Türkei (Frauen)

Türkei (Frauen). Nur selten geben uns Reisende eine richtige Schilderung der muselmännischen Sitten; auch die Verhältnisse der Türkinnen unterliegen vielfachen Mißdeutungen und falschen Ansichten. Jedenfalls kann man jetzt annehmen, daß das Loos derselben bei weitem besser ist, als man gemeinhin glaubt, sowie daß die Polygamie keineswegs so schreckliche Folgen habe. Zwar sind in neuerer Zeit wieder sehr strenge Verbote gegen das Erscheinen der Frauen auf der Straße, in den Verkaufläden etc. erlassen worden; nur arme Frauen, und auch diese verschleiert, erblickt man auf der Straße, und die türk. Mädchen haben mit ungemeiner Aengstlichkeit die strengste Beobachtung des Anstandes nebst der äußersten Zurückhaltung sich zur Regel zu machen: – allein in der Nähe werden schon viele dieser zwangathmenden Gesetze zu bloßen Blumengehägen der Gewohnheit und erträglichen Beschränkungen. Der Ehemann, der gewöhnlich für einen absoluten Tyrannen seines Hauses gilt, kann nie seinen eigenen Harem betreten, wenn zufällig eine fremde Frau bei der seinigen auf Besuch ist; er muß warten, bis sie sich verschleiert hat und man gehörig vorbereitet ist ihn zu empfangen. Die vielen Besuche ihrer nähern Verwandten gewähren den Frauen auch mannichfache Unterhaltung. Da sie ängstlich darauf bedacht sind, keinen Besuch schuldig zu bleiben, so wird der größte Theil des Jahres bloß mit diesen gegenseitigen Besuchen der nähern Bekannten zugebracht. Das Hauptglück der Frauen in den mittleren Ständen besteht in der Aufsicht über ihre Haushaltung, der Erziehung ihrer Kinder und in weiblichen Arbeiten. Alltäglich bringen sie einige Stunden mit Spinnen, Nähen und Sticken zu. Alle stillen, wenn es nur irgend geht, ihre Kinder selbst. Müssen sie aber eine Amme annehmen, so wird diese auf das Freundlichste und Sorglichste behandelt und fortan für immer als Familienglied betrachtet. Die Kinderwiegen sind zierlich von Hasel- oder Wallnußholz gefertigt und mit Perlmutter ausgelegt. Alle Kinder erhalten ihre Erziehung zu Hause. Für die Mädchen nimmt man keine besondern Lehrer an. Einige der letztern lernen zwar lesen und schreiben, doch sind der Katechismus und einige Vorschriften der Moral gewöhnlich der einzige Gegenstand des Unterrichts. Gleichwohl zeichnen sie sich durch die Richtigkeit ihres Urtheils, durch Scharfsinn und eine seine Beobachtungsgabe aus. Ihre Haltung und ihr Benehmen ist edel; ihre Conversation voll Reiz. Im zwölften oder vierzehnten Jahre heirathen sie; verwitwen sie früh, so treffen sie meist sehr schnell darauf eine zweite Wahl, da prüde Witwen ebenso wenig wie alte Jungfrauen in der Türkei angesehen sind. Die Vielweiberei ist überdieß keineswegs so verbreitet, als man anzunehmen geneigt ist. Nicht gar zu oft trifft man vier Frauen, – die Zahl, welche das Gesetz erlaubt, – in einem Hause. Auch steht es einer türk. Dame frei, im Heirathscontracte sich das Alleinrecht als Gattin zu stipuliren. Diese Frauen wohnen keineswegs immer bei einander, oft besorgt der Gatte für jede derselben besondere Zimmer und Sclaven. Die Sclavinnen, die der Türke außerdem hält, sind nie bloße Maitressen; sie sind ausdrücklich durch das Gesetz gestattet und ihre Kinder so legitim als die ehelichen. Eine Frau von zweideutiger Aufführung wird sammt ihrem Mann und ihrer Familie allgemein verachtet. Bemerkenswerth ist noch, daß in der Türkei die Arzneikunde meist von Frauen ausgeübt wird, welche wenig Wissenschaft, aber eine desto größere Erfahrung besitzen. Im ganzen Reiche gibtb es keine Accoucheurs; bloß Frauen, Eben Cadinn genannt, liegt dieser Dienst ob. Zu dem würde die Gegenwart eines Mannes bei einer Entbindung eine Familie für immer schänden. – Die Kleidung der Türkinnen besteht in einem atlasnen oder tastnen, nach Verhältniß der Jahreszeit auch mit Pelz besetzten Oberkleide, welches ein weiter, langer Mantel mit weiten, bis zum Ellbogen gehenden Aermeln ist. Unter diesem Kleide tragen sie ein anderes, auf der Brust offenes, und an beiden Seiten mit Knöpfen versehenes Kleid von dünnerem Seiden - oder auch Gold- oder Silberstoff mit bis zur Hand gehenden Aermeln. Ueber den Hüften schlingt sich um den Unterleib ziemlich lose ein Gürtel von gesticktem Sammet, Atlas oder Leder, oder auch nur ein Caschmirshawl. Weite seidene Pantalons umhüllen die Beine bis an die Knöchel. Außerdem liebt es die vornehme Türkin, sich mit Perlen und Edelsteinen, namentlich mit rosenförmig geschliffenen Diamanten, sowie mit reichen Arm- und Halsbändern zu schmücken. Minder Wohlhabende tragen wenigstens Goldmünzen am Halse. Außerdem färben meist alle den Rand der Augenlider mit Surmah, einem seinen schwarzen Pulver, welches mit einem Bürstchen aufgetragen wird. Auch die Nägel werden mit Alhanna braun, roth oder dunkelgelb gefärbt. Vergleiche außerdem den Artikel Harem.

B.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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