Deutschland (Frauen)

Deutschland (Frauen). (Frauen) Der innere Charakter der deutschen Frauen ist sich – wir gestehen es mit Stolz! – von den ältesten bis auf die neuesten Zeiten in seiner Wesenheit gleich geblieben. Nur das äußere Leben, ihre öffentliche Bedeutsamkeit, wurde im Laufe der Jahrhunderte und unter dem Wechsel der Cultur modifizirt. Noch beseelt sie die Sanftmuth, die Treue, die Hochherzigkeit, die Demuth, die Züchtigkeit, die Selbstaufopferung, die holde Scham, wie sie zu Tacitus Zeiten in ihnen lebte, wie sie im blumenreichen Mittelalter in's Leben trat. – Fast bei allen uncultivirten Völkern sind die Frauen Sclavinnen der Männer; bei den alten Germanen waren sie es nicht! Ihre Frauen wurden hoch geachtet, man ehrte sie als erhabene, erleuchtete Wesen, sie erzogen mit den Männern gemeinschaftlich ihre Kinder zu Kriegern, wohnten den Rathsversammlungen bei; ihre Unschuld, ihre Ehre stand unter dem besonderen Schutz der Gesetze und jeder Angriff auf dieselbe wurde doppelt und dreifach härter als beim Manne geahndet. Sie begleiteten die Männer in die Schlacht, ermuthigten sie von den Höhen herab durch Zuruf und Gesänge, verbanden und pflegten die Verwundeten; ja sie griffen selbst zu den Waffen und fochten heldenmüthig, wenn es einen Angriff auf ihre Würde und Freiheit galt. Häufig fand man auf dem Schlachtfelde unter den Gefallenen die Leichen wundenbedeckter Frauen. – Trotzig war der feurige Blick ihres großen, blauen Auges dem Feind gegenüber, aber in Liebe und Milde zerschmolz er beim Anblick des Gatten; blendendweiß waren Antlitz und Arme, hochgelb das kunstvoll geflochtene Haar, schlank und majestätisch die Gestalt. – So lernten sie die Römer kennen und bewundern. Ihre Tracht war die anständigste, züchtigste und zugleich zierlichste. Wegen der letztern Eigenschaft wurde sie sogar von den Römerinnen nachgeahmt, die sich zudem noch das dunkle Haar färbten oder mit Goldstaub bestreuten, um die blonde Farbe hervorzubringen. Ihre Kleidung bestand aus einem weißen, leinenen Oberkleid, welches oben eine Spange festhielt; unten wurde es durch einen purpurfarbenen Saum eingefaßt; um die Hüften schmiegte es sich gefällig, doch nicht knapp; die Arme bis an die Schultern blieben bloß. Selten schmückten sie sich mit Ringen und Ketten, und geschah dieß, so war das Geschmeide sicher vom treuen Gatten im Kampfe erbeutet worden. Im Winter wurde ein Pelz, das Rauche nach Außen gekehrt, über dies Oberkleid getragen. Nicht zu frühzeitig und nur ein Mal durften sie heirathen, kein Witwer, keine Witwe vermählte sich zum zweiten Male; hier konnte sich nie das Verlangen nach dem Besitze eines andern, eines zweiten Mannes regen. Der Jüngling, der um die Hand einer Jungfrau warb, mußte sich vorher durch Thaten ihres Besitzes würdig gemacht haben, Narben galten mehr, als süße Worte und Schmeicheleien; die Ehrbarkeit war die höchste Tugend und wie bei dem Manne Tapferkeit, so bei dem Weibe Keuschheit – ihre Religion. Sie erhielten kein Geschmeide, keine Zierathen zum Hochzeitsgeschenke, wohl aber ein gezäumtes Pferd, Lanze und Schild, seltener eine Cither. Sie waren Hausfrauen im strengsten Sinne des Worts, aber sie nahmen auch Theil am Wohl und Weh ihres Stammes oder Volkes. Ihr Herz gehörte dem Gatten, ihre Liebe dem Vaterlande. – Aus jener ältern Zeitperiode strahlen u. a. leuchtend hervor: Thusnelda (s. d.) Hermann's (Arminius) Gemahlin, und Exelieva, Tochter Theodorich's des Großen, die dem geschlagenen und fliehenden König ein Mal entgegentrat, und ihn in die Schlacht zurücktrieb und zum Sieg führte! – Anders gestaltete sich schon das Leben der Frauen im Mittelalter, bedingt durch die allmälige Entstehung und Ausbildung des Ritterthums. Zwar kam es oft vor, daß sie gerüstet auf del Wällen der Burgen und Schlösser heldenmüthig gegen den Feind fochten; aber sie waren, wenn gleich hochgeehrt durch ritterliche Galanterien, doch ausgeschlossen von dem öffentlichen Leben des Vaterlandes, von den Interessen der Gesammtheit, von Volksversammlungen. Während die Männer in den Krieg zogen, weilten die Frauen einsam daheim, beschäftigt mit Spinnen, Sticken, Nähen und andern Gegenständen der Häuslichkeit. Sie erzogen die Töchter zu Gottesfurcht, Frömmigkeit und jeder stillen weiblichen Tugend. Nur die Harfe war die gesellige Trösterin des Stilllebens; auf das Tonspiel und einen Spaziergang auf den Wällen und im Burggarten beschränkte sich die gesellige Erheiterung. Nur bei Tournieren, Banketen und sonstigen außerordentlichen Festlichkeiten erschienen sie öffentlich und hier waren sie die allgemein gefeierten Wunderblumen der Feste, für welche die Ritter ihre Lanzen brachen, deren Farben sie trugen, an deren Besitz sie heilige Gelübde knüpften. In einer Zeit, die noch nicht ganz von den Elementen der Rohheit gereinigt war, glänzten sie als milde Sonnen, denen der wilde kriegerische Sinn der Männer, als den edleren Wesen, gern huldigte. Die ritterliche Galanterie des Mittelalters war eine erhabene, sie hatte fast religiösen Anstrich; – was sich später im 17. u. 18. Jahrhunderte in Frankreich unter diesem Namen ausbildete, ist nicht in Vergleich damit zu ziehen. Der Grundtypus des Frauencharakters in jener Zeit war Häuslichkeit, Zurückgezogenheit, Gottesfurcht, Sanftmuth, Treue: Eigenschaften, die wir bei den alten Deutschen schon gesunden. Man kann sich, auch ohne Schwärmen zu sein, nichts Reizenderes, Lieblicheres denken, als ein Burgfräulein, jener Zeit voll Adel in Gestalt und Mienen, voll Schüchternheitin Blick und Rede, einfach in Schmuck und Tracht, die Wangen geröthet, das blonde Haar gescheitelt, die Spindel in der zarten Hand, der Sinn nur mit Liebe, Demuth, Frömmigkeit und Gehorsam erfüllt. Welche besänftigende Elemente die Frauen damals in das wilde leidenschaftliche Treiben der Männer gossen, ist leicht abzusehen, eben so der Grund der fast überirdischen Verehrung, welche ihnen von diesen gezollt wurde. Es ist hier nicht der Raum, einzelne Beispiele anzuführen; es genüge nur zu erwähnen, daß die Ritter durch den sanften Einfluß der Frauen aus bloßen Kriegern und Jägern auch Dichter wurden. Die Frauen wurden auf diese Art gewisser Maßen die Schöpferinnen und Pflegerinnen der mittelalterlichen Poesie. Viele innige Lieder jener Zeit haben sich erhalten. Wir nennen vor allen Andern jene des Ritters und Minnefängers Ulrich von Lichtenstein, welcher, um der Dame seines Herzens einen Beweis seiner glühenden Liebe zu geben, sich das Glied eines Fingers ablöste. Und dieses Beispiel verliebter Schwärmereien ist keineswegs das einzige und auffallendste! – Dieselben Eigenschaften der Gottesfürchtigkeit, Zucht, Ehrbarkeit und Treue schmückten die deutschen Frauen zur Zeit des reichsstädtischen Lebens, und die Bilder, welche Dichter, wie van der Velde, Fouqué, Trommlitz etc., aus jener Periode uns vorgeführt, entsprechen ganz der Wirklichkeit. – Im 17. und zu Anfang des 18. Jahrhunderts schien der Einfluß Frankreichs dem deutschen Charakter eine andere Richtung geben zu wollen. Von dorther kam Sprache, Mode und Sitte zu uns. Eine Zeit lang fand Alles dieses Eingang; aber die innere Natur ließ sich nicht überwältigen und verdrängen, es waren stets nur einzelne Erscheinungen, welche undeutsch wurden und sich so ihrer Nation entfremdeten. – Die sogenannte Mondscheinperiode, welche mit der Mitte des 18. Jahrhunderts begann, verschaffte sich durch Goethe's Vorbild und seine Nachahmer, z. B. Miller etc., Eingang. Diese Dichtungsart fand beim deutschen Charakter durch das Schmachtende, Schwärmerische Anklang, weil ja eben die Sanftmuth ein Grundelement in der Wesenheit unserer Frauen ist. Blieb ihnen doch damals das Frivole fern, was die französischen Damen zu jener Zeit fast der Würde der Weiblichkeit entkleidete. Der gesunde, reine Sinn unserer Frauen fühlte aber nur zu bald diese Geschmackesverirrung, dieß Uebersättigende einer weichlichen Süßlichkeit; sie folgten dem freiern, gediegenen, idealen Sinne der neuern Dichter und kehrten zur Natur, zur Klarheit der Empfindung, zur Wahrheit der Gefühlsäußerung, welcher sie sich nie ganz entfremdet hatten, zurück. – Ueber alles Lob erhaben aber zeigte sich der Charakter der deutschen Frauen vor und während der drangvollen Zeit des Befreiungskrieges. Die Gluth jener germanischen Heldinnen loderte von Neuem in ihrer Brust; Viele griffen zu den Waffen und kämpften in blutigen Schlachten, Andere wurden Pflegerinnen der Kranken und Sterbenden, inmitten der Verwaiseten; sie ermuthigten durch Wort und Schrift Brüder und Söhne, Männer und Jünglinge zum Kampfe – ihnen war kein Opfer zu groß, kein Wagniß zu schwer, das dem Vaterlande und seinen heiligen Rechten galt. – Die Zeit liegt zu nahe vor uns, um hier Namen zu nennen und so vielleicht der edlen Bescheidenheit – einem der Grundzüge des Charakters unsers Frauen – lästig zu werden. Nur einer erhabenen Todten sei gedacht: es ist dieß die leuchtende Königin Louise von Preußen, die alle Schmerzen, alle Hoffnungen und alle Bestrebungen jener düstern Zeit in ihrer engelreinen Brust vereinigte. – – Diese flüchtige Uebersicht mag genügen, um unsern zu Anfang aufgestellten Satz zu beleuchten. – Die Frauen unserer Tage ihres Werthes, wie ihrer Abstammung sich bewußt, haben gleich ihren Vorgängerinnen wesentlich zur Herausbildung unsers edleren geselligen Lebens beigetragen, Die holde Sittsamkeit, die Grazie, die Huld, die Anmuth sind in ihrem Geleite. Inmitten zwischen der freiern Oeffentlichkeit der Französinnen und der kalten Abgeschlossenheit der Engländerinnen, vereinigen sie in sich die Elemente, welche den Schmuck des öffentlichen Lebens, den Reiz der Geselligkeit, das Glück des Familienwirkens bilden und begründen. Noch ist die deutsche Treue kein Mährchen, noch lebt die holde Innigkeit, noch gilt der gute Ruf, die Ehrbarkeit mehr, als der Verein der glänzendsten Talente, noch bezaubert Anmuth und Sittsamkeit mehr als Prunk und Koketterie, noch wird die liebende Gattin, zärtliche Mutter, sorgsame Hausfrau hoch geehrt – noch schmücken sie alle Reize der Seele und des Leibes, wie damals, als sie auf den Höhen der Berge wohnten. Noch ist ihre Liebe Religion und nicht bloße Leidenschaft wie bei den Italienerinnen, oder Launenspiel und Beschäftigung, wie bei den Französinnen; es wohnt ihnen derselbe Adel der Gesinnung ein, wie vormals; noch strömt das unversiegbare Füllhorn ihrer Mildthätigkeit auf Unglück und Armuth herab, sie wissen noch immer Wunden zu heilen, Thränen zu trocknen, voll Ergebung zu dulden, bescheiden zu wünschen, im Besitze glücklich zu sein, edel in der Freundschaft, treu in der Liebe. – Die Engländerin Mißtreß Trollope hat in ihrem Werke: »Belgien und Westdeutschland« dem Charakter der deutschen Frauen einen schimmernden Ehrenkranz gewunden, und das Zeugniß einer Ausländerin, die die Frauen Frankreichs, Englands und Amerika's kennen gelernt hat, ist eben so vorurtheilsfrei und unzweideutig, als ruhmbringend vor der ganzen civilisirten Welt. Wir schließen den kurzen Umriß, den die innigsten Gefühle der Hochachtung dictirt, mit den Worten unsers Dichters, die vor allen andern das Wesen der de deutschen Frauen charakterisiren, wo er spricht:

Ehret die Frauen Ѿ sie flechten und weben

Himmlische Rosen in's irdische Leben,

Flechten der Liebe beglückendes Band!

Und in der Grazie züchtigem Schleier

Nähren sie wachsam das ewige Feuer

Schöner Gefühle mit heiliger Hand!

–n.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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