Schweden

Schweden. Ist Norwegen der granitne Halm der Jungfrau Europa, so ist Schweden das eherne, ernste Antlitz derselben. Ein kaltes Braun, nur wenig unterbrochen durch die dunkeln Föhrenwälder, herrscht auf seiner Stirn, den lappländischen Marken. In Braun und Gelb spielen die Farben der ungeheueren Granitfelsen und das Moos ist braun, wie das tiefe, stille Wasser in den Landseen, die sich zwischen braunen Klippen ausstrecken, – und braun auch sind die Ströme, die schäumend von den Höhen herabstürzen. An den Abhängen des Kjölen- oder Sevegebirges, – die Grenzscheide zwischen den beiden Reichen: S. und Norwegen (s. d.), welche mit Dänemark zusammen unter dem Namen »Scandinavien« begriffen werden, – steigen graue Regenwolken über unabsehbare Moore und braune Haiden dahin. Nur im Winter verschwindet diese melancholische Farbe vor dem Weißgrau der todten, stillen Schneeflächen. Das Kjölen-Gebirge ist gleichsam das hohe Nückgrath der beiden Nordlande, dessen letzter Wirbelknochen das Nordkap (Nordhorn) bildet. Von dort aus ragen drei Gebirgsrippen in das Land hinein: die langen Fjällen (Langfjeld und Doverfield), die sich bis zum Kap Lindenäs nach der Nordsee hin erstrecken; eine zweite mächtige Rippe scheidet das Stromgebiet des Glommen in Norwegen von der Gotaelf (– Elf heißt s. v. a. Fluß) mit ihren prächtigen Cataracten, – und verflacht sich nach dem Kattegat zu. Ein dritter Höhenzug streicht in S. zwischen dem Wener- und Wettersee hin, und alle sind von tiefen Stromthälern und weiten malerischen Seen durchschnitten, voll einsamer Urwälder, grundloser Moore und öder Haiden. Eine Reihe von Landseen durchschneidet S's unteren Theil von der Nord- bis zur Ostsee, namentlich der große Wenersee, der durch die Gotaelf mit dem Wettersee verbunden ist. Der letztere Strom nimmt an 40 Flüsse auf und ergießt sich durch den Hielmersee in den langen, oft 5–6 M. breiten Mälarsee, welcher unter Stockholm, S's Hauptstadt, in die Ostsee mündet. Durch den meisterhaften 50 M. langen Trollhättacanal wird diese mit dem Kattegat in Verbindung gebracht, und die Kunst schuf hier überhaupt die kühnsten Bauwerke und mächtige in die Granitfelsen eingesprengte Schleußen, um alle die Ströme, die West- und Ostda-, Klara-, Motala-, Angermanelf etc, mit einander zu verbinden, die von den nordwestlichen Höhen des Kjölengebirges entspringend, sich auf ihrem Laufe zu länglichen Seen stauen, die, wilde Wasserfälle bildend, wiederum in ein tiefer liegendes Seebecken ihren Abfluß nehmen und sich so von Stufe zu Stufe in das Meer ergießen. Alle diese Binnenseen gewähren einen malerischen Anblick, denn man rudert auf ihnen unablässig durch kleine Eilande mit scharfabgeschnittenen Felswänden und dunkelgrünem Buschwerke hindurch. Ganz eigenthümlich und das Staunen des Südländers erregend ist der Anblick von Norrland, nach der Lappenmark S's nördlichste Provinz: endlose Fichtenwälder, graue Streifen abgestorbener Bäume, die wie Todtenmale aus dem dunkeln Grün der zu schwindlicher Höhe aufsteigenden Berggelände hervorlugen; schimmernde Seen zwischen wilden Klippen und zerrissenen Tannengehegen; dazu ungeheuere vom Waldbrand zerstörte Strecken, die Schlachtfeldern gleichen, wo die dunkeln verkohlten Stämme wie Gigantenspeere emporstarren! So liegt S's poetischer Reiz vornehmlich in der unbeschreiblichen Stille und Einsamkeit seiner erhabenen Natur, zumal wenn hoch über dem Gebirge der Mond schwimmt oder S's mitternächtliche Sonne, das Nordlicht, scheint. – Das Königreich ist 8124 Quadrat M. groß und grenzt im Osten an Rußland, den bothnischen Meerbusen und die Ostsee, im Süden ebenfalls an die Ostsee, im Westen an den Sund, das Kattegat und Norwegen, und im N. gleichfalls an Norwegen. Eine Eigenthümlichkeit an den Ostküsten sind hier die zahlreichen Uferklippen, Scheeren genannt, die sich als Ausläufer der Gebirge oft Meilen weit unter dem Meere fortsetzen. Von ihnen hat auch eine Abtheilung der schwedischen Flotte, welche aus flachen, nicht tief im Wasser gehenden Kanonierböten und Jöllen besteht, den Namen »Scheerenflotte« erhalten. Außer dem schon erwähnten Norrland und der Lappenmark sind noch die zwei Hauptlandschaften: Göthaland und Swealand oder das eigentliche Schweden zu erwähnen. Der Hauptreichthum des Landes besteht in Holz und Metall, vorzüglich in Eisen und Kupfer: das Getreide reicht, trotz dem, daß das Land nur 2,950,000 Ew. hat, nicht zum Bedarf. Die Gewässer sind reich an Fischen und allerhand Wasser- und Sumpfvögeln, die Wälder an Wild. Der Handel im Innern hebt sich von Jahr zu Jahr, und der auswärtige wird sehr lebhaft von Stockholm und Gothenburg aus betrieben. – Die hochgebildeten Schweden der höhern Stände, besonders in der Hauptstadt, und die eleganten Frauen mit ihrem anmuthig leichten Conversationston, haben den Schweden die Bezeichnung der »Franzosen des Nordens« gewonnen. Der Volkscharakter erscheint dagegen weit ernster und gediegener ausgeprägt, namentlich bei den berühmten Landbewohnern der Provinz Dalekarlien, bei denen sich auch noch zum Theil die uralte, weiße Nationaltracht erhalten hat: der kuttenartige Oberrock von weißem, schwerem Wollenzeug und dergleichen Kniehosen mit Schuhen und Strümpfen. Häufig sieht man hohe Tannengestalten mit blauen Augen und blonden Haaren. Die Frauen S's vereinigen in den höhern Ständen französische Grazie und Leichtigkeit im Umgangston, mit nordischer Würde und Gemüthlichkeit. Sie sind meist sehr achtbar im häuslichen Leben, und allgemein gelten die Mädchen für sehr sittsam, obgleich nächtliche, einsame Zusammenkünfte der jungen Leute, ähnlich dem »Kilchgehen« der Schweizer, zu gewissen Tagen in der Woche, gewöhnlich in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag, gestattet sind. Die Furcht vor öffentlicher Schande, welche sogleich dem Fehltritte folgt, und die Ruhe des schw. Nationalcharakters sind die Aegiden ihrer Tugend. Die Hochzeiten werden mit großer Umständlichkeit gefeiert. Eben so kostbar als eigenthümlich ist die Tracht des weiblichen Geschlechtes in einigen Districten von Helsingland. Seit Jahrhunderten tragen hier die Frauen eine Art Ueberrock von schwarzem, seinem Tuche, vorn weggeschnitten, über Brust und Leib mit Häkchen zugemacht; das Haupt deckt eine schwarze Sammtmütze, bei den Mädchen mit schwarzen, bei den Frauen mit weißen Spitzen, und unten mit einem rothen Bande; am Halse tragen sie ein zierliches Geschmeide und ein seidenes Halstuch; die blauen Handschuhe ohne Finger sind mit artigen Stickereien verziert; die Bräute tragen rothtuchene Handschuhe, inwendig mit Ziegenfell gefüttert. Das gesellige Leben ist durch ganz S. unter dem weiblichen Geschlechte sehr zwanglos; Mädchen und junge Frauen nennen einander gleich nach der ersten Bekanntschaft du; von den ältern Frauen werden die Mädchen ebenso genannt, wenn gleich diese es nicht erwidern dürfen. Man tanzt gern, viel und gut. Die Gastfreiheit der Schweden übersteigt allen Glauben. – Außer den eigentlichen Schweden als der Hauptbevölkerung bewohnen das Land noch die Finnen (s. Finnland) und die Lappen (s. d.), welche S's Urbewohner waren, allem von den Gothen und Sueven nach dem Norden zurückgedrängt wurden. Diese letzteren hatten einen religiösen Vereinigungspunkt in der alten Götterstadt Upsala, und standen unter eigenen »Upsalakönigen.« König Oluf (1005) aus diesem Regentenstamme nahm das Christenthum an, wodurch langwierige Parteikämpfe entstanden, die erst durch die Thronbesteigung der Folkunger (1250) einigermaßen beigelegt wurden, unter deren Herrschaft auch Finnland und Carelien an S. kam. Die calmarische Union (17. Jun. 1397) vereinigte alle drei scandinavische Reiche unter dem Scepter der nordischen Semiramis, die Königin Margarethe von Dänemark (s. d.), veranlaßte aber dadurch die Entstehung eines blutigen Nationalhasses zwischen Schweden und Dänen. Daher führte Christian's II. von Dänemark Grausamkeit plötzlich das langvorbereitete Losreißen S's von der Union herbei, und Gustav Wasa bestieg (1523) den schw. Thron. Dieser weise Fürst hob des Landes Wohlstand durch treffliche Gesetze, führte die Reformation ein und sicherte seinen Nachkommen das Erbrecht der Krone, unter denen sein großer Urenkel Gustav Adolph (s. d.), als heldenmüthiger Vertheidiger der Glaubensfreiheit sich die Krone der Unsterblichkeit erwarb, obwohl nur zu früh, schon 1632, im Kampfe bei Lützen fiel. Im westphälischen Frieden erhielt S. die deutschen Herzogthümer Bremen, Verden, Vorpommern, einen Theil von Hinterpommern und Wismar; Gustav's männliche Tochter und Nachfolgerin Christine (s. d.) ging siegreich aus dem großen in Deutschland geführten Kampfe hervor und entsagte noch zeitig genug zu S's Glück 1654 der Krone; Karl X. (1654–60) und Karl XI. (– 1697) waren beide tüchtige Regenten und Männer im wahren Sinne des Wortes, und so nahm S. eine lange Reihe von Jahren hindurch eine hohe Stelle unter den europ. Staaten ein, bis es unter dem abenteuerlichen Karl XII. durch die unglückliche Schlacht bei Pultawa, und den ganz zur Unzeit erfolgten Tod des Königs (1718), wieder von dem Gipfel seiner Macht herabsank, zumal da Karl's Schwester Ulrike Eleonore (1719) eine neue, das königl. Ansehen außerordentlich schmälernde Verfassung anerkannte, wodurch das Land auch ein trauriges Opfer innerer Parteikämpfe wurde. Zwar wagte es der muthige Gustav III. (1772) das königl. Ansehen wieder herzustellen, allein er fiel selbst durch Mörderhand 1792, und sein Nachfolger Gustav IV. that so unglückliche Mißgriffe, daß ihm selbst 1809 die Krone, das kornreiche Finnland aber dem Reiche verloren ging, welches erst unter dem jetzigen Könige Karl XIV., dem einstigen Marschall Bernadotte, wiederum die Segnungen einer weisen und festen Regierung genießt. So finden wir drei Frauen im Verlaufe der Geschichte auf S's Thron, die alle von großem Einfluß auf die Gestaltung der innern Verhältnisse waren, und auch eine vierte war es, die Königin Ulrike, Friedrich des Großen geistreiche Schwester, welche durch die Stiftung einer schwedischen Akademie der schönen Wissenschaften (1753) und durch die Unterstützung, die sie dem anmuthigen Schriftsteller Olof von Dalin angedeihen ließ, die fast ganz verschwundene Literatur der schwedischen Sprache auf's Neue belebte. In Dalin's Fußtapfen traten der Epiker Gyllenborg, der phantasiereiche Lyriker Bellmann und die liederreiche Dichterin Nordenflycht (s. d.). Der gefeierteste Dichter der neuesten Zeit ist Esaias Tegnér (s. d.), der Verfasser der »Frithiofs Saga

B....i.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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