Blattern

Blattern oder Pocken nennt man jene fürchterliche, fieberhafte Ausschlagskrankheit, welche in den Ländern, wo das Eden einst war, entstand, und wie der zürnende Engel des Paradieses das Menschengeschlecht mit würgendem Schwerte nach und nach bis in die fernsten Winkel der Erde verfolgte, Völker und Generationen vernichtete, den Säugling und den Greis, die blühende Jungfrau und die theure Mutter erfaßte, und Jahrhunderte lang alle Familien in Trauer versetzte, und wo sie nicht tödtete, doch das schöne Menschenantlitz auf eine oft gräßliche Weise veränderte. Besonders verderblich ist sie im letztern Sinne dem zarteren Geschlecht, dessen weichere Formen mehr als das kräftig härtere Wesen der Männer denselben unterliegt. Tiefes Dunkel umgibt die Wiege dieser Ausgeburt dämonischer Geister, die in Arabien im Jahre 558, dem Geburtsjahre des Propheten, zuerst sich zeigte. Durch die Kreuzzüge kamen sie nach Europa, in England waren sie 1270 allgemein bekannt, kamen durch heimkehrende Soldaten von Maximilian's Heere aus den Niederlanden 1495 nach Deutschland, durch spanische Flotten 1492 nach Amerika, durch die Holländer 1718 nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung, durch die Dänen 1733 nach Grönland und 1768 nach Kamtschatka. Im Norden verbreiteten sie sich langsamer, denn in Schweden sind die ersten Blattern erst 1578 ausgebrochen. In den Ländern, wo sie einmal einheimisch geworden waren, hörten sie nie ganz auf, erhoben sich aber nach ungleichen Perioden von 5–30 Jahren zu mehr oder weniger mörderischen Epidemien, was sich nach den örtlichen Verhältnissen richtete. – Die Krankheit entsteht durch einen in den Eiterpusteln der erkrankten Personen entwickelten Ansteckungsstoff, welcher zu den fixen, durch Berührung ansteckenden Contagien gehört, und das Uebel nur in solchen Individuen hervorruft, welche noch nicht davon befallen waren. Die Zeit von erfolgter Ansteckung bis zum ersten Ausbruch rother Flecken ist der erste Zeitraum der Krankheit, dauert 5–7, selten 14–21 Tage und zeichnet sich durch allgemeine Beschwerden aus, welche auf eine krankhafte Erregung des Körpers schließen lassen. Der zweite, oder Zeitraum des Angriffs aber hat wirklich fieberhafte Bewegungen, welche sich bis zum dritten Tage, wo rothe Flecken ausbrechen, oft zu einem hohen Grade steigern, wie die Schwüle bei einem nahen Gewitter. Mit dem Ausbruche, dem dritten Zeitraum, mildern sich die fieberhaften Zeichen etwas, und gewöhnlich ist in drei Tagen der ganze Körper überzogen. Der vierte Zeitraum oder die Eiterungsperiode fällt eigentlich mit dem Ende des dritten zusammen, weil an dem obern Theile des Körpers die rothen Flecken zeitiger in Pusteln, die mit heller Lymphe gefüllt sind und in Eiterung übergehen, während sie an den untern Theilen noch in der ersten Bildung begriffen sind. Dieser Zeitraum dauert wieder 3–4 Tage und das Fieber wird wieder sehr heftig, was von der Menge der Pocken und ihrer Verbreitung nach den innern Körpertheilen abhängt. Gewöhnlich am 7. Tage des Ausbruches fängt der fünfte Zeitraum, die Abtrocknung und Abschuppung in der Reihenfolge des Ausbruches, an, so daß die zuerst entstandenen abheilen, während die letzten noch eitern. Während der Eiterung schwellen die Hautgebilde an, der Kopf und das Gesicht besonders werden unförmlich, die Kranken leiden viel und das zu heftige Fieber reibt die Kräfte derselben auf. Aber auch die frühern Perioden werden durch verhinderten Ausbruch oder Zurücktreten des Ausschlages tödtlich, und die letzte wegen der Krankheiten, welche entstehen können und für den geschwächten Körper zu große Einwirkungen sind. In früheren Zeiten war die reizende Behandlung und das zu warme Verhalten, wodurch man das reichliche Hervorkommen der Pocken beabsichtigte, eine Ursache der häufigen Tödtlichkeit des Uebels, das man jetzt glücklicher durch milde beruhigende und kühlende Mittel und ein kühleres Verhalten behandelt. Die Aerzte unterscheiden noch einige Abarten von Pocken, die nichts Anderes als mildere Formen der natürlichen sind, die aber nicht vor diesen schützen. Weil man Pocken nur einmal bekommen kann, suchte man sonst durch Einimpfung der natürlichen Blattern bei günstigen Epidemien die Menschen vor bösartigen zu schützen, und in der Türkei war dies lange schon bekannt, um die Schönheit der Mädchen zu sichern. Lady Montague brachte die Inoculation nach Europa, wo dieselbe nach vielen Kämpfen sehr verbreitet wurde, bis Jenner's große Erfindung uns ein gefahrloseres Vorbauungsmittel an die Hand gab. (Siehe Kuhpocken.)

D.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

Synonyme:

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  • blättern — blättern …   Deutsch Wörterbuch

  • Blättern — Blättern, verb. reg. act. 1) Die Blätter in einem Buche aufsuchen, oder hin und wieder schlagen. Gedankenlos in einem Buche blättern. 2) Der Blätter berauben, blatten. Den Tobak blättern. 3) In Gestalt dünner Blätter von einander theilen. Einen… …   Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart

  • Blattern — Blattern, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, im gemeinen Leben, besonders Oberdeutschlandes, die Blattern haben oder bekommen. Das Kind hat noch nicht geblattert …   Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart

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  • Blattern — Blattern, s. Pocken …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Blattern — Blattern, s. Pocken …   Kleines Konversations-Lexikon

  • Blattern — Blattern, Pocken (Variolae), sind ein mit Fieber verbundener, acuter, meist epidemisch auftretender Hautausschlag. Die Krankheit beginnt mit Fieber, ziehenden Schmerzen in den Gliedern und im Kreuze, und einem eigenthümlichen, schimmlichten… …   Herders Conversations-Lexikon

  • blättern — V. (Mittelstufe) die Seiten umdrehen und dabei flüchtig ansehen Beispiel: Er blätterte in seinen Notizen …   Extremes Deutsch

  • blättern — blạ̈t·tern; blätterte, hat / ist geblättert; [Vi] 1 in etwas (Dat) blättern (hat) die Seiten eines Buches oder einer Zeitung kurz betrachten und schnell zu den nächsten Blättern weitergehen: in einer Illustrierten blättern 2 etwas blättert (von… …   Langenscheidt Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache

  • blättern — schmökern; scrollen; rollen; Bildschirminhalt verschieben * * * blät|tern [ blɛtɐn] <itr.; hat: die Seiten eines Hefts, eines Buchs, einer Zeitung o. Ä. umwenden: er blätterte hastig in den Akten. * * * Blạt|tern 〈Pl. von〉 Blatter1 * * *… …   Universal-Lexikon

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