Mars, Hypolite Boutet

Mars, Hypolite Boutet

Mars, Hypolite Boutet, geb. den 17. December 1778 zu Versailles, die Tochter des berühmten Schauspielers Monvel, wählte frühzeitig die Laufbahn ihres Vaters, und trat schon 1793 in Kinderrollen auf und verrieth bereits damals die ungewöhnlichen Anlagen, die sich später so glänzend entwickelten. In ihrer theatralischen Ausbildung stand ihr besonders Dem. Contat zur Seite, und schon nach Verlauf einiger Jahre konnte sie am théatre français Rollen junger Liebhaberinnen und naiver Mädchen übernehmen, worin sie es bald zu solcher Vollkommenheit brachte, daß man sie frühzeitig zu den ausgezeichnetsten Künstlerinnen zählte. Dabei widmete sie sich keinem besonderen Fache. Als Célimène im »Misanthrope,« als Elmire im »Tartuffe,« wie in den Kokettenrollen von Marivaux's Lustspielen, ließ sie Nichts zu wünschen übrig. Wir wissen nicht, ob ihre Leistungen Erzeugnisse reiner Verstandesabstraktion oder Eingebungen einer glücklichen Naturanlage sind, wohl aber, daß in ihrem Spiele eine so vollkommene künstlerische Gestaltung, eine so bis in die innersten Elemente dringende Einheit herrscht, daß die Theorie selbst nichts Vollendeteres aufzustellen vermag. Was den Ansichten eines gewöhnlichen Schauspielers gerade widerspricht, darin liegt die höchste Kunst der Dem. Mars, und bestätigt die Behauptung, das Künstlerthum eines Darstellers sei um so vollendeter, je weniger er der äußern Mittel bedürfe. Sie spielt nicht nur einzelne Stellen, sondern selbst ganze Scenen, ohne die leiseste Bewegung eines Gliedes oder auch nur des Auges. Die Begeisterung, die Rührung, die sie in so vollem Maaße hervorbringt, wird einzig von der unendlichen Weichheit ihrer Stimme, der sie die mannichfaltigste Biegsamkeit, Schattirung und Intonation zu geben vermag, erregt; Alles scheint in dieser großen Künstlerin geistig, Nichts körperlich zu sein. So vollkommen jedoch ihr Spiel in den verschiedensten Fächern ist, so möchten wir doch ihren Darstellungen der sogenannten grandes coquettes den Vorzug vor ihren Liebhaberinnen geben. Das richtige Auffassen der witzigen Komödie ist der Triumph der Franzosen, und das gleichsam alles verzehrende Feuer des Scharfsinnes, welches Darstellungen der Dem. Mars Leben ertheilt, wird durch keinen Hauch erquickender Sentimentalität gemildert; Alles ist Witz, selbst der Moment, wo sie vom Uebermaaße des Gefühles überwältigt, dem Geliebten das Geständniß ihrer Gegenliebe ablegt. Keineswegs gilt dieses von ihren Koketten. Hier ist jenes, allein vom Verstande vorgeschriebene, von aller Einwirkung des Gefühls gesonderte Spiel ganz an seinem Orte. Bei diesen seltenen Vorzügen scheint es fast unnöthig, noch ihrer außerordentlichen Gewandtheit zu erwähnen. Sie besitzt in Allem, was die Mechanik der Scene betrifft, die höchste Sicherheit, ja eine wahrhaft geniale Freiheit, die durch die Gunst eines Publikums unterstützt wird, welches bei dieser Künstlerin sich rein und ganz dem Genusse hingibt. Noch wird der Zauber ihres Spieles durch die Anmuth ihrer äußern Erscheinung erhöht. Sie hat eine schöne, schlanke Gestalt, angenehme Gesichtszüge, und zeigt in der Wahl ihres Anzuges einen so ausgezeichneten Geschmack, daß sie den Pariserinnen hierin zum Muster dient. Diesem Geschmacke, dieser Kunst, mit der sie ihre Kleidung zu wählen weiß, müssen wir es wenigstens theilweise zuschreiben, daß es ihr, ungeachtet ihrer 58 Jahre noch immer gelingt, naive Mädchenrollen mit dem größten Beifalle zu geben, wenn auch vielleicht nur noch in Paris, in den ungeheueren Räumen des théatre français. So lange sie aber auch die sonst flüchtige Göttin an sich gefesselt hat, so ist unsere Künstlerin doch nicht damit zufrieden, und sie soll sich unlängst geweigert haben, in einem neuen Scribe'schen Stücke die Rolle einer Großmutter zu spielen. Dieß gab den französischen Blättern Anlaß, ihr wahres Alter anzugeben, das oft höher angesetzt wird, als es wirklich ist. Eine gefährliche Nebenbuhlerin der Dem. Mars ist Leontine Fay, jetzt Madame Volnys, die ihr die längst besessene Gunst des Publikums zu schmälern droht. Ungeachtet sie früher als sociétaire und Schauspielerin des théatre français ein Einkommen von 30–40,000 Franken bezog, hat sie doch den Plan aufgeben müssen, die Bühne zu verlassen, weil Spekulationen an der Börse, die sie früher mit Glück trieb, ihr Vermögen jetzt um ein Bedeutendes vermindert haben.

E. v. E.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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