurde von der Reichsmarine übernommen. Am 28. September 1920 erfolgte seine Beförderung zum Oberleutnant zur See. Er war unter anderem Adjutant beim Sperrversuchskommando Kiel, das das Legen, Suchen und Sprengen von Minen erprobte. In den nächsten Jahren entwickelte er sich zu einem Minenabwehrspezialisten. Von Oktober 1924 bis September 1926 studierte er an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg Schiffbau und absolvierte mehrere Sprachstudien einschließlich der Dolmetscher-Examina in Englisch und Italienisch. Am 1. Oktober 1925 wurde er zum Kapitänleutnant befördert. Vom 2. Oktober 1926 bis September 1928 war er Kommandant des Minensuchboots M 136 der 1. Minensuchflottille und anschließend bis September 1932 Referent im Sperrversuchs- und Lehrkommando in Kiel. Im Oktober 1932 wurde er Chef der 1. Minensuchflottille, die auch Minenleger und U-Boot-Jäger einschloss.

Kriegsmarine und Zweiter Weltkrieg

Am 1. April 1933 wurde Ruge zum Korvettenkapitän befördert, und ab 30. September 1934 gehörte er als 3. Admiralstabsoffizier (A III) zum Stab des Kommandierenden Admirals der Marinestation der Ostsee in Kiel. Am 1. Januar 1937 kam die Beförderung zum Fregattenkapitän, und ab Juni 1937 war er Führer der Minensuchboote.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 wurde Ruge zum Kapitän zur See befördert und zum Führer der Minensuchboote Ost (FdMO) ernannt, dessen Verband auch am Polenfeldzug teilnahm. Von Oktober 1939 bis 16. Februar 1941 war er Führer der Minensuchboote West (FdMW) und nahm während des Unternehmens Weserübung an der Besetzung Dänemarks und Norwegens teil. Am 1. Februar 1940 wurde er zum Kommodore ernannt und am 17. Februar 1941 zum Befehlshaber der Marinesicherungsgruppe West mit Sitz in Paris und parallel dazu ab 12. März 1941 Chef des Sonderstabes Tunesien bei der italienischen Marine, zuständig für Geleitschutzfragen. Am 1. April 1941 erfolgte die Beförderung zum Konteradmiral und am 1. Februar 1943 zum Vizeadmiral.

Am 18. Mai 1943 wurde er Befehlshaber des Deutschen Marinekommandos Italien. Am 13. August 1943 wurde er in die Führerreserve versetzt, ehe er am 10. November 1943 als Admiral z.b.V. der Heeresgruppe B (Generalfeldmarschall Rommel) zugeteilt wurde, mit der Aufgabe der Verbesserung der Sicherung der Nordsee- und Ärmelkanalküste außerhalb des Reichsgebietes. Nach der alliierten Invasion in der Normandie im Juni 1944 war er ab August 1944 zunächst Chef des Konstruktionsamtes beim Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, ehe er am 1. November 1944 Chef des Amtes für Kriegsschiffbau mit Sitz in Flensburg-Mürwik wurde. Diese Position hatte er bis Kriegsende inne. Am 8. Mai 1945 geriet er im Raum Eckernförde in britische Kriegsgefangenschaft.

Nachkriegszeit

Im Kriegsgefangenenlager 2226 (Zedelgem/Belgien) und in Munster-Lager lehrte er deutsche Kriegsgefangene bis 29. November 1946 die englische Sprache und die Geographie und Geschichte des Britischen Weltreiches. Aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, verdiente Ruge vom 1. März 1947 bis 1949 seinen Lebensunterhalt als Lehrer, Bibliothekar und Dolmetscher für Englisch im 2. German Minesweeping Drafting Pool. Von 1949 bis 1952 war er Mitarbeiter im Naval Historical Team in Bremerhaven, das unter US-amerikanischer Aufsicht die Kriegserfahrungen der Kriegsmarine vor allem gegen die Sowjetunion aufarbeitete, und Autor beim Deutschen Marinebund (Zeitschrift Leinen los!). Im Oktober 1950 war er einer der Mitarbeiter an der Himmeroder Denkschrift. 1951 veröffentlichte er sein Buch Entscheidung im Pazifik im Dulk Verlag in Hamburg. Von 1952 bis 1954 war Ruge als parteiloses Mitglied im Stadtrat von Cuxhaven, wo er Vorsitzender des Kulturausschusses wurde. 1954 erschien sein Buch Der Seekrieg 1939–1945 im KF Koehler Verlag in Stuttgart.

Bundeswehr

Am 1. März 1956 ernannte ihn Bundeskanzler Konrad Adenauer zum Leiter der Abteilung VII – Marine im Bundesministerium der Verteidigung. Mit der Umwandlung dieser Abteilung in den Führungsstab der Marine am 1. Juni 1957 wurde Ruge als Vizeadmiral erster Inspekteur der Marine in der Bundeswehr. Er leitete den Aufbau der Bundesmarine.

Ihm unterstanden drei nachgeordnete Höhere Kommandobehörden:

1959 veröffentlichte Ruge mit dem Titel „Rommel und die Invasion“ im KF Koehler Verlag ein weiteres Buch über den Zweiten Weltkrieg.

Weitere Tätigkeit

Friedrich Ruge ging am 30. September 1961 in den Ruhestand und war im Zivilleben in den Jahren von 1961 bis 1971 Präsident des Arbeitskreises für Wehrforschung, 1962 bis 1965 Präsident des Reservistenverbandes der Bundeswehr und 1964 bis 1965 Präsident der Gesellschaft für Wehrkunde. Von 21. Juli 1967 bis zu seinem Tode war er Honorarprofessor der Philosophischen Fakultät Tübingen. Daneben betätigte er sich als Autor von Büchern und veröffentlichte 1967 das Buch „Politik und Strategie“ (Bernard & Graefe Verlag) und 1974 „Küstenvorfeld“ (Bernard & Graefe Verlag).

Auszeichnungen

Kriegsauszeichnungen

Verdienstorden

Werke

  • Entscheidung im Pazifik. Die Ereignisse im Stillen Ozean 1941–1945. Hans Dulk, Hamburg 1951.
  • Der Seekrieg 1939–45. Koehler, Stuttgart 1954 (franz. 1955, amerik./engl. 1957, russ. 1957, ital. 1961).
  • Rommel und die Invasion. Erinnerungen. Koehler, Stuttgart 1959 (ital. 1963, franz. 1964, span. 1964).
  • Politik, Militär, Bündnis. DVA, Stuttgart 1963.
  • Politik und Strategie. Strategisches Denken und politisches Handeln. Herausgegeben vom Arbeitskreis für Wehrforschung. Bernard & Graefe, Frankfurt 1967.
  • Scapa Flow 1919. Das Ende der deutschen Flotte. Buch & Welt, Klagenfurt 1969, ISBN 0-7110-0426-9 (franz. 1969, engl. 1973).
  • The Soviets as Naval Opponents, 1941–1945. Naval Institute Press, Annapolis, Maryland 1979, ISBN 978-0-870216-76-3 (dt. 1981).
  • In vier Marinen. Lebenserinnerungen als Beitrag zur Zeitgeschichte. Bernard & Graefe, München 1979, ISBN 3-7637-5219-6.

Literatur

Weblinks

 Commons: Friedrich Ruge – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Manfred von Ardenne: Als Hitler kam. 50 Jahre nach dem 30. Januar 1933. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 1988, ISBN 3-451-07978-X, S. 175.
  2. a b c d e f g h i Manfred Dörr: Die Ritterkreuzträger der Überwasserstreitkräfte der Kriegsmarine, Band 2: L-Z, Biblio Verlag, Osnabrück 1996, ISBN 3-7648-2498-0, S. 189–191.

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